Aelita

   Nach einer Ewigkeit, die ihm viel zu kurz erschien, löste sie sich wieder von ihm und sagte: „Fast auf die Minute genau vor einundvierzig Jahren bin ich hier in einem Fischerhaus geboren worden. Den ersten Schrei meines Lebens stieß ich aus, als ein solcher Tränenschwall des Laurentius, wie du ihn eben gesehen hast, den Himmel in Feuer tauchte. Meine Urgroßmutter war eine Heilerin und wusste so viel, dass die abergläubischen Menschen hier sie „weiße Hexe“ nannten. Ich habe ein bisschen davon geerbt. Verglichen mit ihrem Wissen bin ich noch eine Anfängerin. Mit dieser Erklärung wirst du dich zufriedengeben müssen.“
   Sie lachte leise und es klang wie das Klingeln eines Silberglöckchens im Dunkeln. „Auch wenn es dir nicht gefällt. Wir Frauen haben gern unsere kleinen Geheimnisse. Und jetzt komm!“
   Sie stand auf und ging Hand in Hand mit ihm zum Wagen.
   Sie waren bereits wieder einige Minuten unterwegs, da fiel ihm auf, dass sie nicht auf der Straße nach Schwerin fuhren. Er war so sehr mit Nachdenken über diese unglaubliche Frau beschäftigt gewesen, dass er es nicht bemerkt hatte.
   Er fragte: „Wohin fahren wir?“
   „Zu meiner Urgroßmutter.“
   „Warum?“
   „Es wird Zeit, dass sie meinen Mann kennenlernt.“
   Meinen Mann. Aelita hatte diesen Satz gesagt, wie sie immer mit ihm sprach – ruhig, ohne besondere Betonung, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. So saß sie auch hinter dem Lenkrad – entspannt, die kleinen Hände nur locker um das Leder gelegt, als würde das Auto von alleine den Weg finden. Vielleicht tat es das auch, er war mittlerweile bereit, fast alles zu glauben. Nur zu einem war er nicht bereit – sich einfach so aufzugeben.
   Er sagte: „Das hatte ich nicht gefragt.“
   Sie schaute kurz herüber, seufzte und sah dann wieder nach vorn auf die dunkle Straße. „Es wird noch ein hartes Stück Arbeit mit dir, bis du, statt zu fragen, fühlen kannst. Du bist ein Stiesel, der alles unter Kontrolle haben will, aber kein Egoist. Du könntest dich nicht mit geschlossenen Augen in meine Arme fallen lassen, dazu hast du noch zu wenig Vertrauen. Aber du zerreißt dich für deine Leute und du hast alles für mich riskiert, obwohl ich das gar nicht gebraucht hätte. Du hast ein Herz, nur das Leben hat bei seiner Erziehung ein wenig gepfuscht und ich biege das wieder hin. Doch die Wahrheit ist …“
   Sie unterbrach sich und er hakte nach: „Was?“
   So leise, dass er es zwischen den Fahrgeräuschen fast nicht gehört hätte, sagte sie: „Die Wahrheit ist, dass ich dich liebe. Und das braucht keine Erklärungen.“