Gaija

   Ein Kind schrie und für einen Moment blickten wir auf das Menschengewimmel um uns herum. Dem Vater rannen Schweißbäche über das Gesicht und die Mutter presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Wie dunkler Rauch wehte ihr Stress zu uns herauf, abrupt drehte der Kellner sich um und verschwand hinter dem Tresen. Fünf Minuten später verwöhnte der Duft von frisch gebrühtem Kaffee meine Nase und in Gedanken teleportierte ich wieder an den Strand des Schweriner Sees. Mitten zwischen entspannt lächelnde, sonnenüberflutete Bikinischönheiten und das leise Rauschen des Wassers. Gerade rollte die nächste Welle auf mich zu, da unterbrach das Stakkato metallener Absätze den monotonen Geräuschpegel der Hastenden und Gestressten im Center. Ich reckte den Kopf und mir stockte der Atem. Schwerin ist eine eher provinzielle Stadt und der Durchschnittsbewohner hier bevorzugt unauffällige Bekleidung. Natürlich verirren sich ab und an auch schon mal Punks oder Gothics hierher, aber das ist eine Ausnahme. Genau wie die Frau, die jetzt durch die Menschenmenge den Weg in meine Richtung nahm.
   Fast alles an ihr war groß und schwarz. Ihre kräftigen Waden pressten sich gegen die Schäfte von Lackstiefeln und die Enge ihres knapp über den Knien endenden Lederrocks beleidigte den Freiheitsdrang ihrer muskulösen Pobacken. Eine weiße Seidenbluse saß straff über ihren hoch angesetzten Brüsten und eine Ponyfrisur umrahmte das ausdrucksstarke Gesicht mit blau blitzenden Augen und grellrot geschminkten, vollen Lippen unter einer etwas zu breiten Nase. Mit hoch erhobenem Kopf blickte sie über die Masse hinweg und strahlte dabei eine Mischung aus Arroganz und Selbstbewusstsein aus, die einer Maggie Thatcher würdig gewesen wäre. „Ich bin eine Frau!“, schrie jeder ihrer Schritte den Menschen zu. Den Frauen in der Menge schoss Missbilligung in die Gesichter und die Männer rangen nach Luft. Nichts davon schien sie zu interessieren, die Aufmerksamkeit perlte von ihr ab wie Wasser an eingecremter Haut.
   Sie orientierte sich kurz und ließ sich zwei Tische weiter mit der Grazie eines Raubtiers nieder. Links am Nebentisch befeuchtete ein solariumgebräunter Armani-Anzug mit Goldkette und weißem Cashmereschal seine schmalen Lippen. Er wartete ab, bis sie bei dem müden Kellner ihre Bestellung aufgegeben hatte, und sprang dann auf.
Typen wie er lungerten auf der Jagd nach Beute in jeder Einkaufspassage und in jedem besseren Kaffee herum. Sie waren immer teuer angezogen, wohlriechend, weltgewandt und doch innerlich verfault. Es waren Seelenvampire, sie fühlten keinen Schmerz und merkten keinen Einschlag. Wenn sie bei der ersten Frau mit ihrem Gelaber keinen Erfolg hatten, suchten sie nach der nächsten, so lange, bis eine ihrem Jagdtrieb und ihrer Sucht nach Selbstbestätigung erlag. Sie krallten sich alles, was sie nur bekommen konnten – Geld, Sex, Würde und Selbstachtung. Und zurück ließen sie eine besudelte Seele.