Sternenstaub

„Niemand ahnt es, wie der Würfel fällt. Doch nichts geschieht durch Zufall auf der Welt.“

Juliane Werding

 

 

Kapitel 6

Schwerin, Sandstraße, November 1996, Samstagabend

Etwas fiel draußen in den verwilderten Garten. Wahrscheinlich ein weiteres Stück der Außenverkleidung. Stück für Stück lösten sich die Außenwände in ihre Bestandteile auf. Das Haus war ein Altbau, außen bröckelte der Putz von der blassgelben Fassade, innen die Farbe von den Korridorwänden.
Christian stand auf und schloss das Fenster. Wer zu ihm wollte, hatte einen gefährlichen Weg über sechs hölzerne Halbtreppen vor sich, in denen die Würmer eine Party nach der anderen feierten. Hatte er das überlebt, stand er in der dritten Etage vor einer Wohnungstür mit einem Schild aus Porzellan und dem Namen „Christian Oldenburg“ darauf. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr wohnte er hier.
Seine Mutter war früh gestorben und sein Vater hatte den Sozialismus verteidigt; in Norwegen, ohne Uniform, im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit und unter falschem Namen. Auch als die DDR vom Rad der Geschichte zermahlen worden war, hatte sich daran nicht viel geändert. Major jetzt a. D. Sven Oldenburg verteidigte immer noch die Freiheit; immer noch ohne Uniform und immer noch in Norwegen. Nur wurde sein Gehalt nicht mehr von der Staatsbank der DDR, sondern meistens von den Caymaninseln, manchmal auch direkt aus Washington, überwiesen.
Die Tür zur Straße unten quietschte. Christian war der einzige verbliebene Mieter und wer auch immer die Tür unten aufgedrückt hatte, konnte nur auf dem Weg zu ihm sein. Keine der morschen Stufen knarrte und nur eine Person außer ihm konnte sich so lautlos im Treppenhaus bewegen. Eine, deren ganzes Leben auf Lautlosigkeit und Unauffälligkeit gründete.
Er klappte das Buch zu, ging zur Wohnungstür und öffnete. Sein Vater nahm gerade die letzte Treppenstufe. „Hallo Christian.“
Christian lehnte sich an den Türrahmen und kreuzte die Arme vor der Brust. „Moin. Du hattest etwas von morgen geschrieben. Jetzt muss ich den drei Mädels sagen, dass sie sich was anziehen sollen und den Koks vom Tisch räumen. Schade eigentlich.“
Sein Vater blinzelte, als hätte er bei klarem Himmel einen Regentropfen ins Gesicht bekommen. „Ich dachte, deine Studentenzeit ist vorbei.“
Früher hätte er laut gelacht. Bevor Christian ihm „Wendehals“ an den Kopf geworfen und er mit „Traumtänzer“ gekontert hatte. „Früher“ ist ein hässliches Wort. In jeder Sprache, genau wie: zu spät.
Außer den Müdigkeitsfalten um seine Augen hatte sich nicht viel an ihm verändert. Er war immer ein Mann gewesen, der in einer Menschenmenge nicht auffiel. Nicht klein, nicht groß, nicht dick, nicht dünn und mit einem Allerweltsgesicht, das scheinbar keinen zweiten Blick wert war. Die schlanke Frau in dem kornblumenblauen Mantel hinter ihm schon. Ihre roten Haare kontrastierten mit smaragdgrünen Augen und das schmale, ebenmäßige Gesicht mit den hohen Wangenknochen und der Stupsnase gab ihr etwas Zartes und Beschützenswertes.
Nicht die kleinste Andeutung eines Begrüßungslächelns spielte um ihre Lippen und er korrigierte seine Schätzung ihres Alters um zehn Jahre nach oben; trotz des langen Zopfes, der lustig über ihrer linken Schulter baumelte und ihr im Halbdunkel der Treppenbeleuchtung ein wenig das Aussehen eines Teenagers gegeben hatte.
Nicht einmal ihre Lederhandschuhe auszuziehen, hielt sie für notwendig. Wortlos machte sie zwei Schritte, reichte ihm die Hand und ging dann so gerade, als hätte sie einen Stock verschluckt und mit einem Nicken an ihm vorbei; das Gesicht weiß wie Marmor; der Ausdruck darauf ebenso kalt und die harten Kanten um ihre Mundwinkel schienen zu sagen: „Komm mir nicht zu nah.“
Das hatte er auch nicht vor. Frauen, die nicht lächeln konnten, waren alt, selbst, wenn sie so jung aussahen wie sie. Dafür lächelte sein Vater, nur ein wenig, wahrscheinlich fehlte ihm die Übung und sagte: „Das ist Joanna Hakonsen.“

Der Duft von frischem Kaffee auf dem Tischchen neben seinem Bett weckte Christian am nächsten Morgen. Aus seiner alten Emailletasse zog er geradewegs in seine Nase, entfachte wahrscheinlich ein paar Hochleistungsblitze zwischen seinen Synapsen und zwang ihn aus dem Bett. Die Frage war, wer die Tasse da hingestellt hatte. Allzugroß war der Kreis der Verdächtigen nicht.
Er ging duschen, rasierte sich die Stoppeln der letzten Tage von den Wangen und dachte über seine Gäste nach. Sie hatten erschöpft ausgesehen gestern Abend. Sie küssten sich nicht, ja, hatten sich nicht einmal berührt; wenigstens nicht in dem Teil des Films, den er zu sehen bekommen hatte. Sein Vater schlief auf der Couch in der Wohnstube, Joanna im Schlafzimmer und beide waren mit schwarzen Reisetaschen gekommen, die aussahen, als hätten sie gestern noch im Schaufenster eines Geschäfts gestanden. Als hätten sie sie erst gekauft, als sie schon unterwegs gewesen waren.
Nach dem Abendessen hatten sie noch lange nebenan in der Küche gesessen, sein Name hatte des Öfteren durch die Wand zu seinem Zimmer geklungen und wenn er sich nicht irrte, war es Joanna gewesen, die ihn am meisten benutzt hatte. Was ziemlich verwunderlich war, da sie den ganzen Abend in etwa genauso viele Worte mit ihm gewechselt hatte wie er in den letzten drei Wochen mit seinem Kühlschrank. Als er hereingekommen war, um sich ein Bier zu holen, waren sie verstummt. Sie hatte ihn nicht einmal angesehen, das Messer neben ihrem Teller mit dem Zeigefinger hin und her gedreht und der Ehering an ihrer linken Hand hatte dabei im Licht der Deckenspots geblitzt.
Vielleicht hatte er zu viel an sie gedacht – als er aus der Dusche kam, lehnte sie mit verschränkten Armen in seinem Bademantel an einer Wand im Flur. „Dein Vater ist vor einer Stunde los. Er wird erst am Abend wiederkommen.“
Damit hatte sich nicht nur die Frage, ob sie Deutsch sprach, erledigt und es wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, rot zu werden. Er ging ohne Schlafanzug ins Bett und es war unwahrscheinlich, dass sie ihm den Kaffee vorhin mit geschlossenen Augen hingestellt hatte.
Er erwiderte: „Moin erstmal. Sagt man hier so, knapp zweihundert Tage im Jahr, also außer Ostern, Pfingsten, Weihnachten, Neujahr und wenn man einen Kater hat. Bevor man einem Mann erzählt, dass die Frau seiner Träume an seinem Bett gestanden und er es verpennt hat.“
„Verpennt?“
So gut war ihr Deutsch dann wohl doch nicht. „Verschlafen; nicht bemerkt, weil Augen zu.“
„Ach so.“ Sie schlenkerte eine Hand, als wische sie einen Staubfussel beiseite. Oder seinen letzten Satz. „Ich will mir die Stadt ansehen. Du hast Lust?“
Hatte er. Immer. Auf einen Sonntag im Bett. „Ich muss heute Abend wieder nach Berlin zur Uni. Auf meinem Tisch liegt ein Buch, das ich bis dahin noch durcharbeiten muss.“
„Das habe ich gesehen. Raymond Chandler: ‚Lady in the Lake‘.“
„Weiterbildung. Ich bin Historiker. Mein Englisch ist schlecht.“
„Eher die Ausrede.“
Er zuckte die Schultern. Ihm fehlte Training. Mit Frauen. „Ich habe noch nicht gefrühstückt. Da kannst du keine Qualitätslügen von mir erwarten.“
Sie blickte auf ihre Uhr am Handgelenk. Ein bisschen zu deutlich, ein bisschen zu lange, auch, wenn es ein hübsches Teil war, schmal, silberglänzend und mehr aussah wie ein schmucker Armreif denn eine Uhr. „Es ist halb zwölf.“
„Sag ich doch. Frühstück.“
„Das können wir auch in der Stadt. Ich esse Mittag und du dein Frühstück. In einer viertel Stunde gehen wir los.“
Mit einem Schwung, der die Schöße seines Bademantels um ihre nackten Waden wirbelte, verschwand sie in Richtung des Schlafzimmers. Hatte er nicht gerade nein gesagt?
Zwanzig Minuten später wartete sie auf ihn in einem knielangen, kornblumenblauen Wollkleid, das ihre Figur umfloss, als wäre es ihr auf den Leib geschneidert. Einen Mantel in der gleichen Farbe hatte sie sich über den Arm gelegt und in ihren roten Haaren steckte eine Sonnenbrille mit großen, dunklen Gläsern. Sie sah gut aus, verdammt gut sogar und selbst die weißen Turnschuhe taten dem keinen Abbruch.
Er sagte: „Wir haben November, der kann in Mecklenburg ziemlich eklig werden. Die Kälte macht auch keinen Bogen um so hübsche Knie. Ich würde eine Strumpfhose anziehen.“
Sie band ein Kopftuch um und schob sich die Sonnenbrille vor die Augen. „Du? Interessante Vorstellung.“
Er griff nach seinem Anorak. Er hatte nur etwas Nettes sagen wollen.
„Christian?“
„Ja.“ Hatte er geknurrt?
„Danke für das Kompliment.“

Freitagabend; er war wieder da und es konnte gut sein, dass er im Getränkeabteil ein paar Bier zu viel getrunken hatte. Manche Träume platzen mit einem Knall, manche durch ein Lachen der Kollegen und die sind es, die wirklich weh tun. Er hatte nur kurz seinen Vater begrüßt, ihn angeknurrt, wie lange er und Joanna noch hierbleiben wollten und sich die letzten beiden Bier aus dem Kühlschrank geschnappt. Sie hatte er nicht gesehen und sich in sein Zimmer verzogen. Es war besser für sie, wenn er ihr heute nicht mehr über den Weg lief.
Nach einiger Zeit steckte sein Vater den Kopf durch die Türöffnung. „Essen wir morgen zusammen?“
„Ist das ein Friedensangebot?“
„Haben wir denn Krieg?“
„Sag du es mir.“
„Beim Essen. Wenn es dir besser geht.“
„Nicht vor eins“, erwiderte er vom Bett aus. Er hatte sich nicht einmal ausgezogen. „Ich muss erst meinen Kater ersäufen.“
Sein Vater zog einen Mundwinkel nach oben. Es war ein halbes Grinsen, so wie damals, als Christian im Boxring zu Boden gegangen war, weil er nicht genug auf seine Deckung aufgepasst hatte. Oder hatte sein Vater endlich kapiert, dass das genaue Gegenteil der Fall gewesen war?
Genau, die eigene Deckung. Da war doch etwas gewesen. Wie damals, vor vier Jahren. Sein Vater hatte ihn in den Semesterferien übers Wochenende nach Istanbul eingeladen. Sie hatten den Topkapipalast besucht und Christian war wie berauscht gewesen. Abends an der Hotelbar hatte sein Vater dann gemeint: „Wie hat er sie nur zeichnen können?“
Wieder hatte er dieses halbe Lächeln im Gesicht gehabt und Christian hatte gelacht. Damals hatte er noch mit seinem Vater lachen können. Seit er denken konnte, hatte der ihn herausgefordert und darauf war es mal wieder hinausgelaufen.
„Du bezahlst“, hatte Christian geantwortet.
„Abgemacht. Ich nenne die Fakten, dazu zwei Lösungen und du findest die Richtige oder eine Dritte. Du kannst Fragen stellen und ich darf nicht lügen, wenn ich antworte.“
„Wird dir schwerfallen, oder? Das mit dem nicht Lügen. Gibt es überhaupt jemanden, dem du vertraust?“
Grinsend erwiderte sein Vater: „Pass auf. Hier gibt es ein Fitnesscenter und zwei Paar Boxhandschuhe finden wir auch noch.“
„Das willst du nicht wirklich. Nicht mehr.“
Sein Vater wurde schlagartig ernst. „Es gibt zwei Menschen, denen ich vertraue. Einer davon bist du. Mein Sohn. Der andere ist Bernard Müller.“
Unter seinem Blick wurde Christinas Hals trocken. „Ziemlich staubige Luft hier. Hau mal einen Vorschuss raus auf meinen Sieg. Und dann leg los.“
Sein Vater stand auf und kehrte kurz darauf mit zwei Caipirinhas zurück. Er setzte sich, stieß mit Christian an und sagte: „Es gibt da eine alte Seekarte aus dem Jahr 1513 …“
„Na toll.“
Christian unterbrach ihn. „Deswegen bist du so schnell im Topkapi an der Glasvitrine mit der Karte von Piri Reis vorbeigegangen. Hast du vergessen, dass ich Geschichte studiere und die alten Osmanen mein Hobby sind?“
„Dann nehme ich etwas anderes.“
„Nix da. Du willst nur nicht bezahlen. Prost.“ Christian trank mit einem Zug sein Glas aus. „Leg los.“
Sein Vater lehnte sich zurück und legte die Fingerspitzen seiner Hände gegeneinander. „Die Fakten: Der osmanische Seefahrer Piri Reis hat die Karte im Mittelalter gezeichnet. Sie zeigt die Küste der Antarktis, wie sie fünftausendfünfhundert Jahre früher ausgesehen hat. Da war ihr Rand noch grün und wurde erst viel später unter kilometerhohem Eis begraben. Die Karte weist eine sphärische Verzerrung auf, die in etwa der eines Fotos entspricht, das aus mehreren einhundert Kilometern Höhe aufgenommen worden ist. Wissensbasis: Die Antarktis wurde erst im neunzehnten Jahrhundert entdeckt. Piri Reis hätte sechstausend Jahre alt sein müssen, um ihre Küstenlinie ohne Eis zeichnen zu können. Er wurde aber um 1470 geboren und 1554 in Kairo geköpft. Das ist bewiesen und das sind die Fakten. Niemand auf der Erde hätte damals diese Karte zeichnen können. Deshalb liegt sie hier im Topkapi unter Glas. Weil sie ein Wunder ist. Mach was draus. Prost.“
Christian stieß mit ihm an und orderte gleich die nächsten Drinks. „Mögliche Erklärungen?“
„Es gibt keine.“
„Quatsch. Göttliche Eingebung oder wie?“
„Ernsthaft. Manche meinen, es sei ein Zufallstreffer und andere glauben, Außerirdische hätten die Erde besucht und von ihnen hätte er das Wissen gehabt. Ich geh mal zu Toilette.“
Sein Vater erhob sich und hielt sich dabei kurz am Stuhl fest. Dann schlug er den Weg zum Klo ein und es sah nicht so aus, als ob er ihn ohne Kompass finden würde. Deshalb stand Christian gar nicht erst auf. Die warme Luft und der schöne Abend waren zusammen mit den Cocktails eine Mischung, die die Knie weich machten. Aber denken konnte er noch.
Es dauerte eine Weile, bis sein Vater wiederkam. Er ließ sich in den Korbsessel fallen und meinte: „Ins Zimmer werde ich wohl einen Rollstuhl brauchen.“
„Nehmen wir nen Doppelsitzer. Trinken wir noch einen?“
„Jo. Hast du eine Lösung?“
„Die Mondfischer waren’s.“
„Wer?“
„Die Bewohner von Atlantis. Beim Studium habe ich ein Buch mit alten Legenden in der Hand gehabt. Ziemlich spannend übrigens. Sie sind den Strom der Zeit aufwärts gereist, von der Mündung zur Quelle. Sie erinnerten sich an die Zukunft und träumten von der Vergangenheit. Was für uns erst noch geschehen wird, war für sie längst Vergangenheit und unsere Geschichte lag für sie im Nebel des Morgen. Sie haben bei Piri Reis kurz halt gemacht, ihm ein Foto in die zittrige Hand gedrückt und danach hat er die Karte gezeichnet.“
„Was habt ihr denn für Studienliteratur?“
„Das willst du nicht wissen.“
„Vielleicht nicht, aber die Lösung. Aus dem Alter, in dem du noch an Märchen geglaubt hast, solltest du heraus sein. Also bitte – eine Antwort aus belastbaren Fakten oder du bezahlst.“
Von wegen betrunken. Das hätte Christian auch gewundert. Die Augen seines Vaters waren so klar wie immer. Er hatte sich nur ein wenig gehen lassen. Christian nahm es ihm nicht übel. „Die Karte ist echt?“
„Ja.“
„Genau?“
„Die NASA hat neunzehnhundertsechzig bestätigt, dass sie sogar erstaunlich genau ist.“
„Gibt es überhaupt eine Lösung?“
„Nein. Sie ist ein Mysterium. Ich dachte mir, du bist reif für das nächste Level. Eine Lösung finden, die noch keiner vor dir gefunden hatte.“
„Nö. Nich mehr heute Abend. Lass mal lieber den Doppelsitzerrollstuhl kommen. Bin eher reif fürs Bett.“
Doch er grübelte die ganze Nacht und was sich dabei in seinem umnebelten Hirn abspielte, war nicht wirklich druckreif. Aber beim Frühstück präsentierte er seinem Vater eine Lösung. „Du brauchst kein amerikanisches Alienpopcornkino für Leute, die gefehlt hatten, als das Gehirn verteilt wurde, um die Karte zu erklären“, meinte er und goss sich Orangensaft ein.
Sein Vater teilte eine frische Ananas und legte ein paar Scheiben auf Christians Teller. „Reicht dein Taschengeld nicht mehr für gestern Abend?“
„Nö. Ich verliere nur nicht gern.“
Christian nahm sich eine Ananasscheibe. „Hochkulturen wie die Mayas, die Phönizier oder die sagenhaften Atlantiden sind in der Geschichte verschwunden, und zwar spurlos. Nicht ausgerottet, nicht dahingesiecht oder langsam ausgestorben. Nein, verschwunden, von einem Tag auf den anderen. Wären sie das nicht, hätten sie sich in dem gleichen Tempo wie der Rest der Menschheit weiterentwickelt, wären sie uns heute himmelhoch überlegen. Immerhin hatten sie ein paar tausend Jahre mehr Zeit. Das ist für uns die Zeit vom Eisenschwert bis zur Atombombe. Zur Zeit von Piri Reis wären sie etwa da gewesen, wo wir so um das Jahr 2500 sein werden. Wenn es uns dann noch gibt.“
Er griff nach dem Orangensaft. In den Augen seines Vaters glitzerte etwas, nur einen winzigen Augenblick, dann war sein Gesicht wieder nur noch ungeteilte Aufmerksamkeit.
Christian sprach weiter. „Ein Volk von Millionen Menschen kann sich jedoch nicht so einfach in Luft auflösen, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Es sei denn, es hätte es mit Absicht getan. Selbstvernichtung zum Beispiel, warum auch immer. Vielleicht war ihnen das Meer zu blau, und die Sonne zu warm oder so. Doch selbst Kernwaffen hinterlassen nachweisbare Spuren und solche sind nie gefunden worden. Also sind sie nicht untergegangen und ‚verschwunden‘ trifft es dementsprechend auf den Punkt.“
„Interessanter Ansatz“, meinte sein Vater. „Wohin sind sie deiner Meinung nach gegangen? Iss etwas Vernünftiges.“
Wenn Christian das Frühstück nur ansah, wurde ihm schlecht. „Lass mal. Reicht, wenn ich zu Hause den Fußboden alleine wischen muss, weil du nie da bist. Jedenfalls – von zwei Orten auf der Erde wissen wir weniger als von der Mondoberfläche – der Tiefsee und der Antarktis. Seit vierzig Jahren vermutet man, dass riesige Hohlräume unter der Antarktis existieren. Irgend so ein norwegischer Professor hat Ende der Siebziger mal eine Theorie veröffentlich, nach der ausgerechnet der höchste Berg da über so einem Hohlraum liegen soll. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber auf alle Fälle gibt es nach den neuesten Forschungsergebnissen unter der russischen Antarktisstation ‚Wostok‘ einen riesigen See, mehr als eintausend Kilometer lang und fast neunhundert Meter tief. Man kommt nicht heran, weil er mehr als vier Kilometer unter dem ewigen Eis liegt, aber man vermutet Protoleben darin, das viel älter ist als die Menschheit. Da wäre genug Platz, ein ganzes Volk zu verstecken. Alles, was sie brauchten zum Leben, fänden sie da unten – Bodenschätze und Wasser. Nahrungsmittel und Luft könnten sie sicher synthetisch herstellen, von Licht ganz zu schweigen. Sie hätten 1513 die Technologie haben können, Fotos aus dem All zu machen.“
Sein Vater grinste, aber es wirkte irgendwie gequält. „Deine Phantasie möchte ich haben. Was sollte sie daran hindern, mit uns zusammenzuleben, wenn sie wirklich da unten wären?“
„Wir. Wir selbst. Unsere Geschichte. Die Menschheit wird von ein paar tausend machtgeilen Soziopathen gesteuert und hat eine in die Gene programmierte Selbstvernichtungsgarantie, zumindest das habe ich im Studium kapiert. Was glaubst du, was passieren würde, wenn sie kämen und sagten: ‚Hey, da sind wir und wir haben eine Technologie, die euch weit überlegen ist. Wollt ihr was davon abhaben?‘ Ein Weltkrieg um ihr Wissen wäre die Folge. Nee, wenn die Mondfischer auch nur ein bisschen Grips haben, werden sie keinen Mucks von sich geben. Da unten hätten sie sogar eine Chance, unseren nächsten und auch letzten Krieg zu überleben. Aber ich wette, dass sie die Mörderbande über ihren Köpfen keine Sekunde aus den Augen lassen und sie ständig beobachten.“
Sein Vater sah ihn sehr lange an und jeder Humor war aus seinem Gesicht verschwunden. Schließlich sagte er: „Nichts weiter als Phantasie, keine belastbaren Fakten. Aber ich bin wirklich beeindruckt, auch wenn es nur eine beweislose Theorie ist. Ich bezahle. Nicht, weil ich dich nicht widerlegen könnte, aber du hast endlich begriffen, warum es Menschen wie mich gibt. Geben muss. Wegen der Mörderbande.“
Damals hatte Christian ihm noch geglaubt, sein Vater sich selbst wahrscheinlich auch, und alles war in Butter zwischen ihnen gewesen. Zwei Monate später hatte Christian erfahren, dass sein Vater die Fronten gewechselt hatte und für die CIA arbeitete.

Kapitel 7

„Wenigstens der Karte von Piri Reis hättest du einen Rahmen spendieren können.“
Er brauchte einen Moment, um in die Gegenwart zurückzukehren. Joanna stand in seiner Tür. „Ist nur eine wertlose Kopie. Erinnerung an früher. Ich sollte sie abnehmen. Woher kennst du sie?“
„Ich bin um sieben Ecken mit Otto Nordenskjöld verwandt. Wir Norweger sind ja alle irgendwie miteinander verbandelt.“
Sie lächelte. Tatsächlich konnte sie das. Er war erstaunt. Sie setzte fort: „Mein Großvater hat ihn noch gekannt, und als ich zwölf war, hat er mir das Buch ‚Antarctic‘ über die Reise Nordenskjölds zur Antarktis geschenkt. Da war eine Abbildung der Karte drin und ich war ziemlich erstaunt, sie hier in Originalgröße an deiner Wand zu finden. Ich habe hier übrigens ein bisschen sauber gemacht. Ordnung scheint nicht dein Hobby zu sein.“
Das war kaum zu übersehen. Sein Zimmer war ein schmales Handtuch, die ganze linke Wand nahm ein riesiges, übervolles Holzregal ein, das bis zur Decke reichte und das er selbst gebaut hatte. Seine eintausendzweihunderteinundzwanzig Bücher hatte er mit Mühe darin untergebracht. Sie waren weder sortiert, noch standen sie in Reih und Glied. Er mochte es so. An der rechten Wand hingen die Fotokopien von alten Seekarten, ohne Rahmen, nur mit Stecknadeln an die Tapete gepinnt. Auf seinem alten Eichenholzschreibtisch, einem Erbstück von seinen Urgroßeltern, war auch kaum noch ein freier Platz zu finden und auf dem einzigen Stuhl außer seinem wackligen Drehsessel machte sich ein schiefer Stapel Zeitschriften breit.
Falsch. Jetzt lagen sie auf Kante. Er hatte gefühlt, dass hier etwas nicht stimmte, gleich, als er in sein Zimmer gekommen war. Es gefiel ihm nicht, aber ändern konnte er es auch nicht mehr.
Er prostete ihr zu. „Ich trinke Bier. Regelmäßig. Ist mein Grundnahrungsmittel, gewissermaßen. Im Deutschen bedeutet das Wort eine helle oder dunkle Flüssigkeit herben Geschmacks, die man gewöhnlich aus einer Glasflasche zu sich nimmt und die gewisse Anteile Alkohol enthält. Von Ordnung steht nichts auf dem Etikett.“
Hatte er das gerade gesagt? Er war verblüfft. Eine ihrer strichdünnen Augenbrauen wanderte ein paar Zentimeter in die Höhe; sie machte einen Schritt in sein Zimmer hinein, ließ sich mit der Schulter gegen den Türrahmen sinken und konstatierte: „Du hattest Ärger.“
Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. „Das täuscht. Eine verfrühte Schneeflocke. Lag hochkant auf den Gleisen. Bedeutet bei der Deutschen Bahn eine Stunde Verspätung. Mindestens. Sollen auch schon Züge entgleist sein deswegen. Im Getränkeabteil war noch Platz.“
Auch ihre zweite Augenbraue machte sich auf die Reise nach oben. Spöttisch leuchteten im warmen Licht der kleinen Lampe auf seinem Schreibtisch ihre Augen darunter so grün wie der Smaragd im Ring seiner Mutter. „Es war warm heute und die Sonne hat den ganzen Tag geschienen.“
Er nahm noch einen Schluck. „Der Beruf verdirbt. Ich erzähle gerne Geschichten.“
„Wie das? Du bist Historiker und Geschichte lügt nicht, sie ist. Die Polizei hat Umgang mit Verbrechern und Lügnern, aber die Unholde, mit denen du zu tun hast, sind schon längst vermodert. Zumindest reden sie nicht mehr.“
„Das ist ja nun gleich doppelt Quatsch. Hast du eine Ahnung, wie viel tote Unholde noch reden. Geschichte ist nicht, sie war, und Historiker sind nicht ihre Kriminalisten. Nie gewesen. Sie interpretieren sie nur. Leg mal ein Geschichtsbuch von 1980 oder um den Dreh aus der DDR neben ein Westdeutsches aus dem gleichen Jahr, und du kollidierst so heftig mit der Wirklichkeit, dass du denkst, du bist gegen eine Mauer gerannt. Eine aus Macht und Geld, nicht aus Stein. Steine kann man abtragen, haben wir Erfahrung drin. Aber Geld vermehrt sich bei manchen Leuten wie grüne Scheißhausfliegen in einem Plumpsklo, wenn die Sonne ballert. Und mit denen hatten wir keine Erfahrung. Solches Dreckszeug hatten wir hier nämlich ausgerottet. Jetzt ist es wieder da. Jedenfalls – wenn dir irgendwelche Unterschiede auffallen, kann es natürlich nur das aus der DDR sein, in dem gelogen wird, nicht wahr? Wer es anders sieht und die Klappe nicht halten kann, ist ein Idiot. Weil er die Spielregeln unserer neuen Kolonialherren und ihrer Freiheit nicht kapiert hat. Er kriegt dann nämlich keine Kohle mehr für seine Forschungen. Hat sich geschissen. Mit der Freiheit, meine ich. Hast du Geld, bist du frei. Hast du keins, bist du im Arsch. Ganz sicher.“
Ups. Die Kohlensäure in seinem Magen war in der falschen Richtung unterwegs. Er hielt sich eine Hand vor den Mund. „T‘schuldigung. Wo war ich? Ach ja. Also, weil die Scheißhausfliegen genau aufpassen. Die wollen nu mal eine Vergangenheit, die für ihre Gegenwart passt, damit auch ihre Brut eine Zukunft hat. Wenn du deinen Beruf liebst und die wirkliche Geschichte schreiben willst, lassen sie dir von ihren Stiefelleckern ans Bein pissen und dann sortierst du Akten im Keller. Für Liebe zur Wahrheit wird nicht bezahlt. Ist wie auf der Reeperbahn, Kohle, dann Beine breit. Aber die Frauen da verkaufen wenigstens nicht ihre Seele. Wissenschaft? So’n Quatsch. Ich bin kein Historiker. Ich bin ein Hintertreppenreporter der Vergangenheit; einer, der verlogene Wahrheiten für die Boulevardpresse der Geschichte schreibt – quasi der Urvater des gegenwärtigen Journalismus. Geiles System, und die Leute finden es toll. Vielleicht sollte ich Nachrichtensprecher werden beim Fernsehen. Aber dafür kann ich nu auch wieder nich gut genug lügen. Schade eigentlich.“
„Das war die Schneeflocke auf der Schiene? Sicher, dass es keine Lawine war?“
Sie wischte sich etwas aus dem Auge. Schien keine Mitleidskrokodilträne gewesen zu sein. Noch einmal schade. Vielleicht hätte es ihm gutgetan, aber man kann nicht alles haben. „Nein. Das war nur allgemeines Auskotzen. Wortdurchfall. Rein philosophisch. Die Welt ist scheiße und mein Bier ist alle.“
„Ich denke, du lügst schon wieder. Du musst dich nicht vor mir schützen.“
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und setzte nach einem Moment hinzu: „Vor mir am Allerwenigsten.“
Das war ein Punkt, über den lohnte sich das Nachdenken. Nach zwölf Stunden Schlaf und einem guten Frühstück. Er schüttelte die Bierflasche, verloren grinsten ihn ein paar Tropfen vom braunen Boden an. Keine Flammenzeichen. Keine Lösung.
Das Schweigen zog sich hin. Die Arme leger vor der Brust, lehnte sie an der Tür, ein Bein leicht vor das andere gestellt und das schwarze Leder ihres knielangen Rocks spannte sich um ihre kräftigen Oberschenkel wie eine zweite Haut.
„Willst du noch ausgehen?“, fragte er.
„Ausgehen?“ Sie blickte an sich herunter. „Ich war mit Sven einkaufen.“
Sie hatte ein bisschen lange für die Antwort gebraucht. So ging man nicht zum Einkaufen auf die Straße. Aber es ging ihn nichts an, was sie und sein Vater miteinander hatten. Vor einer Woche hatte sie nicht auf Fragen in dieser Richtung geantwortet. Auf die meisten anderen auch nicht, die er gestellt hatte. Irgendwie musste er da noch einmal den Bohrer ansetzen. Oder noch besser – den Hammer.
„Der harte Mann ist weich geworden. Trägt die gleiche Halskette wie du. Was hast du mit ihm?“
„Wir haben nicht miteinander geschlafen, falls dich das interessiert.“
„Nicht die Bohne. Dann hätte ich nämlich gefragt, ob es Spaß gemacht hätte.“
„Jeder andere vielleicht, aber nicht du. Solche Fragen stellst du nicht. Wenigstens nicht laut. Aber ich denke, genau das wolltest du wissen.“
„Nö. Hab in der Schule aufgepasst. Nie Fragen stellen, wenn du mit der Antwort nicht leben kannst. Grundkurs Flirten, achte Klasse.“
Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite. „Flirten wir denn?“
Er blickte auf seine alte Ruhlauhr. „Seit fünf Minuten und wir sind schon beim Sex. Zumindest mit dem Mund. Muss wohl am Bier liegen. Aber ehrlich, geht mich nix an, ob du mit meinem Vater gef …“, er hustete. „Zu viel Information.“
Sie griff nach ihrem Zopf, der lang und dick über ihre linke Schulter fiel, und spielte damit. Feuerrot hob er sich von der weißen Seide ihrer ärmellosen Bluse ab. „Ich sortiere das einmal für dich, damit auch du verstehst, was du da gerade gesagt hast, auch wenn du es vielleicht nicht wolltest. Du könntest nicht damit leben, wenn ich etwas mit deinem Vater hätte. Oder er mit mir. Deswegen hast du auch nicht danach gefragt, sondern irgendetwas anderes. Du willst Information, aber nur, wenn sie dir gefällt. Du flirtest nicht mit mir, aber trotzdem ist unser Gespräch für dich wie Sex. Und eigentlich wolltest du nicht ‚schlafen‘ sagen, sondern ‚ficken‘. Was auch die richtige Reihenfolge ist, denn geschlafen wird erst hinterher. Vielleicht, falls es nicht so schön war, dass wir es noch ein zweites Mal möchten. Euer Deutsch ist manchmal etwas verwirrend. Hast du das Gefühl, das ich noch etwas vergessen habe?“
Wie eine seiner Dozentinnen stand sie da, nahm ihn von ganz weit oben herab auseinander und würgte ihm seine eigenen Sätze wieder in den Hals. Er fing an, sie zu so richtig zu mögen. Genau so sehr wie das Professorenkollegium an seiner Uni.
„Ich habe keine Gefühle“, knurrte er.
„Und der Mond ist aus grünem Käse.“
Hart knallte er die Bierflasche auf den Fußboden neben das Bett. „Falsch! Er ist aus Sternenstaub. Federleicht, silberhell und er glitzert im Licht der Sonne wie das Gewand einer Märchenfee. Aber jeder Windstoß lässt ihn auf Nimmerwiedersehen davonfliegen. Wie Träume, wenn man nicht um sie kämpft.“
Etwas stach in seine Hand und er hob sie auf Augenhöhe. Von ihrer Kante tropfte Blut und erst jetzt drang der Schmerz in sein Bewusstsein. Er setzte sich auf und stellte die Füße auf den Boden. Die Flasche war zerbrochen und eine Scherbe hatte seine Haut verletzt.
„So ein Mist.“
Er wischte sich mit einem Papiertaschentuch das Blut von der Hand. Dann beugte er sich nach vorn und säuberte das Parkett von den zwei Spritzern, die schon nach unten gefallen waren. Ein Paar kleine Füße in schwarzen Lackpumps erschien in seinem Blickfeld und mit ihnen kam die trockene Süße von Sandelholzparfüm. Schmale Fußgelenke, perfekt geformten Waden und Knie so perfekt wie eine Billardkugel; hauchzarte Schwärze aus Nylon hüllte sie ein und das Licht der Lampe ließ sie seidig schimmern. Ihre Stimme, kristallen und glasklar, traf ihn wie ein Schlag: „Deine Träume?“
Er richtete sich ganz auf. Nur einen halben Meter von ihm entfernt saß sie halb auf seinem Schreibtisch, die Hände hinter sich auf die Tischplatte gestützt. Viel zu nah. Er wankte zum Fenster, riss die Flügel weit auf und atmete tief die Luft der Novembernacht ein. Eine kühle Brise wehte herein, strich sanft über seine Stirn, beruhigte sein hämmerndes Herz und blies zusammen mit dem Schmerz in seiner Hand den Alkohol aus seinem Gehirn.
Es war kurz vor zwölf in der Nacht und nichts mehr los. Hier, in seiner Gegend, wurden abends die Bürgersteige hochgeklappt. Sogar die kleine Kneipe an der Ecke zur Fritz-Reuter-Straße hatte schon geschlossen. Nur auf dem Obotritenring, einige Blocks entfernt, fuhren noch ein paar Autos. Irgendwo jaulte eine verliebte Katze, eine andere antwortete ihr; aus einem großen weißen Mercedes in der Fritz-Reuter Straße stieg Zigarettenrauch in die Luft.
Er schloss das Fenster und drehte sich wieder zu ihr um. Mit dem Po lehnte er sich gegen das Fensterbrett, fasste im Rücken mit den Händen danach und flüchtig schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er genauso da stand wie sie. „In der Schule bin ich immer durchgefallen beim Flirten. Ich habe nie akzeptieren wollen, dass es nur ein Spiel sein soll.“
„Wer sagt, dass es ein Spiel ist?“
Lieber nichts als nicht alles, dachte etwas in ihm. „Warum bist du hier?“
Sie lehnte an seinem Schreibtisch, den Körper ihm zugewandt, und sah ihn an, das Gesicht nicht mehr ganz so ausdruckslos. „Stelle nie eine Frage, wenn dir die Antwort nicht gefallen könnte. Deine Worte.“
Er nickte. „Ich weiß. Wir sind alle, biologisch determiniert, Säugetiere. Fortpflanzung ist uns in die Gene programmiert. Nichts weiter als Triebtiere und so verhalten wir uns auch. Charles Darwin und die Biologie reduzieren uns darauf. So, wie ich heute Morgen in der Uni reduziert worden bin. Von einem Menschen auf ein Rädchen im Getriebe der Macht. Ich bin kein Rädchen. Ich bin kein Tier. Ich bin ein Mensch. Warum bist du in mein Zimmer gekommen?“
Ihr Gesicht veränderte sich und er presste die Hände hinter sich in das Holz des Fensterbrettes. Die harten Kanten um ihren Mund verschwanden, er wurde so weich, wie er es nie für möglich gehalten hätte. Drei Schritte wie eine aus der Glut schießende Flamme, brutal hämmerte sein Herz gegen seine Rippen, dann war sie bei ihm. „Ich wollte mit dir reden. Mehr nicht. Du hast Träume. Du hast Hoffnungen, du hast Sehnsüchte. Dein Mund schweigt, aber deine Augen schreien. Dann rede. Rede mit mir! Das ist der Anfang von allem.“
Etwas in der grünen Tiefe ihrer Augen sagte ihm, dass er jetzt besser schwieg. Sie steuerte den Zug und er war nur noch der Passagier.
Sie fuhr fort: „Du brauchst Mut für deine Träume, denn sie machen dich verletzlich. Aber erst dann werden sie groß und können die Welt verändern. Wenn du tatsächlich Angst hast, dass sie jeder Windstoß auf Nimmerwiedersehen davonfliegen lassen kann, bist du nichts weiter als ein Phantast, wie es viel zu viele gibt; Kopfgeburten wie die Kinder des Zeus; Bastarde mit einem Herz aus Stein, die niemand je gewollt hat. Die Menschen brauchen Träume voller Hoffnung und Glückstränen in Kinderaugen; heiße Herzen, Geschichtenerzähler, Liebende und jemanden, der sie beschützt. Jemanden wie dich.“
Sie legte eine Hand auf seine Brust, da, wo sein Herz schlug. „Hier hast du sie geboren und du würdest eher sterben, als sie aufzugeben.“
Als hätte sie es immer schon getan, lag ihre Hand auf seiner Brust und ihre Wärme breitete sich in seinem ganzen Körper aus. Ganz nah stand sie bei ihm, ihre Stimme war der Ruf eines silbernen Glöckchens im Nebel, ihre Augen ein grüner Ozean, und winzig klein darin das Spiegelbild seines Ich. Ein Kloß stieg in seinem Hals empor. „Woher …“
Sie legte ihre Hände um seinen Nacken, zog ihn ganz dicht zu sich heran und sagte, mit ihren Lippen an seinem Mund: „Lass uns zusammen träumen. Nur deswegen bin ich hier.“

Auf der Straße wurde eine Autotür zugeschlagen und er öffnete die Augen. Joanna ruhte halb neben, halb auf ihm und hatte ihren Kopf in seine Halsbeuge gekuschelt. Ihre Haare glänzten im Mondlicht, als wären sie aus rotem Metall. Sie reichten hinab bis zu ihrer Hüfte und es war immer noch genug da, um seine Brust zu wärmen. Die Decke war irgendwo am Fußende, sie hatten sie nicht gebraucht in der letzten Stunde.
Sein Blick glitt hinüber zum Schreibtisch. Er war jetzt eine Kleiderablage. Ihr Bluse zuunterst; dann der Rock, das seidene Unterkleid, die Strümpfe; als letztes Büstenhalter und Slip und davor standen, sauber ausgerichtet, ihre Pumps. In dieser Reihenfolge hatte sie sich ausgezogen; nahezu bedächtig unter seinem Blick die Knöpfe der Bluse geöffnet, den Metallreißverschluss auf der Rückseite ihres Lederrocks so langsam nach unten gezogen, als würde dieses Geräusch etwas bedeuten und keine Sekunde hatte sie ihn dabei aus den Augen gelassen. Er sie auch nicht und nicht einen Moment hatte er daran gedacht, die Vorhänge vor das Fenster zu ziehen. Er hatte überhaupt nichts mehr gedacht.
Sie küsste ihn auf den Mund und ihre Lippen waren so trocken wie seine. „Habe ich dir weh getan?“
„Dazu hast du zu kleine Hände.“ Er drehte sich ein wenig, um sie anschauen zu können.
„Dann bist du mir nicht böse?“
Ihr Lächeln machte sie wieder zu einem jungen Mädchen. Sie hatte ihn geschlagen, als sie die Lust geschüttelt und sie es herausgeschrien hatte. Oder geschlagen und dann war die Lust gekommen – er wusste es nicht mehr so genau, sein Blut war gerade überall gebraucht worden, nur nicht im Gehirn. Es war nicht wichtig. Leise lachte er und strich ihr sanft ein paar Haare aus der Stirn. „Doch, bin ich. Aber schon länger. Weil du deine Lederhandschuhe nicht ausgezogen hast am ersten Abend. Das hat mich geärgert. Es war … kalt.“
„Du Dummerchen, es war Selbstschutz. Du standest in der Tür, hast mich aus den Augenwinkeln angesehen, obwohl du mit deinem Vater gesprochen hast und da war es schon zu spät. Hätte ich dich berührt, wäre ich noch in der Nacht über dich hergefallen. Hast du das nicht gespürt?“
Nette Vorstellung. Fünfzig Kilogramm Frau, die über ihn herfielen. Mädchenträume einer Zweiundvierzigjährigen. Es konnte nur eine Lüge sein, aber sie gefiel ihm.
„Nein. Ich bin ein Mann.“
„Oh, ja!“ Sie schob ein Knie zwischen seine Beine und zog mit den Fingernägeln eine feurige Spur auf seiner Brust abwärts. „Spürst du denn wenigstens jetzt etwas?“
Weiter nach unten ließ sie ihre Hand gleiten, verhielt auf seinem Unterleib und fast schmerzhaft zog er sich unter ihrer sanften Berührung zusammen. Aber es war nur ein kurzer Zwischenhalt, noch weiter abwärts glitt sie, bis sich ihre Finger wieder um sein Glied legten und er unter ihrem festen Druck stöhnte: „Hey, ich denke nicht …“
Ihre Lippen auf seinem Mund erstickten jeden weiteren Protest.

Kapitel 8

„Besonderheiten?“
Ryland Mikkelsen ließ sich auf den Beifahrersitz des Mercedes fallen. Vorsichtig und mit beiden Händen zog er die Tür heran und mit einem kurzen Ruck zu, der kein großes Geräusch machte. Es war kurz nach zwölf Uhr in der Nacht und das Zuschlagen einer Autotür war weit zu hören. Seine Frage war überflüssig gewesen und er hatte sie nur gestellt, um überhaupt etwas zu sagen. Seit sie den Mord an Bengt Ängström unerledigt zu den Akten gelegt und zu dessen Sohn gewechselt hatten, wusste er, dass er sich auf Olaf Wielander verlassen konnte. Wäre etwas gewesen, dann hätte der es entweder selbst erledigt oder er wäre davongefahren.
Der verzog dann auch nur kurz die Lippen zu einem schalen Grinsen und legte den Ohrhörer beiseite. „Sie hat den Jungen vernascht. Ihn habe ich nicht gehört, aber sie war dafür umso lauter. Vielleicht macht sie ja noch eine zweite Runde mit ihm, dann wird es nicht so langweilig für dich.“
„Sicher?“
„Kannst es dir gerne noch einmal anhören.“
Ryland winkte ab. „Nein. Um Sieben hier. Ängström kommt halb acht.“
„Dann solltest du besser die Karre nicht wieder so vollqualmen. Sonst bekommt der feine Herr schlechte Laune, weil er den Gestank aus seinem Cashmerepullover nicht rauskriegt. Schon schlimm genug, dass der hier aufkreuzt. Irgendwann wird ihn seine Eitelkeit noch umbringen.“
Olaf stieg aus und schloss die Fahrertür genau so leise wie Ryland zuvor. Wie eine Katze schlich er davon, keiner seiner Schritte auf den Steinplatten verursachte auch nur den geringsten Laut und Ryland war mit seinen Gedanken alleine.
Mehrere Minuten lang saß er nur da, ohne sich zu bewegen. Auch den Ohrhörer fasste er nicht an. Es spielte für ihn keine Rolle mehr, was die derzeitigen drei Bewohner des Hauses Nummer 13 in der Sandstraße noch sagten oder taten. In spätestens zehn Stunden würden er und Olaf sie umbringen. Aus keinem anderen Grund waren sie aus Oslo nach Schwerin gekommen. Die Umgebung war aufgeklärt und die Wanzen installiert; es blieb noch am helllichten Tag hineinzugehen, wenn die Leute am wenigstens darauf achteten; Pistole an den Kopf halten und das Gift injizieren, am besten unter die Augenlider. Was dann übrig blieb, war ein schauriges Familiendrama – der Vater war ausgerastet, weil der Sohn sich an die Geliebte herangemacht und sie nichts gegen junges Fleisch einzuwenden gehabt hatte. Viel Drama, viel tot und Ende der Geschichte. Ein Fressen für die Presse und es stand nicht zu erwarten, dass jemand bei dem Chaos dann noch genauer hinsah. Joanna hatte die Story jetzt sogar noch wasserdicht gemacht, indem sie den Jungen verführt hatte. Ein guter Gerichtsmediziner konnte mit Sicherheit Christians Sperma in ihr nachweisen, oder irgendeine Hautschuppe oder Schamhaare von ihm, falls sie ein Kondom benutzt hatten.
Ryland öffnete das Handschuhfach und nahm einen schmalen Hefter heraus. Alles, was sie in den letzten Wochen über Sven Oldenburg zusammengetragen hatten, stand darin und es war ihm viel zu wenig. Sie würden immer zu wenig über die Leute wissen, mit denen sie es zu tun hatten, das war Teil ihres Jobs, aber Sven Oldenburg alias Granerud war ein Geist und sogar für Ryland ein Extremfall. Was sie über den herausgefunden hatten, passte auf nur zehn A4-Seiten und auch die Wanzen in der Wohnung hatten keine neuen Erkenntnisse gebracht.
Seite für Seite blätterte er um, obwohl er es nicht hätte tun müssen, weil er jedes Detail davon im Kopf hatte. Er machte sich noch kleiner, als er ohnehin schon war, schloss die Augen und dachte nach. 1981 ins Team gekommen. Lebenslauf und Referenzen wasserdicht. Fünfzehn Jahre keinen Fehler, nicht einen einzigen. Mit welchen Auftrag – unbekannt. Vor zwei Wochen vernichtet er Joannas Labor mit den Forschungsergebnissen und lässt es so aussehen, als sei sie darin verbrannt. Findet auch das geheime Labor, in dem Ängström mit den von Joanna heimlich kopierten Daten weiterforschen lässt. Auch das zerstört er und grillt dabei alle, die dort gearbeitet haben. Schießt auf Ängström, sein Leibwächter fängt sich die Kugel ein. Oldenburg flieht mit Joanna nach Schwerin, benutzt die echten Pässe – ein Fehler. Sein Erster und Einziger und wir können ihm hierher folgen.
Ryland öffnete die Augen, griff nach dem Kugelschreiber in seiner Jackeninnentasche und schrieb auf die letzte Seite des Exposés: Auftraggeber? Warum zurück nach Hause? Warum lebt J.H. noch? Dann schob er den Hefter wieder ins Handschuhfach, öffnete das Seitenfenster und zündete sich eine Zigarette an. Er wusste, dass sein Unterbewusstsein den Rest der Nacht an der Lösung der Fragen arbeiten würde.

Der Tag brach an. Diffuses Grau sickerte ins Zimmer, gab den Möbeln Kontur. Christian setzte sich auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Joanna hatte die Augen offen, vielleicht hatte sie ihn schon eine Weile beobachtet. Ein verschlafenes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und er sagte: „Die Erde ist voller Wunder und Geheimnisse, die entdeckt oder bestaunt werden wollen. Das hier ist ein Wunder. Dass du neben mir liegst. Milliarden Menschen auf der Erde und dieses Wunder könnte jeden Tag eben so oft geschehen. Aber wir sehen es nicht.“
„Du glaubst noch an Wunder. Auch an Gott?“
„Ich komme ganz gut ohne ihn klar. Nach ihm schreien die Leute immer, wenn etwas nicht so funktioniert, wie sie es wollen. So lang es ihnen gut geht, scheren sie sich einen Dreck um ihn. Erst, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht, fällt ihnen ein, dass sie an ihn glauben und er ihnen jetzt doch bitteschön helfen müsste. Und du?“
„Ich weiß, dass es ihn gibt.“
Prompt war ihre Sprödigkeit wieder da. Die Frau aus Milchglas, so schön wie undurchsichtig. Dann sollte sie ihren Gott mal aus dem Urlaub zurückholen. Die Welt sah eher nach Teufels Beitrag denn nach Gottes Werk aus. Alles, was Menschen noch einfiel, waren Waffen, Kriege und dämliche Romane über die Liebe in einer Welt nach einem Atomschlag. Physik, Mathematik, Biologie – alles wurde zum Schlechten benutzt und Menschlichkeit fand schlicht nicht mehr statt. Es war zum Kotzen. Die Menschheit war so degeneriert, dass sogar Zwerge lange Schatten warfen und als Leuchten der Gesellschaft galten, die selbst die dekadenten Römer nicht mit ihren wohlstandsverfetteten Ärschen angesehen hätten. Was so ziemlich alles über die gegenwärtige Zeit und Gesellschaft aussagte. Wurde Zeit, dass ihr Gott wieder an die Arbeit ging.
Er hätte nicht so viel Bier trinken sollen. Bereits gestern Abend hatte sich ein leichtes Hämmern in seinem Hinterkopf gemeldet und war die ganze Nacht nicht verschwunden. Oder es war der Gedanke, der in seinem Kopf herumgeisterte. Hätte er nicht gewusst, welche der sieben altertümlichen Karten an seiner Wand die von Piri Reis war, hätte er sie unter den anderen nicht erkannt und das, obwohl er sie fast täglich ansah. Joanna hatte das offenbar mit einem einzigen Blick gekonnt und die Frage war, wieso. Nach dem Urlaub in Istanbul hatte er begonnen, sich für die Antarktis zu interessieren und sich Bücher darüber besorgt. Otto Nordenskjölds „Antarctic – zwei Jahre in Schnee und Eis am Südpol“ stand in seinem Regal und weder in diesem noch in den anderen Büchern hier war eine so gute Abbildung der Karte von Piri Reis zu finden, dass jemand danach die an seiner Wand hätte identifizieren können. Sie hatte ihn angelogen. Warum? Er massierte sich die Schläfen.
„Du solltest eine Tablette nehmen.“ Sie rückte ein wenig von ihm ab und sah ihm ins Gesicht.
„Ich mag keine Chemie.“
Sie spielte einen Moment mit ihrem Zopf, als überlegte sie, dann griff sie nach dem Anhänger ihrer Halskette; öffnete ihn und ließ daraus eine kleine schwarze Pille auf ihre Handfläche fallen. Sie beugte sich zu ihm, ihre Zunge kitzelte sein Ohr und sie flüsterte hinein: „Warum müssen Männer immer an der falschen Stelle den Helden geben? Ein homöopathisches Mittel, reine Kräuter. Es dauert ein bisschen, bis es wirkt, aber dann geht es dir besser.“
Tausend kleine Hämmer pochten jetzt von innen gegen seinen Schädel. Er griff nach der Tablette und schluckte sie ohne Zögern hinunter. Sie lächelte, als wäre er ein störrisches Kind, bei dem sie ihren Willen durchgesetzt hatte und er ließ sich zu ihr nach hinten sinken. Mit kreisenden Bewegungen massierte sie ihm die Schläfen, aber es half nicht wirklich. Eher wurde es noch schlimmer und jetzt fühlte es sich an, als würde flüssiges Feuer durch seine Adern rinnen. Er biss die Zähne zusammen, um nicht aufzustöhnen.
„Es geht gleich vorbei“, flüsterte sie, aber es war nicht nur der physische Schmerz, der ihn quälte. Mehr noch tat die Lüge weh, die seit gestern Abend zwischen ihnen stand. Sanft drückte er ihre Hände beiseite und stand auf. „Ich gehe ein Glas Wasser trinken.“
In der Küche stellte sein Vater gerade eine dampfende Tasse auf ein kleines Tablett. „Guten Morgen. Du bist früh auf.“
„Will nur einen Schluck Wasser, dann geh ich wieder auf die Matte.“
„Warte einen Moment. Ich mache Euch Kaffee und etwas zu essen. Lasst Euch ruhig Zeit mit dem Aufstehen. Den Einkauf für das Wochenende könnt ihr immer noch erledigen. Oder du gehst am besten nachher selbst, dann kann Joanna ein bisschen Ordnung machen in der Zeit. Übrigens habe ich dir noch etwas mitgebracht.“
Mit dem Zeigefinger tippte er auf ein abgegriffenes Notizbuch mit rotem Einband neben der Tasse.
„Das ist das Expeditionstagebuch aus der Antarktis von Thore Wejndahl. Der Name wird dir nichts sagen, aber sehr interessant. Ein Original, kein Nachdruck. Wird dir gefallen.“
„Hm, mal sehen. Ich dachte, das mit dem Einkauf hätten du und Joanna gestern erledigt.“
„Aber nein. Wir waren den ganzen Tag hier. Joanna wollte da sein, wenn du nach Hause kommst.“
Christian lehnte sich an den Türrahmen. Er brauchte eine Stütze und es dauerte einen Moment, bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. Sein Vater stellte den Wasserkocher zur Seite, griff nach einem Löffel und rührte in der Tasse.
„Weißt du, sie hat sich von ihrem Mann getrennt und es war ihre Idee, dich zu besuchen. Sie meinte, wir müssten mal ausspannen. Wir arbeiten seit ein paar Jahren zusammen und unsere Beziehung ist ziemlich eng, fast schon familiär. Obwohl man es in meinem Beruf eigentlich nicht sollte, redet man dann manchmal über das, was man am meisten liebt und so habe ich vielleicht zu viel über dich erzählt. Sie wollte dich unbedingt kennenlernen. Ich habe es dir noch nicht gesagt, aber wir wollen ganz neu anfangen. Alles vergessen, was war. Einen Schlussstrich ziehen und ein neues Leben beginnen. Ein Einfaches. Euer Kaffee ist fertig.“
„Zu dünn.“
„Magst du ihn stärker?“
„Nicht der Kaffee. Erkläre nie etwas, nach dem du nicht gefragt wurdest – hast du deine eigenen Lektionen vergessen, die du mir erteilt hast? Drei Jahre lang lässt du mich nicht wissen, ob du überhaupt noch lebst; stehst dann plötzlich vor meiner Tür, sagst nicht, warum und wie lange; erklärst gar nichts und mehr als ein simples ‚guten Tag‘ kommt dir nicht über die Lippen. Eine Woche später erzählst du mir, ohne dass ich dich danach gefragt habe, warum ihr hier seid. Verdammt, es ist mir egal, ob du ein Spion bist oder wie sich der Mist nennt, den du machst und wen du dabei übers Ohr haust oder fernsteuerst. Aber musst du das auch mit mir versuchen? Selbst Joanna hast du schon infiziert damit. Das hier ist dein Zuhause, genau wie meins. Immer noch. Mach es nicht ganz kaputt durch eine neue Lüge.“
„Ich habe immer gewusst, wie es dir geht.“
„Aber ich nichts von dir!“
Am liebsten hätte Christian geschrien. Aber dann wäre ihm wahrscheinlich der Kopf geplatzt. Die Schmerzen waren kaum noch auszuhalten. Er atmete tief durch. „Du hast es nie begriffen, oder? Ich komme mit dem Leben alleine klar. So lange ich weiß, dass es meinem Vater gut geht, aber nicht einmal diese Nachricht bin ich ihm wert!“
„Ich habe nie …“
Sein Vater senkte den Kopf, blickte auf das Tablett und griff nach dem roten Notizbuch, als wäre es ein Rettungsanker. „Was auch immer du über mich denkst ….“
„… würde dir den Tag versauen!“
Christian drehte sich um und konnte sich gerade noch an der Tür festhalten, sonst wäre er gestürzt. Er wankte ins Badezimmer, warf sich Hände voll kalten Wassers ins Gesicht und es schien tatsächlich zu helfen. Er wiederholte die Prozedur so lange, bis er wieder einigermaßen klar denken konnte. Was war nur mit seinem Vater los? Früher hätte eine solche Diskussion wie die eben einen ganz anderen Verlauf genommen. Da war der ein Mann gewesen, an den man sich anlehnen konnte; hatte nie Fragen beantwortet und seine Aussagen waren hart und kompromisslos gewesen. Was hatte ihn so verändert?
Christian machte ein Handtuch nass, legte es sich in den Nacken und ging in sein Zimmer.
„Ich muss mal an die frische Luft“, sagte er zu Joanna.
„Warum? Du hast Kopfschmerzen. Leg dich wieder ins Bett zu mir.“
Er stieg in seine Jeans und zog den Reißverschluss zu. Als er sich vorbeugte, um in seine Sneaker zu schlüpfen, explodierten gelbe Sonnen hinter seinen Augen und fast wäre er auf den Boden geknallt; gerade noch konnte er sich an seinem Bücherregal festhalten. Es dauerte, bis er wieder einigermaßen geradeaus sprechen konnte.
„Ich bin mein ganzes Leben lang mit den Lügen meines Vaters aufgewachsen. Hier in dieser Wohnung hat er sie mir erzählt. Vielleicht liegt es ja daran. Sie sickern aus den Wänden und eh man es sich versieht, ist man vergiftet. Du bist auch schon krank davon. Ich brauche klaren Himmel über mir. In mir.“
„Er hat dir gesagt, dass ich nicht mit ihm Einkaufen war. Dir geht es nicht gut. Komm zu mir.“ Viel Zärtlichkeit für ihn schwang in ihrem leisen Lachen und auch ein bisschen Lockung. „Ich bin eine Frau. Ich konnte dir gestern doch noch nicht sagen, dass ich die ganzen Tage nur auf dich gewartet habe; dass ich mich nur für dich schön gemacht habe.“
„Dann hättest du wenigstens erzählen sollen, warum. In einem hat mein Erzeuger nämlich nicht gelogen: Nichts in der Welt geschieht, ohne dass dahinter ein Plan steht. Nicht im Großen und nicht im Kleinen. Dass man ihn nicht sieht, heißt noch lange nicht, dass er nicht existiert. Für deinen fehlen mir noch ein paar Puzzlesteine.“
„Du kränkst mich. Es gibt für alles eine Erklärung. Diese braucht Zeit.“
„Sollst du haben. Ich gehe nicht dreißig Jahre bis zum Südpol, obwohl ich es für dich wahrscheinlich tun würde. Nur ein paar Minuten eine Runde um den Block, bis ich wieder einen klaren Kopf habe. Dann reden wir. Ist der Anfang von allem. Hat mir gestern eine schöne Frau gesagt, von der ich gerne mehr möchte als nur diese eine Nacht. Mindestens aber die Wahrheit, auch wenn sie weh tut.“
Sie schlug die Decke zurück, raffte seinen Bademantel mit beiden Händen über ihrer Brust zusammen und stellte sich vor ihn. „Ich liebe dich. Das ist die Wahrheit.“
Genau das war sein Problem – er sie auch. Vielleicht hatte sie recht und die Kälte, die sie zeigte, war nur Selbstschutz. Sie war kein junges Mädchen mehr und es konnte gut sein, dass es in ihrem Leben etwas gab, das sie zu einer Frau gemacht hatte, die sich nicht mehr so einfach öffnen konnte. Unter seinem Bademantel verbarg sich der vollkommenste Frauenkörper, den er je gesehen hatte. Wie auch ihr Gesicht, schmal und zart, mit hochangesetzten Wangenknochen, großen, leicht schräggestellten Augen und einer hohen Stirn, hinter der viel Platz zum Denken war. Sie war unglaublich schön, aber das war nicht von Bedeutung. Nicht jetzt und nicht für seine Antwort. Der winzige weiße Fleck in ihrer linken Iris, ein Pigmentfehler, hatte Bedeutung, wie auch der Ehering an ihrer Hand. Sie hatte ihn nicht abgenommen und trotzdem mit ihm geschlafen. Sie hatte Fehler und es war gut so. Mit einer perfekten Frau würde er nicht sein Leben verbringen wollen. Mit ihr schon.
Sie legte den Kopf an seine Brust, nur ganz leicht. „Was wäre, wenn dich die schöne Frau beim Wort nimmt?“
„Womit?“
„Dreißig Jahre bis zum Südpol?“
Er musste nicht über die Antwort nachdenken, sie kam von alleine. „Ganz sicher.“
Sie schob ihn von sich. „Ich kann dich nicht aufhalten. Niemand kann das jetzt mehr. Geh, damit du wiederkommen kannst. Ich werde auf dich warten, wie lange du auch brauchen wirst.“
Es klang nach Schnulze. Aber auch wie ein Abschied und etwas in ihm zog sich zusammen. Mit Mühe vermied er eine Kollision mit dem Türrahmen beim Hinausgehen, so sehr schwankte er.
Sein Vater stand in der Küchentür. Er war totenbleich im Gesicht und sein Lächeln wirkte verkrampft. Ihm fehlte wohl tatsächlich die Übung.
„Bring bitte gleich ein frisches Brot mit und Brötchen für Sonntag“, sagte er. „Wird zwar voll sein und ein bisschen länger dauern, aber wir laufen nicht weg.“
Vielleicht war es ein Friedensangebot, erwartet hatte Christian allerdings mindestens eine Entschuldigung. Aber man bekommt nicht immer das, was man will. Ohne Gruß ging er an seinem Vater vorbei.

Ryland presste eine Hand auf sein rechtes Ohr mit dem kleinen Lautsprecher, mit der anderen zündete er sich eine Zigarette an und angewidert verzog Ängström auf dem Rücksitz des Mercedes das Gesicht. „Übermüdet oder nervös?“
Nichts davon traf zu. Ryland hörte konzentriert dem zu, was in der Wohnung der Oldenburgs geschah, und Ängström störte ihn dabei. Dass der persönlich nach Schwerin gekommen war, stank ihm ohnehin. Der war das Geld und hatte in einem Feldeinsatz nichts zu suchen; weder besaß er die Erfahrung dafür, noch machte es irgendeinen Sinn, dass er sich einem solchen Risiko aussetzte. Statt zu antworten, fragte Ryland Olaf auf dem Beifahrersitz leise: „Antworten?“
„Auf die drei im Hefter? Sie werden dir nicht gefallen.“
„Wenn es die gleichen sind wie meine, brechen wir hier ab.“
„Das wird Ängström nicht gefallen“, erwiderte Olaf noch leiser.
Ryland zuckte die Schultern. „Ist dann so.“ Er reichte ihm den Ohrhörer und ließ den Wagen an.
„Was soll das?“, raunzte Ängström von hinten.
„Der junge Oldenburg. Geht zum Bäcker. Muss an uns vorbei.“
„Na und? Das spielt keine Rolle mehr.“
„Alles spielt eine Rolle.“
Ryland fädelte den Mercedes in den Verkehr in der Fritz-Reuter-Straße, fuhr knapp zweihundert Meter, dann parkte er wieder ein. Er warf die Kippe aus dem Fenster, schloss es und spulte das Band auf dem kleinen Kassettenrecorder zurück. Als er an der Stelle war, an der Christian in die Küche kam, regelte er die Lautstärke auf Maximum, sagte „Zuhören“, und startete die Wiedergabe.
Ängström verzog süffisant die Lippen, als das Band zu Ende war. „Junge Liebe. Mir blutet das Herz.“
Olaf grinste bitterböse. „Also doch. Verdammtes Arschloch.“
„Was erlauben Sie sich?“ Ängström wurde puterrot im Gesicht.
„Nicht Sie. Oldenburg. Oder wir. Je nachdem, auf welcher Seite man steht.“
Wütend schlug Ryland auf das Lenkrad und Olaf zischte: „Sie wollen den Sohn aus dem Haus haben.“
„Knarrende Türen, nicht geölte Scharniere“, knurrte Ryland und bekam kaum die Zähne auseinander.
„Morsche Stufen, leeres Haus. Das Zeitfenster, das er uns gegeben hat, war groß genug für die Wanzen, aber nicht mehr, um Kameras zu verstecken. Jedes Wort, das wir gehört haben, war geplant. Er hat einen lausigen Dialogschreiber, übrigens.“
„Die echten Pässe waren kein Fehler.“
„Und der Junge ist aus dem Haus und hat keinen blassen Schimmer.“
„Aufhören!“, raunzte Ängström. „Ich weiß nicht, was sie hier spielen, aber es ist völlig unwichtig. Der Mann ist das Ziel, er ist da, wo wir ihn haben wollen; also gehen sie rein und machen Sie, wofür ich sie bezahle.“
Er konnte genauso hart blicken wie Ryland und lieferte sich mit ihm ein Blickduell im Rückspiegel. Schließlich holte Ryland doch eine Zigarette hervor und ließ ein Zippo aufflammen. Wütend sog er am Filter und sein quadratisches Gesicht wurde so hart, als wäre es aus Stein gemeißelt. „Falsch. Wir sind es, die da sind, wo Oldenburg uns haben will.“
Olaf feixte von der Seite: „Er hat uns quasi eine Einladung geschickt, dass wir den Herrn Ängström doch umgehend liefern möchten, damit er seinen Job zu Ende bringen kann.“
„Können Sie seine Gedanken lesen oder was?“
Ängström nahm das Ziertaschentuch aus seiner Brusttasche, fuhr sich kurz damit über die Lippen und lehnte sich zurück.
„Er traut keinem.“ Ryland warf die Kippe halbaufgeraucht aus dem Fenster. „Was Joanna entwickelt hat, macht jeden zum Mörder. Privatmann, Regierung. Wir sind der Beweis. Ihn interessiert nur, wie er X81 vernichten kann. Bringt alle um, die davon wissen, deshalb auch der Anschlag auf Sie. Geht schief, gerät scheinbar in Panik, flieht. Nimmt seinen echten Pass, Joanna auch, macht damit seinen einzigen Fehler und deshalb kommen wir ihm auf die Spur. Das haben wir geglaubt. Ist logisch. Für Männer. Profis.“
Ängström hatte konzentriert zugehört. Jetzt schüttelte er den Kopf. „Was ändert das Gespräch zwischen Vater und Sohn daran?“
Olaf schaltete sich ein. „Es war ein Fake. Er weiß, dass wir ihn abhören. Kein Profi rennt zu seiner Familie, wenn er sich in Gefahr glaubt. Damit hat er uns in Sicherheit wiegen wollen. Er weiß, wie wir arbeiten und dass Sie so eitel und rachsüchtig sind, dass Sie dabei sein wollen, wenn er stirbt. Immerhin hat er Sie vierzehn Jahre lang analysiert. Er schickt seinen Sohn aus dem Haus und gibt uns damit ein Zeitfenster. Wir kommen nicht ungehört ins Haus wegen der knarrenden Türen und Dielenbretter. Er wartet hinter seiner Tür, es läuft auf eine Schießerei hinaus und wir wissen nicht, was der Mann für nettes Spielzeug gehortet hat. Wahrscheinlich hat er seinem Sohn einen Zettel geschrieben und der verschwindet jetzt, statt zum Bäcker zu gehen und zurückzukommen.“
„Wenn Sie recht hätten, müsste Oldenburg zuerst Joanna umgebracht haben. Sie hat X81 entwickelt und in ihrem Kopf ist alles darüber.“
„Wer sagt Ihnen, dass sie nur das entwickelt hat? Vielleicht hat sie ja auch ein Gegenmittel, von dem Sie nichts wissen? Oder vielleicht ist es noch ganz anders?“ Böse grinste Olaf Ryland an. „Aber das ist deine dritte Frage. Der worst case. Sagst du es ihm?“
Ryland steckte die Hände in die Taschen seiner Lederjacke. Er wollte nicht, dass sie sahen, wie er sie zu Fäusten ballte und es war die Wut, die ihn in ganzen Sätzen reden ließ: „Wir erklären Ihnen gerade, dass uns hier jemand wie Puppen an Fäden tanzen lässt und es ist nicht Oldenburg, der das tut. Es ist Joanna, die ihr eigener Mann bei einem Besäufnis als hyperintelligente Laborratte beschimpft hat. Ich weiß nicht wieso, aber ich weiß, dass sie ihren Mann und Sie seit ihrer Rückkehr aus der Antarktis hasst wie die Pest. Das pfeifen die Spatzen von den Dächern in der Firma. Sie hatte vierzehn Jahre Zeit, nicht nur für die Entwicklung von X81, sondern auch für einen Plan und wenn der genau so tödlich ist wie ihr Teufelszeug, will ich nicht der sein, der ihn ausbadet. Wir sind ohnehin aufgeflogen. Zurück nach Oslo. Oldenburg wird nicht reden und dahin wird er sich auch nicht mehr trauen.“
„Auf gar keinen Fall. Es endet hier und jetzt.“ Ängström beugte sich vor und zeigt mit dem Finger durch die Frontscheibe. In seinem Gesicht waren die Wangenmuskeln so straff gespannt wie Klaviersaiten. „Da vorne kommt sein Junge. Sie tun jetzt genau das, was ich sage. Fahren Sie los und halten Sie so, dass er an uns vorbei muss.“

Es war Samstagmorgen, die Sonne kraxelte mühsam über die Häuserdächer und es sah so aus, als würde es ein schöner Spätnovembertag werden. Autos fuhren an Christian vorbei, mehr in Richtung Zentrum als andersherum und Fußgänger mit Taschen und Beuteln waren auf dem Weg zum Wochenendeinkauf. Seine Kopfschmerzen waren weg, seit er die frische Morgenluft atmete und er konnte wieder einigermaßen klar denken. Beim Bäcker war es so voll gewesen, dass er fast wieder umgekehrt wäre. Doch diese Blöße hatte er sich nicht geben wollen. Sein Vater hatte bitte gesagt und das war wenn auch nur ein kleiner, so doch immerhin ein Fortschritt.
Ein weißer Mercedes fuhr ein paar Meter vor ihm an den Straßenrand und kurz, bevor er ihn passierte, wurde die hintere Tür geöffnet. Ein mittelgroßer Mann mit weißblonden, streng nach hinten gekämmten Haaren stieg aus und lehnte sich lässig gegen das Wagendach, beide Hände in den Manteltaschen. Er hatte scharf geschnittene Gesichtszüge mit einem kräftigen Kinn und lächelte entspannt.
Als Christian nur noch einen Schritt von ihm entfernt war, fragte er: „Good morning, Mr. Oldenburg. Are you feeling better?“
Christian erinnerte sich nicht, ein Schild um den Hals zu tragen, auf dem stand: War gestern besoffen und hatte höllische Kopfschmerzen.
„And you are?“, erwiderte er kurz und knapp.
„Ich bin Ruud Ängström und im Auto sitzen zwei Männer von der Osloer Polizei. Ich hatte Sie etwas gefragt.“
Probleme mit seinem Selbstbewusstsein schien der Mann nicht zu haben. Christian bückte sich ein wenig, um ins Wageninnere zu schauen. Beide trugen dunkle Lederjacken und hatten breite Schultern. Der Kleinere hinter dem Lenkrad rauchte und der Mief zog aus dem Fenster direkt in Christians Nase.
Er knurrte: „Er raucht zu viel.“
Das Lächeln in Ängströms Gesicht verschwand wie weggewischt und er sah ernst, ja fast besorgt aus. „Tatsächlich. Wir haben uns Sorgen gemacht und der gute Mikkelsen hat Ihretwegen die ganze Nacht kein Auge zugetan.“
Er nahm die linke Hand aus der Manteltasche und hielt Christian ein Foto vor die Augen. „Das war meine Tochter Joanna Hakonsen.“
Kein Zweifel, dass sie es war. Die Milchglasfrau. Streng und schön blickte sie ihn von dem Foto an, fast genau so, wie sie am ersten Abend bei ihm in der Tür geschaut hatte. Es war eine Porträtaufnahme und sie konnte noch nicht allzu alt sein. Vielleicht war es in der letzten Woche gemacht worden. Doch sie war niemals die Tochter dieses Ängström, kein Vater würde vor der Tür des Liebesnestes seiner Tochter die Nacht über Wache schieben. Er hätte geklingelt, vorher. Das hier stank zum Himmel. Ein Fall für einen gewissen Major a.D. Sven Oldenburg. Sollte er sich damit herumschlagen. Er würde es ihm sagen.
Er sagte: „Schöne Frau. Ich würde mich an sie erinnern. Jetzt lassen Sie mich durch.“
„Sie lügen. Ich will Ihnen helfen, auch wenn Sie es noch nicht verstehen.“
„Und der Mond ist aus grünem Käse. Schönen Tag noch.“
Ängström warf einen Blick über die Straße und stellte sich Christian den Weg. „Seien Sie kein Idiot. Sie sprechen sogar schon wie sie. Haben Sie schon einmal in den Spiegel geschaut heute? So sieht einer aus, dem man eine Gehirnwäsche verpasst hat. Haben Sie nicht gemerkt, wie sich Ihr eigener Vater verändert hat? Dass Sie nicht mehr mit ihm reden können wie früher? Dass Sie immer, wenn sie nachdenken, Kopfschmerzen bekommen, wenn sie in der Nähe ist und dass sie weg sind, seitdem Sie das Haus verlassen haben? Setzen Sie sich ins Auto, damit ich wenigstens Sie noch retten kann!“
„Wovor?“
Ängström schaute über Christians Schulter, warf einen Blick hinter sich und wies dann mit der Hand auf die geöffnete Tür. „Das Foto, das ich Ihnen gezeigt habe, ist fünfzehn Jahre alt. Sie spricht vielleicht wie sie, riecht wie sie und sieht aus wie sie, aber sie ist nicht meine Tochter. Joanna ist vor vierzehn Jahren in die Antarktis aufgebrochen und wer auch immer es Ihnen heute Nacht besorgt hat – meine Tochter war es nicht. Jetzt setzen Sie sich in den Wagen, bitte.“
Christian zögerte und der Mann hinter dem Lenkrad stieg aus. Nicht groß, höchstens ein Meter Sechzig und mit einem viereckiges Gesicht wirkte er wie ein Felsblock.
„Du solltest ihm glauben, Junge“, sagte er und streckte Christian eine Hand hin.
Es war die Erziehung, die ihn einschlagen ließ. Der Mann fasste mit der Rechten zu, die linke rammte er ihm in den Magen. Christian kippte nach vorne, fiel halb auf den Rücksitz des Wagens, etwas stach ihn in den Nacken und dann flutete Schmerz seinen Körper.

„Wie viel haben Sie ihm gegeben?“, fragte Mikkelsen.
„Dreißig Minuten, höchstens“, antwortete Ängström.
Wielander wurde bleich. „Sind Sie wahnsinnig?“
„Entspannen Sie sich. Ich habe alles unter Kontrolle.“
„Klar doch. Wie einer, der die Gebrauchsanweisung von einem Jumbo gelesen hat und denkt, jetzt kann er Schwerlasten in die Staaten fliegen.“
„Im Gegenteil, es ist wie Fahrradfahren. Joanna hat hervorragende Arbeit geleistet.“
„Gar nichts hat sie. Die … Dinger sind unberechenbar und so scheiße tödlich. Sie können …“
„Aufhören, sofort!“
Mikkelsens Zischen stoppte den beginnenden Streit. Er justierte den Rückspiegel auf das Gesicht von Christian Oldenburg. Dessen Augen waren wie braune Teiche, ohne jeden Ausdruck, wie auch das Gesicht. Was sechsundzwanzig Jahre daraus geleuchtet hatte – X81 hatte es mit einem Schlag ausgelöscht und durch etwas anderes ersetzt. Es war nicht zu sehen, nicht einmal zu fühlen und doch es sogar Mikkelsen frösteln. Er hatte sofort Ängströms Plan begriffen und mittlerweile tendierte er dazu, dass Oldenburg oder Joanna doch Fehler machten. Sie hatten ihnen Christian auf dem Silbertablett serviert und damit war ein Eindringen in die Wohnung nicht mehr nötig. Das Gift hatte nur Sekunden gebraucht, um die Kontrolle über Christian zu übernehmen. Nicht einmal einen Schrei hatte er noch ausstoßen können. Er war einfach erstarrt. Ängström hatte befohlen: „Aufrecht hinsetzen“, Christian hatte es getan und sich seit diesem Moment nicht mehr bewegt. Mikkelsen wusste, dass der es auch erst dann tun würde, wenn Ängström es ihm sagte. Oder wenn der innere Count-down auf Null heruntergelaufen war. In höchstens zehn Minuten …
Aus dem linken Augenwinkel von Christian begann ein dünner Blutfaden zu rinnen und Mikkelsen schnippte die Kippe aus dem Fenster. „Es geht los.“
Ängström öffnete die Tür und verließ den Wagen. Er reckte sich, blickte sich um und nickte einem vorbeikommenden Paar freundlich zu. Dann beugte er sich wieder ins Innere und sagte: „Jetzt geh nach Hause.“
Christian stieg aus und wie er das tat, ließ Mikkelsen die Hände um das Lenkrad krampfen. Eben hatte der noch gesessen, im nächsten Moment war er schon auf dem Weg mit gefühlten null Zehntelsekunden Reaktionszeit auf Ängströms Kommando.
Der Reeder setzte sich wieder auf den Rücksitz und warf einen Blick auf Wielanders bleiches Gesicht im Rückspiegel. „Nur die Ruhe.“
Mikkelsen ließ den Wagen anrollen und folgte Christian mit Abstand bis zur Ecke Fritz-Reuter-Straße und Sandstraße. Ohne Zögern öffnete der seine Haustür, verschwand dahinter und Wielander zischte: „Das war es dann wohl.“
Ängström erwiderte: „In einer viertel Stunde gehen Sie nachsehen.“
Die kleine runde Uhr in der Mitte des Armaturenbretts zeigte zwei Minuten vor zehn Uhr. Ängströms Gesicht sah so zufrieden aus, als hätte er eine gute Tat vollbracht und wieder fröstelte Mikkelsen. Eines wusste er: Selbst wenn Sven Oldenburg begriff, was mit seinem Sohn geschehen war, wenn der nach Hause kam – er würde nicht weglaufen. Obwohl er es besser wissen musste und sich vielleicht noch retten könnte, würde er bis zur letzten Sekunde bei seinem Sohn bleiben. Obwohl er wissen musste, dass er nichts tun konnte. Obwohl er wissen musste, dass das Gift seinen Sohn zerriss und ihn und Joanna ebenfalls töten würde, wenn sie in der Nähe blieben. Das war der Plan von Ängström und es war Joanna selbst, die ihm die Möglichkeit dazu gegeben hatte.
Fast gegen seinen Willen sagte Mikkelsen: „Was für ein krankes Gehirn brütet so etwas aus!“
„Vergessen Sie nicht, wer Sie bezahlt!“ Ängström zog die Augenbrauen zusammen. Natürlich bezog er das wieder auf sich. Er bezog alles auf sich und Mikkelsen schüttelte den Kopf. „Joanna.“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht.“
Ängström entfernte einen Staubfussel von seiner grauen Anzughose und summte dabei: „Dass ich erkenne, was die Welt … Im Innersten zusammenhält.“
Wieland tippte sich an die Stirn.
„Unterstehen Sie sich!“
Aber im Gegensatz zu seiner Zurechtweisung war Ängström höchst zufrieden mit sich. Er lächelte breit, schlug die Beine übereinander – was auf der Rückbank nicht einfach war – und ließ sich zu einer Erklärung herab.
„Ein bissschen klassische Bildung würde Ihnen guttun. Wie Doktor Faustus wollte Joanna etwas Gutes schaffen. Sie wollte den Menschen besser machen, ihm seine volle Gehirnkapazität geben, schnellere Selbstheilung und so weiter. Kennen Sie vielleicht aus schlechten Filmen. Sie stieß dabei auf ein paar Schwierigkeiten und wie Faust hat sie sich auf einen Deal mit dem Teufel eingelassen, um zu bekommen, was sie wollte. In diesem Fall gleich mit zweien – Johannes und mir. Ein typisches Problem der meisten Eierköpfe – sie wollen das Universum erforschen, aber wie die Welt funktioniert, blenden sie aus, damit sie hinterher sagen können: Sorry, wie sollte ich wissen, dass jemand mit meinem Hammer Köpfe einschlagen will. Nehmen Sie nur den guten Einstein, er war das größte dumme Genie, das die Welt je gesehen hat. Ohne ihn hätten wir nie die Atombombe gehabt. Oder der … Hören Sie mir überhaupt zu?“
„Reden Sie meinetwegen weiter, aber machen Sie keine heftigen Bewegungen.“, knurrte Mikkelsen.
In die Sandstraße war ein silbergrauer Kombi eingebogen und so langsam gefahren, als würde der Fahrer etwas suchen. Schließlich hatte er direkt vor dem Haus der Oldenburgs geparkt.
Ängström beugte sich nach vorne. „Was …“
Mit einem kurzen Ruck aus der Schulter knallte Ryland ihm seinen Ellenbogen aufs Schlüsselbein. „Sitzenbleiben!“
Ein Mann mit Hut stieg aus. Er trat auf den Gehweg und blickte sich um. Olaf rutschte langsam tiefer, holte den Feldstecher unter dem Sitz hervor und richtete ihn an der Türsäule vorbei auf den Mann. Nach ein paar Sekunden stöhnte er: „Das ist … das ist Bernard Müller.“
Der Mann blickte an der Fassade des Hauses empor, noch einmal die Straße entlang, auch dahin, wo sie parkten, dann ging er ins Haus. Olaf blieb tief unten sitzen. Aber er drehte den Kopf zu Ryland und sagte: „Fuck!“
Ryland hätte nachfragen können, ob Olaf sich sicher war, doch dieser Name war wie ein Vorhang für ihn, der plötzlich aufging und dahinter stand eine auf sie gerichtete Kanone. Auf einmal ergab das meiste Sinn und am liebsten hätte er laut geflucht wie Wielander. Auch wenn sie den Arbeitgeber vor fünfzehn Jahren gewechselt hatten, waren sie immer noch Kriminalisten und dazu gehörte, dass sie ihre Hausaufgaben machten. Eine davon war gewesen, zu überlegen, wer der mögliche Auftraggeber von Sven Oldenburg gewesen sein konnte. Sehr groß war der Kreis der Verdächtigen nicht gewesen und zwei Namen hatten ganz oben auf der Liste gestanden.
Wortlos ließ Ryland den Motor an und fädelte sich in den Verkehr ein. Ängström starrte verständnislos nach vorn. „Was haben Sie vor?“
Ryland biss die Zähne so fest aufeinander, dass es schmerzte, Olaf übernahm die Erklärung und auch er machte es entgegen seiner sonstigen Art kurz und knapp.
„Verschwinden. Das war Oberst Bernard Müller. Das einzige Foto von ihm wurde 1986 in Finnland vor der Botschaft der DDR aufgenommen. Ein Jahr vor der Wiedervereinigung ist er spurlos verschwunden. Sein direkter Chef war Markus Johannes Wolf, besser bekannt als ‚Mischa‘, Chef der Hauptabteilung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit und Albtraum aller westlichen Geheimdienste.“
„Die DDR gibt es nicht mehr.“
„Wen interessiert das? Als Hitler erledigt war, hat Wernher von Braun bei den Amerikanern seine Raketen gebaut. Solche Leute leben in ihrer eigenen Welt, ohne Ländergrenzen und mit eigenen Regeln, genau wie Topagenten. Regierungen und deren Wechsel interessieren sie nicht, die haben nicht die Macht über sie. Wir sind gerade mit Badehose, verbundenen Augen und Zahnfleischbluten in einen Tümpel mit ziemlich bösartigen Krokodile getrampelt.“
Das wusste Ängström selbst. Es war eine der Lektionen, die er von seinem Vater bekommen hatte. Doch er war es gewohnt, dass letzte Wort zu haben. „Wenn schon. Es spielt keine Rolle mehr. Er ist zu spät gekommen. Im Haus sind alle tot.“
Olaf schüttelte den Kopf, dass seine Haare umherflogen.
„Der Mann hört mir nicht zu. Sie sind doch so ein Gebildeter. Da haben Sie bestimmt auch was von der Geschichte vom Hasen und dem Igel gehört. Egal, was wir gemacht haben – Joanna war uns immer einen Zug voraus. Was bringt Sie auf die Kackidee, dass es jetzt anders ist?“
Ängström verkniff die Lippen zu einem schmalen Strich. Er dachte nach, und je mehr er das tat, umso bleicher wurde er.
Olaf drehte sich wieder nach vorn. „Er sieht aus, als wäre ihm gerade eine hyperintelligente Laborratte ins Genick gesprungen.“
Ryland knurrte: „Uns, und ihr Kosename ist Joanna.“

Detlev Bencke hatte seit acht Stunden nichts mehr gegessen und hatte trotzdem das Gefühl, niemals wieder Hunger haben zu können. Sein Frühstück hatte er heute Morgen auf den Parkettfußboden in einer Küche in der Sandstraße erbrochen und er war nicht der Einzige gewesen. Er packte alles, was zu dem Fall gehörte, in eine braune Papiertasche, sogar seine privaten Aufzeichnungen, die er mit zitternden Händen gemacht hatte und die kaum jemand würde entziffern können. Gerade war er informiert worden, dass ein General Müller vom Bundesnachrichtendienst in einer halben Stunde hier sein und den Fall übernehmen würde.
Das Telefon klingelte, er nahm ab, lauschte und sagte dann: „Danke. Haben Sie etwas von dem Tagebuch? …Gestern? Ganz sicher? … Gut, dann schicken Sie die Fahndung raus.“
Martin Wassmann hatte am Fenster gestanden und hinausgeschaut. Jetzt drehte er sich um. „Du weißt, dass du das nicht darfst, oder? Wir sollen nichts unternehmen. Große Politik.“
„Ja. Große Scheiße. Die Wohnung sah aus, als hätte da drin eine Abrissbirne gewütet.“
Die beiden Männer schauten sich an und jeder sah in den Augen des anderen die gleiche fürchterliche Wut. Benke griff nach dem letzten Tatortfoto. Er hätte es in die braune Tüte packen müssen, doch er behielt es in der Hand. Eine Träne tropfte aus seinem Augenwinkel darauf. Er wischte sie fort. Obwohl er es nicht durfte, legte er es in seine Schreibtischschublade.
„Die Spurenanalyse ist eindeutig. Christian Oldenburg hat seinem eigenen Vater und dann der Frau das Genick gebrochen. Ich habe in dreißig Jahren Dienst nie einen Menschen erschießen müssen und ich bin froh darüber. Aber wenn wir ihn finden – und das werden wir – tue ich es und kann danach gut schlafen. Das ist kein Mensch. Das ist eine kranke Bestie. Apropos krank …“
Wassmann zog die Augenbrauen hoch und Benke zog sich Handschuhe an, griff noch einmal in die Papiertüte und holte das Tagebuch von Thore Wejndahl hervor.
„Die ganze Geschichte ist krank. Schau dir das mal an. Im Labor meinen sie, die letzten Einträge darin seien mehr als zehn Jahre alt. Nur der Allerletzte nicht. Der ist vor einem Tag geschrieben worden und stammt wahrscheinlich von einer Frau, der Handschrift nach zu urteilen.“
Er blätterte auf die letzte beschriebene Seite und drehte das Buch so, dass Wassmann es lesen konnte, ohne es anfassen zu müssen.
„Ich schlug euch mit Sturm und Schnee zur Buße; der Mensch, der aber nach mir kommt, ist stärker denn ich, dem ich nicht genugsam bin, seine Schuhe zu tragen; der wird euch mit Feuer taufen.“