Aelita

   Er war so müde, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, trotzdem setzte er sich ins Auto und fuhr vor Aelitas verzeihendem Lächeln davon, irgendwohin, einfach nur weg.
   Fast zwei Stunden später saß er auf seinem Lieblingsstein am Strand von Börgerende-Rethwisch und sog mit jedem Atemzug Luft wie süßes Blei mit einer Beimischung von ein wenig Meeressalz in seine Lungen. So bitterherb schmeckte die Luft nur hier an der Ostsee und nur an einigen wenigen, ganz besonderen Abenden im Jahr. Der Duft erinnerte ihn daran, dass manche Gefühle nicht nur eine Farbe, sondern auch einen Geschmack und einen Geruch besitzen.
   Er würde Aelita verlassen müssen, so viel stand fest. Eben hatte er sein Gesicht vor ihr verloren und das Wissen darum machte ihn nur noch wütender. Er hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als irgendjemanden in dieser Welt um Verzeihung zu bitten. Gerade Aelita nicht, denn um Entschuldigung zu bitten, war ein Zeichen von Schwäche und wie hätte eine Frau wie sie einen schwachen Mann lieben können?
   Das Leben war kein Ponyhof und er hatte ein Geschäft zu retten, das kurz vor dem Bankrott stand. Sie wusste nicht, dass er sich ihretwegen auf das riskante Unternehmen mit den Ukrainern eingelassen hatte und er würde es ihr auch nie erzählen. Er hatte sie beeindrucken und außerdem für sich ein finanzielles Polster schaffen wollen, um mehr Zeit für sie zu haben. Ihr Gerede von „sich Zeit nehmen“ und „innerer Energie“, die ihm angeblich verlorenging, hätte er dann mit einem Lächeln abtun können, denn beides hätten sie gehabt. Im Moment nervte sie ihn damit nur. Wenn es einen Gott gab, hatte er vor den Preis den Schweiß gesetzt und sie tat so, als wüsste sie es nicht. Tantra, Yoga und was sie noch so alles trieb, brachten ihm nicht mehr Schlaf und keine der weißen Hexen aus ihren alten Büchern würde kommen und seine tiefroten Bankkonten auffüllen.
   Er kämpfte um ihre nackte Existenz, aber statt ihn darin zu unterstützten, kam ihm diese eigentlich kluge und gebildete Frau mit irgendwelchem esoterischen Mist, und das im einundzwanzigsten Jahrhundert. Er brauchte ihre Engelsgeduld nicht und ihre ewig währende Verzeihung, als sei sie eine Heilige. Er brauchte eine Frau an seiner Seite, die mitzog. Eine Frau, die ihn in diesem Kampf nicht allein ließ! Wenn sie das verstanden hätte, hätte sie ihm das Aufputschmittel besorgt, das ihm sein Arzt verweigert hatte.
   Gedankenlos öffnete er die kleine weiße Dose und nahm die nächste Tablette. Sie war eine der Waffen in dem Arsenal, mit dem er die Firma retten würde, egal, was es ihn an Gesundheit kostete. Er ließ die Beine ins Wasser baumeln und wartete darauf, dass die Wirkung der Droge einsetzte. Der Stein unter seinem Po hatte die Sonnenstrahlen gespeichert und sandte sie nun als Wärme über das Rückgrat an sein Gehirn. Sein Herz hätte sie wieder in Licht verwandeln können, aber es schwieg.
   Ihm kamen die Worte seiner Großmutter in den Sinn, die hier in diesem armseligen Fischernest gelebt hatte und bei der er als Kind oft die Ferien verbracht hatte: „Wenn die Luft dir schwer wie Blei auf die Brust drückt und die Sonne am Abend blutrot das Wasser berührt, darfst du niemals an den Strand gehen!“
   Sie hatte es ihm nie erklärt, aber an diesen Abenden im November und gegen Mitte August hatte sie immer mit besonderer Sorgfalt das Haus verschlossen. Noch bei Tageslicht hatte sie die Fensterläden zugeklappt und penibel überprüft, dass alle Riegel in ihren Halterungen eingerastet waren. Als hätte sie Angst gehabt, dass etwas Böses dem Meer entsteigen und in ihr Haus eindringen könnte.