Gaija

   Der Weg von der Bankfiliale zum Schlossparkcenter, zu dem Sabrina wollte, war nicht weit und führte quer über den Marienplatz, den wohl zu jeder Tages- und Nachtzeit belebtesten Ort in Schwerin. Er war nicht nur ein zentraler Verkehrsknotenpunkt, sondern mit seinen liebevoll restaurierten Gebäuden auch eine Erinnerung an die Zeit, als hier noch Pferdekutschen auf ihre Fahrgäste gewartet und die Damen der Gesellschaft ihre neueste Mode ausgeführt habenhatten.
   Selbst die Shoppingmeile versteckte sich gekonnt zwischen Gebäuden aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert und wer aus einer der drei Straßenbahnlinien ausstieg, die sich hier kreuzten, hatte die Wahl, ob er einhundert Schritte bis in die historische Altstadt mit ihren Läden und Kaffees und dem berauschenden Blick auf das Schweriner Schloss oder fünfzig Meter bis in ein modernes Shoppingcenter ging.
   In Letzteres bahnte sich Sabrina den Weg durch die Menschenmenge mit mir im Schlepptau. Wir drängelten uns durch den Eingang und eine Mischung aus Schweiß, Kindergeschrei und Werbedurchsagen brandete uns entgegen. Die Junisonne hatte den ganzen Tag auf die staubverschmierte Glaskuppel über dem Schlossparkcenter gebrannt, und seit dem späten Morgen hatte sich Welle auf Welle anonymer Massen durch die engen drei Etagen des Gebäudes gewälzt.
   Sie fragte: „Wie viel Zeit habe ich?“
   Zeitvorgaben von mir hatten sie noch nie interessiert, schließlich war sie eine Frau und der schmachtende Klang ihrer Stimme täuschte mich nicht. „Du meinst, wie viel auf der Karte drauf ist?“
   Sie verzog ihre perlmuttrosa geschminkten Lippen zu einem Schmollmund: „Spielverderber!“
   Ich grinste. „Hau schon ab und kauf dir was Hübsches.“
   Dumm, da hatte ich mich gerade auf dem Silberteller serviert. Sabrina wäre nicht sie gewesen, hätte ich jetzt nicht gleich eine volle Breitseite bekommen. Und richtig.
   Sie lächelte auf eine Art, wie nur sie es konnte. „Du meinst was Schönes, so zum Spielen, für heute Abend?“
   Ihre Augen glitzerten und ich stöhnte. Der Freitagabend ist der Moment, auf den ein Mann sich ab einem gewissen Alter freut, um endlich Ruhe zu haben und sich vom Arbeitsstress zu erholen. Allerdings hätte ich mir dafür eine andere Frau suchen sollen. Ich versuchte es statt mit einer Antwort mit einem schiefen Grinsen, was sie nicht davon abhielt, mit dem Schnurren einer Katze und roten Fingernägeln an meinem Stoppelkinn noch nachzulegen.    „Was denkst du? Soll ich es gleich hier anziehen?“
   „Und wenn? Falls du einen neuen BH kaufen willst, wirst du ja wohl kaum ohne Bluse aus dem Laden kommen. Und was heißt hier spielen? Richtig gespielt haben wir noch nie.“
   Es war Freitag und ich war nicht mehr ganz auf der Höhe.