Creature

   Wie jeden Morgen, so riss sich Hartwig auch am Samstag beim ersten Klingelton des Weckers mit aller Gewalt aus dem Bett. Er ignorierte das Hämmern in den Schläfen genauso wie die Schmerzen in seinem Körper, sprang noch einmal unter die Dusche und schrieb bereits wenige Minuten später bei seinem ersten Pott Kaffee und der zweiten Zigarette an seiner Vertragsabrechnung für die Institutsleitung.
   Damit fertig, bereitete er den Unterricht für den Montag vor. Es standen nur die Auswertung der Klausur mit seiner Klasse und dann noch vier Stunden Hardware auf dem Lehrplan; Ersteres würde ein Vergnügen werden, Letzteres hatte er bereits unterrichtet und konnte deshalb die Vorbereitung auf ein Minimum reduzieren. Vier Stunden, drei Pötte Kaffee und fünf Zigaretten später war er auch damit fertig.
   Es war kurz vor zwei Uhr am Nachmittag und sein Magen knurrte. Er warf noch einen Blick in seinen Terminkalender. Penibel überprüfte er, ob alles erledigt war und was noch anstand. Am Sonntagabend wollte Jessi ihren Dreißigsten in Wismar bei einem Essen mit ihm feiern, und wie er sie kannte, würde es nicht beim Essen bleiben. Das bedeutete, dass er Sonntagnacht direkt von Rostock nach Dortmund düsen musste. Bis dahin blieben ihm einunddreißig Stunden freie Zeit.
   Er klappte seinen Terminkalender zu, zündete sich die nächste Zigarette an und überlegte. Das Bett musste frisch bezogen werden, der Staubsauger lechzte wahrscheinlich auch nach Benutzung, er würde einkaufen müssen und dann könnte er auch einmal wieder ein Buch lesen. Oder er könnte sich einfach nur ins Bett legen, an nichts denken, und bis morgen durchschlafen. An nichts denken…
   Er blickte auf den Ascherest auf dem Tisch. Er war von der Zigarette abgefallen, gerade eben. Als wäre sie ein Fremdkörper, blickte er voller Erstaunen auf seine Hand. Sie zitterte. Das hatte sie noch nie getan. Fünfunddreißig Jahre lang hatte sie perfekt funktioniert.
   Hastig drückte er die Zigarette im Aschenbecher aus, sprang auf und lief ins Schlafzimmer. Dort packte er seinen Reisekoffer und schmiss auch noch ein paar Klamotten in einen Rucksack. Im Vorbeigehen griff er, ohne hinzusehen, nach irgendeiner Schwarte in seinem riesigen Bücherregal und warf sie den Sachen hinterher. Flüchtig schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er seit einem Jahr außer Fachbüchern kein einziges neues Buch mehr gekauft hatte, doch sofort vertrieb er ihn wieder.
   Er brauchte dringend Erholung und die dreißig Stunden, die er dafür hatte, würde er sich nicht nehmen lassen. Auch nicht von Gedanken, die er nicht denken wollte.
   Als flüchte er vor etwas, knallte er die Haustür hinter sich zu, warf die Taschen in den Wagen und machte sich auf den Weg ans Meer. Kein Seelenklempner, kein Krüppel mit Kirschbaumstock, sondern ein Samstagabend an der Ostsee. Siebzig Kilometer bis zur Küste. Einsamkeit, Natur und Meer und irgendein Buch bei Kerzenschein würden ihm den Kopf frei blasen.