Teil I – Mondfischer

Teil 1 – Mondfischer

 

 

Die Wahrheit ist nicht das, was ihr wollt, dass sie ist.
Sie ist das, was sie ist und ihr müsst euch ihrer
Macht beugen oder eine Lüge leben.

Miyamoto Musashi

 

 

Kapitel 1

Gott hat die Menschen geschaffen, ihn anzubeten. Obrigkeit, Kirche und Krieg, sie immer daran zu erinnern und die Hölle, auf dass die Seelen jener, die den Kopf nicht beugen wollen, in ihrem Feuer ewige Pein erleiden. So macht man es die Leute glauben, und nichts davon ist wahr. Die Hölle ist nicht heiß, sondern kalt; so sehr, dass eine arme Seele, die sich dahin verirrt, nicht abgefackelt, sondern schockgefrostet wird. Dieses Reich der Verdammnis existierte lange, bevor es auf der Erde jemanden gab, der genug Hirn gehabt hätte, an einen Herrn über ihm zu glauben. Es ist die Antarktis und Robert Falcon Scott schrieb über sie in sein Tagebuch: „Großer Gott! dies ist ein schrecklicher Ort.“
Sechs Monate im Jahr ist es hier so finster wie im Herzen eines Kredithais, Stürme wie nirgendwo sonst rasen über ihren kilometerhohen Eispanzer und die Temperaturen fallen in Bereiche, in denen ein Alkoholthermometer einfach nur zerplatzt. Schützt du dich vor der Kälte, schickt sie einen Blizzard; gehst du vor dem Sturm in Deckung, reißt sie das Eis unter deinen Füßen auf; stehst du auf festem Grund, rollt sie häusergroße Felsen heran und hast du das alles überlebt, spielt der Kompass verrückt und du findest den Weg zurück nicht mehr. Ganz so, als würde ein tückischer Verstand hinter all dem stecken. Vielleicht ist es auch so. Der sechste Kontinent ist nicht so tot, wie er scheint.
Scott war auf dem Rückmarsch vom Südpol, hatte schon das Basislager vor Augen, als sie ein letztes Mal zuschlug und einen Schneesturm schickte. Er erfror, nur ganze achtzehn Kilometer von der Rettung entfernt. Sie verzeiht keine Fehler und zu glauben, sie besiegt zu haben, ist einer. Keine Nacht lässt sie mich schlafen, ich höre ihren Ruf wie Odysseus den Gesang der Sirenen. Sie will eine neue Chance, mich umzubringen und irgendwann werde ich sie ihr geben. Von Angesicht zu Angesicht.
Ich schlug das Tagebuch von Thore Wejndahl zu. Mehr stand nicht darin. Zu seiner letzten Reise hatte er es nicht mehr mitgenommen. Was auf seiner vorletzten Expedition geschehen war, hatte ihn gebrochen, auch wenn er es geschickt vor allen versteckt hatte. Ich war nie in der Antarktis gewesen und kannte sie nicht, dafür aber die Menschen, mit denen er nicht mehr zurechtgekommen war. Sie waren zivilisatorische Weicheier geworden, hilflos, wenn sie der Natur ohne Technik gegenüberstanden; kommunikations- und gefühlsunfähig ohne ihre Smartphones mit Rechtschreibprüfung und Smileys; und krank, wenn sie bei einer Überlandfahrt einen Atemzug ohne Pollenfilter machen mussten. Wenn solche Leute auf die Urkräfte der Natur trafen, sahen sie überall Heimtücke und einen Verstand, der sich gegen sie wehrte.
Ich fragte mich, ob es überall so war. Vor ein paar Jahren hatte Rachmantikow die Existenz paralleler Universen bewiesen. Seitdem war das Multiversum keine bloße Theorie mehr, sondern eine feststehende Tatsache. Möglich, dass auf einer dieser unendlich vielen Erden die Antarktis ein blühender Garten Eden war und die Menschen gelernt hatten, im Einklang mit der Natur zu leben, statt sie zu zerstören. Oder Schwerin keine Millionenstadt, sondern nur ein Provinznest. Was ziemlich schwer vorstellbar war. Meine Heimatstadt war zwar nicht das Zentrum des Universums, aber sie quoll aus allen Nähten und wohin ich auch schaute, überall wuchsen neue Häuser so schnell empor wie Birkenschösslinge zwischen verlassenen Bahngleisen.
Irgendwo fiel leise eine Tür ins Schloss. Es war kurz vor zwei in der Nacht, wahrscheinlich lösten sich die Schwestern gerade ab und ich sollte wohl besser nach Hause gehen, meine Gedanken machten ohnehin Bocksprünge. Noch einen Kaffee zum Mitnehmen. Ich stand auf, reckte mich und ging durch das Halbdunkel im Saal zum Automaten. Der Becher fiel in die Halterung und leise zischte das kochende Wasser in der Maschine; der Ausgabearm fuhr heraus, ich nahm den Becher, stellte mich ans Fenster und blickte über den nachtdunklen Schweriner See. Diese Welt da draußen kannte ich. In ihr lebten Menschen, die liebten und hassten; manchmal auch zornig wurden oder dumme Dinge taten; die gesund oder krank waren, arm oder reich, jung oder alt. Dass es noch eine andere gab, in der Menschen kalten Herzens das Blut von Ihresgleichen vergossen, hatte ich lange nicht wahrhaben wollen. Bis ich ihnen begegnet war. Sie sahen sich selbst weder als grausam noch brutal und der Unterschied zwischen dem Fällen eines Baumes und dem Töten eines Widersachers bestand für sie nur in der Wahl des richtigen Werkzeugs und in der Höhe der Summe, die sie dafür bezahlen mussten.
„Werden sie Svensson besuchen?“, hatte Borg mich heute Nachmittag gefragt.
„Ich denke nein“, hatte ich geantwortet. „Ein alter Arzt, der einen halbtoten Mann besucht, der den ganzen Tag andere tote Männer mit den Köpfen von Ungeheuern zeichnet. Sogar Sie, obwohl Sie sagen, dass sie sein bester Freund waren. Das passt nicht. Einer Frau liegt so etwas mehr. Er hat auch Engel gemalt. Dann soll ihn auch einer besuchen.“
Als hätte ich ihm das Wetter von Morgen erzählt, hatte Borg nur genickt, ohne eine Miene zu verziehen. Innerlich war er wahrscheinlich vor Freude im Dreieck gesprungen. „Morgen Nachmittag kann sie zu ihm. Ich werde auf sie warten.“
Natürlich würde er das. Er würde dem Engel die Flügel ausreißen und nur Christian Svensson hätte es verhindern können. Doch der hatte eine Kugel im Rückgrat, war querschnittsgelähmt; nur noch den Kopf und den rechten Arm konnte er bewegen und jede Sekunde seiner letzten Atemzüge wurde überwacht. Der Löwe in Ketten, um dessentwillen seine Gefährtin in die Falle ging. Ihr Wissen preiszugeben oder zu sterben waren die beiden einzigen Wege, die Borg ihnen dann noch lassen würde.
Ich riss mich aus meinen Gedanken, hinterließ der Nachtschwester noch ein paar Zeilen und machte mich auf den Weg zu meinem Wagen. Wolken zogen vor den Mond, als ich aus der Tür trat. Die Leuchtstreifen im Gehweg erhöhten sanft ihre Lichtintensität und die schiefe Sommerlinde, unter der ich immer meinen Wagen parkte, wies mir mit ihrem Duft den Weg. Jemand hatte vor langer Zeit ein Herz und einen Pfeil, der es durchbohrte, in ihre Borke gekratzt. Im Laufe der Jahre war die Rinde vernarbt und das Organ sah aus, als sei es aufgequollen und an der Stelle, an der es der Pfeil getroffen hatte, in zwei Teile zerbrochen. Sein krankes Herz hielt den schiefen Baum nicht davon ab, zu blühen und die Pollen machten aus der lauen Nacht ein Sinnesfeuerwerk. Wie der sanfte Abschiedskuss einer Geliebten – tief atmete ich ihn ein und wieder fragte ich mich, auf welchen krummen Pfaden meine Gedanken heute Nacht unterwegs waren.
Vor über vierzig Jahren war ich Svensson das erste Mal begegnet. Damals hieß er noch Oldenburg und war ein Steppke von gerade mal elf Jahren gewesen; ein ziemlich dickköpfiger, der schon damals eine recht genaue Vorstellung von der Welt und seiner Rolle hatte, die er darin spielen wollte. Ich war der Ringarzt bei seinem erstem Boxkampf gewesen. Er hatte ihn nicht gewollt, er hatte überhaupt nicht kämpfen wollen, doch sein Vater war anderer Meinung gewesen. Aus Vätermeinungen erwachsen Konsequenzen, zumindest für deren Kinder, und deshalb hatte Christian beim Schweriner Sportclub „Traktor“ geboxt.
Obwohl sein Gegner einen Kopf größer und mit einer längeren Reichweite ausgestattet war, hielt sich Christian gut; brachte immer rechtzeitig genug die Deckung zwischen sich und seinen Gegner und kassierte keine ernsthaften Treffer. Doch wenn er selbst hätte schlagen und treffen können, tat er es nicht. In der Pause musste er eine Standpauke des Trainers über sich ergehen lassen und deckte in der zweiten Runde seinen Gegner so mit Schlägen ein, dass der nur noch reagieren konnte; nagelte ihn in einer Ecke fest, und wenn er ihn wieder herausließ, dann nur, um ihn weiter durch den Ring zu prügeln. Kurz vor Ende der Runde blieb Christian plötzlich stehen, blickte seinem Vater neben dem Ring in die Augen und nahm, exakt in dem Moment, als eine fürchterliche Gerade auf sein Kinn zuraste, die Fäuste herunter.
Das war meine erste Begegnung mit Svensson gewesen und ich habe sie nie vergessen können. Fünfzehn Jahre später ließ ihn das Schicksal auf Joanna treffen und genau so gut hätte es auch eine Kernwaffe über seinem Kopf zünden können. Im Moment seines größten Glücks wurde er ohne jede Hoffnung in die Hölle gestoßen und auch wenn Joanna ihm gesagt hatte, dass sie am Ausgang auf ihn wartete, konnte er das damals noch gar nicht verstehen. Niemand hätte das gekonnt, nicht nachdem, was dann geschah.
Alles danach hat mit diesem Niederschlag in der nach Schweiß stinkenden Boxhalle seinen Anfang genommen, in der ein elfjährige Junge einen Kampf verloren, aber eine Schlacht gewonnen hatte.
Die Puzzlesteine seines Lebens habe ich selbst zusammengetragen und wo noch weiße Stellen im Bild waren, hat sie meine Phantasie ausgefüllt. Es ist nicht wichtig, ob es so genau stimmt. Wichtig ist nur, dass irgendwo in Christiana Svensson noch dieser trotzige kleine Junge lebt und ihn den unmöglichen dritten Weg zwischen Tod und Verrat finden lässt.
Kinder können das.

 

 

Kapitel 2

Genau wie Christian Oldenburg war auch Ruud Ängström einmal ein kleiner Junge gewesen mit Träumen und Hoffnungen. Sein Vater Bengt Ängström hatte andere. Er war das, was man einen Selfmademillionär nennt. Mit eiserner Disziplin, unbändigem Willen und einem Maximum an Rücksichtslosigkeit hatte er sich emporgearbeitet und, als das Nest fertig gewesen war, eine Frau zum Vorzeigen geheiratet und mit ihr einen Sohn gezeugt, der gefälligst in die Fußtapfen des Vaters zu treten hatte.
So hatte Ruud zwar eine finanziell sorglose Kindheit, „glücklich“ nannte er sie jedoch nie. Bis sein Vater Marit Raikkaanen in sein Leben stieß. „Du lernst mir in der Schule nicht gut genug“, sagte er, als er sie ihm vorstellte. „Sie bekommt die Wohnung unter dem Dach und wird dich abends unterrichten. Alles, was sie dir beibringen soll, habe ich abgesegnet. Sie kostet mich einen Haufen Geld, also sieh zu, dass sich die Investition lohnt.“
Sie war fünfundzwanzig und den Dämon hinter ihrem hübschen Gesicht sah Ruud nicht. Noch nicht. Wenn sie sprach, tat sie es deutlich und akzentuiert, ohne eine einzige Endung zu verschlucken; mit gekonntem Heben und Senken an den richtigen Stellen und Vibrationen in den Untertönen. Die Pubertät machte ihn wehrlos gegen das, was ihre Stimme in ihm anrichtete und natürlich verliebte er sich in sie. Sie tat so, als bemerkte sie es nicht. Stets war sie gleichmäßig freundlich zu ihm; trug nie etwas anderes als Hosen und hochgeschlossene Blusen und nie ließ sie zu, dass er sie anders als mit „Sie“ ansprach. Bis zu dem Tag, an dem sie, als er seine Bücher zuklappte und gehen wollte, sagte: „Wir sind noch nicht fertig.“
Sie fragte nicht, sie nahm sich den Vierzehnjährigen einfach; ließ sich von ihm erst auf dem dicken Teppich lieben und dann, als er wieder zu Atem gekommen war, noch einmal in ihrem Bett. Als er sich schließlich verschämt und mit vor Erschöpfung zitternden Knien davonstehlen wollte, sagte sie: „Bleib. Ich will mit dir frühstücken. Hier in meinem Bett. Ab jetzt jeden Tag.“
Und so geschah es. Sie ließ es sich auch nicht nehmen, am nächsten Morgen nach dem Frühstück mit ihm zusammen die Treppe von ihrem Zimmer im Dachgeschoss herab zugehen. Im Angesicht seines Vaters küsste sie ihn auf den Mund. „Geh. Ich warte heute Abend auf dich.“
Knallrot ging Ruud aus dem Haus, bevor er den Wutanfall seines Vaters abbekam. Doch Bengt Ängström lachte nur und sagte zu Marit: „Drei Monate? Ich hatte nicht gedacht, dass du dich so lange zurückhalten kannst.“
Ihre Antwort hörte Ruud nicht mehr. Die hinter ihm zufallende Haustür verschluckte sie.
Am Abend setzte sie freundlich und kühl wie immer den Unterricht mit Ruud fort, ließ sich seine Aufzeichnungen zeigen, schüttelte hier und da den Kopf und diskutierte mit ihm, als hätte es die Nacht zuvor nichts zwischen ihnen gegeben. Unkonzentriert folgte der Junge ihren Ausführungen, gab falsche Antworten und war nicht bei der Sache. Zu sehnsüchtig wartete er auf den Moment, an dem er seine Bücher zuklappen konnte und sie die Kerzen anzündete. Dass er nicht kam, hatte er sich selbst zuzuschreiben und auch das war Teil ihres Unterrichts.
„Du bist ein junger reicher Schnösel. Du weißt nicht, wie Hunger beißt; wie Kälte brennen kann und wie es sich anfühlt, verletzt zu werden. All das hält dein Vater von dir fern. Das Leben vergibt keine Noten, auf die du sowieso pfeifst. Es hat einfach nur Konsequenzen wie jetzt, wenn man etwas falsch macht“, sagte sie und schickte ihn in sein Zimmer. „Komm wieder, wenn du weißt, was es war.“
Das war die erste Lektion, die sie ihm beibrachte. Sie ließ weitere dieser Art folgen und statt Zensuren für seine Lernleistungen vergab sie das Recht auf ein Frühstück im Bett mit ihr. Ruud war nicht dumm genug, um nicht zu verstehen, was ihre wirkliche Aufgabe war. Das glaubte er zumindest und seine Leistungen in der Schule explodierten geradezu. In den nächsten dreieinhalb Jahren hatte Marit nur noch selten Grund, ihm die Nacht mit ihr und das Frühstück danach zu verweigern. Bis zum Morgen seines achtzehnten Geburtstags.
Nackt kam sie aus der Dusche und sah sofort das aufgeklappte Kästchen mit dem Ring darin auf ihrem Kopfkissen. Sie lachte laut. „Nette Idee. Aber danke, nein“, und zog einen Nylonstrumpf über ein langes und perfekt geformtes Bein. „Du würdest nicht glücklich mit mir werden. Ich mit dir auch nicht. Geld verdirbt den Charakter und als ich kam, hatte es seine Arbeit bei dir schon erledigt.“
Sie griff nach dem zweiten Strumpf und sagte kühl und freundlich, als wäre wieder Unterrichtszeit: „Für jedes Jahr, das ich mit dir ausgehalten habe, hat mir dein Vater zweihundertfünfzigtausend Kronen ausgezahlt. Dafür, dass ich es dir genau jetzt sage, noch einmal eine halbe Million. Die meisten meiner Kunden waren weniger spendabel.“
Sie streifte Kleid und Mantel über. „Dafür hatte ich mit ihnen auch weniger Spaß. Dein einziger Pluspunkt. Vielleicht tröstet es dich, dass es die bitterste Lektion ist, die du je lernen musst. Das Geld deines Vaters schützt dich vor allem anderen.“
Sie gab ihm nicht einmal mehr einen Abschiedskuss, ging einfach zur Tür und nickte den beiden Leibwächtern draußen zu, die Bengt Ängström vor ein paar Minuten hochbeordert hatte. „Dann passt mal gut auf ihn auf.“

Ruud brauchte ein Jahr, um ihre letzte Lektion zu verarbeiten, und es waren seine Leibwächter, die ihn in dieser Zeit vor sich selbst schützten. Erst an seinem neunzehnten Geburtstag sprach er wieder mit seinem Vater und das Lächeln, hinter dem er seinen tiefen Hass auf ihn und Frauen verbarg, ähnelte dem von Marit.
Bengt Ängström war zufrieden. Dass Ruud an diesem Abend mit einem Mädchen vom Hauspersonal in der Besenkammer ein bisschen mehr Spaß hatte, als ihr lieb war, störte den alten Reeder nicht. Es war ein Kollateralschaden, den er so oder ähnlich erwartet hatte. Er bezahlte die Krankenhausrechnungen des Mädchens, stopfte der Geschundenen und ihren Eltern mit genügend Geld den Mund und nahm die weitere Ausbildung seines Sohnes selbst in die Hand. Alles, was er sich über Wirtschaft, Geld und Macht beigebracht hatte, gab er an ihn weiter: Dass es für jede Aufgabe das richtige Werkzeug gab; dass Prostitution nur wenig mit Sex zu tun hatte, die teuersten Huren nicht auf der Straße standen, sondern in Redaktionsstuben von Zeitungen und Regierungssälen herumlungerten und Männer waren oder zumindest so aussahen; was man tun musste, damit sie die Beine breitmachten; wie man sie dazwischen bei den Eiern packte und wie man verhinderte, dass einem das gleiche geschah.
Viel Zeit blieb dem alten Ängström dazu nicht mehr. Ein paar Jahre später wollte er sich während einer Party seines Sohnes ein paar Minuten im Park erholen. Niemand hörte den Schuss, der ihn aus nächster Nähe ins Herz traf. Von dem Täter fehlte jede Spur und die beiden jungen Beamten der Osloer Mordkommission, Ryland Mikkelsen und Olaf Wielander, legten den Fall nach einem halben Jahr unerledigt zu den Akten.
Ruud erbte von seinem Vater nicht nur die Hochseeflotte und die Werften, sondern auch dessen politische Beziehungen und diejenigen, die nach dem Tod des alten Bengt auch seinem übermächtigen Druck entkommen zu sein glaubten, belehrte er schnell eines Besseren. Ruud Ängström hatte seine Lektionen gelernt. Er war im Big Business angekommen.
Doch angekommen zu sein, reichte ihm nicht. Deshalb besuchte er fast zum gleichen Zeitpunkt, als Christian Oldenburg in Schwerin auf die Bretter der Boxhalle krachte, im Sommer 1981 in Oslo Thore Wejndahl. Ängström wedelte mit seinem Handschuh imaginäre Staubfussel von der Sitzfläche des Sessels, den Thore ihm angeboten hatte und sagte mit einem dünnen Lächeln: „Sie sollten Ihrer Haushälterin kündigen. Wenn sie möchten, kann ich Ihnen gerne eine Neue empfehlen.“
Deutlich sichtbar begannen die Adern an Thores Hals zu pulsieren. Er war ein Hüne mit breiten Schultern, markantem Kinn und weit auseinanderstehenden, kobaltblauen Augen. Wie jetzt auch kniff er sie meistens halb zusammen, um sie vor der Lichtreflexion auf dem gleißenden Schnee in der Antarktis zu schützen. Dass es in seinem Kaminzimmer eher selten schneite, tat dem Reflex keinen Abbruch. Allerdings konnte es auch gut an Ruud Ängström und dem unscheinbaren Johannes Hakonsen liegen, den Ängström nicht einmal vorgestellt hatte. Er hatte weder vorher angerufen noch eine Nachricht geschickt.
Thore fragte: „Sie sind von der Arbeitsvermittlung?“
Ängströms Lächeln wurde breiter. „Sagen wir – ich stelle Kontakte her. Sie sind in den letzten Jahren ein bisschen …“ Er schlug ein Bein über das andere, zog den Stoff der Anzughose über dem Knie ein Stück hoch und sprach dann weiter: „… unter die Räder gekommen. Nicht jedem liegt das Leben in einer so großen Stadt. Es ist eine Wolfshöhle für Raubtiere auf zwei Beinen und Sie werden hier untergehen, wenn Sie nicht bald wieder in Ihre Gefilde zurückkehren. Ihr Revier ist die große unberührte Weite, dort sind Sie zu Hause, dort kennen Sie sich aus. Das ist es, was Ihnen fehlt und natürlich keine Haushälterin. Ich bezahle das Ticket dorthin für Sie.“
„Ein Arbeitsvermittler von der Heilsarmee“, sagte Thore.
Der bleistiftdünne Schnurrbart über den schmalen Lippen Ängströms zitterte einen Moment. Doch seine Stimme verlor nichts von ihrer Freundlichkeit. „Sehen Sie, die Antarktis ist eine der letzten Herausforderungen der Menschheit, ein wildes, ein weites Land. Wer es einmal gesehen hat, den lässt es nie mehr los, sagt man. Sie wissen, wovon ich spreche. Doch sie gibt sich nicht so einfach geschlagen. Millionen Tonnen Edelmetalle und Milliarden Barrel Rohöl warten nur darauf, von mutigen Leuten wie Sie entdeckt und für uns alle nutzbar gemacht zu werden. Wer das schaffen will, braucht neben einer gewissen Skrupellosigkeit gegenüber Politikern, falschen Weltrettern und was es noch alles von dem Gesocks gibt, vor allem Geld, und zwar jede Menge; motivierte und gute Leute; ausreichend Zeit für ihr Training; mindestens ein Schiff; eine perfekte Logistik und eine exakte Planung für jede Etappe. Das alles habe ich oder kann es organisieren, aber ich weiß auch, dass es zum Schluss immer nur auf einen Mann ankommt – den, der die Expedition ans Ziel und vor allem wieder zurückbringt. Den Mann, der diese Investitionen erst lohnenswert macht. Jemanden wie Sie. Fünfhunderttausend Dollar ist mir das wert. Immerhin kennen Sie den Weg und sind ihn schon für weniger gegangen. Für viel weniger. Und was hat es ihnen eingebracht?“
„Einen Arbeitsvermittler von der Heilsarmee, der sich gerne reden hört.“
Das Lächeln auf Ängströms Gesicht trocknete aus. „Vorsichtig, ja? Ihr Ruhm wischt keinen Dreck ab, Wejndahl. Wenn man nur genug Mist draufpackt, bleibt er auch kleben. Wie den von ihrer letzten Expedition zum Beispiel.“
„Sie marschieren gerade in ein Minenfeld.“
Ängström hob seine Hand und auch sein Lächeln kehrte zurück. Er hatte einen Treffer gelandet und er wusste es. „Mein lieber Freund, ich weiß, dass Sie nicht schuld waren an dem Desaster. Ich weiß es und alle anderen auch. Olsbue hat mit viel Geld Ihren Ruf unter einem Haufen Lügen begraben und wir drei hier wissen, warum er das gemacht hat, oder? Ich kann das regeln, ist nicht so schwierig, wie Sie vielleicht denken. Als Erfolgsprämie.“
„Den Mann können Sie nicht kaufen.“
„Man kann jeden zum Schweigen bringen. Auch Marten Olsbue. Auf die eine oder die andere Art. Unter der Voraussetzung, dass Sie eine Expedition zum Mount Kirkpatrick führen und sie auch wieder zurückbringen. Können Sie das?“ Ängström legte eine Luftbildaufnahme auf den Tisch.
„Vermutlich schon.“
„So fangen alle Katastrophen an. Mit einer dämlichen Vermutung. Sie haben sich das Bild noch nicht einmal angesehen.“
„Und Sie mir nicht gesagt, was Sie da wollen.“
Sie waren ein gutes Team. Ängström warf Hakonsen nur einen kurzen Blick zu und der legte ein silberweißes, unregelmäßig geformtes Stück Metall neben das Foto. Es war nicht größer als eine Zigarettenschachtel. Er sagte: „Elementares Titan, Rohstoff der Zukunft. Überall auf der Erde sucht man danach, ohne es in abbauwürdiger Größenordnung zu finden. So etwas existiert nur in der Theorie. Wir sind einem solchen Vorkommen auf der Spur. Diese Probe hat mein Vater vor zwanzig Jahren von einer Expedition mitgebracht.“
„Er hatte auch ein paar Leichensäcke dabeigehabt, als er zurückkam.“
„Sie kannten ihn?“
„Ich kenne die Antarktis.“
Mit einem leisen Knall zersprang eines der Holzscheite im Kamin. Eine rote Flamme züngelte aus den Bruchstücken empor und der Metallklumpen aus der Kältehölle warf Lichtreflexe an die Wand, genau auf einen Stahlstich über dem Kamin. Ein alter Dampfsegler kämpfte sich darauf durch eine bleigraue, hoch wogende See. Das Schiff war angeschlagen und es sah so aus, als würde es seine letzte Reise sein.
Mit schlanken Fingern trommelte Ängström auf die Tischplatte. „Sehr gesprächig sind Sie nicht.“
„Schlechte Angewohnheit. Wo Sie mich hinschicken wollen, herrschen um die minus vierzig Grad. Wenn es warm ist. Bei jedem Wort saugt die Kälte das aus, was einen da draußen am Leben erhält: Energie und Wärme.“
„Wir sind in Oslo.“
„Ist manchmal auch eine Frage der Gesellschaft.“
„Sie sind sehr direkt.“
„Sagte die Titanic zum Eisberg.“
Eine steile Falte erschien zwischen den Augenbrauen des Reeders und Thore lehnte sich zurück. Er wartete auf das, womit sie als Nächstes kommen würden. Der Antarktissperrvertrag verbot jede kommerzielle Suche und den Abbau von Bodenschätzen. Selbst wenn es ihn nicht gegeben hätte, konnte keiner tausende Tonnen Technik für eine Titanmine durch das Transantarktische Gebirge transportieren und das gewonnene Erz wieder zurück; Bergbaumaschinen funktionierten bei Minus sechzig Grad nicht, weil jedes Schmiermittel gefror und es gab auch kein Wasser am Mount Kirkpatrick, das für eine Mine und die Versorgung der Arbeiter notwendig war. Und dann waren da noch die katabatischen Stürme. Sie gab es nur in der Antarktis im Gebirge, nirgendwo sonst. Man sah sie nicht kommen, nichts kündigte sie an. Fallwinde, mehr als dreihundert Kilometer pro Stunde schnell; unaufhaltsam und alles vernichtend, was ihnen im Weg war. Ein paar Expeditionszelte oder Bergbaumaschinen waren für so ein Monster nicht mehr als ein Appetithappen. Niemand konnte dort, wo Ängström ihn hinschicken wollte, unter solchen Bedingungen arbeiten. Er belog ihn und Thore wusste es.
„Schade. Es hätte vieles vereinfacht.“ Der Reeder griff nach dem Titanklumpen und drehte ihn einen Moment im Licht vor seinen Augen. „Er stammt tatsächlich von da. Vielleicht ein Nebenprodukt. Wer weiß?“
Nach einem kurzen Blick auf Hakonsen und dessen fast unmerklichem Nicken steckte er ihn in seine Manteltasche. „Ich hätte es mir denken können. Sie kennen sich zu gut aus da.“
Er lehnte sich zurück und legte die Fingerspitzen seiner Hände gegeneinander. „Also die Wahrheit. Sie werden verzeihen, dass ich dazu ein wenig ausholen muss. Die Energieversorgung der Erde hängt am Öl; Atomspaltung ist dreckig und hat deswegen einen schlechten Ruf; alle anderen Energiequellen reichen weder für die jetzige Mobilität und schon gar nicht für die in zwanzig Jahren. Elektroflugzeuge wird es niemals geben; Hunderttausendtonnenschiffe mit Solarzellen erst recht nicht und Panzer, ohne die keine moderne Armee auskommt, sehen hässlich aus mit einem Windrad auf dem Geschützturm. Also werden in spätestens fünfzig Jahren die Lichter ausgehen auf der Kugel, und zwar endgültig. Wenn nicht schon viel früher, weil der jetzt noch einigermaßen verdeckte Kampf ums Öl dann offen ausgetragen werden wird. Nur noch die großen Länder werden überleben; reißen sich mit ihren Armeen das schwarze Gold unter den Nagel und kleinere Länder werden einfach ausradiert oder man bringt Marionetten an die Macht, wenn sie unglücklicherweise auf Öl sitzen. Um das vorauszusehen, muss man kein Prophet sein, nur ein funktionierendes Gehirn haben und darf sich das natürlich nicht von Zeitungen verkleistern lassen. Alternativen sind nicht in Sicht und die Beherrschung der Kernfusion braucht mindestens noch hundert Jahre. Also werden wir sie nie haben, weil wir in spätestens fünfzig Jahren schon wieder in der Steinzeit leben. Entweder, weil uns ein Weltkrieg um das letzte Öl dahin gebracht hat – was sehr wahrscheinlich ist – oder wir keine Energie mehr haben und die Erde ein Müllhaufen ist, der keine zehn Milliarden Menschen und tausend Billiardäre ernähren kann. Deshalb wird jeder, der eine zündende Idee in dieser Richtung hat, erst in Gold aufgewogen und dann umgebracht oder weggeschlossen, weil sich die Big Player das geschäft nicht versauen lassen wollen. Es sei denn, er bleibt unter dem Radar wie ein gewisser Johannes Hakonsen hier neben mir. Er hört es nicht gerne, aber er ist ein Genie und einem Phänomen unter der Antarktis auf der Spur, das alle diese Probleme lösen könnte. Er sagt, dass sich dort Energien verstecken, die, wenn wir sie beherrschen lernen, einen Sprung ins nächste technologische Jahrhundert ermöglichen könnten und ich glaube ihm. Vier Jahre habe ich unter absoluter Geheimhaltung in seine Forschungsarbeit investiert und ich will nicht, dass andere die Lorbeeren ernten, die ich bezahlt habe. Deshalb muss ich erst wissen, dass Sie mit an Bord sind, bevor ich mehr sage. Also – kann ich auf Sie zählen?“
Thore rührte sich nicht. Tief in Gedanken versunken blickte er auf das Bild mit dem kämpfenden Schiff. Ängström stand auf. Lässig legte er sich seinen Mantel über die Schulter und warf seine Visitenkarte auf den Tisch. „War wohl ein bisschen viel auf einmal für Sie. Ich verstehe, dass Sie Bedenkzeit brauchen. Die Expedition wird kein Zuckerschlecken. Erst recht nicht, weil alle Vorbereitungen unter Ausschluss nicht nur der Öffentlichkeit, sondern aller Leute stattfinden müssen. Aber lassen Sie mich nicht zu lange warten, auf meiner Liste stehen noch andere, nicht viel schlechter, als Sie es einmal waren und ich habe nur ein Ticket zu vergeben. Und bevor ich es vergesse – sollten Sie ablehnen, hat dieses Gespräch natürlich nie stattgefunden. Reden Sie nicht darüber. Ich würde es erfahren und es würde mich nicht zu einem freundlichen Menschen machen. Auf die eine oder die andere Art. Guten Tag, Herr Wejndahl.“
Er eilte hinaus und auch Johannes Hakonsen erhob sich. „Sie sollten sein Angebot wirklich annehmen. Ein Besseres wird er nicht machen.“
Thore sah ihn nicht einmal an und kopfschüttelnd eilte der Geologe Ängström hinterher. Kaum saß er im Fond des Bentley, fuhr der Wagen an. Schnell und geschickt fädelte der Fahrer ihn in den Freitagnachmittagsverkehr ein. „Das ist nicht so gelaufen, wie wir es wollten“, sagte Hakonsen.
Ruud sah aus dem Fenster auf die vorbeigleitenden Schaufenster der Luxusläden. „Es war perfekt.“
„Aber er hat abgelehnt.“
Der Reeder drehte sich zu Johannes und warf ihm eine weiße Aktenmappe auf den Schoß. „Du solltest dich ab und zu auch darum kümmern, was andere Menschen wollen. Wejndahl hat eine Rechnung offen mit der Antarktis und Männer wie er hassen so etwas. Ich gebe ihm die Chance, sie zu begleichen und die wird er nicht ausschlagen. Er ziert sich nur ein bisschen. Er hatte vier paar Schuhe im Flur stehen. Auf den Millimeter ausgerichtet und peinlichst sauber. Jeden Freitag verlässt er exakt um siebzehn Uhr sein Haus und kehrt, obwohl betrunken, immer gegen zweiundzwanzig Uhr zurück, plus minus eine Viertelstunde. Am Einunddreißigsten jedes Monats befinden sich nie weniger als zehntausend Kronen auf seinem Konto, mit denen er, wenn er kein Geld überwiesen bekommt, einen weiteren Monat überleben könnte. Die Liste seiner Zwänge ist noch viel länger. Ein Verstoß von ihm gegen seine eigenen Regeln hat auf seiner letzten Reise zwei Leute das Leben gekostet. Frederik Olsbue, der Sohn des Stahlbarons Marten Olsbue, hatte ein Verbot Wejndahls missachtet und stürzte in eine Eisspalte. Wejndahl hat gegen jede Logik mit zwei anderen einen Rettungsversuch unternommen. Die beiden Männer sind draufgegangen, Frederik wurde gerettet und sie Presse hat Wejndahls Ruf dafür in der Kloake ersäuft. Gut für uns, denn sollte er unwahrscheinlicherweise zurückkehren, wird ihm niemand auch nur ein Wort glauben. Wie gesagt – es ist perfekt.“
„Er ist alt geworden.“
„Unterschätz ihn nicht. Auch wenn du ein Jahr in der Arktis trainiert hast und der fitteste Wissenschaftler bist, den ich kenne – er ist ein Fuchs und hat sein ganzes Leben in der Kälte verbracht. Also pass auf, was du tust und wann. Halt dich immer an den Plan.“
Sie schwiegen eine Weile, dann sagte Johannes: „Wir sollten noch einmal über Joanna reden.“
Er hatte ‚Joanna‘ gesagt, nicht ‚meine Frau‘ und Ruud war nicht der Mann, so etwas zu überhören. Er überhörte nie etwas. „Noch hast du sie ja.“
„Ich kann schlecht auf sie verzichten bei der Arbeit.“
„Schlecht oder gar nicht?“
Johannes antwortete nicht und Ruud schaute wieder aus dem Fenster. Der Wagen hielt an einer Ampelkreuzung und an einer Straßenecke prangte eine große Reklametafel über einem Geschäft: „Carl Zeiss Jena – behalten Sie den Durchblick mit Spitzenoptik aus der DDR“. „Parken Sie da vorne“, befahl er dem Fahrer.
„Was hast du vor?“
Ein Lächeln huschte über Ruuds Gesicht. Nur einen winzigen Moment, dann verschwand es so schnell wieder, wie es gekommen war. „Ich seh mir mal an, was es Neues an Kameras gibt. Die aus Ostdeutschland sollen wirklich gut sein.“ Er stieg aus.

In seinem Kaminzimmer zündete sich Thore eine Pfeife an und nahm das Foto zur Hand, das Ängström liegengelassen hatte. Oben links in der Ecke waren Koordinaten und Höhenangaben in weißer Schrift aufgedruckt. Es war aus großer Höhe aufgenommen worden und zeigte ein kleines Plateau am Mount Kirkpatrick in dreitausendfünfhundert Meter Höhe, weit über dem kilometerhohen Eispanzer, der den Rest der Antarktis in seinem Würgegriff hat. Aber hier gab es keinen Schnee, die Luftfeuchte lag bei null Prozent, es war trockener als in der Wüste Atacama und mörderische kalt. Vom Ross Schelf zu Fuß durch das Transantarktische Gebirge; mehr als tausend Kilometer mit fünfzig Kilogramm Gepäck auf dem Rücken für jeden und am Ziel nichts weiter als minus sechzig Grad kalter, nackter Stein; so hart, dass man nicht einmal ein Grab schaufeln konnte. Der innere Kreis der Hölle, zu dem schon der Weg eine Selbstmordpiste war. Niemand, der sich auch nur ein wenig in der Antarktis auskannte, würde sich das zutrauen. Niemand außer Thore Wejndahl.
Er ließ den Hinterkopf gegen die Rückenlehne des Sessels sinken. Mit geschlossenen Augen rauchte er, bis jeder Tabakkrümel verbrannt war. Selbst dann hörte er nicht auf, am Mundstück zu ziehen. Erst der Geschmack von kaltem Blei auf seiner Zunge riss ihn aus seinem Nachdenken. Sorgfältig klopfte er den Pfeifenkopf am Kamin aus, reinigte die Pfeife und verpackte sie wieder in ihrem Tabakbeutel. Dann suchte er in seinem abgegriffenen Notizbuch nach der Privatnummer von Marten Olsbue und langte nach dem Telefon. Fünfmal klingelte es, bevor abgehoben wurde.
„Es gibt nicht viele, die diese Nummer kennen.“
„Ich brauche alles, was es über Ruud Ängström zu wissen gibt.“
„Bis wann?“
„Ungefähr in einem halben Jahr. Aktuell bis zu seinem letzten Tag. Wann genau, erfahren Sie noch.“
„Sie werden ihn besser kennen als der vermaledeite Bastard von seinem Vater.“
Marten Olsbue legte auf und Thore blickte wieder auf den Stahlstich an der Wand. Noch immer brach eine Welle nach der anderen über das Schiff herein und noch immer wollte es nicht aufgeben. Vielleicht war es sogar in Oslo ausgelaufen, irgendwann, vor langer Zeit. Doch jetzt starb es, Planke für Planke, und es würde nie wieder nach Hause zurückkehren.

 

 

Kapitel 3

Gary Winston war ein Antarktisneuling. Eine Chance, Erfahrungen zu sammeln, bekam er nicht mehr. Er starb noch unter dem Eis des Ross-Schelfs. Nur ein paar Kilometer vom Schiff entfernt rutschte der Engländer zwischen zwei Eisblöcke. Eine Welle darunter ließ sie zusammenprallen, er wurde zerquetscht und die fast schwarzen Fluten des Südpolarmeeres erstickten seine Schreie. Bergander und Wennigsen, Geologen wie Hakonsen, erwischte es an einem Pass im transantarktischen Gebirge. Ein Schneebrett geriet ins Rutschen, als sie unter ihm entlang marschierten, riss sie in die Tiefe und zusammen mit ihnen verschwand das einzige Funkgerät auf Nimmerwiedersehen im Abgrund. Die Expedition war praktisch beendet, bevor sie überhaupt ihr Ziel erreicht hatten. Nur einer wollte das partout nicht begreifen – Johannes Hakonsen. Sein Team bestand jetzt nur noch aus ihm selbst, seiner Frau, Björn Haggard und Sven Granerud.
Thore schrie ihn an und drohte sogar damit, alleine zurückzugehen. Umsonst, Hakonsen war ein Sturkopf und beharrte auf dem Weitermarsch. Er wusste Ängström hinter sich, auch wenn der weit weg war und so musste Thore sich zähneknirschend fügen. Tatsächlich erreichten sie ohne weitere Zwischenfälle achtzehn Tage später ihr Ziel. Links und rechts des Plateaus reckten sich Felswände glatt und senkrecht in die Höhe und vor ihnen, knapp drei Kilometer Luftlinie entfernt, stieg die seltsam nackte Spitze des Mount Kirkpatrick wie eine stumme Drohung in den Himmel. Das Plateau war eben wie ein Fußballfeld, besaß die Form eines unregelmäßigen Siebenecks und maß ungefähr fünfhundert Meter im Durchmesser. Nichts gab es auf der freien Fläche außer dem von Bruchrissen und Versatzkanten durchzogenen Felsboden, nicht einmal Geröll oder Steine lagen herum. Leergefegt war wohl der treffende Ausdruck dafür. „Keine Pause“, befahl er. „Wir müssen in Bewegung bleiben. Noch eine Stunde und wir sind so müde, dass uns keine zehn Pferde mehr zum Aufstehen bringen. Wir bauen auf, zuerst das Forschungszelt. Wer dabei nicht gebraucht wird, kümmert sich um die Ausrüstung. Dann hat Joanna Sprechstunde und sieht sich Eure Wehwehchen an; dann besprechen wir, wie es weitergeht. Wasser, Brennstoffvorrat, Verpflegung und Gesundheitszustand von jedem zuerst, dann der Plan für morgen. Erst danach bauen wir den Rest des Lagers auf. Los jetzt!“
Die Stimmung wurde schlagartig besser, sogar Scherze flogen hin und her. Es sah so aus, als verdrängte die Aussicht, ein paar Wochen lang nicht mehr marschieren zu müssen und sich regelmäßig wärmen zu können, die überstandenen Strapazen des Marsches. Er fasste selbst mit zu, das große Zelt mit der Ausrüstung der Wissenschaftler aufzubauen. Keiner hatte gewusst, dass sie auf einer blanken Felsplatte kampieren würden und sie mussten eine Weile suchen, bis sie einen Platz mit genügend Rissen fanden, in denen die Anker Halt hatten.
Fünfzehn Männer und eine Frau waren sie noch, ausgelaugt und die meisten am Ende ihrer Kräfte. Einige hatten Erfrierungen an den Gliedern und anderen machte die strenge Wasserrationierung zu schaffen. Niemand hatte den Marsch unbeschadet überstanden und die Tatsache, dass sie vorher gewusst hatten, auf was sie sich einließen, mochte ihre Schmerzen nicht weniger schlimm machen. Es interessierte ihn nicht sonderlich, auch wenn er sich genauestens über den Gesundheitszustand von jedem auf dem Laufenden hielt. Er hatte noch mehr geleistet als sie. Niemanden hatte er nach den Unfällen mehr aus den Augen gelassen, war an jeder kritischen Stelle der Erste gewesen und hatte sie erst verlassen, wenn alle sie überwunden hatten; nur um dann wieder nach vorne zu marschieren und sich abermals an die Spitze zu setzen. Als Erster war er morgens aufgestanden und hatte sich abends erst in seinen Schlafsack verkrochen, wenn er sich sicher gewesen war, dass am nächsten Morgen keine bösen Überraschungen auf sie warteten. Alle hatte er zu eiserner Disziplin gezwungen und jedem, der sich nicht fügte, Feuer unter dem Hintern gemacht. Seine Erfahrung und sein kräftiger Körper hatten ihn durchhalten lassen, aber mit seinem Nervenkostüm sah es anders aus. Hakonsen hatte seine Geduld bis aufs Äußerste strapaziert. Es fehlte nur noch ein winziger Funke, und dann würde es knallen, aber richtig.
Als das Zelt endlich stand, ließ er die anderen alleine weitermachen, holte sich seinen Feldstecher und richtete ihn auf den Bereich knapp unter dem Berggipfel, in dem Licht und Schatten ineinander übergingen. Die Atmosphäre dort oben flimmerte seit ein paar Minuten wie die Augusthitze über schwarzem Asphalt und das gefiel ihm überhaupt nicht. Bereits hier biss die Luft wie mit winzigen Glassplittern in seine Lungen und machte jeden Atemzug zu einer Qual. Auf dem Gipfel bei viertausendfünfhundert Metern Höhe würde es ihnen vorkommen, als atmeten sie flüssiges Helium. Aber trotz dieser mörderischen Kälte existierten immer noch Temperaturunterschiede. Die nicht ganz so kalte Luft über den tieferen Regionen, die dem Sonnenlicht ausgesetzt waren, stieg an den Flanken des Berges nach oben und die eisige Luft vom Gipfel sank herab. Dort, wo sie aufeinandertrafen, bildeten sich Wirbel, die das einfallende Licht zerstreuten.
„Das fehlt uns jetzt noch“, sagte er laut. Sven steckte seinen Kopf aus dem Forschungszelt. „Was?“
Thore reichte ihm den Feldstecher. „Sieh selbst.“
Zehn Tage vor dem Auslaufen war Sven zum Team dazugestoßen. Hakonsens Seismologe hatte beim Zusammenprall mit einem Auto den Kürzeren gezogen und sich ein Bein gebrochen. Obwohl Sven schlank und nicht allzugroß war, besaß er eine Bärenkonstitution. Nie hatte er über die Strapazen gestöhnt und wo eine helfende Hand gebraucht wurde, war er meistens nicht weit; seine Kraftreserven schienen unerschöpflich zu sein. Ständig waren seine Augen in Bewegung und nie ruhte sein Blick lange auf einem festen Punkt, es sei denn, es war das Gesicht eines seiner seltenen Gesprächspartner.
Eine Weile blickte er durch das Glas, dann sagte er: „Vor einer halben Stunde war da noch alles ruhig. Ich schau besser nach, dass nichts zu Bruch gehen kann von unserer Ausrüstung. Wir sitzen hier wie auf dem Präsentierteller.“
Er gab das Fernglas zurück und verschwand im Zelt. Thore atmete tief ein, verfluchte still die eisige Luft, die ihm dabei in die Lungen biss und brüllte: „Aufhören! Macht alles fest oder packt wieder ein. Wir warten erst ab, was da oben … “
Ein Säuseln wie von einem weit entfernt vorbeifahrenden Zug hub an und aus dem unsteten Flimmern an der Spitze des Mount Kirkpatrick formte sich eine Windhose. Anfangs noch gerade so zu erkennen, gewann sie in Minuten an Kraft und Größe und auf halber Höhe zwischen ihnen und dem Berggipfel bildete sich das, was fünfzehntausend Kilometer weiter nördlich die Keimzelle eines tödlichen tropischen Wirbelsturms gewesen wäre. Den Fuß wie einen Saugnapf am Boden, entwickelte sich darüber ein schmaler Schlauch und erweiterte sich nach oben zu einem Trichter. Mit jeder Umdrehung sog sie mehr Dreck auf, verlor ihre Durchsichtigkeit und wuchs mit atemberaubendem Tempo in den Himmel.
„Beeilung!“ Er musste schon brüllen. Aus dem entfernten Säuseln wurde ein tiefes Orgeln, das ihm durch Mark und Bein ging und seine Zähne schmerzen ließ. „Alles festmachen und dann seht zu, dass ihr in Deckung geht.“ Wahrscheinlich hatten sie seine Worte nicht verstanden, zu laut toste bereits die Luft. Aber es sah so aus, als hätten sie von alleine begriffen, was da auf sie zukommen konnte und packten endlich an; stopften ihre Ausrüstung wieder in die Rucksäcke und rissen die halb aufgebauten Zelte nieder oder machten sie ganz fest. Nur Sörgensen stand wie erstarrt. Er schaute zum Berg, warf einen kurzen Blick zu Thore und dann in Richtung der Felsen am Rand des Plateaus. Als er losrannte, war Thore bereit. Sörgensen hatte noch keine zehn Schritte geschafft, als Thore ihm mit einem Panthersatz in den Rücken sprang, ihn zu Boden riss und ihm ins Ohr brüllte: „Willst du draufgehen?“
Sörensen wehrte sich nicht und es war besser so. Thore hätte ihn niedergeschlagen. Es waren genug Leute gestorben. Noch rotierte die Windhose pechschwarz und mittlerweile so riesig, dass sie ein Viertel des Himmels verdeckte, um sich selbst. Nur ihr Fuß wanderte auf dem felsigen Untergrund hin und her, als zerrte er an unsichtbaren Fesseln. Das konnte sich aber verdammt schnell ändern und wenn sie sich losriß und dabei in ihre Richtung kam, hatten sie nur hier auf der freien Fläche eine Chance. Einmal hatte er erlebt, was ein katabatischer Sturm anrichtete, der aus freiem Gelände in ein Felslabyrinth raste. Zusammengequetscht schoß die Luft durch jeden Spalt im Gestein wie Pulverdampf durch einen Gewehrlauf und was ihr dabei ihm Weg war, riss sie nieder.
Ein fast linearer, kaum gezackter Blitz krachte aus dem Trichter der Windhose in die Bergspitze und das Dröhnen wurde so gewaltig, dass Thore die Knochen vibrierten. Ein paar Herzschläge später rollte der Donner heran, die Felsplatte unter ihm erbebte und dann passierte das, was er befürchtet hatte – sie riss sich vom Berg los und raste so gerade, als sei sie auf Schienen unterwegs, auf das Lager zu. Er ließ sich fallen und war noch gar nicht auf dem Boden aufgeschlagen, da war sie schon heran und die Luft, die sie mitbrachte, war wie eine eisige Faust, hart und tödlich kalt. Lauter als ein startender Jumbojet wirbelte sie Ausrüstungsgegenstände in die Höhe; riss Zelte aus ihren Verankerungen und fegte die Männer, die sich nicht so wie er hingeworfen hatten, von den Füßen.
Doch so rasend schnell, wie die Windhose über das Lager hereingebrochen war, verschwand sie auch wieder und heulte weiter in die Täler hinter ihm hinab. Er lag auf dem Boden, die fürchterliche Kälte der Steine unter ihm biss sich durch seinen Parka, aber er war noch am Leben. Nicht einmal verletzt war er und verstand es nicht. So viel ungezügelte Energie, Kraft ohne Ende und er konnte wieder aufstehen, als sei nichts gewesen? Aber er freute sich zu früh. Gerade wollte er sich vom Boden hochdrücken, als der begann, unter seinen Fingern zu vibrieren, und Sekunden später zitterte der ganze Untergrund wie Wackelpudding. Die Windhose war schon weit entfernt, es gab keinen Grund mehr …
Er wurde steif. Erst wie in Zeitlupe, dann immer schneller geriet die Nordflanke des Berges ins Rutschen und als ihn der Schall erreichte, begriff er. Eine Gerölllawine ging ab und es mussten tausende von Tonnen sein. Wie bereits die Windhose zuvor nahm auch der Bergrutsch die Richtung zum Lager und mit brennenden Augen starrte er hinüber. Er tat es immer noch, als er schon längst nichts mehr sah, weil der zum Himmel schießende Staub die Atmosphäre verdunkelte und ihm jede Sicht nahm. Dann schoß die Dreckwolke heran, er stand im Dunkeln und der Drang wegzurennen wurde übermächtig. Doch wohin? Was auf ihn zukam, war schneller als ein Expresszug …
Das Grollen wurde weniger, erst kaum wahrnehmbar, dann immer deutlicher; wurde zu einem Poltern, aus dem das Rollen einzelner Brocken zu hören war und dann stoppte der Tod, ganz plötzlich irgendwo vor ihm. Ein paar der kleineren Steine rollten noch ein Stück, zumindest hörte es sich so an; etwas krachte gegen seinen Fuß, dann trat wieder Ruhe ein. Erst Minuten später legte sich der aufgewirbelte Staub, Minuten, in denen er nicht wagte, sich zu bewegen. Schließlich wirbelte ein Windstoß den Staubvorhang zur Seite.
Das, was ihn am Fuß getroffen hatte, war ein kopfgroßer Stein gewesen, seine Genossen lagen zwischen ihm und dem Berg. Je weiter weg, umso mehr und größer waren sie und wo eben noch eine sanfte Steigung den Anfang ihrer Route zum Gipfel gebildet hatte, war jetzt ein riesiges Geröllfeld. Gesteinsbrocken und Schutthaufen türmten sich über eine Strecke von mehreren einhundert Metern zwischen dem Lager und dem Pass, an einigen Stellen hoch wie mehrstöckige Häuser und es war nahezu ein Wunder, dass sie nicht begraben worden waren.
Tief atmete er aus, dann wieder ein. Noch einmal und noch ein drittes Mal. Niemand musste sehen, wie ihm der Arsch auf Grundeis ging. Kein Orkan auf der ganzen Erde richtete seine Verwüstungen entlang einer Geraden an, so etwas gab es einfach nicht. Schlangenlinien, Kurven, ja sogar hunderte von Kilometern durchmessende, riesige Kreise – aber doch keine schnurgerade Linie!
Er richtete sich zu voller Größe auf. „Hat es einen erwischt?“
Eine Antwort bekam er nicht, aber überall erhoben sich die Männer. Einige von ihnen schüttelten die Köpfe und wahrscheinlich dachten sie das gleiche wie er: Es gab vier Himmelsrichtungen, aber sowohl der Tornado als auch die Lawine hatten sich ausgerechnet die ausgesucht, in der sich ihr Lager befand.
„Ich habe gefragt, ob einer was abgekriegt hat!“, brüllte er noch wieder. Niemand meldete sich und dann waren sie wohl noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Auf den ersten Blick hatte die Windhose keinen großen Schaden angerichtet, selbst das Zelt der Wissenschaftler schien fast unversehrt zu sein. Allerdings war nicht sicher, ob sie eben das Minimum oder das Maximum erlebt hatten und ob sie bei einer Wiederholung wieder nur mit ein paar blauen Flecken davon kommen würden. Für einige Zeit hatten sie vielleicht Ruhe, die Luftschichten hatten sich vermischt und bis sie sich erneut aufluden und eine neue Windhose entstehen konnte, sollte eine Weile vergehen. Trotzdem musste er das Lager weiter nach unten in die Täler verlegen. Hakonsen würde wie ein Derwisch toben, aber das war nichts wirklich Neues.
Manchmal reicht es, nur an den Teufel zu denken, damit er erscheint – der wissenschaftliche Leiter kam vom anderen Ende des Lagers herangeschlendert, als gäbe es nichts Wichtiges und stellte sich neben Thore. „Sie bluten übrigens im Gesicht.“
Thore fasste sich in seinen Vollbart. Verblüfft musterte er die rosa Eiskristalle auf seinem Handschuh und erst jetzt spürte er den Schmerz in seiner Wange. Mit jeder Sekunde tat es mehr weh. Musste wohl ein Stein gewesen sein, der sie ihm im Vorbeifliegen aufgerissen hatte. Scheiße, dachte er, das wird eine Narbe. Aber auf die kam es nun auch nicht mehr an.
Laut sagte er: „Wir müssen hier weg. Das nächste Mal wird es vielleicht nicht so gut abgehen. Wir sind alle hundemüde. Heißt, wir bauen heute nur provisorisch die Zelte auf. Morgen suchen wir uns einen Platz weiter unten in einer Gegend, in der wir besser geschützt …“
„Wir können hier nicht weg!“, fiel ihm Hakonsen ins Wort.
„… sind und gut wäre, wenn so etwas wie eine Höhle in der Nähe wäre, in der wir unsere Vorräte lagern können und als Schutz für uns. Nicht weiter weg als fünf Minuten von dem neuen Lager. Solange hat der Sturm gebraucht, bis er seine volle Kraft hatte. Jetzt sorgt für Ordnung, dann geht schlafen. Wenn etwas zu Bruch gegangen ist, sagt mir Bescheid. Legt los.“
Sie ließen sich nicht zweimal bitten und machten sich an die Arbeit. Nur Hakonsen rührte sich nicht und Thore klappte seine Kapuze hoch. „Überspann den Bogen nicht. Beim nächsten Mal knallt es.“
Hakonsen reckte Nase und Kinn vor und zog seine Augen zu einem Spalt zusammen. „Wir können hier nicht weg. Im Gegenteil, wir müssen noch näher heran. Unbedingt! Ruud hat Ihnen gesagt, dass Sie alle Entscheidungen, die unsere Arbeit betreffen, vorher mit mir zu besprechen haben. Diese fällt darunter.“
„Wir verlegen das Lager. Ende der Diskussion.“
Noch einmal beherrschte Thore sich, aber der Punkt, in dem Erschöpfung und Frustration in blanke Wut umschlagen würden, war nicht mehr weit. Er drehte sich um und wäre fast gegen Sven gelaufen.
„Darauf solltest du einen Blick werfen.“
Der Seismologe reichte Hakonsen ein langes Papierband, aber der nahm nicht einmal die Hände aus den Taschen. „Was ist das?“
Sven hielt es ihm direkt vor die Augen und Hakonsen musste einen Blick darauf werfen, ob er wollte oder nicht. „Mikroerdbeben. Na und? Hier ist eben eine Gerölllawine heruntergekommen.“
„Es begann davor. Als noch alles ruhig war, sogar ein paar Minuten vor dem Sturm, Stärke zunehmend, ansteigende Intensitätskurve, fast deckungsgleich. Kein Zusammenhang?“
„Kein signifikanter. Die Windhose hatte ihren Fuß am Boden und ein Teil ihrer Energie hat sich in den Felsuntergrund entladen. Hätte sie es nicht getan, wären wir jetzt wahrscheinlich tot. Das sagen die Aufzeichnungen jemandem, der sie richtig interpretieren kann. Was Sie daraus konstruieren, ist seismologische Metaphysik, geschätzter Herr Kollege. Außerdem sind wir weder ausgerüstet für derartige Untersuchungen noch hier, um antarktische Phänomene aufzuklären.“
„Also ist es eins.“
„Drehen Sie mir die Worte nicht im Mund um!“
Sven hatte ganz schlechte Karten und fast tat er Thore ein bisschen leid. Vor zehn Jahren hatte Hakonsen zusammen mit Wennigsen und Bergander begonnen, alles an Material auszuwerten, was er über den sechsten Kontinent in die Hände gekriegt hatte; jedes Satellitenfoto; jede Luftbildaufnahme; jeden Ausdruck eines Seismographen. Nach dem, was in der Akte stand, die Olsbue geliefert hatte, war Hakonsen absoluter Experte für die Geologie der Antarktis. Am Anfang hatte er darüber noch publiziert und was er über die Bewegungen der Erdkruste und die Plattentektonik unter dem sechsten Kontinent veröffentlicht hatte, gehörte zur Standardlektüre in Universitäten, obwohl er da erst fünfunddreißig gewesen war. Vor vier Jahren hatte er sich dann ganz plötzlich mit dem Geld von Ängström einen Forschungskomplex eingerichtet. Guy Winston war dazugekommen, er war Spezialist für hochenergetischen Schall gewesen; André Federsen, der verunglückte Seismologe und schließlich hatte Hakonsen noch seine Frau aus Erlangen dazu geholt, sie war Humangenetikerin. Nach dem Unfall von Federsen war Sven kurzfristig eingesprungen und egal, wie gut er auch war und wie viel Erfahrung er auch mitbringen mochte – für Hakonsen war er ein Fremdkörper; nichts weiter als eine Notlösung und vermutlich hatte der Sven nicht einmal über das wirkliche Ziel der Expedition aufgeklärt.
„Er meint es nicht so, Sven.“
Ein wenig schleppend und nicht so leichtfüßig wie sonst, kam Joanna aus dem Forschungszelt. Sie war eine kräftige, etwas herbe Schönheit und hatte trotz ihrer achtundzwanzig Jahre und ihres Doktors der Biologie immer noch etwas von einem Teenager. Mit ihrem Lachen hatte sie in den letzten Wochen so manche Auseinandersetzung entschärft. Jetzt lagen ihre Augen ohne Glanz tief in den Höhlen, ihr schmales Gesicht war eingefallen und der Wassermangel ließ ihre Wangenknochen spitz hervortreten. Thore hatte erst abgelehnt, sie mitzunehmen. Mit einem Foto vom Gipfel des Mount Everest, mit dem Dach der Welt im Hintergrund, von ihr selbst aufgenommen und eben diesem Lachen hatte sie ihm das Argument aus der Hand geschlagen. Was ihn mehr beeindruckt hatte – ihre Leistung oder das Strahlen aus ihren leicht schrägen, katzengrünen Augen – darüber wollte er nicht nachdenken.
Ihr Mann sah sie scharf an. „Es existiert keine wissenschaftliche Theorie, nach der kaum messbare Erderschütterungen Stürme dieser Größenordnung auslösen können und das ist ja wohl die Hypothese meines geschätzten Kollegen hier. Noch dazu zeigt das Band exakte zeitliche Abstände der Ausschläge und nur Primärwellen, keine Sekundärwellen. Hätte Herr Granerud bei mir Geologie studiert, wüsste er, dass so etwas in der Natur nicht vorkommt. Wo sagten Sie doch gleich, haben Sie ihr Fachwissen erworben? Aber wie schlecht auch immer Ihre Ausbildung gewesen sein mag – auf die naheliegende Idee, die korrekte Funktion des Seismographen zu überprüfen, die offenbar nicht mehr gegeben ist, hätten Sie auch mit einem simplen Schulabschluss kommen können.“
Man sagte von ihm, dass er als Geologe ein Genie war. Das mochte sein. Als Mensch war er jedenfalls ein arrogantes Arschloch. So bitterböse wie er schaute man weder einen Kollegen noch seine Ehefrau an. Sie, Sven und Sigurd Haggard waren die Einzigen, die ihm noch geblieben waren. Die andere Hälfte seines Teams hatte der Teufel geholt. Er hätte sich besser Hakonsen schnappen sollen.
Thores Nackenhaare stellten sich auf. „Wo ist Sigurd?“
Hakonsen zuckte die Schultern. „Was sehen Sie mich an?“
„Aber …“, sagte Joanna und verstummte unter dem Blick ihres Mannes. Diesmal lag blanker Hass darin und Thore wiederholte: „Wo. Ist. Haggard!“
Hakonsen reckte das Kinn vor. „Wird schon wieder auftauchen. Er wollte ein paar Proben sammeln gehen.“
„Du hast ihn gehen lassen?“
„Er ist mein Mitarbeiter und wir haben keine Zeit. Jede Minute zählt. Was geht Sie das überhaupt an? “
Thore packte zu. Es reichte, endgültig, das Fass lief über. Er zerrte Hakonsen an dessen Parka zu sich heran, bis sich fast ihre Gesichter berührten. Joanna griff nach einem Stein, Sven nach Thores Arm, aber wie ein lästiges Insekt schüttelte Thore die Hand des Seismologen ab. „Finger weg! So lange ich meine Handschuhe nicht ausziehe, braucht ihr Euch nicht einmischen!“
Wütend schüttelte er den Geologen, dann stieß er ihn von sich. Hakonsen ruderte mit den Armen, verlor das Gleichgewicht und krachte auf den Boden.
„Sind Sie wahnsinnig?“ Er stemmte sich wieder auf die Füße.
„Drei Leute sind schon tot, aber du hast immer noch nichts begriffen, Hakonsen, was?“ Mit den Stiefeln trat Thore ihm die Beine weg und wieder landete der Geologe auf den Rücken.
„Habt ihr Wissenschaftler nur Grütze in der Rübe? Du lässt Haggard einfach so losgehen. Ohne mich zu fragen, ohne überhaupt jemandem etwas zu sagen, und ihr Schlafschafe haltet das auch noch für eine prima Idee. Nie geht einer allein, jeden Tag habe ich Euch das eingehämmert, immer wieder. Muss ich dir das auch noch auf die Stirn tätowieren, Doktor Johannes Hakonsen? Zum Mitmeißeln für dich Steinzeitmenschen: Keiner macht mehr was, ohne dass ich davon weiß. Niemand! Vor allem du nicht! Selbst wenn du scheißen gehst, will ich das wissen und wenn du auch nur einmal vergisst, vorher bitte zu sagen, tacker ich dir die Ritze zu und kette dich bei den Hunden an!“
Drohend blickte Thore jeden einzelnen der Männer an, die um sie herumstanden. „Das gilt für alle. Jetzt bewegt eure Ärsche. Jörgensen, du stellst Suchtrupps zusammen!“
Er machte einen Schritt zurück und drehte sich zu Sven um. „Und du prüfst den Seismographen.“
„Wozu, wenn er doch die Primärwellen gemessen hat?“ Thores Wut schien ihn nicht im Geringsten aus der Fassung zu bringen.
„Heißt?“
„Heißt, dass er in Ordnung ist. Dass die Werte unserem Verständnis der Vorgänge widersprechen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Nur weil man ein Problem nicht sehen will, bedeutet das noch lange nicht, dass es nicht existiert. Unseres ist: In jeder bekannten Theorie und nach unserer Erfahrung bringt die Natur weder Erdbeben ohne Sekundärwellen hervor noch tiefe Erdbeben ohne Oberflächenwirkung Stürme. Doch genau das ist hier das Problem.“
„Metaphysiker“, zischte Hakonsen vom Boden aus.
„Halt dich raus. Bete lieber, dass Haggard nichts passiert ist.“ Thore rotzte ihm einen grünen Fladen zwischen die Füße.
„Und noch etwas passt nicht zusammen.“ Sven tat, als hätte er Hakonsens giftigen Kommentar nicht gehört. „Erstens: Was sich am Berg zusammengebraut hat, war ein Tornado, der hier nicht von alleine entstehen kann, die Temperaturunterschiede sind zu gering und damit stimmt die Energiebilanz nicht. Zweitens: Er marschiert exakt über uns hinweg, aber trotz seines immensen Zerstörungspotentials geht bei uns nicht mehr als Mutters gutes Geschirr zu Bruch. Drittens: Genau wie der Bergrutsch, der aus voller Geschwindigkeit heraus direkt vor uns stoppt. Nein, nichts davon war das, was wir glauben, dass es war.“
Alle starrten ihn an. Nur Joanna bückte sich, um ihrem Mann aufzuhelfen, aber der schlug ihre Hand beiseite und rappelte sich alleine auf. „Ach ja? Und was ist es Ihrer kompetenten Schulmeinung nach gewesen, Herr Kollege Granerud?“
Einen Moment schien es, als wollte Sven keine Antwort geben. Er schaute erst Thore an, schwenkte dann seinen Blick zu Joanna und ließ ihn lange auf ihrem eingefallenen Gesicht ruhen. Schließlich antwortete er doch und obwohl er leise sprach, hörte es sich an, als würde er schreien: „Es war eine Warnung und mindestens du weißt, wer oder was sie uns geschickt hat.“
Das vor Zorn rote Gesicht Hakonsens wurde schlagartig bleich. Aber Sven sah nicht ihn an, sondern Joanna und scharf atmete Thore aus. In der knochentrockenen Luft kondensierte sein Atem zu Raureif. Als weiße Wolke stand sie vor seinem Gesicht und er wedelte sie mit der Hand beiseite. „Das klären wir später. Erst müssen wir Haggard finden. Wehe, Ihr drei rührt Euch bis dahin aus dem Lager. Aber dann wird Tacheles geredet.“

 

 

Kapitel 4

Sigurd Haggard lag in einer Klamm, knapp einen Kilometer vom Plateau entfernt und nur seine Beine schauten noch unter einem Geröllhaufen hervor. Es war eher ein Zufall, dass sie ihn fanden, der Riss, in dem er lag, schlängelte sich über sechzig oder siebzig Schritte zwischen senkrechten Felswänden dahin und endete dann nach einem scharfen Knick vor einer steil aufstrebenden Wand. Er mochte es für eine gute Idee gehalten haben, dort vor dem Sturm Schutz zu suchen. Vielleicht war sie es auch gewesen, bis dann das Geröll von oben gekommen waren und ihn unter sich begraben hatten.
Sie räumten die Steine weg. Noch immer lagen seine Hände schützend über seinem Kopf, doch es hatte ihm nichts genutzt. Einer der Felsbrocken musste ihn mit voller Wucht an der Schläfe erwischt haben, bevor er hatte in Deckung gehen können; sein Schädel war an der Stirn eingedrückt. Er hatte Himalajaerfahrung besessen und viele Gebirge der Erde gekannt; ihm hätte klar sein müssen, dass er in dem engen Gang mit Steinen von oben rechnen musste, denen er nicht ausweichen konnte. Außerdem besaß die Klamm nur einen Ausgang und wäre der durch einen Bergrutsch blockiert worden, wäre er niemals mehr hinausgekommen. Die Wände hier waren fugenlos glatt, mehr als zwanzig Meter hoch und unersteigbar. Was zum Teufel hatte Haggard geritten, hier Schutz zu suchen?
Für ein Grab hätten Sie ein Loch sprengen müssen und so schichteten sie stumm auch über seinen Füßen noch Steine auf. Keiner sprach ein Wort, nicht einmal Hakonsen. Die während des antarktischen Sommers nie untergehende Sonne goss mitleidlos ihr kaltes Licht über die Totenzeremonie. Alle hielten sich eng beieinander, als hätte Haggards Tod etwas bewirkt, was der lange Marsch nicht geschafft hatte. Nur die Hakonsen standen etwas abseits, aber auch nicht zusammen. So, als gäbe es etwas, dass sie trennte und die Blicke, die Johannes seiner Frau zuwarf, waren alles andere als freundlich. Thore sprach ein Gebet, dann verschwanden alle in ihren Zelten.
Alles in ihm schrie danach, es auch zu tun. Nur ein paar Stunden Schlaf, sein Körper flehte verzweifelt um Wärme und Erholung. Aber eisern zwang er die Schmerzen nieder, kontrollierte penibel alles und erst, als er sich sicher war, dass nirgendwo auch nur ein Ausrüstungsteil nicht an seinem Platz war, ging er zum Forschungszelt. Den größten Geologenhammer, den er finden konnte, steckte er unter seinen Parka und ging zu der Klamm, in der Haggard gestorben war.
Zwei Fragen waren offen und wenn Thore die Antworten nicht bald fand, würde es ihm gehen wie dem Schiff an seiner Wand zu Hause. Er hatte nicht nur übersehen, dass Haggard nach dem Sturm gefehlt hatte – bereits, als Sven und Hakonsen diskutiert hatten und der wissenschaftliche Leiter seiner Frau einen so bitterbösen Blick zugeworfen hatte, war Thore etwas entgangen. Sven hatte Hakonsen den Ausdruck so kurz unter die Nase gehalten, dass wahrscheinlich niemand, der nicht wusste, um was es ging, ihn hätte interpretieren können. Sven hatte das wissen müssen, also war es Absicht gewesen; ein Parierstöckchen, das er Hakonsen hingehalten hatte und der über das wie ein braves Hündchen gesprungen war, als er wie aus der Pistole geschossen darauf geantwortet hatte. Er mochte es selbst ein paar Sekunden später begriffen haben und das war dann auch der Grund für seine Giftigkeit gewesen. Was hatte Sven mit diesem Manöver bezweckt, war die Frage Nummer eins.
Die Zweite war, ob Gott gerade erhöhten Bedarf an Intelligenzlern hatte. Immerhin hatte er nicht vier der Träger oder Thore zu sich geholt, sondern erst Winston, dann Wennigsen und Bergander, und jetzt auch noch Haggard – alles langjährige Mitarbeiter Hakonsens, die wussten, worum es hier wirklich ging. Viele Erklärungen gab es für das wissenschaftliche Massensterben nicht, wenn man nicht annahm, das der Zufall eine Vorliebe für Doktorhüte hatte.
Thore brauchte zehn Minuten bis zur Klamm. Der Eingang war so schmal, dass er sich seitwärts drehen musste. Innen erweiterte sich der Gang, so dass er bequem hätte bis zu der Stelle gehen können, an der sie Haggard gefunden hatten, wenn der Boden nicht voller Geröll gewesen wäre. Hier drinnen hätten sogar drei Männer mühelos nebeneinander Platz gehabt, ohne dass ihre Schultern die Felswände berührt hätten.
Er schmiegte sich ganz eng an die Wand und hockte sich hin. Zwanzig Meter über ihm leuchtete ein schmaler Streif Himmel, während hier unten diffuses Dämmerlicht alle Konturen verwischte. Auf seiner Seite war die Felswand senkrecht und glatt, als wäre sie poliert worden; Steine, die hier herab prasselten, würden ihn unweigerlich treffen und ein Geröllabgang würde ihn so unter sich begraben, wie es Haggard passiert war. Er wechselte hinüber auf die andere Seite. Auch sie strebte senkrecht in die Höhe und es schien sogar, als hätte sie an einer Stelle einen leichten Überhang.
Ein Schatten verdunkelte für einen Sekundenbruchteil den Himmel und Thore erstarrte. Etwas polterte über ihm, blitzschnell kauerte er sich zusammen; presste sich an die Wand und riss die Arme über den Kopf. Keinen Moment zu früh – mit einem dumpfen Knall krachte ein Felsbrocken gegen die Wand auf der anderen Seite. Weitere folgten, dem Geräusch nach kleinere; landeten knapp einen Meter vor ihm auf den Boden und prallten dann gegen Felswand drüben. Hätte er noch da gestanden, wäre er jetzt wahrscheinlich zwar nicht tot gewesen – die dicken Sachen, die ihn vor der Kälte schützten, hätten den Steinen einen Teil ihrer Wucht genommen – aber es hätte verdammt weh getan und er wäre dem, was danach gekommen wäre, hilflos ausgeliefert gewesen. Hier schützte ihn der Überhang und so lange er hierblieb, konnte er nicht getroffen werden.
Er kauerte sich zusammen und überlegte. Er war festgenagelt. Wenn er seine geschützte Position verließ, setzte er sich dem Steinhagel aus. Blieb er, hatte der Unbekannte Zeit, sich eine neue Taktik zu überlegen, mit der er Thore töten konnte. Genau wie Haggard. Oder er musste nur warten, bis Thore, hier unten zur Bewegungslosigkeit gezwungen, erfroren war.
Links von ihm fiel ein dünnes Seil herab. Kaum hatte es den Boden berührt, kletterte eine menschliche Gestalt mit katzenartiger Gewandtheit daran herunter. Thore rührte sich nicht. Sogar seinen Atem versuchte er zu reduzieren, um sich nicht durch eine weiße Dampfwolke zu verraten, und als die Gestalt mit ihren Füßen nur noch einen Meter vom Grund entfernt war, sprang er. Noch in der Bewegung breitete er die Arme aus, packte den Unbekannten bei den Schultern – und flog im gleichen Moment durch die Luft, knallte kopfüber mit dem Rücken gegen die Felswand und rutschte daran herunter. Die Reaktion war unglaublich schnell gewesen, zu schnell für einen überraschten Menschen.
Er hatte sich wie ein Idiot benommen. Wenn die Steine auf ihn gezielt gewesen waren, dann hatte der Mann gewusst, dass Thore hier war und mit seinem Angriff gerechnet. Vielleicht hatte er Thore sogar erwartet und genau wie Hakonsen vor ein paar Stunden auf Sven hereingefallen war, hatte Thore sich dazu verlocken lassen über das hingehaltene Stöckchen zu springen. Die Kraft und Geschwindigkeit, mit der er durch die Luft gewirbelt worden war, hatten sich nicht nach einem Untrainierten angefühlt; eher nach jemandem, der Judo meisterhaft beherrschte und dazu noch die Reflexe einer Katze hatte. Aber er war einen Kopf kleiner und schlank. Nun, da das Überraschungsmoment verschenkt war, sah es anders aus.
Thore verbiss die Schmerzen, sortierte seine Knochen und schob sich mit dem Rücken an der Wand empor; knickte ein wenig in den Knien ein und holte den Hammer unter seinem Parka hervor.
Die vermummte Gestalt lachte dumpf. „Thors Hammer, ja?“
Leicht gebückt, die Hände locker an den Seiten, stand sie dort, wo Thore sie attackiert hatte, aber machte keine Anstalten für einen Angriff. Im Gegenteil, mit einer fließenden Bewegung klappte sie die Kapuze zurück und zog den Kälteschutz nach unten. „Sei bloß vorsichtig damit, wir haben nur zwei. Hakonsen würde weder gefallen, wenn du seinen Hammer, noch wenn du seinen einzigen Seismologen kaputtmachst.“
Svens Stimme klang kühl und beherrscht, nicht anders als sonst auch und das, obwohl er sich gerade nur mit den Händen in atemberaubendem Tempo und artistischer Gewandtheit zwanzig Meter an einem fingerdünnen Seil herabgelassen hatte. Mit dicken Sachen, die jede Bewegung behinderten und das gab Thore sehr zu denken.
Er hob den Hammer. „Bei dem Seismologen wäre ich mir nicht so sicher. Welchen Teil von dem, was ich über das alleine Weggehen gesagt habe, hast du nicht kapiert?“
„Den mit dem Tacker.“
„Witzbold.“
„Nein, gar nicht.“ Sven machte einen Schritt und Thore spannte die Muskeln. „Mach keinen Fehler.“
„Ich mache keine Fehler. Du schon. Du hast die Leute wieder nicht gezählt, wie bereits nach dem Sturm nicht. Mein Schlafsack neben deinem war leer.“
Noch einen Schritt, Thore hob den Hammer, zischte: „Letzte Warnung“, und diesmal blieb Sven stehen.
„Jetzt steck endlich den verdammten Hammer weg. Ich habe dir nur bewiesen, dass Sigurd nicht von einer Gerölllawine getroffen worden sein kann. Er wäre auf die andere Seite gesprungen, genau wie du. Außerdem hätte es ihn am Hinterkopf erwischt und nicht an der Schläfe. Er ist erschlagen worden und die Steine kamen erst danach.“
Thore ließ den Arm mit dem Hammer ein wenig sinken, aber seine Hand fasste den Stiel, als wollte er ihn zerquetschen und mit den Füßen suchte er unauffällig nach einem möglichst festen Stand. Ruhig erwiderte er: „Das war mir schon klar, als wir ihn fanden. Ich wusste bis eben nur nicht, wer es war.“
„Du …“ Sven schnappte nach Luft und Thore spannte sich. Es endete jetzt und hier. Aber der Angriff, mit dem er gerechnet hatte, kam nicht. Stattdessen lachte Sven kurz auf, eher war es ein Bellen, dann lehnte er sich mit der Schulter gegen die Wand. Dass diese minus vierzig Grad kalt war, schien ihn nicht zu stören. „Und du denkst, ich bin es gewesen?“
Er schüttelte den Kopf. „Ich will wieder nach Hause, Thore. Mein Sohn Christian ist etwas Besonderes. Ohne dich sehe ich ihn nicht wieder. Ich bin eher dein Leibwächter.“
„Was nicht bedeutet, dass du die anderen nicht umgebracht hast. Was sucht jemand, der fit wie ein Hochleistungssportler ist, eine Nahkampfausbildung hat und verdammt neugierig ist, in der Antarktis?“
„Vielleicht das gleiche wie ein durchgeknallter Doktor der Geologie und ein abgehalfterter Führer, dem zu Hause keiner mehr ein Wort glaubt.“
Thore bückte sich und nahm ein Felsstück in die linke Hand. Es passte gerade in seine Faust. Er spürte die Adern an seinem Hals pulsen. „Ganz dünnes Eis …“
Unbeeindruckt entgegnete Sven: „Schau ihn dir richtig an. Er müsste glatt und unversehrt sein. Kein Mikrogramm Wasser in der Atemluft, also keine Erosion. Aber er fällt auseinander wie der ganze Berg, der mürbe ist wie ein Blätterteigkuchen. Leg ihn lieber unter dein Kopfkissen und den Hammer gleich dazu, falls du demnächst nachts Besuch bekommst. Deine Frage hätte richtig lauten müssen: Was verbindet einen Experten für hochenergetische Schallwellen wie Winston; eine Humangenetikerin wie Joanna, die ihre Doktorarbeit über die Bestrahlung menschlicher Zellen mit Ultraschall gemacht hat; einen Geophysiker wie Haggard und eine Horde von gewissenlosen Geologen und die Antarktis miteinander?“
„Sags mir.“
„Postnukleare Waffentechnologie.“
„Was für’n Scheiß?“
„Geophysikalische Waffen – gesteuerte Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis, Stürme – die feuchten Träume aller perversen Militärs. Ich habe tatsächlich Geologie studiert und meine Ausbildung war um keinen Deut schlechter als die von Hakonsen. Jedes Beben erzeugt Wellen. Zuerst kommen Primärwellen, laufen waagerecht; später kommen die Sekundärwellen, die vertikal scheren und die Zerstörungen anrichten. Stark vereinfacht, aber passt schon. Hier messe ich nur die Primär- aber keine Sekundärwellen und sie kommen in einem millisekundengenauen Rhythmus von exakt 0,914 Sekunden. Aber sie sind nicht Ursache, sondern eine Folge von etwas anderem. Nicht nur Joanna hatte Kopfschmerzen und Übelkeit, ich auch und so reagieren sensible Menschen auf hochfrequenten Schall, der mit extrem viel Energie abgestrahlt wird. Ultraschall, wenn nicht sogar Hyperschall. Die Schubspannungen, die entstehen, wenn diese Wellen auf Gestein prallen, erzeugen Transversalwellen und sie sind es, die den ganzen Berg wie Wackelpudding zum Vibrieren gebracht haben. Das hat der Seismograph aufgezeichnet. Irgendwo unter uns toben gewaltige Energien und wer sie beherrscht, kann damit ganze Gebirge zertrümmern. Oder Städte. Es gibt Leute, die würden für das Wissen darum morden. Einer davon gehört zu dieser Expedition, aber ich bin es nicht. Nach und nach radiert er jeden aus, der davon etwas wissen könnte. Vier hat er schon erledigt, drei sind noch übrig – Joanna, Hakonsen und du.“
Fürchterliche Kälte fraß sich durch Thores Handschuh und er warf den Stein weg. Es schepperte in der stillen Luft, als er auf den Boden prallte. Nichts war Zufall gewesen – weder, dass Sven während des Sturms im Zelt am Seismographen gesessen hatte, noch dass er Hakonsen den Ausdruck nur eine Sekunde und mit so knappen Erklärungen unter die Nase gehalten hatte. Er hatte genau gewusst, was er tat und Thore und Hakonsen wie Puppen an seinen Fäden tanzen lassen. Doch wozu, wenn er ohnehin schon mehr zu wissen schien als alle anderen?
Als Haggard starb, war Sven im Lager gewesen, definitiv, also gab es noch einen anderen Puppenspieler. Doch was der auch immer hier vorhatte – er kapierte nicht, dass er sich hinten anstellen musste. Oder auch einfach nur warten. Alles hier wollte sie umbringen – die Luft, der Berg, der Boden, sogar die eisige Sonne. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie der tödlichen Kälte, der Trockenheit und dem Wetter unterlagen.
Vielleicht war es von seinem Gesicht abzulesen gewesen – Sven fasste nach seinem Parka. „Was auch immer du jetzt vorhast – wir müssen noch über jemanden reden – Piri Reis.“
„Zu spät.“
Mit einem Ruck befreite Thore seinen Arm, drohte Sven mit dem Hammer, dann stampfte er los. Natürlich mussten sie reden, aber nicht mehr jetzt und schon gar nicht über eine fünfhundert Jahre alte Legende, mit der man Antarktisneulinge erschreckte. Wenn er morgen früh noch lebte, war genug Zeit zum Reden.
Sein Sturmlauf endete erst am Zelt der Hakonsens. „Komm raus!“, rief er, so laut, dass jeder es hören musste und hieb mit der flachen Hand auf die steifgefrorene Leinwand. Nichts rührte sich. Er ging in die Knie und riss den Zeltverschluss auf. „Komm raus, sonst zerr ich dich an den Füßen ins Freie!“
„Warten Sie gefälligst einen Moment!“, schnarrte Hakonsen.
Wenig später kroch er heraus. „Was soll das?“ Er zog den Reißverschluss an seinem Parka zu. „Es ist mitten in der Nacht, wir alle brauchen Ruhe und wir haben morgen einen anstrengenden Tag vor uns.“
„Wonach suchst du hier wirklich?“
„Dafür wecken Sie mich? Ängström hat es Ihnen erklärt und daran hat sich nichts geändert. Die Konkurrenz schläft nicht. Finden wir hier Titan oder andere Bodenschätze, ist das ein Schlag ins Kontor für die Politik der Antarktiseroberung vieler Länder. Es ist ein strategischer Rohstoff, eminent wichtig für die Rüstungsindustrie. Was glauben Sie, warum in den letzten zehn Jahren Länder wie USA und die Sowjetunion so viel Antarktisexpeditionen durchgeführt haben? Die Russen sind führend in der Antarktisforschung, ihre Station „Wostok“ ist die größte ständig bewohnte Siedlung auf dem sechsten Kontinent und wenn eines sicher ist, dann das sie da nicht nur Grundlagenforschung machen. Im nächsten Krieg wird auch die Beherrschung der Antarktis eine Rolle spielen.“
„Das heisst also, wir spazieren hier als Versuchskaninchen auf einem Waffentestgelände herum?“
Hakonsen blickte an Thore vorbei zu Sven und zog die Mundwinkel nach unten. „Was für eine zum Himmel schreiende Dummheit. Sind Sie noch bei Verstand? Ihrem Ton entnehme ich, dass Sie sich von dem da haben aufhetzen lassen. Bei dem Einsatz, um den es hier geht, würde es mich nicht wundern, wenn man uns mit Herrn Granerud ein faules Ei ins Nest gelegt hätte. Wer weiß, wer ihn noch bezahlt außer Ruud Ängström.“
Sven verzog keine Miene, sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt, nur in seinen Augen leuchtete etwas auf, dass Thore nicht gefiel. Aber es hatte keine Bedeutung mehr.
„War es das?“, fragte Hakonsen.
„Ja,“ sagte Thore und er bekam kaum die Zähne auseinander dabei, aber die nächsten Sätze sprach er so laut, dass alle es in ihren Zelten hören mussten: „Morgen früh marschieren wir zurück. Ich bringe jeden lebendig nach Hause, das schwöre ich. Wenn jemand mit dir hierbleiben will, kann er das gerne tun. Er wird erfrieren, verhungern, vom nächsten Sturm zerfetzt werden oder was auch immer. Wenn es dich tröstet – es werden nur du und deine Frau sein. Aber vielleicht hat sie ja mehr Verstand als du und kommt mit uns mit.“
Zum ersten Mal während der ganzen Expedition sah Hakonsen danach aus, als hätte es ihm die Sprache verschlagen und wenn Thore es noch interessiert hätte, wäre es ihm mindestens einen Kommentar wert gewesen. Er hatte Hakonsen den Schwarzen Peter hingeworfen. Der war nicht dumm genug, um nicht zu begreifen, dass seine Uhr ablief und mehr wollte Thore nicht. Er ließ ihn stehen, marschierte zu seinem Zelt, und zerrte seinen Schlafsack heraus. Der Plan hatte schon festgestanden, als er sich den Hammer gegriffen hatte und alles danach hatte nur dazu gedient, wen auch immer zu einer Aktion zu zwingen. Der Köder war ausgelegt und sein Name war Thore Wejndahl.
Sven stellte sich ihm in den Weg und es war das erste Mal, dass in seiner Stimme eine echte Emotion durchklang. „Du hast dir gerade eine Zielscheibe auf den Rücken gemalt. Er kann dich nicht so einfach gehen lassen. Bleib wenigstens in meiner Nähe!“
„Geh mir aus der Sonne!“
Wäre Sven nicht zur Seite gesprungen, hätte Thore ihn einfach überrannt. Sorgfältig schloss er den Eingang hinter sich und platzierte seinen Schlafsack exakt in der Mitte des Zeltes. Den Heizkocher stellte er daneben, drehte die Flamme hoch genug, dass er bei ihrem Licht schreiben konnte und holte sein Notizbuch aus einer versteckten Tasche seines Schlafsacks hervor. Fast jeden Abend hatte er sich noch die Zeit genommen, ein paar Sätze über den Tagesverlauf einzutragen. Allerdings war er da auch nicht so unglaublich müde gewesen wie jetzt. Er überlegte einen Moment, wie er anfangen sollte, dann schrieb er das auf, was er beim ersten Anblick der Bergspitze gefühlt hatte: „Wir werden beobachtet.“

 

 

Kapitel 5

Nach der Auseinandersetzung mit Thore und Sven kroch Johannes wieder ins Zelt. Joanna drehte den kleinen Heizkocher zwischen ihrem und dem Schlafsack von Johannes auf volle Leistung und setzte Teewasser auf. Er ließ sich auf seinen Schlafsack fallen und legte die Hände auf das Gesicht. Bei jedem anderen wäre es ein Zeichen von Erschöpfung gewesen und dann folgend – Kapitulation. Doch das war ein Irrtum. Was er sich in den Kopf gesetzt hatte, kämpfte er durch und es gab nichts und schon gar keinen Menschen, der ihn davon abhalten konnte.
Thore glaubte, dass er Johannes mit dem Rücken an die Wand gestellt hatte, denn der konnte weder alleine hierbleiben noch ohne Ergebnisse zurückkehren, weil Ängström ihn dann in der Luft zerreißen würde. Doch Thore hatte nicht die geringste Vorstellung davon, wie weit Johannes bereit war zu gehen, um sein Ziel zu erreichen.
Er nahm die Hände vom Gesicht und starrte zur Zeltdecke. „Wejndahl und Granerud irren sich. Wir schlafen jetzt noch zwei Stunden, dann gehen wir los. Bevor sie wach werden, sind wir am Gipfel und haben den Einstieg längst gefunden. Selbst wenn nicht – Wejndahl wird nicht so einfach ohne uns hier abmarschieren.“
Sie spielte mit ihrem Zopf. „Wir? Das war nicht so geplant.“
„Der Plan hat sich soeben geändert. Überrascht?“
Sie verzog keine Mine. „Nein.“
Kleine Sauerstoffperlen stiegen in der Kupferkanne auf. Joanna erhob sich auf die Knie, langte nach ihrem Rucksack, holte ein Leinensäckchen hervor und als das Wasser zu brodeln begann, warf sie ein paar Blätter aus dem Beutel hinein. Mit leerem Blick sah sie zu, wie sie die Flüssigkeit langsam dunkler werden ließen.
„Dein Tee“, sagte sie schließlich und ihre Stimme klang wie immer.
Er zog die Handschuhe aus, umfasste mit beiden Händen die Tasse und blickte hinein, als schwämme darin sein Orakel. „Es geht doch nichts über ein bisschen Wärme. Bald werden wir sehr viel davon haben. Für immer“, sagte er schließlich und trank.
„Immer ist eine ziemlich lange Zeit.“
Mit der Zunge fuhr er sich über die Lippen. „Der Tee schmeckt seltsam.“
„Wir sind zu Tode erschöpft. Den Aufstieg schaffen wir nicht mehr. Mit dem, was ich dir gegeben habe, hast du ungefähr zwölf Stunden Zugriff auf Reserven deines Körpers, die dir sonst verschlossen sind. Wenn du sie ausschöpfst, brichst du danach allerdings zusammen, also nutze sie mit Verstand. Ich habe es uns in kleinerer Dosierung schon beim Training in der Arktis gegeben, sonst würde es dich jetzt umbringen.“
In kleinen Schlucken, leise schlürfend, trank sie ihre Tasse leer. Dann zog sie den Reißverschluss ihres Parkas zu und stand auf.
„Du willst jetzt wo genau hin?“, fragte er.
„Meine Felsenhaken sind im großen Zelt. Wir werden sie brauchen.“
Wieder dachte er intensiv nach, dann huschte ein freudloses Grinsen über seine Lippen. „Erschreck Wejndahl nicht zu sehr, sonst wähnt er sich dem Mörder gegenüber, wenn du so plötzlich erscheinst.“
„Der jedoch nicht kommt, weil er gleich zwei Stunden schlafen und dann einen Berg besteigen wird. Oder irre ich mich?“
Lange sah er sie mit sehr viel Nachdenklichkeit in seinem Blick an und sie glaubte fast, die Gedanken hinter seiner breiten Stirn arbeiten zu sehen. Schließlich erwiderte er: „Du hältst mich für ein Monster. Das sei dir freigestellt. Es existiert jedoch kein hinlänglicher wissenschaftlicher Beweis dafür, dass Intelligenz, weiche Haut, verführerische Stimme, funkelnde Augen, Schmerzempfinden und logisches Denkvermögen; ja selbst deine Fähigkeit zu Mitgefühl und Liebe genügen, um der Definition ‚Mensch‘ gerecht zu werden. Hingegen ist es völlig ausreichend, von eben diesen gezeugt und geboren worden sein. Das macht den alles entscheidenden Unterschied zwischen uns, meine Verehrteste – meine Eltern waren Menschen und damit bin auch ich es zeit meiner Existenz; selbst wenn keine der von mir vorgenannten Eigenschaften zutreffend sind oder ich es für notwendig erachte, sie im Laufe meines Lebens in ihr Gegenteil zu transformieren, weil sie ein Ballast sind, auf den ich gut verzichten kann. Denken, Fühlen oder Handeln – wird völlig, zumindest für diese Einstufung – überbewertet. Egal wie edel, aufopfernd und selbstlos du zu sein versuchst – ich bin Mensch durch Geburt und das wird sich niemals ändern. Nebenbei bemerkt auch der Einzige, der, obwohl er deine Herkunft kennt, dich trotzdem als solchen akzeptiert. Alle anderen würden für dich den Scheiterhaufen wieder erfinden und selbst wenn nicht, würdest du sehr bald feststellen, das auch die intelligenteste Laborratte immer das bleibt, als was sie geschaffen wurde – eine Laborratte.“
Kurz und trocken lachte er auf. „Ich werde sowieso nie begreifen, was du an diesen bornierten Hohlköpfen findest. Sie sind alle dumm und deshalb so einfach zu manipulieren. Tatsächlich habe ich meine Kollegen nicht umgebracht. Dafür hat Ängström Gunnar Sigurdson mitgeschickt, irgend so einen Spezialsoldaten. Für alle speziellen Fälle gibt es immer irgendwo einen Soldaten.“
Er drehte sich auf die linke Schulter und kurz darauf wurden seine Atemzüge lang. Leise stand sie auf. und streckte die Hand nach dem Reißverschluss des Eingangs aus, da sagte er so leise, als spräche er im Halbschlaf: „Du inspirierst mich tatsächlich immer noch. Meine Rede war so gut, ich hätte sie fast selbst geglaubt. Du natürlich nicht, dazu kennst du mich zu gut. Viel zu gut.“
Er drehte wieder zu ihr herum und die Kälte in seinen Augen war schlimmer als die minus fünfundvierzig Grad oder mehr draußen. „Aber was jetzt kommt, solltest du besser glauben. Wenn ich in spätestens zwei Monaten nicht wieder gesund und bei bester Laune, weil erfolgreich, auf dem Schiff bin, werden sie alle sterben. Du als Letzte, damit du es noch sehen kannst. Du solltest also da oben gut auf mich aufpassen, wenn du nicht für ihren Tod verantwortlich sein willst. Vor allem aber keinen Fehler machen, wenn du jetzt hinausgehst.“
Schach, aber nicht matt, auch, wenn Johannes es in diesem Moment glaubte. An so manchen kalten Abenden in ihren ersten gemeinsamen Jahren in Oslo hatten sie Schach gespielt. Nicht weniger intelligent als er, hatte sie ihn ein ums andere Mal mit einer Waffe geschlagen, die er nicht besaß und der sein wenn auch genialer Verstand alleine hoffnungslos unterlegen gewesen war – der Verbindung zwischen ihrem bewussten und unterbewusstem Denken – ihrer Intuition. Irgendwann hatte sein verletztes Ego dafür gesorgt, dass das Schachbrett zu Hause ungenutzt verstaubte und nichts daraus gelernt. Sie schon.
Scheinbar ruhig und ohne jeden Widerspruch kroch sie hinaus und lief zum Forschungszelt. Thore schlief, seine Hand mit dem Bleistift noch immer auf dem roten Tagebuch. Sie erkannte totale Erschöpfung, wenn sie sie sah, und zog es nicht sehr vorsichtig hervor. Kurz blätterte sie darin und schrieb dann in Druckbuchstaben auf die letzte von ihm begonnene Seite: „Mörder Sörgensen, Ängström, Johannes; wartet zehn Stunden auf mich, nicht länger. Nicht zum Schiff zurück, andere Station suchen.“
Ohne einen Laut ging sie wieder hinaus, legte ebenso geräuschlos die Felsenhaken ab und lief zu dem Zelt, in dem Sven mit vier anderen Männern schlief. Vor dem Eingang ließ sie sich auf die Knie fallen und griff nach dem Reißverschluss.
„Was …“ Svens Kopf erschien im Eingang.
Blitzschnell presste sie ihm eine Hand auf den Mund. „Still!“
Sie steckte ihm Thores Tagebuch zu. „Rühr dich nicht vor morgen früh. Lesen und befolgen. Bitte!“
Einen Herzschlag lang blickte sie ihm in die Augen, dann rannte sie zurück, nahm im Vorbeilaufen die Felsenhaken auf und kroch, leise damit klappernd, zurück in ihr Zelt.

Fünf Stunden später heulte Joanna plötzlich ein scharfer Wind ins Gesicht. Sie blieb so abrupt stehen, dass Johannes gegen sie rannte. Bis hierhin war sie vorangegangen, weil sie die erfahrenere Alpinistin war. Sie waren knapp dreihundert Meter unter dem Gipfel und hatten Glück mit dem Wetter gehabt. Wolken waren heraufgezogen, es hatte nur ein laues Lüftchen geweht, was zwar bei mehr als minus fünfzig Grad hier oben immer noch schlimm genug war, aber sie hatten es aushalten können, weil sie in Bewegung geblieben waren.
„Weiter!“, zischte er.
Sie rührte sich nicht. Vor ihr lag ein Weg unter einem Überhang, fast schon ein Tunnel, und er sah aus, als hätte ein Riese mit einer gigantischen Axt eine schräge Kerbe in den Berg geschlagen. Gerade breit genug, dass sie nebeneinander gehen konnten, war der Felsen so eben und glatt, als wäre er maschinell bearbeitet worden und die schwarzen, wie glasiert wirkenden Felswände zeigten im Gegensatz zum Gestein eintausend Meter tiefer nicht die kleinsten Anzeichen von Verwitterung.
Spätestens hier hätten sie verstehen müssen, doch sie waren in der Menschfalle gefangen. Unfähig, ihr Ego aus der Gleichung herauszuhalten; unfähig, etwas ohne ihre Icherfahrungen zu betrachten, waren sie selbst es, die die Gleichung unlösbar machten und wie alle Menschen verflucht, bis ans Ende ihrer Existenz mit verbundenen Augen in der Dunkelheit ihres Nichtwissenwollens herumzutapsen und niemals ans Licht zu finden.
Dabei hatten alle Karten auf dem Tisch gelegen – der Sturm, das Erdbeben, die Gerölllawine, das wie leergefegt wirkende Plateau und der erosionslos verwitterte Fels. Am nächsten war Sven noch der Wahrheit gekommen und hatte es als das interpretiert, was es auch war – eine Warnung, nicht weiterzugehen. Thore hatte nur das gesehen, was er sehen wollte und Johannes nur das, was er haben wollte. Aber auch Joanna stülpte ihren brennenden Wissensdurst über die Realität und ignorierte die Warnungen, die wenigstens sie hätte verstehen müssen, wenn schon niemand sonst es tat. So war sie, anders als Johannes glaubte, doch ein Mensch. Weil Menschsein unabhängig von Geburt und Gestalt ist; weil es bedeutet, niemals satt zu werden; weil es bedeutet, zu lieben, zu hoffen und zu fühlen weit über jede Vernunft hinaus. Weil es bedeutet, den Fluch tragen zu müssen auf Lebenszeit.
Johannes stieß sie in den Rücken. „Geh schon! Wir erfrieren sonst!“
Joanna setzte einen Fuß auf den schwarzen Felsboden und besiegelte damit das Schicksal der Expedition. Wie gestern lag plötzlich ein leises Grummeln in der Luft, der Felsboden begann fast unmerklich unter ihren Füßen zu vibrieren und aus dem einen scharfen Windzug wurde ein heftiger Wind, der von Sekunde zu Sekunde zunahm. Vielleicht einhundert Schritte kämpften sie noch dagegen an und schließlich war es Johannes, der stehenblieb.
„Was wird das?“, rief er und sah sie so wütend an, als wäre sie dafür verantwortlich.
Sie reagierte nicht, schaute stattdessen nach Rissen im Fels, an denen sie sich und ihn sichern konnte, aber die Wände waren so glatt und fugenlos, als wären sie poliert worden. Die Luft jagte jetzt so scharf durch den Tunnel, dass sie nur noch gebückt halbwegs sicher stehen konnten und es wurde immer dunkler. Trotzdem klinkte sie sich aus dem Sicherungsseil, presste sich mit dem Rücken an die Wand und glitt an ihr voran. Gut zwanzig Schritte weiter fand sie tatsächlich einen wenn auch nur zentimeterbreiten Spalt und winkte Johannes, zu ihr zu kommen.
Er machte einen Schritt, da zerriss ein Blitz die Dunkelheit. Für einen Sekundenbruchteil wurde es gleißend hell; fast unmittelbar folgte ein Donnerschlag, und der Berg erbebte, als hätte ihn ein gigantischer Hammer getroffen; ein Laut wie von einer gigantischen Turbine; immer höher stieg er, wurde zu einem Pfeifen und verschwand dann schließlich irgendwo jenseits ihres Hörbereichs.
„Ich verstehe nicht …“ Die heulende Luft riss ihm die Worte vom Mund. Wie sie zuvor, presste er sich an die Wand und glitt daran entlang, bis er neben ihr stand. Sie hämmerte die Felsenhaken in die Wand und seilte ihn und sich an. Er versuchte, ihr zu helfen, aber mit seinen zitternden Hände bekam er nicht einen Knoten zusammen. Gerade, als sie den letzten Haken einschlug, wurde es still und totenbleich im Gesicht starrte Johannes zu ihr herüber.
Sie lachte bitter und eine Träne brannte auf ihrer Wange. „Wir scheinen hier nicht erwünscht zu sein. Halt still!“
Mit einem Ruck zog sie den letzten Knoten an seinem Geschirr fest, da jagte ohne jede Vorwarnung ein mörderischer Windstoß durch den Gang, riss ihr die Füße weg und knallte sie mit Urgewalt gegen die Felsendecke des Überhangs.
Unten im Lager war es dieser erste Donnerschlag, der alle aus dem Schlaf riss. Am schnellsten waren Thore und Sven auf den Beinen und was sie sahen, ließ ihnen den Atem stocken. Schmutzig graue Wolken umkreisten die Spitze des Berges, schoben sich dabei in- und übereinander und nur direkt um den Gipfel war noch ein schmaler Spalt des Himmels zu sehen. Giftig violett geisterten Blitze darin wie Elmsfeuer hin und her, lautlos und gespenstisch. Erste Windböen rauschten heran, pfiffen ihnen um die Ohren und wurden von Sekunde zu Sekunde heftiger.
Thore brüllte dagegen an, was seine Lungen hergaben: „Hier bricht gleich die Hölle los! Alles in die Klamm!“
Gestern noch hatte er es für einen Fehler gehalten, aber das, was sich da oben am Berg abspielte und von Sekunde zu Sekunde unheimlicher wurde, ließ ihn seine Meinung ändern.
„Aber …“ Sven schaffte nur das eine Wort. Thore verpasste ihm einen Stoß vor die Brust, der ihn taumeln ließ. „Lauf!“
„Und du?“
„Lauf!“
Sven rannte los. Er war der Letzte, alle anderen waren schon unterwegs. Diesmal zählte Thore und kam nur auf zehn. Zwei fehlten, weder Johannes noch Joanna waren unter ihnen. Thore spurtete die paar Schritte zum Zelt der Hakonsens und riss mit einem Ruck den Eingang zur Seite. Es war leer.
„Joanna!“
Er richtete sich wieder auf, drehte sich zum Berg und stemmte sich gegen den Sturm. Eine Windbö heulte heran, zerfetzte die Haut des Zeltes, ließ nur die Stangen stehen und wieder krachte ein Blitz in die Bergspitze. Die elektrische Megaentladung riss für einen Moment den Wolkennebel auf und gab den Blick auf die riesige schwarze Windhose frei, die darunter rotierte. Der nächste Blitz schlug ein, fast unmittelbar darauf krachte der Donner und alleine der Schalldruck war so heftig, dass Thore in die Knie ging. Mit aller Kraft klammerte er sich an den Mittelpfosten des Zeltes und zog sich wieder in die Höhe. Trotzig reckte er seine Faust in den violett leuchtenden Himmel.
Für Joanna hatte sich der Windstoß wie eine Faust aus Luft angefühlt. Aber die Haken hatten gehalten und ihre dicken Sachen hatten das Schlimmste verhindert, als sie gegen den Felsen geschleudert worden war. Nur noch an den Seilen hängend, ignorierte sie den scharfen Schmerz in ihrem Brustkorb, streckte den Arm nach dem letzten Karabinerhaken aus, erwischte ihn und klinkte ihn ein. Mit aller Kraft zog sie ihre Seile nach, bis sie kaum noch atmen konnte, machte sich klein, um dem nächsten Angriff kein Ziel zu bieten, und schrie Johannes durch das Inferno der entfesselten Luft zu: „Halt dich fest! Wenn nicht mehr kommt, schaffen wir das!“
Doch es kam mehr. Nur knapp zweihundert Kilometer pro Stunde schnell, war die erste Welle nicht mehr als der Vorbote gewesen. Sie war direkt von oben gekommen und hatte die beiden Menschen nur gestreift.
Die zweite Welle nahm einen anderen Weg. Als hätte sie einen eigenen Verstand, jagte sie durch die Schlünde im Berg; wurde dabei zusammengepresst und setzte ihre gigantische Kraft in Geschwindigkeit um. Sie war nicht viel langsamer als ihr eigener Schall und Joanna und Johannes hörten sie nicht einmal mehr kommen. Aus dem Nichts traf es sie mit der Kraft einer Dampframme. Aus ihren Seilen gefetzt, als wären es nur Spinnenweben, wurden sie davongetragen. Wenig später traf Thore das gleiche Schicksal, er wurde vom Boden emporgerissen und davongewirbelt wie die Hakonsens vor ihm.
Gunnar Sörgensen fehlten nur noch ein paar Schritte bis zur rettenden Klamm, als er mit fürchterlicher Gewalt gepackt und gegen die Felsen geschleudert wurde. Seinen Todesschrei verschluckte das Brüllen der entfesselten Luft. Alle anderen schafften es und sie mussten diesmal Stunde um Stunde ausharren, bis sich die Atmosphäre wieder beruhigte.
Auch dann war es noch nicht vorbei. Nach dem Tornado schickte der Berg Schnee, vielleicht den ersten hier seit Jahrhunderten. Er fiel in großen, dicken Flocken und als die Sonne endlich wieder durchbrach, beschien sie eine weiße Landschaft, die aussah, als läge ein Leichentuch darüber.

 

 

*** Ende des 1. Teils ***