Aelita

   Niemals in den vergangenen sechs Monaten ihres Zusammenlebens war Aelita laut geworden, stets hatte sie ruhig und besonnen mit ihm geredet und sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. So war sie zum Hafen im Auge seines Lebenssturms geworden, in dem er immer wieder hatte einlaufen können. Doch jetzt tobte ein Orkan, der alles niederreißen konnte, wofür er gearbeitete hatte, und er brauchte mehr als eine sichere Zuflucht. Und vor allem brauchte er nicht ihren ewigen Sanftmut, an dem alles, was er ihr entgegenwarf, abprallte wie die Zeit von ihrer Samthaut.
   Er sprang auf, stützte die Hände auf die Tischplatte und brüllte: „Ich fluche, wenn mir danach ist. Für wen schufte ich denn bis zum Umfallen? Doch nicht für mich, sondern für uns, für unser Glück! Aber das kapierst du blöde Kuh einfach nicht!“
   Der Stuhl hinter ihm polterte zu Boden. Ohne es zu beachten, ging er mit schweren Schritten zur Tür.
   Sie sagte in seinem Rücken: „Für Glück brauchen wir kein Geld. Glück ist das Billigste auf der Welt, was es gibt. Es will nur gefunden werden und nirgendwo anders als in dir selbst. Nicht einmal mich hättest du dazu gebraucht.“
   Mit den gleichen Worten hatte ihre erste Nacht geendet und damals hätte er ihr fast geglaubt. Damals. Er drehte sich noch einmal um. „Das ist nur ein Spruch und er ist genauso eine Mogelpackung wie der in dem Glückskeks bei unserem ersten Essen. Glück muss man sich erarbeiten. Hart erarbeiten.“
   Sie rührte sich nicht und auch ihr schmales Gesicht war ruhig und beherrscht, wie er es nie anders bei ihr erlebt hatte. Außer in ihren Nächten, wenn es vor wilder Leidenschaft glühte und ein überirdisches Feuer in ihr zu brennen schien.
   Sie schaute ihm viel zu lange in die Augen, und wie immer, wenn sie das tat, hasste er sie dafür. Es gab etwas in ihrem Blick, dem er nichts entgegenzusetzen hatte, ja, das sogar verhinderte, dass er die Augen senkte.
   Als er schon glaubte, sie würde gar nicht mehr antworten, sagte sie mit einem seltsamen Singsang in der Stimme, die Augen groß und weit geöffnet: „Zuerst wirst du denken, du hättest Halluzinationen.“
   „Wie bitte?“
   „In wenigen Stunden wirst du Dinge sehen, riechen, schmecken und Geräusche hören. Und du wirst zu wissen glauben, dass sie nicht real sind. Doch sie werden es sein. Dann werden dich schwere Muskelkrämpfe quälen, zuerst in der linken Hand und dann im ganzen Arm.“
   Jetzt verstand er. Sie meinte die Wirkung des Aufputschmittels, das ihm sein Arzt nicht mehr hatte verschreiben wollen. Er höhnte: „Kommt noch mehr?“
   Sie sprach wieder mit ihrer normalen Stimme: „Natürlich. Dann wird dein Herz aussetzen und du wirst sterben.“