Ausgeknockt

Ausgeknockt

   
Jedes Zeitalter hatte seine Rōnin, herrenlose Krieger ohne Moral, ohne Besitz und ohne Skrupel, die umherzogen und ihre Dienste an den Meistbietenden verschacherten. Auf sie griff man zurück, wenn der Job für die eigenen Truppen zu dreckig, das Risiko zu hoch und die Erfolgsaussichten mies waren.
Die Schlachten im einundzwanzigsten Jahrhundert werden zwar nicht mehr mit Schwertern, sondern mit Informationen geführt, doch an dreckigen Jobs, hohen Risiken und miesen Erfolgsaussichten herrscht auch hier kein Mangel. Irgendwo ist immer die Kacke am Dampfen, muss ein Tarifvertrag umgangen werden oder braucht man jemanden, dem man, wenn ein Projekt droht, gegen die Wand gefahren zu werden, zwischen die Beine treten kann. Dann kommen wir ins Spiel, auch wenn wir keine Schwerter mehr tragen, sondern Laptops, und wir uns nicht mehr „Rōnin“ nennen, sondern „Freelancer“.
   Wenn die Kohle stimmte, hatte ich keine Probleme damit, achtzig Stunden in der Woche zu knüppeln, nur vierzig davon aufzuschreiben und meinen Nachtschlaf auf einem Bürostuhl zu verbringen, um jeden Programmabbruch checken zu können. Wenn sich nach dem Aufwachen nach vier Stunden Schlaf der erste Schmerz gelegt hatte, blieben noch neunzehn Stunden des Tages für Adrenalinschübe vor Hochleistungsrechnern und in Projektrettungsmeetings, dreißig Minuten für einen Whisky abends in der Hotelbar und, manchmal, wenn es gut lief, auch noch einmal „rauf, rein, raus, runter“ mit irgendeinem weiblichen Körper, dessen Besitzerin gerade willig war. Ich führte ein Leben wie auf Droge mit verhängten Spiegeln, die jeden tieferen Blick in das eigene Ich verhinderten und ich fand es geil.
   Allerdings hatte ich ein paar schlechte Monate hinter mir, war ein paar Mal zu oft der Sündenbock gewesen und nicht nur mein Ruf, sondern auch mein Konto hatte ziemlich gelitten. Deswegen hatte ich einen Job im Osten angenommen, was ich sonst tunlichst vermeide, weil die Bezahlung hier, verglichen mit Frankfurt oder München, einfach nur lausig war. Doch ich brauchte den Auftrag dringend, was die morgige Preisverhandlung mit dem Chef der IT, einem Dr. Weinhold, nicht gerade einfacher machen würde.
   Ich hatte in Schwerin im InterCityHotel eingecheckt. Es lag direkt am malerischen Hauptbahnhof, war modern und der Service war, wie bei den meisten Hotels in meiner ehemaligen Heimatstadt, hervorragend.
   Vom Fenster meines Hotelzimmers blickte ich auf den Bahnhofsvorplatz. Der Herbst hatte Einzug gehalten, färbte die Blätter bunt und der Abendregen ließ die Pflastersteine im Licht der Straßenlaternen glänzen. Menschen strömten aus der Bahnhofshalle, spannten Schirme auf, schlugen die Kapuzen ihrer Jacken hoch und riefen nach Taxis. Sie kamen von der Arbeit, waren auf dem Weg nach Hause und freuten sich, weil die Familie auf sie wartete.
   Seit fünf Jahren reiste ich durch Deutschland und half Computern, mit den Menschen zurechtzukommen, mein Zuhause sah mich nur an den Wochenenden und niemand wartete dort auf mich. Die Menschen verbrachten die Abende bei ihren Lieben, ich in den Hotels Europas und mein Leben schwamm davon wie ein Korken in den Wellen des Ozeans.
   Ich drehte den Kopf und mein Blick fiel auf den Zierbrunnen im Zentrum des Grunthalplatzes. „Rettung aus Seenot“ heißt die Skulptur darauf und Hugo Berwald hatte sie neunzehnhundertzehn geschaffen.