Creature

   Schließlich schüttelte er den Kopf über sich selbst und die Zufälle, die es gibt. Er schaute wieder auf das Buch in seiner Hand. Es war sehr alt, er hatte es, genau wie diese Hütte, von seinem Großvater geerbt und für einen Moment glaubte Hartwig wieder das meckernde Lachen des Alten zu hören, vor dem er sich als Kind gefürchtet hatte. Die Goldbuchstaben auf dem Einband waren verblichen, doch Hartwig brauchte sie nicht. Er kannte jede Zeile darin auswendig, denn als Kind hatte er es förmlich verschlungen. Und er hatte immer den weißen Wal geliebt und den verrückten Käpt’n Ahab gehasst. Etwas, ganz tief in seiner Seele, hatte immer den gequälten Moby Dick verstehen können.
   Wie immer, wenn er das Buch in die Hand genommen hatte, schlug er zuerst den rückseitigen Buchdeckel auf. Sein Großvater hatte in jedes Buch, das er gelesen hatte, etwas hineingekritzelt und hier hatte er geschrieben: „Der Mensch muss atmen, essen, trinken, schlafen und lieben. Nichts sonst. Alles andere ist Pipifax. In einem Schrank voller Geld fehlt uns die Luft zum Atmen, Gold füllt keinen Magen, gestillte Rache labt die dürstende Seele nicht und nur der Schlaf ist der Ort, an dem wir unseren dunklen Bruder als Freund umarmen.“
   Der Alte war ein Fischer gewesen, kein Philosoph und er war gestorben, hier in diesem Haus, drei Wochen nach seiner Frau. Er hatte sich hingelegt und war nie wieder aufgestanden. Einfach so.
   Das Gebälk über Hartwig ächzte unter dem Druck des zunehmenden Windes draußen, ein Dachsparren knackte – fast hörte es sich an, als böge er sich unter der Last langsamer, schwerer Schritte, und er blickte nach oben.
   Doch das Licht der Kerze neben ihm verlor sich irgendwo über ihm und er zuckte nach einigen Sekunden die Schultern. Die Fischerhütte war alt und baufällig und es wäre kein Wunder, wenn einer der nächsten Stürme sie ziemlich arg rupfen würde. In den uralten Balken feierten die Holzwürmer Partys und die Leitungsdrähte des Blitzableiters hielt nur noch der Rost zusammen.
   Jahr für Jahr war ins Land gezogen und er hatte die Renovierung weiter und weiter hinausgeschoben. Er hatte keine Zeit dafür gehabt und etwas wie ein Schuldgefühl kroch ihm den Nacken hoch. Als könnte die alte Kate es hören, sagte er plötzlich laut: „Entschuldigung. Ich kümmre mich nächstes Jahr um dich.“
   Im nächsten Moment schüttelte er den Kopf über sich selbst. Wie konnte er zu altem, wurmstichigen Holz sprechen? Es war von irgendwo ganz tief in ihm gekommen.
   Hartwig blickte auf das Buch auf seinen Knien, doch er sah es nicht wirklich. Die Studenten in Dortmund nannten Detlev „Kapitän Ahab“. Warum eigentlich? Und warum hatte Kapitän Ahab, nein Detlev, gesagt, dass er, Hartwig, ihm viel mehr ähneln würde?
   Welches Monster mochte in dem Mann gewohnt haben, dass es ihn zwingen konnte, sein Leben und das der Besatzung der Jagd nach einem Pottwal zu opfern? Hartwig stellte sich vor, wie Ahab wohl gewesen wäre, wenn er den Wal nicht hätte jagen müssen, wenn er stärker gewesen wäre als das, was in ihm gewütet hatte. Oder war Ahab wie er gewesen? Jemand, der nicht mehr von seinem Lebensweg abspringen konnte, weil er jede Alternative versperrt sah. Jemand, den seine eigenen Geister vorantrieben und der nur stumm schreien konnte, weil der Stolz es ihm verbot, Schwäche zuzugeben?