Ausgeknockt

   Eine Stunde später spazierte ich die Wismarsche Straße hinab in Richtung Marienplatz. Hier hatte ich um zwölf einen Termin bei Dr. Weinhold, bei dem es um meinen Stundensatz gehen würde und danach war dann das übliche Brimborium fällig mit Teamvorstellung, Projekteinweisung und Sicherheitsprozeduren.
   Ich hatte gut gefrühstückt, genoss trotz des schlechten Wetters den Spaziergang durch eine der ältesten und für mich schönsten Straßen Schwerins und war froh, endlich wieder arbeiten zu können. So war es immer, das Leben war kompliziert und nur, wenn ich in irgendeinem Projekt schuftete, fühlte ich mich wirklich ganz.
   Der vergangene Abend war nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung. Ich hatte gelernt, mit so etwas zu leben. Menschen waren schwierig, unberechenbar und meistens nachtragend. Darum liebte ich Computer, wenn sie zickig wurden, verpasste ich ihnen ein neues Programm und alles war wieder gut.
   Am Eingang zum Rechenzentrum der Bank erwartete mich ein Mann mit der Statur eines Sumoringers in einem dreiteiligen dunklen Anzug und einem vermutlich nichtssagenden Lächeln hinter einem pechschwarzen Vollbart. Er stellte sich mir als der Projektleiter für das neue Obligo-Verfahren vor, an dessen Entwicklung ich mitarbeiten sollte. Sein Name hatte unter der Mail gestanden, mit der ich eingeladen worden war. Vor einem Jahr war ich in Kiel an einem ähnlichen Projekt beteiligt gewesen und wahrscheinlich hatte er von da meine Referenzen bekommen.
   Er kümmerte sich darum, dass ich ohne Probleme die zwei Personalschleusen überwinden konnte, die nacheinander den Eingang zum Rechenzentrum, der in jeder Bank ein Hochsicherheitstrakt war, passieren konnte. Außer einem „Moin!“ und seinem Namen hatte er nichts weiter gesagt und das wunderte mich nicht. Freelancer wie ich waren nirgendwo beliebt. Wir drangen in die Struktur bestehender Teams ein und waren überall Fremdkörper. Dazu kassierten wir das Doppelte oder Dreifache eines Angestelltengehalts und das weckte immer Neid. Dass wir dafür bis zum Umfallen schufteten, mehr als zwei Drittel des Geldes Kosten und Risikoabdeckung waren und wir nicht irgendjemanden bei einem Problem um Hilfe bitten konnten, registrierten sie dann eher weniger.
   Es sah so aus, als würde ich auch hier in den nächsten Monaten mein Mittagessen alleine einnehmen.
   Wir erreichten ein kleines, gemütliches Konferenzzimmer mit Ausblick auf das Treiben auf dem Marienplatz, einem länglichen Tisch mit acht bequemen Bürostühlen darum herum und einer mannshohen, dringend pflegebedürftigen Yuccapalme in einer Ecke. Ein junger Mann mit Glatze und schwarzer Nerd-Brille erhob sich am Kopfende des Tisches von seinem Stuhl, stellte sich vor und reichte mir die Hand.