Creature

   Börgerende-Rethwisch liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen Rostock und Wismar. In dem kleinen Ort an der Ostseeküste gibt es nur wenige Häuser, eine Verbindungsstraße, die am Deich entlang läuft, und einen Campingplatz. Er parkte seinen Wagen auf einem öffentlichen Parkplatz und drehte fünf Minuten später den Bartschlüssel in der Tür der alten Fischerkate, die er von seinem Großvater geerbt hatte.
   Der Rost hatte in seiner monatelangen Abwesenheit die Chance genutzt, sich in das Eisen des Schlosses zu fressen und er musste kräftig drücken, bis die Tür mit einem lauten Quietschen nachgab. Der Geruch von Moder, Fäulnis und Fisch schlug ihm entgegen und ein großes Spinnennetz mit einem schwarzen Punkt in der Mitte im Türrahmen versperrte ihm den Weg. Staub rieselte aus der niedrigen Decke auf seinen Anorak und erinnerte ihn daran, die Renovierung der Hütte nicht mehr allzu lange hinauszuschieben.
   Er warf seinen Rucksack auf den Tisch, riss mit Mühe die Fenster auf, deren Rahmen sich verzogen hatten, und warf einen Blick hinaus. Am Himmel zogen bleigraue Wolken dahin, die Bäuche bis zum Bersten gefüllt mit Wasser, Vorboten des Herbststurms, für den der Wetterdienst eine Warnung für die ganze Ostseeküste herausgegeben hatte.
   Etwas in Hartwig lachte. Er war hier aufgewachsen, mit Wind und Wetter, jeder Sturm war wie ein Bruder für ihn. Er ließ alles stehen und liegen und lief zum Wasser. Die Herbsturlauber waren vor dem herannahenden Sturm geflohen und so gehörte ihm der Strand allein. Niemand kannte ihn hier, keiner sah ihn und plötzlich fiel alles ab von ihm. Der Wind stemmte sich ihm entgegen, aber er lachte ihn aus. Er trabte durch den Sand, sog mit tiefen Atemzügen die salzige Meeresluft ein und tobte mit ausgebreiteten Armen die Dünen hinauf und hinunter. Wie ein übermütiges Kind rannte er in die Wellen, dass das Wasser nach allen Seiten spritzte, und schrie das Leben hinaus in die Böen. Der Endorphinschwall in seinem Blut trieb ihm Tränen in die Augen, sie liefen ihm über das Gesicht und mischten sich mit dem salzigen Wasser der Ostsee.
   Eine Stunde danach hängte er, müde vom Lauf gegen den immer mehr zunehmenden Wind und das Gesicht nass von Schweiß, Tränen und der Brandungsgischt, seinen Anorak an einen Haken im Flur der Hütte, erschöpft, aber bis zum Bersten gefüllt mit Glückshormonen.
   Eine aus der Not geborene kalte Dusche und zwei Heringe mit Schwarzbrot später ließ er sich in einen mottenzerfressenen Sessel fallen, zündete eine große Kerze an und fischte in seinem Rucksack nach dem Buch, dass er aus Schwerin mitgebracht hatte. Er hatte endlich einmal wieder Lust, zu lesen und war neugierig darauf, was ihn der Zufall hatte wählen lassen.
   Seine Hand fasste etwas Hartes, er zog es heraus, warf einen Blick auf den Einband – und erstarrte. Mit einem Schlag verschwand das überwältigende Glücksgefühl, das ihn bis eben noch überschwemmt hätte, als wäre es nie da gewesen und Hartwig hatte plötzlich das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Er blickte mit verkniffenen Augen ins Halbdunkel, obwohl er wusste, dass niemand außer ihm hier war.