Gaija

   Darin erschaffen nur zwei flackernde Kerzen in Haltern aus geschmiedetem Eisen eine winzige Glocke aus Licht. Ich liege darunter, kalt und hart presst sich Metall gegen meinen Rücken, irgendwo tropft Wasser auf Stein und dunkle Schatten bewegen sich an rissigen Wänden.
   Ich will mich erheben, aber die Fesseln an meinen Armen und Beinen verhindern es. Etwas trifft meine Schulter und heißer Schmerz treibt mir Tränen in die Augen. Ich blicke nach oben und wie in Zeitlupe fällt der nächste Tropfen heißes Wachs. Panisch zerre ich an den dünnen Ketten, aber mit jeder Bewegung schneiden die Fesseln nur tiefer in mein nacktes Fleisch.
   Ein eiskalter Hauch streift mich, die Kerzen flackern, ein einsamer Schatten erwacht an der Wand zum Leben und etwas atmet in der Dunkelheit. Der nächste Tropfen aus heißem Wachs explodiert auf meiner Schulter und ich klammere mich an den Schmerz.
   Klack – Metall trifft auf Stein. Noch einmal. Jemand nähert sich und mein Herz hämmert in der Brust. Die Schritte verstummen, statt ihrer wiederholen sich die Atemgeräusche. Eine schlanke Hand dreht die Kerzenhalter zur Seite, so dass mich das Wachs nicht mehr treffen kann. Wieder ertönt das Geräusch von Metall auf Stein, Leder raschelt über Nylon und dann tritt SIE ins Licht. Unstillbarer Hunger brennt in ihren Augen, blasses Zungenrosa befeuchtet rote Lippen und es sind die gleichen, nach denen Leonardo da Vinci das Lächeln Mona Lisas gemalt hat.
   Ich kenne diese Frau. Jeder kennt sie. Sie ist Hure und Heilige, Sünde und Unschuld, Katharina die Große und Jean d‘ Arc, Hera und Aphrodite, aber auch Medusa, Persephone und Pandora. Sie ist Gaija, unser aller Mutter. Ihre Augen sind zwei dunkle Teiche und ihr Blick schweift über meinen nackten Körper, geht mir unter die Haut und berührt meine Seele. Dann lässt sie ihn abwärts wandern, bis sie schließlich auf das steif aufgerichtete Opfer ihrer Magie schaut. Das Feuer einer Leben spendenden Sonne leuchtet in ihren Augen auf, sie beugt sich zu mir herab, in ihren Händen erscheint ein schwarzes Tuch und einen Moment später bin ich blind. „Nein!“, schreie ich.
   Ein Finger streicht zart über meine Lippen und plötzlich wird Zeit zu einem Wort ohne Sinn, nur noch diese Frau, ihr Moschusgeruch und die Berührung ihrer Hand existieren in meiner Welt. Und diese warme Hand, die umhüllt, was eben noch nackt und schutzlos war. Dann nimmt sie mich in sich auf und unaufhaltsam und unerbittlich rollt eine riesige Welle vom Horizont meines Seins auf uns zu. Schneller wird sie, keine Macht der Welt könnte sie jetzt noch aufhalten, und als sie mich endlich mit all ihrer gewaltigen Kraft trifft, ist sie so liebevoll sanft, dass ich schreien muss.
   Die Erlösung lässt mich in Millionen und Abermillionen von Tropfen explodieren, und jeder von ihnen ist gefüllt mit dem Samen eines neuen Lebens, mit all seinen Sehnsüchten, Hoffnungen und Träumen. Ich bin Lust und Schmerz, bin Freude und Trauer und ich bin Glück. Zusammengerollt wie ein Baby im Mutterleib, können mich nichts und niemand in dieser Welt und auch nicht in der nächsten erreichen, denn Gaija beschützt mich. Wie alle ihre Kinder.