Ausgeknockt

   „Wer wird dich retten, Hartwig Renner?“ Aus dem Nichts tauchte der Gedanke auf und mein Spiegelbild in der Fensterscheibe war so voll Wehmut, dass nicht einmal ich es mehr übersah. Regentropfen rannen darüber und ich drehte mich zurück ins Zimmer.
   Mit Schwermut überlebte man in meinem Beruf so lange wie ein Fisch in der Wüste und ich wusste ein Mittel gegen Gefühlsduselei. Wo andere Menschen Tabletten benötigten, bevorzugte ich einen Laptop. Der ließ sich zwar nicht so einfach schlucken wie eine Pille, dafür gab es ihn aber ohne Rezept. Eine Angel mit meinem Foto als Köder nebst einem auf die Bedürfnisse einsamer Frauen zugeschnittenen Profil schwamm immer in diversen Kontaktbösen herum und ich schaute nach, ob etwas Hübsches angebissen hatte, das ich vielleicht noch heute Abend in mein Hotelbett zerren konnte.
   Die Hoffnung zerschlug sich nach einem Blick in meine Postfächer, doch zumindest hatte sich eine unbekannte Sie mein Profil angesehen. Bei meinem Gegenbesuch erblickte ich das Foto einer Frau mit blauen Augen, einem herzförmigen, gebräunten Gesicht und blonden, halblangen Haaren über einer hohen, faltenlosen Stirn. Die Designerbrille sah nach intellektueller Spinnerin aus und die Klunker an den Ohrringen nach einem Bankkonto, das die Farbe Rot nicht kannte. Schade, dass ihre Augen so verkniffen wirkten und sie die Lippen aufeinander presste. Eine Frau, die sich in einer Kontaktbörse mit einem Porträtbild präsentierte, sollte ein Lächeln darauf zeigen.
   Ich las, wonach sie suchte und wusste, was die zusammengepressten Lippen verbargen – die Haare auf den Zähnen. Sie wollte keinen Mann, sondern einen Sklaven, auf Lebenszeit und mit Ring. Ich war sicher, dass sie ihm den durch die Nase ziehen würde, ohne Betäubung und jeden Tag aufs Neue.
   Wo andere Damen die Anforderungen an ihren temporären Sexualpartner auf fünf Zeilen oder weniger – manche beschränkten sich auf die simple Forderung „männlich“ – zusammenquetschten, beanspruchte sie zweiunddreißig Zeilen. Sie schrieb neunundzwanzig Bedingungen vor, die ich erfüllen musste, um mit ihr Verbindung aufnehmen zu dürfen und dreimal ließ sie durchblicken, dass ich offen für Ungewöhnliches zu sein hätte. Im Vergleich mit ihrem Profil lud der Prüfungsparcours der Navy Seals zu einem Sonntagsspaziergang mit Blümchenpflücken ein.
   Bei dieser Eisprinzessin gab es nichts weiter zu pflücken als lebenslange Sklaverei. Frauen wie sie sind auch nackt noch vollkommen zugeknöpft, treiben es nur in der Finsternis eines Schwarzen Lochs, Lichtjahre von jeder bewohnbaren Gegend der Milchstraße entfernt und mit einhundertprozentigem Schallschutz.
   Nach ihrem Männerbild war ich ein bierbäuchiger, im Stehen pinkelnder Macho, der alles vögelte, was irgendwo ein Loch hat und nicht bei drei auf dem Kaktus sitzt.
   Ich fühlte mich verletzt. Einen Bierbauch hatte ich nicht. Was für eine blöde, wahrscheinlich verdammt intelligente Kuh!