Creature

   Hartwig trat einen Schritt zur Seite. Er hatte sich gefangen und antwortete betont langsam und deutlich: „Nur weil wir ab und zu unter Kollegen ein Bier zusammen trinken, in unserem Ausweis in der Rubrik Wohnort ‚Schwerin‘ steht und wir damit hier die Quotenossis sind, ist das noch lange kein Grund, sich um die Vaterstelle bei mir zu bewerben. Kinder macht man anders, aber das kannst du ja nicht wissen.“
   Er machte noch einen Schritt zur Seite. Er wollte an Detlev vorbei zu seinem Wagen, doch der hielt ihn am Arm fest, richtete seine hinter den dicken Brillengläsern unnatürlich groß wirkenden Augen auf Hartwig und sagte ungerührt, als hätte er dessen Frechheit nicht bemerkt: „Du bist überarbeitet. Nimm dir mehr Zeit für dich und mach eine Pause. Ich kann dich nächste Woche gerne vertreten. Ich meine es nur gut mit dir.“
   Hartwig starrte auf die dunklen Haare auf dem Handrücken von Detlev, als könne er allein durch seinen Blick dessen Umklammerung lösen. Es half jedoch nicht und so riss er sich mit einem Ruck los und knurrte: „Daher weht der Wind also. Hast du da nicht die Personalpronomen verwechselt? Oder glaubst du wirklich, dass ich dir das abnehme? Du willst mich vertreten? Sag doch gleich, dass du meine Klasse und den nächsten Kurs haben willst!“
   Etwas blitzte in Detlevs Augen auf, er straffte sich, trat ganz dicht an Hartwig heran und erwiderte scharf: „Nur, weil du lauter als die Wölfe heulst, mit denen du jagst, wirst du noch lange nicht einer von ihnen. Uns waren einmal andere Dinge wichtig als Karriere und Geld. Hast du das schon vergessen? Was ist mit deinen Schülern? Sind sie für dich nur Treppenstufen, auf denen du vorankommst?“
   Hartwig verkniff seine Lippen und starrte dem Krüppel ins Gesicht, als könnte er ihn allein mit seinem wütenden Blick zum Verstummen bringen und tatsächlich winkte Detlev nach einem Moment des Schweigens ab und trat wieder einen Schritt zurück.
   „Ich will dir keine Moralpredigt halten, Hartwig. Vielleicht solltest du ab und an einmal zurückschauen, wer du einmal warst und was dir einmal wichtig war im Leben. Du treibst Raubbau mit deinem Körper und bist nicht mehr du selbst. Du kannst nicht jede Nacht das Material für den nächsten Tag vorbereiten und dann noch zehn Stunden unterrichten. Du bringst dich um damit. Und alles nur, um dir selbst zu beweisen, dass du so gut bist wie die, die hier Informatik studiert haben? Wozu? Wem außer dir ist das wichtig? Bleib wenigstens das Wochenende hier in Dortmund und fahr nicht nach Hause.“