Ausgeknockt

   Es gibt Tage, da habe ich auch vom Leben die Schnauze voll, aber ich muss das nicht in Worte gießen und jedem vom anderen Geschlecht, der mir über den Weg läuft, an die Rübe knallen. Mein Kopf meinte zwar, es ginge mich nichts an, wie sie über Männer dachte, aber mein Bauch setzte sich durch. Wenn ich schon zu einer entrechteten Minderheit gehörte, sollte meine Stimme nicht ungehört verhallen.
   Ich wickelte eine rote Schleife um meine Wut, steckte sie in einen elektronischen Umschlag und schickte sie ihr. „Deine Spielgefährten tun mir leid. Eine Nacht mit dir ist bestimmt ein unvergessliches Erlebnis. Trägst du dann Lack und Leder oder eine Rüstung?“
   Was auch immer mich an ihrem Profil so wütend gemacht haben mochte, ich war es los und es ging mir besser. Ich grinste. Sie würde nicht antworten.
   Eine Stunde später klopfte eine Clubmail von ihr. „Ich trage lieber Seide auf meiner nackten Haut. Warum schaust du es dir nicht mal an?“
   Fünfzehn Worte, ein Fragezeichen, keine Anrede, kein Nachsatz und eine Telefonnummer. Erwartet hatte ich Schweigen. Bekommen hatte ich eine Provokation und mir verging das Grinsen.
   Noch einmal las ich mir das Profil der Eisprinzessin durch, Wort für Wort, Satz für Satz. Diese Frau wirkte so entspannt wie Juri Gagarin zehn Sekunden vor seinem Start zur ersten Erdumkreisung – Ruhepuls bei einhundertachtzig.
   Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, und nach dieser Antwort durfte ich ihr nicht das letzte Wort lassen. In der Mail war eine Handynummer und das hieß, sie wollte eine kurze Antwort. Die sollte sie bekommen. „InterCityHotel Schwerin, 21:00. Ruf zehn Minuten vorher an. Ich erkenne dich an Businessoutfit mit engem Rock und Bluse. Schwarze Nylons mit Naht und High Heels sind ein Muss.“
   Der Boss in diesem Spiel war ich. Von Wismar bis Schwerin benötigte die Eisprinzessin mit dem Auto dreißig Minuten. Anziehen und zurechtmachen für ein Date schafft eine Frau nicht in einer halben Stunde, schon gar nicht, wenn sie meine ziemlich überzogenen Vorgaben ernst nahm, was ich ohnehin nicht glaubte. Sie würden mir den Grund liefern, sie sitzen zu lassen, wenn sie wider Erwarten doch auftauchen sollte. Aber wahrscheinlich wusste sie nicht einmal, dass es so etwas wie Nylonstrümpfe mit Naht gab, geschweige denn, dass sie sie im Kleiderschrank irgendwo unter ihren Wollsocken liegen hatte.
   Sie hatte mir eine Entschuldigung erspart und ich machte es mir auf dem Hotelbett zusammen mit einem Sixpack gemütlich. In vierzig Minuten wurde die Championsleague angestoßen. Für die Eisprinzessin hatte der Schiedsrichter soeben das Spiel abgepfiffen. Das Ergebnis hieß eins zu null für mich und eine Verlängerung stand überhaupt nicht zur Debatte.
   Pünktlich Viertel vor neun gab Signore Colina die Begegnung in Barcelona frei, Schweinsteiger führte den Ball auf dem Fuß und ich ein Bier zum Mund. Mein Handy auf dem Schreibtisch schüttelte sich und ich zog die Stirn kraus. Um diese Zeit schicken sich nur Frauen Nachrichten, echte Kerle sitzen vor dem Fernseher.
   „Du hast zehn Minuten. Geputzte Schuhe und Zähne, Anzug und Schlips sind ein Muss. Auf Nylons bei dir kann ich verzichten. Und nein, du musst nicht vorher anrufen. Schieb deinen hoffentlich knackigen Arsch einfach in die Bar!“
   Zehn Minuten. Eine davon verbrauchte ich mit Atmen durch den offenen Mund und dem Versuch, meinen Blutdruck unter Kontrolle zu bringen. Was bildete sich diese blaustrümpfige, männerfressende und einen Sklaven suchende Xanthippe ein? Neun Minuten verblieben. Neun Minuten, das herauszufinden und mir zu überlegen, wie ich aus der Geschichte heraus kam, ohne mein Gesicht zu verlieren.
   Zähneputzen, kalte Dusche, Anzug an, Kontrollblick auf die Schuhe – makelloses Schwarz.
   Noch eine Minute. Im Tiefflug eine Etage nach unten, Vollbremsung auf der letzten Stufe. Jetzt die Hand in die Hosentasche und mit einem entspannten Lächeln im Gesicht lässig um die Ecke. Niemand musste sehen, dass mein Puls im roten Bereich hämmerte. In meinem Kopf schaltete ein Rührlöffel in den Turbomodus und ich grübelte, ob ich ein Messer oder besser gleich eine Pistole hätte mitnehmen sollen.