Ausgeknockt

   Es war schon eine verkehrte Welt an diesem Abend. Wenn ich mir die Frauenprofile in den Kontaktbörsen angesehen hatte, waren es die Fotos und die Einsamkeit meiner Hotelnächte gewesen, die die Frauen schön und begehrenswert gemacht hatten. Ein Treffen hatte dann meistens die Erkenntnis gebracht, dass die Fotos zehn Jahre alt oder wie meins mit Photoshop retuschiert worden waren und „begehrenswert“ nur eine Frage des verfügbaren Alkohols war. Hielt dieser Abend etwa noch mehr Überraschungen für mich parat, als eine geänderte Haarfarbe und eine vergessene Brille?
   Meine Nachbarin hatte die richtige Sitzposition gefunden, den Oberkörper halb zu mir gedreht und die schmalen Knie nur Zentimeter von mir entfernt. Als müsste sie sich überwinden, holte sie tief Luft und schaute mir von der Seite ins Gesicht. „Also ich bin Ela. Meine Schwester hat sich so wahnsinnig über deine Clubmail geärgert, dass sie mich gleich anrufen und mir erzählen musste, was es doch für testosterongesteuerte, notgeile Männer gibt, die nicht mal lesen, was für einen Typ Mann sie sucht. Naja, und da habe ich mir mal dein Profil angesehen und mir gedacht, dass es sich vielleicht lohnen könnte, dich näher kennenzulernen. Ich habe ihr gesagt, was sie dir antworten soll. Was machen wir jetzt daraus?“
   Und der Mond ist aus grünem Käse. Der Satz hatte geklungen, als hätte sie ihn aufgeschrieben und dann auswendig gelernt. Oder sie hatte ihn schon ein Dutzend Mal anderen Männern aufgesagt. Die ersten Worte aus diesem Mund mit den schwellenden Lippen, die Angelina Jolie hätten vor Neid erblassen lassen, waren eine Lüge. Unglaublich.
   „Wie wäre es mit übers Knie legen?“ Mein Sprachzentrum litt immer noch unter Blutmangel.
   Sie neigte kokett den Kopf zur Schulter und leckte sich über die Lippen. „Wirklich? Vielleicht mag ich das ja …“
   Es hatte schüchtern klingen sollen und sie log schon wieder. „Die Schüchternheit spielst du nur“, dachte ich. „Vielleicht magst du das ja wirklich, aber dann wird der Abend eine Enttäuschung für dich werden. Ich schlage keine Frauen, weder im Ernst noch im Spaß und schon gar nicht, um mich oder dich auf Touren zu bringen.“
   Hatte sich etwas in meinem Gesicht oder in meiner Haltung verändert?
   Sie rückte ein Stück ab von mir. „Habe ich da ein Tabu getroffen?“
   „Nein, ich frage mich gerade, was für eine Frau hier neben mir sitzt.“
   „Ach, das ich eine Frau bin, ist dir also schon aufgefallen?“
   Ich lehnte mich etwas zurück und schmiss den Blick an, mit dem Männer Frauen ausziehen. „Aber hallo! Alles dran, vermutlich auch alles drin und wirklich sexy verpackt.“ Ich nickte anerkennend. „Ich habe aber auch schon Männer gesehen, die so aufreizend angezogen waren.“
   „Und hat es Spaß gemacht?“
   „Was?“
   „Na, mit den Männern?“
   Hätte sie die Frage mit einem Lächeln gestellt, wäre alles gut gewesen, aber sie blickte ernst.