Ausgeknockt

   Ein Lächeln, für das ein Bischof ein Loch ins Kirchenfenster getreten hätte, brachte zwei reizende Grübchen auf ihren Wangen zum Vorschein. Dann schritt sie wie ein General seine Truppenparade das Spalier der sprachlosen Männer und giftig blickenden Weiber ab, eine lodernde Fackel auf zwei endlos langen Beinen mit Locken in der Farbe eines Reisigfeuers, die im Takt ihrer Füßchen auf den schmalen Schultern wippten.
   Die Spitzen ihrer roten Lackpumps zeigten in meine Richtung, und jedes Mal, wenn die Stiftabsätze auf dem Parkettboden „klack“ machten, hätte ich ihn an genau der Stelle küssen mögen. Nach zehn dieser Schritte und den darüber schwingenden Hüften war ich verliebt in Rotlöckchen, für immer und ewig. Ich würde ihr Sklave sein und mir freiwillig einen Ring durch die Nase ziehen.
   Vor mir blieb sie stehen, streckte mir eine schmale Hand mit auffallend langen Fingern entgegen, legte den Kopf ein wenig schräg, schaute mir in die Augen und zusammen mit dem Duft von pfefferminzgeputzten Zähnen verwandelte eine Stimme, irgendwo zwischen Zarah Leander und Joe Cocker nach seinem zehnten Whisky, meine Kniekehlen in Gelee.
   „Na, überrascht?“
   Nein, natürlich nicht. Mir hüpfen in jeder Hotelbar die überirdischen Schönheiten auf den Schoß. Reine Routine. Ich war nur ein bisschen steif, so ungefähr wie ein hypnotisierter Tanzbär mit Arthrose im Endstadium und Wortfindungsstörungen.
   Sie fuhr fort, als wäre sie es gewohnt, dass ihre Anwesenheit Männern die Stimmbänder blockierte: „Bitte entschuldige, aber Nervosität schlägt mir immer so auf die Blase und ich will ja nicht, wenn es am Schönsten ist, auf die Toilette müssen. Nett, dass du den Platz neben dir für mich frei gehalten hast.“
   Die Bedeutung dieses Satzes war zwar Doping für meine Phantasie, aber Gift für meine Kommunikationsfähigkeit und so rutschte ich nur, meinen Arm ausfahrend, vom Barhocker. Ihre beiden grünen Hochleistungsstrahler unter den langen schwarzen Wimpern brutzelten mich dabei und nach fünf Sekunden war ich gut durch, mindestens medium. Bitte wenden.
   Hatte ich mich über die Hitze beschwert? Sie verzog ihre kirschrot geschminkten Lippen zu einem schnippischen Lächeln, das nach vierzig Jahre intensivem Training aussah und es war gut, dass ich mich an der Bar abstützen konnte. Ich nahm ihr den Mantel ab, sie drapierte sich auf ihrem Hocker und griff wie selbstverständlich nach der Cocktailkarte.
   Mein gesunder Menschenverstand schien kurzzeitig wieder etwas durchblutet worden zu sein und meldete sich. Sie gehörte doch nicht etwa zu den Frauen, die sich in solche Kontaktbörsen einschlichen, um Geld zu kassieren? Dann würde sie eine böse Überraschung erleben, denn für solche Frauen war mir meine Kohle einfach zu schade. Ich war mir dafür zu schade. Wenn es wirklich mal brannte, hatte ich immer noch zwei gesunde Hände, mit denen ich für die Kohle auch schuftete und sie deswegen nicht leichtfertig zur Beseitigung von Hormonstaus aus dem Fenster schmiss. Doch wenn sie zu der Fraktion „Hausfrau möchte Taschengeld“ gehört hätte, dann hätte sie nicht so ein krankes Profil ins Netz gestellt, sondern eines, das auf Männerfang ausgelegt war.