Aelita

   Sie blieb vor ihm stehen, stützte sich mit beiden Händen auf ihren knotigen Stock und hob den Kopf. Krächzend und stotternd, als hätte sie ihre Stimme lange nicht mehr benutzt, fragte sie: „Habt Ihr vielleicht ’nen Bernstein gesehen?“
   Dabei funkelte sie ihn mit Augen an, die viel zu klar und scharf für so eine alte Frau waren. Ihr Blick ging ihm unter die Haut und ließ ihn frieren.
   „Bernsteine sammelt man am Morgen, nach einem Sturm, alte Frau“, antwortete er.
   Sie lachte keckernd. „Das denkt ihr feinen Herren aus der Stadt alle. Die Tränen des Meeres muss man sammeln, wenn sie vergossen werden. Sie werden abends geweint. Drum bin ich hier.“
   Sie neigte ihren Kopf ein wenig zur Seite, schaute ihm ins Gesicht, und ein einziger, senfgelber Schneidezahn grub sich dabei in ihre Unterlippe: „Wie Ihr. Warum heult Ihr, junger Herr?“
   „Bitte? Ich weine ja wohl nicht. Ich bin hier, um den Sonnenuntergang zu genießen. Das hast du mir gerade verleidet, alte Frau.“
   Sie keckerte wieder. „Ja, wenn Ihr meint. Aber der Sonnenuntergang ist vorbei und die Tränen des Laurentius rinnen bereits über das Himmelszelt. Schaut hin!“
   Mit einem vor Dreck starrenden Finger zeigte sie zum Himmel und tatsächlich raste eine Sternschnuppe über das Firmament und hinterließ dabei eine feurige Spur. „Hihi, ausgetrickst!“
   Sie hatte sich auf die Knie sinken lassen, während er nach oben geschaut hatte, richtete sich jetzt ächzend wieder auf und hielt etwas gelb glänzendes, Hühnereigroßes vor sein Gesicht. „Ich hab‘ doch gesagt, Ihr heult. Ein schöner großer Bernstein ist das!“
   Mit offenem Mund starrte er auf ihre Hand und wollte es nicht glauben. Sie belog ihn! Hätte hier ein Bernstein gelegen, so hätte er ihn sehen müssen, als er sich auf den Felsen gesetzt hatte. „Du verarschst mich!“
   Sie packte mit erstaunlicher Kraft seine Hand, patschte den Bernstein hinein und ein stechender Schmerz fuhr durch seinen ganzen Arm. „Ihr Menschen übertölpelt euch immer nur selbst. Geht zu der alten Hintze, sie macht Euch daraus eine schöne Kette für Euer Weib.“
   Sie beugte ihren Kopf ganz nahe zu ihm, ihre Augen schienen von innen zu leuchten und ihr Gestank nach Tang und Meer nahm ihm den Atem. Sie krächzte: „Ihr habt eine Träne des Laurentius gesehen und so habt Ihr einen Wunsch frei. Was wünscht sich der feine Herr?“
   Lauernd sah sie ihn an und er lachte sie aus. „Du kannst Wünsche erfüllen, alte Hexe? Nur zu, aber von Bankkonten wirst du keine Ahnung haben und was es bedeutet, wenn man aus den roten Zahlen herauskommt. Also bring mir Glück, Alte! Ein kleines bisschen Glück, weiter will ich nichts!“
   Sie gab wieder ihr keckerndes Lachen von sich. „Welch einfacher Wunsch. Es hat doch schon bei Euch gewohnt, Ihr wahrt nur zu blind, es in Eurem Eigendünkel zu sehen. Aber trotzdem – er sei Euch gewährt.“
   Dann sank sie in sich zusammen und wandte sich um. Doch als wäre ihr etwas eingefallen, drehte sie sich noch einmal zu ihm herum. „Eure Großmutter war klüger als Ihr! Ihr habt hier nichts verloren. Schert Euch zu dem Weib, das Euch liebt. Es wartet schon viel zu lange auf Euch.“
   Sie trottete davon und murmelte dabei vor sich hin: „Die Menschen werden sich nie ändern …“