Aelita

   Als sei nichts geschehen, fuhr sie weiter. Nach einigen Minuten lenkte sie den Wagen an den Straßenrand, stellte den Motor ab und öffnete ihren Sicherheitsgurt.
   Er flüsterte, für laute Worte hatte er nicht die Kraft: „Warum hältst du jetzt an?“
   Wie sie es vor einer Ewigkeit getan hatte, wie ihm schien, strich sie ihm wieder mit einem leichten Druck über die Stirn. „Weil ich es JETZT will!“
   Eine Straßenlaterne leuchtete ins Innere des Wagens und in ihrem Licht fiel ihm wieder auf, wie groß die braunen Augen waren in ihrem Mädchengesicht. Was verbarg sie wirklich dahinter?
   Sie stieg aus, ging um den Wagen herum, öffnete die Tür an seiner Seite und zog ihm die vier Akupunkturnadeln aus den Beinen. Dann fuhr sie seine Rückenlehne in die Senkrechte, öffnete seinen Sicherheitsgurt und kraftlos, wie er war, ließ er es geschehen. Selbst, wenn er etwas hätte tun können, hätte er nicht gewusst, was.
Sie setzte sich auf den Bordstein neben dem Wagen, stützte die Ellenbogen auf die Knie und vergrub den Kopf in den Händen. So blieb sie minutenlang sitzen. Schließlich hob sie ihn wieder, ordnete mit einem Handgriff ihre Haare und sagte: „Bitte setz dich zu mir.“
   Er war sich nicht sicher, ob er die Kraft dazu hatte, doch es ging. Er stieg aus und ließ sich neben ihr auf dem Bordstein nieder, darauf bedacht, sie nicht zu berühren. Der Boden unter ihm war noch warm wie der Felsen am Strand, auf dem er gesessen hatte. Mit der Erinnerung daran kam auch die Halluzination wieder und er schüttelte sich.
   Aelita lehnte den Kopf an seine Schulter und sagte: „Du glaubst nicht an Hexen und du hast Recht damit. Es hat nur zu allen Zeiten Menschen gegeben, die mehr wussten. Das, was sie taten, konnte niemand erklären und so mystifizierte man sie und nannte sie Hexen und Zauberer. Selbst heute, nach zweitausend Jahren, weiß niemand genau, wie die Akupunkturnadeln, die ich dir gestochen habe, wirken. Man weiß nur, dass sie die Selbstheilungskräfte des Körpers aktivieren, aber niemand hält es mehr für Zauberei.“
   Sie verstummte einen Moment, schaute zum sternenklaren Himmel auf, dann auf die Uhr an ihrem schmalen Handgelenk und fuhr fort: “Du hast mir sehr weh getan vor ein paar Stunden und nichts in dieser Welt geschieht, ohne dass es Konsequenzen hat. Der Schmerz, den ich dir eben zugefügt habe, war die Rache des kleinen Mädchens in mir.“
   „Aber … „
   Sie legte einen duftenden Finger auf seine Lippen. „Psst! Schau jetzt zum Firmament!“
   Er blickte nach oben, gerade rechtzeitig genug, um zu sehen, wie eine wahre Feuerkaskade über den Himmel zog. Eben musste ein ganzer Meteoritenschwarm in der Atmosphäre verglüht sein.
   „Und jetzt küss mich, du Dummkopf!“
   Heiß presste sie ihre Lippen auf seine, ihre Zunge suchte nach einer Spielgefährtin, fand sie und ihre Berührung war glühende Lava, die ihn verbrannte.