Aelita

   Die letzten Stunden hatten sein Selbstbild auf den Kopf gestellt und wo vorher alles einen festen Platz gehabt hatte, herrschte nur noch Chaos. Der Wagen rumpelte über einen Feldweg und er stieß sich den jetzt zwar schmerzfreien, aber noch immer verkrampften Arm an der Lehne. „Was ist mit meinem Arm?“
   „Großmama wird das schon richten. Mach dir keine Sorgen.“
   „Darum mache ich mir keine Sorgen.“
   Er dachte jedoch: „Ich mache mir aber Sorgen um dich. Um uns. Wer bist du wirklich? Was willst du von mir?“
   Der Wagen stoppte und die Scheinwerfer beleuchteten eine uralte Fischerkate mit reetgedecktem Dach, auf dem Moos wuchs und die sich schief und krumm zwischen den Dünen zu verstecken schien. Ein einziges, flackerndes Licht brannte in einem winzigen Fenster.
   Aelita stand schon an der Pforte eines kleinen Holzzauns, ehe er auch nur die Autotür öffnen konnte. Plötzlich fing sein Herz an zu klopfen, als hätte er gerade einen Hundertmetersprint hinter sich. Von dem Haus ging eine Präsenz aus, die ihm den Atem nahm. Aelita öffnete die Pforte und rief: „Komm endlich. Großmama wartet nicht gerne.“
   Langsam ging er die wenigen Schritte bis zum Gartentor. Vor der Pforte blieb er stehen. Etwas in ihm wollte nicht, dass er weiterging. Aelita hatte auf ihn gewartet, sie reichte ihm die Hand und sagte, als wüsste sie genau, was er fühlte: „Bitte komm. Es ist wichtig. Für uns.“
   Er griff nach ihrer Hand, ließ sich von ihr hinter den Zaun ziehen und im gleichen Moment fuhr wieder ein brennender Schmerz seinen Arm hinauf. Diesmal jedoch löste er den Krampf darin, seine Hand öffnete sich endlich, etwas rollte heraus und fiel ihm vor die Füße.
   Er wollte nach unten schauen, doch da wurde knarrend die Tür der Kate geöffnet, ein dunkler Schatten erschien darin und eine Stimme, deren Besitzerin uralt sein musste, sagte: „Ihr seid zu spät. Das Essen ist schon fast kalt!“
   Er hatte diese Stimme schon einmal gehört heute.
„Es hat ein bisschen länger gedauert, als ich dachte, Großmama“, erwiderte Aelita und drückte dabei seine Hand, als wollte sie ihm Mut machen.
   Er schaute erst sie an, dann die runzlige Alte. Schließlich senkte er seinen Blick nach unten und Entsetzen kroch ihm wie ein kalter, glitschiger Fisch den Rücken hinauf. Keines Gedanken fähig, starrte er auf den hühnereigroßen Bernstein vor seinen Füßen und wie durch Watte hörte er die Worte von Aelitas Großmutter: „Ihr müsst nicht an uns glauben, junger Herr. Wir glauben an Euch, und meine Enkeltochter liebt Euch. Das ist mehr Glück, als Ihr in einem ganzen Leben aufbrauchen könnt. Das war Euer Wunsch und ich habe ihn erfüllt. Nun erfüllt mir meinen und seid mein Gast.“
   Ungläubig starrte er ihr in das runzlige Gesicht mit den vielen kleinen und großen Altersflecken, dann wurden seine Knie weich und er ging zu Boden, wieder einmal.
   Die Alte keckerte: „Dein Bräutigam scheint mir ein wenig schwächlich, Kind.“
   Aelita lachte: „Du hast ihn erschreckt mit deiner Zauberei am Strand, Großmama. Gib ihm ein bisschen Zeit, sich an uns zu gewöhnen.“
   Sie kniete sich neben ihn, strich ihm das Haar aus der Stirn und flüsterte zärtlich: „Pass in Zukunft ein bisschen auf, was du dir wünschst, mein Liebster. Du könntest es bekommen …“