Gaija

   Sie trat einen halben Schritt zurück und maß mich mit einem Blick, als sähe sie mich zum ersten Mal. „Fehlt dir etwas in unserem Liebesleben?“
   Das dunkle Grollen in ihrer Stimme hatte ich noch nie vernommen und es gehörte nicht hierher, nicht in das Licht des Freitagnachmittags und nicht zwischen diese Menschen. Ich blickte sie erstaunt an und für einen Moment blitzte in ihren Augen wieder das auf, was ich nachts gesehen hatte. Doch jetzt war es dominant und versteckte sich nicht mehr.
   Es dauerte nur eine Sekunde, dann erblühte wieder ein kontrolliertes Lächeln in ihrem Gesicht, sie gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verschwand mit unserer Kreditkarte. Für einen Moment blickte ich ihr noch hinterher, dann suchte ich mir die nächste Rolltreppe und richtete mich auf mindestens drei langweilige Stunden ein. Ich sollte mich irren.
   Der lange Arbeitstag hatte eine Mischung aus Stresshormonen, Adrenalin und Testosteron in meinem Blut angestaut, die langsam toxische Werte annahm. Ein paar Schritte entfernt lockte das offene Café Rothe mit dem Duft von frischem Kaffee und ich zögerte nicht, mir dort einen Platz zu suchen. Der saubere, durchsichtige Glastisch vor mir flimmerte im Licht der untergehenden Sonne und erinnerte mich an den Schweriner See in Zippendorf. Im Sommer glitten dort weiße Segel wie Schäfchenwolken über das Wasser, blaugrüne Wellen rauschten leise an den Strand und statt Schweiß und Fresstempelmief war der Duft von eingecremter Frauenhaut allgegenwärtig.
   „Einen Kaffee?“
   Der See in meinem Kopf zerplatzte und statt Sonnenölaroma traktierte der Geruch von angebranntem Frittenfett meine Nasenschleimhäute. Ein kleiner Fünfziger mit müden Augen stand neben meinem Tisch und blickte auf mich herab. Der Fleck auf seinem weißen Hemd und die Müdigkeit in seinem Gesicht erzählten eine lange Geschichte von übellaunigen Kunden und einer Arbeitszeit jenseits von Gut und Böse zu einem Lohn, dessen Attribut „gesetzlich“ der reine Hohn war.
   Ich murmelte: „Eigentlich nicht. Ich warte nur auf meine Freundin.“
   Unter seiner Hakennase und den Stoppeln des grauen Dreitagebartes machte sich ein wissendes Lächeln breit. „Kauft sie Schuhe oder Unterwäsche?“
   Ich zog fragend die Augenbrauen hoch. Er feixte. „Wenn sie Schuhe kauft, bringe ich Ihnen besser gleich eine Thermoskanne. Zeitungen finden Sie zwanzig Schritte weiter im Kiosk rechts und die Toilette ist eine Etage tiefer.“
   Ob er mit jedem Kunden so umsprang? Aber wahrscheinlich sah er mir meine Müdigkeit an und das machte uns zu Leidensgenossen. „Sie haben Erfahrung?“
   Sein Lächeln wurde melancholisch. „Ich war verheiratet …“