29 März 2022

Wenn der Tod anklopft – ein Erlebnisbericht

Ich bin knapp einen Meter achtzig groß, mehr oder weniger schlank und das Leben hat seine Spuren in meinem Gesicht hinterlassen. Frauen himmeln mich nicht mehr an, aber Hunde jaulen auch nicht gleich, wenn ich vorbeigehe. In zweiundsechzig Lebensjahren habe ich meinem Körper einiges zugemutet. Mittlerweile bin ich ruhiger geworden, ich fahre nicht mehr den ganzen Winter über mit dem Motorrad und schaffe auch nicht mehr jeden Monat hundert Kilometer mit dem Kajak auf den Schweriner Seen. Man ist ja schließlich nicht mehr der Jüngste …

Selbstverständlich bin ich geimpft – also gegen Masern, Pocken, Hepatitis und was da noch so an miesen kleinen Biestern auf uns lauert. Jede Erkältungskrankheit bis hin zur Bronchitis kenne ich mit Vornamen. Ich hatte genug davon. Drei Tage kommt sie, drei Tage bleibt sie, drei Tage geht sie, jedes Jahr mindestens ein Mal. Nix, womit mein Körper nicht fertig wird. Ist nicht schön. Wenns heftig wird, denkt Mann, er muss sterben und gibt den sterbenden Schwan zu Hause. Ist doch irgendwie schön, sich mal bemitleiden zu lassen. Wenn es vorbei ist, freut er sich, was er doch für ein Held ist. Frau und Freunde haben dann ein wissendes Grinsen im Gesicht. Jeder macht schließlich mal eine Erkältung durch und wer nicht vorbelastet ist oder sich unvernünftig benimmt, der übersteht sie. Lungenentzündungen und tödlich verlaufende Grippe sind natürlich eine andere Hausnummer. Aber auch sie gehören zur Menschheitsgeschichte und werden auch weiterhin dazugehören.

Freitagabend ein erstes Ziehen im Rücken und Schweiß auf der Stirn. Nein, es lief nicht „Lady Emanuelle“ im Fernsehen, sondern eine Tierdoku. Alles klar, da kommt was. War auch so: Die Nacht kaum geschlafen, leichtes Fieber, Schweißausbrüche, Kopf- und Gliederschmerzen, Husten, Nase voller Schnodder. Samstag wie ein Schluck Wasser auf der Couch gelegen und gefühlt, in jeden Schrank geschaut, ob da schon wie jedes Jahr der Tod lauert, aber nicht gefunden. Sonntag wurde es besser. Montag morgen sah ich aus wie der Tod auf Latschen, fühlte mich aber wesentlich besser, also Lappen vor das Gesicht und ab zur Arbeit. Wegen einer Erkältung habe ich mich noch nie krankschreiben lassen.

Selbstverständlich allen aus dem Wege gegangen und meinen täglichen Paria-Ungeimpften-Test gemacht. Natürlich war er positiv. Seitdem habe ich das volle Programm: Quarantäne natürlich und auf allen Nachrichtenkanälen treffen Genesungswünsche ein. Bei einigen von ihnen lese ich zwischen den Zeilen ein: hättest du dich doch bloß impfen lassen, andere lesen sich, als würde der Absender mich schon für tot halten.

Heute komme ich ein wenig zur Ruhe. Ich sitze auf dem Balkon, lass mir die Sonne auf den Bauch scheinen und tue das, was ich seit zweiundsechzig Jahren getan habe: Ich höre auf meinen Körper. Er erzählt eine Geschichte vom Leben. Davon, wie es ist, es zu genießen mit allen seinen Höhen, Tiefen und Risiken und davon, dass es einen Unterschied gibt zwischen leben und existieren. Irgendwann habe ich dann auch wieder ein stilles Grinsen im Gesicht. Wir sind uns mal wieder einig. Rückzug? Verstecken? Angst haben? Nix da!

Da war doch noch was … Ach ja, Corona. Also die Nase ist noch ein wenig verschnupft, Gliederschmerzen sind auch noch da, werden aber besser und der Rest macht sich gerade vom Acker.
Tatsächlich bin ich wohl dem Tod begegnet. Dem Tod der Vernunft, dem Tod der Eigenverantwortung, dem Tod des selbständigen Denkens. So besehen, werde ich dann wohl meinen Genesenenstatus zu Recht tragen: genesen von meiner Haltungsschwäche, mein Rückgrat ist wieder gerade und der Kopf erhoben.

„If“ – Rudyard Kipling
Übersetzung des Gedichtes „If“ von Rudyard Kipling aus dem Englischen ins Deutsche von Izzy Cartwell © 2009
Translation of Rudyard Kipling’s poem „If“ from English into German by Izzy Cartwell © 2009

Wenn du den Kopf behältst, falls sie dich rügen
Dafür, dass sie verlor’n ihr eig’nes Haupt,
Wenn alle zweifeln, lässt du dich nicht trügen,
Und gibst noch zu, ihr Zweifel sei erlaubt,

Wenn warten kannst du, ohne zu erlahmen,
Und Lug verdammst, auch wenn man dich belügt,
Wenn man dich hasst, du ablehnst, nachzuahmen,
Und wenn bescheid’ne Weisheit dir genügt,

Wenn deine kühnsten Träume dich nicht binden,
Wenn dein Gedanke nicht zum Selbstzweck wächst,
Wenn kannst du dich mit Sieg und Sturz abfinden,
Und beide Schwindler gleichermaßen deckst,

Wenn du erträgst das Wort, das du gesprochen,
Verzerrt vom Schuft, um Narr’n zu irritier’n,
Und einsteckst, wenn du siehst dein Werk zerbrochen,
Und baust es auf von vorn auf allen Vier’n,

Wenn du den ganzen Haufen an Gewinnen
Beim simplen Münzwurf zu verspiel’n riskierst,
Dabei bereit, von Null an zu beginnen,
Und nicht ein Wort über dein Pech verlierst,

Wenn Herz und Nerv und Sehne kannst du zwingen
Dir noch zu dienen, wenn sie längst verweht,
Damit du stehst, wenn Risse dich durchdringen,
Und bloß dein Wille ihnen vorschreibt: „Steht!“

Wenn du mit Sitte sprichst zu Menschenheeren,
Und vor dem König bleibst dem Volk loyal,
Wenn weder Feind noch Freund kann dich versehren,
Wenn man dich hoch schätzt, doch nicht kolossal,

Wenn du erfüllst die herzlose Minute
Mit tiefstem Sinn, empfange deinen Lohn:
Dein ist die Welt mit jedem Attribute,
Und mehr noch: dann bist du ein Mensch, mein Sohn!

 

Nachbemerkung: Dieser Text stellt meine Meinung über ein ausschließlich mich betreffendes Ereignis dar. Er leugnet weder die Tatsache, dass viele Menschen schwer unter Erkältungskrankheiten leiden oder sogar daran gestorben sind, noch verharmlost er deren Leid.