Aelita

   Tatsächlich zeigte der Rand der Sonne, der eben begann in den Fluten der Ostsee zu verschwinden, ein so intensives Blutrot, wie er es noch nie gesehen hatte. Vor welcher uralten Legende seine Großmutter wohl Angst gehabt haben mochte? In den Nächten im Jahr, in denen sie sich so seltsam verhalten hatte, kreuzten große Meteoritenströme die Umlaufbahn der Erde, im November die Leoniden und heute würden die Sternschnuppen der Perseiden glühende Spuren im nächtlichen Himmel hinterlassen. Die Christen nannten sie „die Tränen des Laurentius“ und wer eine solche Sternschnuppe sah, hatte angeblich einen Wunsch frei. Er lächelte bitter. Wenn es denn so einfach wäre, dann hätte er gerne wieder schwarze Zahlen auf dem Firmenkonto, das war sein sehnlichster Wunsch.
   Mittlerweile war es merklich dunkler geworden, eine erste, feurige Spur, Vorbote des mächtigen Stroms der Perseiden, zog über den Himmel und abrupt verstummte das laute Gekreisch der Möwen. Sie flogen so schnell davon, als hätte jemand gebrüllt: „Achtung! Gefahr!“
   Keine Menschenseele tummelte sich mehr am Strand, urplötzlich waren alle Urlauber verschwunden und da, wo eben noch die Fischerboote vom Fang heimgekehrt waren, glänzte das Meer wellenlos wie blutrotes Silber. Etwas lag in der Luft, undefinierbar, nicht greifbar und doch so präsent, dass ihm ein Schauder den Rücken hinunterlief. Die Sonne versank im Meer, die Dämmerung zog herauf, mit ihr eine Briese kalter Luft und er hörte seine Großmutter rufen: „Flieh, lauf weg, bevor es zu spät ist!“
   Er stand auf, musste sich dazu mit der Hand am Stein abstützen und ärgerte sich über seine Schwäche. Er lebte im einundzwanzigsten Jahrhundert, und die Zeit der Legenden und der Ungeheuer – wenn es sie denn einmal gegeben hatte – war längst vorbei. Über ihm krächzte ein Rabe. Der schwarze Vogel flatterte direkt über seinem Kopf und sein Geschrei war der einzige Laut, den er noch hörte. Selbst das Rauschen der Wellen war verschwunden. Was geschah hier gerade? Nicht weit entfernt humpelte eine alte Frau an einem Stock den menschenleeren Strand entlang. Manchmal bückte sie sich, hob etwas auf, betrachtete es und ließ es dann wieder fallen. Immer näher trottete sie, bis sie schließlich an seinem Felsen anlangte.
   Ihr schwarzer Rock aus einem schweren, samtartigem Stoff mochte vor einigen hundert Jahren einmal modern gewesen sein, und das ausgeblichene Leinenhemd, dass sie darüber trug, besaß altertümliche Verschnürungen statt Knöpfen und war so voller Wasserflecken, als hätte sie eben damit gebadet. Weiße, zu einem Zopf geflochtene Haare hingen ihr über die Schulter und reichten fast bis zum Boden. Ihre ledrige Gesichtshaut war voller Runzeln und kleiner und großer Altersflecken.