Ausgeknockt

   Die Sekunden, die sie darin blätterte, nutzte ich, um sie mir genau anzusehen. Ihre langen Haare hatte sie zu einem straffen Dutt hochgesteckt und ein dezentes, frühlingshaftes Make-up aufgetragen. Zusammen mit der bis zum letzten goldenen Knopf geschlossenen Kostümjacke und dem geraden Rücken wirkte sie, als gehöre sie nirgendwo anders hin als auf den Chefsessel in diesem Konferenzraum.
   Doch was immer sie auch gestern bezweckt hatte, sie hatte sich verkalkuliert. Ich wusste jetzt etwas über sie, von dem in dieser Bank garantiert niemand eine Ahnung hatte und damit war soeben mein Stundensatz von sechzig Euro, den ich hatte fordern wollen, auf fünfundsiebzig gestiegen. Natürlich würde ich gestern Nacht niemals gegen sie verwenden, so´etwas tut ein Gentleman einfach nicht. Doch das konnte sie nicht genau wissen und damit hatte ich sie in der Hand.
   Ich lehnte mich zurück an die Polsterung meines Stuhls und entspannte mich. Das Projekt lief einige Monate, und wenn ich vernünftig mit ihr reden konnte, würden vielleicht einige Nächte herausspringen, in denen es wirklich Spaß machte.
   Ela hörte auf mit Blättern, hob den Kopf und blickte mich an. „Herr Renner, unsere Bank hat einen sehr exklusiven Kundenkreis und als Entwickler des neuen Obligoverfahrens würden sie vollständigen Zugriff auf deren Datensätze erhalten. Aus Zeit und Kostengründen sind wir nicht in der Lage, alle Daten, die wir für diverse Tests benötigen, zu anonymisieren.“
   Den Text kannte ich, so war das schließlich in jeder Bank. Dafür gab es Verschwiegenheitserklärungen und jede Menge Sicherheitsüberprüfungen.
   Sie fuhr fort: „Ich habe mich in den letzten Stunden noch einmal etwas intensiver mit ihren Referenzen beschäftigt und auch einige Telefonate geführt. Ich muss sagen, dass ich Sie, im Gegensatz zu meinem Projektleiter, nicht für ausreichend qualifiziert halte, die vor uns liegende Aufgabe unter dem gegebenen Termindruck rechtzeitig fertigzustellen.“
   Der Nerd und der Vollbart neben ihr machten kullerrunde Augen und mein Mund wurde wüstenstaubtrocken. Was machte Ela da? Sie konnte mich doch nicht vor ihren Angestellten herunterputzen. So etwas tat man nicht in unserem Geschäft und schon gar nicht direkt von vorn im Beisein von irgendwelchen Angestellten. Es war einfach undenkbar. Ich blickte ihr in die Augen und sah da nichts weiter als mitleidloses Grün. Und es war noch nicht zu Ende.