Ausgeknockt

   Da stand die Frau, die mich die letzten Stunden mit ihren Widersprüchen zwischen Himmel und Hölle hin und her gejagt hatte, bis ich nichts anderes mehr gewollt hatte als sie. Sie war ein Rätsel auf zwei Beinen, verführerisch, widersprüchlich, charmant, kratzbürstig, sexy – und krank?
   Ja, es konnte nichts anderes sein. Sie musste krank sein. So benahm sich keine normale Frau. Ich stand auf, aber sie streckte mir einen Arm entgegen, mit der Handfläche zu mir, und obwohl wir drei Meter auseinanderstanden, war es, als wäre ich gegen eine Mauer gerannt.
   „Komm mir nicht näher und fass mich nicht an. Fass mich nie wieder an! Du kannst nicht weiter denken als bis zu dem Moment, wo du eine Frau flachgelegt hast. Du verstehst keine Andeutungen und dich interessiert nur, was eine Frau zwischen den Beinen und nicht was sie im Kopf hat.“ Sie straffte sich, drehte sich um und verließ mich mit dem gleichen Gang, mit dem sie vor ein paar Stunden durch die Bar zu mir gekommen war.
   Es dauerte Minuten, bis ich aufstand und zum Fenster ging. Ein Kleinwagen auf dem Hotelparkplatz setzte den Blinker, parkte aus und bog in die Wismarsche Straße ein. War sie es?
   Irgendetwas heute Abend war tatsächlich schief gelaufen. Ich ging zum Schreibtisch, klappte meinen Laptop auf und schaute mir das Profil der Eisprinzessin an. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie es erst vor zwei Tagen hochgeladen hatte und das erklärte Einiges. Jetzt, wo ich sie kannte, sah ich, dass es tatsächlich ihr Bild war. Vielleicht hatte sie eine Perücke getragen, als das Foto gemacht worden war und ich wusste nun, dass die verkniffenen Lippen tatsächlich die Haare auf ihren Zähnen verbargen. Alle ihre Wünsche liefen auf einen Mann hinaus, dessen Toleranzgrenzen weiter als gewöhnlich waren und der damit umgehen konnte, wenn eine Frau „anders“ war. Bis eben hatte ich mir nicht vorstellen können, was sie damit gemeint haben könnte. Jetzt wusste ich es – sie hätte nicht „anders“, sondern „krank“ schreiben sollen.
   Sie hatte mir einen Haufen Puzzlesteine vor die Füße gekippt, und wenn sie gehofft hatte, dass ich sie zusammensetzen würde, hatte sie falsch gelegen. Mit ein bisschen Grips hätte sie es schon vorhin kapieren müssen, als ich ihr durch die Blume gesagt hatte, dass so etwas nicht meine Baustelle ist.
   Ich dachte an das Gespräch in der Bar, wie oft sie von eloquent nach kratzbürstig gewechselt hatte und mir ständig das Gefühl gegeben hatte, dass nichts davon die richtige Ela war, genau wie hier in meinem Hotelzimmer. War das Schizophrenie?
   Erfahren würde ich es wohl nie und eigentlich interessierte es mich auch nicht. Nicht mehr. Wir leben alle in unserer ganz privaten Hölle und für die Probleme, die sie hatte, gab es mit Sicherheit Ärzte. Und wenn nicht, fand sie ja vielleicht irgendwann einen Idioten, der mit ihr zurechtkam, schließlich gab es für jeden Topf den passenden Deckel.
   Ich klappte den Laptop zu und ging ins Bett. Ende der Geschichte. Ich hatte eine wirklich aufregende Frau erlebt, einen Superorgasmus gehabt und das Danach vertrieb ich aus meiner Erinnerung.
   Ich war ein Mann.