Ausgeknockt

   Regen, der an die Fensterscheiben trommelte, riss mich aus dem Schlaf. Der neue Tag begrüßte mich mit trostlosem Grau und ich erwachte mit verklebten Augenlidern und Kopfschmerzen. Ela war mir im Traum in einer Rüstung erschienen, die mein Schwert nicht hatte durchdringen können und kopfschüttelnd stieg ich auf ihrer Seite aus dem Doppelbett. Fast wäre ich über ihre Decke, die sie achtlos hatte zu Boden gleiten lassen, gestolpert. Ich hob sie auf, legte sie aufs Bett und das Tuch, das sie am Abend zuvor auf dem Nachtschrank neben meinem Kopf platziert hatte, fiel heraus. Ich konnte nicht anders, ich nahm es und strich mir damit über die Wange.
   Zweimal in meinem Leben hatte ich so etwas gefühlt, das erste Mal an meinem sechzehnten Geburtstag. Ich hatte mich als Jugendlicher ein wenig an der Malerei versucht und meine Eltern hatten mir eine Ausrüstung für Seidenmalerei geschenkt. Dafür wird Habotai-Seide verwendet, sie ist unglaublich glatt und allein die Berührung dieses Materials ist wie ein gehauchter Kuss.
   Das zweite Mal hatte ich es in dieser Nacht gefühlt, als Ela meine Hände auf ihren BH gedrückt hatte. Das Tuch trug noch immer ihren Duft, den gleichen, der auch zwischen ihren Beinen meine Nase betört und mich fast dazu gebracht hatte, meine Beherrschung zu verlieren. Was machte er an diesem Tuch?
   Und dann, wie auf einem Foto, sah ich wieder den Moment, als ich das Licht angeknipst hatte. Ela hatte auf dem Rücken gelegen, mit gespreizten Beinen, und erst jetzt sah ich das Tuch in ihrer Hand dazwischen. Ein Satz stieg aus meiner Erinnerung auf, ein Satz, den ich nicht wichtig genommen hatte: „Könntest du mit so einem Menschen leben?“
   Ich warf das Tuch aufs Bett und ging Duschen, doch auch hier ließ mich die Frage nicht los. Ela trug Unterwäsche aus reiner Seide, sogar beim Sex, und hatte wohl gewollt, dass mich das anmachte. Sie hatte mit mir gespielt, und als ich fertig gewesen war, hatte sie es sich selbst besorgt, wahrscheinlich mit diesem Seidentuch, aber sich nicht getraut, es mir zu sagen oder es mir zu zeigen.
   Ich stellte das Wasser ab, und erinnerte mich beim Abtrocknen an meine Antwort. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte.“ Das konnte ich mir immer noch nicht, schon gar nicht mit einer Frau, die so oft gehofft und deren Hoffnungen wahrscheinlich so oft enttäuscht worden waren, dass sie nur noch Angst hatte und um sich biss wie ein in die Enge getriebenes Raubtier. Doch ihre Gier war so stark, dass sie es immer wieder versucht hatte. Zuletzt mit mir und ich hatte mich nun auch in die Liste ihrer Enttäuschungen eingetragen.
   Das waren die nüchternen Fakten, die ich gestern nicht zusammenbekommen hatte, weil viel zu viele Hormone im Spiel gewesen waren. Sie hätte Besseres verdient gehabt, als ein solches Ende und meinen Rauswurf, doch wenn die Hormone wilde Sau spielen, ist es mit dem Denken vorbei. Wenn sie so klug war, hätte sie das wissen müssen. Doch niemand ist perfekt und ich würde ihr eine zweite Chance gebe, zumindest die hatte sie sich verdient.
   Ich klappte den Laptop auf, loggte mich in die Kontaktbörse ein und suchte wieder nach ihrem Profil, doch es war nicht mehr da. Offenbar hatte sie es gelöscht, nachdem sie nach Hause gekommen war. Das sprach für ihren Charakter und ihre Cleverness, denn sie wusste, dass ich ihre Handynummer hatte. Also würde ich ein paar Tage ins Land ziehen lassen und mich bei ihr entschuldigen. Zwar wusste ich nicht wofür, aber es tat mir nicht weh und Frauen wie sie haben gerne das Gefühl, dass sie die Siegerinnen sind.