Johanna

 

 

„Die Nornen knüpfen das Netz des Schicksals aus vielen Fäden. Die Menschen verstehen nur die wenigsten davon. Leben nennen sie das und sie meinen, dass es für ihre Seelen eine Reise ohne Wiederkehr sei. Das zu glauben ist menschlich. Irren ist es auch.“

Johanna

 

In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts scheitert eine norwegische Antarktisexpedition, springt im Hafen von Algier ein Matrose der DDR-Handelsmarine über Bord, stirbt ein Osloer Großreeder durch einen Schuss ins Herz und erwacht in einem Armeelazarett Christian durch das Eingreifen Johannas aus dem Koma. Es dauert dreißig Jahre, bis Christian versteht, dass Johanna der Schlüssel dazu ist und welche Rolle sie ihm zugedacht hat in einem Kampf, in dem es um viel mehr geht als nur um Leben und Tod.

 

 

Vorwort

 

Lieber Mensch,

es gibt da einiges, was ich dir sagen möchte, bevor du die Entscheidung fällst, dieses Buch zu lesen oder auch nicht. Sowohl der Lake Wostok unter der Antarktis als auch die Karte des Piri Reis existieren auf der einzigen mir bekannten Erde. Alles andere in diesem Buch ist das, was uns Menschen von Tieren und auch den intelligentesten Maschinen unterscheidet: Fantasie. Meine Fantasie, und ich habe sie nicht niedergeschrieben, um jemals auf irgendeiner Bestsellerliste aufzutauchen. Deshalb galt meine Aufmerksamkeit keine Sekunde deinen Wünschen oder Vorlieben als Leser. Nur diese Geschichte war es und der alles beherrschende Wunsch, sie mit meinen bescheidenen Möglichkeiten niederzuschreiben. Sei also gewarnt: Das, was du hier lesen wirst, ist keine „gute“ Geschichte. Sie enthält Szenen, die dich beunruhigen, zum eigenen Denken ermuntern und dir den Schlaf rauben könnten.
Auch beginnt eine gute Geschichte niemals in einem Krankenhaus. Eine gute Geschichte startet mit einer Actionszene. Jeder weiß sofort, wo es langgeht und da ist kein Vertun: Die Welt steht am Abgrund der Nichtexistenz, der zwar nicht ganz so helle, dafür um so brutalere Schurke zeigt sich, der unzweifelhafte Held besiegt das Böse und führt mit allerletzter Kraft die langbeinige, knapp bekleidete Schöne auf seinen zwar lädierten, aber immer noch starken Armen ins Licht. Also in seine Zwanzig-Millionen-Hightechvilla oder noch besser gleich auf die eigene Paradiesinsel in der Südsee.
Praktischerweise hüpft da auch schon bei vierzig Grad im Schatten ein Priester mit fleckenlos weißem Kollar von einem Bein aufs andere – nicht, weil er dringend aufs Klo muss, sondern weil er sich die ganze Geschichte lang so ungeheuer darauf gefreut hat, endlich diesen einen Satz loszuwerden: „Ihr dürft euch jetzt küssen.“ Klappe, die Welt ist gerettet, das Gute siegt immer, wenn wir ihm nur hinreichend zujubeln, und möge der Teufel alle Zweifler und Aluhüte holen. Ihnen verdanken wir die Atombombe, das Penicillin, die Krebsvorsorge, den Sozialismus und die Plastiktüten.
Die Geschichte ist voll von solchen Helden. Alexander der Große brachte ein paar zehntausend Menschen um; Marx und Lenin befeuerten den Kampf nicht existierender Klassen, in dessen Folge ein paar Millionen starben; Albert Einstein legte die theoretischen Grundlagen für die Atombombe; Pol Pot rottete die Intelligenz in seinem Land aus; Greta Thunberg tanzte und rettete so die Pflanzen und Tiere vor dem Klimatod und Sergej Rachmantikow bewies, dass die Erde nur eine von Millionen parallelen anderen in einem oszillierenden Universum ist und machte so gegen alle Widerstände mit dem Größenwahn der Einzigartigkeit menschlichen Lebens Schluss.
Mit aller Hartnäckigkeit hält sich die Legende, dass immer dann, wenn die Menschheit am Scheideweg ihrer Existenz steht, diese Übermenschen erscheinen, um ihren gebeutelten Schafen den Weg ins Licht einer strahlenden Zukunft zu weisen. Was völliger Blödsinn ist, denn die Menschheit steht immer am Scheideweg und es sind niemals Außerirdische oder Superhelden gewesen, die für unser aller Überleben gesorgt haben, sondern Menschen, deren Heldentum darin bestand, sich ihre Menschlichkeit auch unter den widrigsten Umständen bewahrt zu haben. Weil Menschsein unabhängig davon ist, ob man als solcher geboren wird und in welcher Gestalt. Weil Menschlichkeit bedeutet, wissen zu wollen; den Schmerz anderer zu spüren wie den eigenen; zu lieben, zu fühlen und zu hoffen weit über jede Vernunft hinaus. Mensch zu sein, heißt, ein Zweifler zu sein.

Darum ist das hier keine gute Geschichte. Nicht, weil es hier keine nur strahlenden Helden gibt, keine nur finsteren Bösewichter und ganz bestimmt auch nicht, weil sie in einem Krankenhaus beginnt. Nein, in einer guten Geschichte ist kein Platz für Zweifel.
Solltest du dich also nicht stark genug glauben für Glück und Unglück, Liebe und Lust, Leben und Tod, abgrundtiefe Verzweiflung und das schmerzvolle Hoffen auf ein scheinbar gegen jede Logik doch vielleicht noch glückliches Ende, dann solltest du dieses Buch ungelesen beiseitelegen, weil sein Inhalt dir psychische Schmerzen zufügen könnte.
Oder natürlich, du vertraust auf die Worte von Johanna: „Das zu glauben ist menschlich. Irren ist es auch.“

 

Deine Entscheidung …

 

Rainer Sonnberg

 

 

Kapitel 1

 

Eine der Erden; 25. November 1988, 01:05 Uhr ihrer Zeitrechnung; Ostsee; 10 Seemeilen vor Warnemünde.

 

 

Der Wind sprang auf Nord-Nord-West und frischte von Minute zu Minute mehr auf. Wie ein nervöses Rennpferd vor dem Start schüttelte sich das nur knapp dreizehn Meter lange Schnellboot „Seehecht“ der Volksmarine unter dem Anprall der Ostseewellen und Korvettenkapitän Elsner knurrte missmutig: „Ob irgendwann mal auf den Wetterbericht Verlass sein wird?“
„Werden wir wohl nich mehr erleben. Machen Sie sich Sorgen?“ Der Steuermann drehte den Bug der „Seehecht“ ein wenig mehr in den Wind und zog den Kopf ein, um sich vor den Spritzern eines Brechers zu schützen.
Elsner hob den Feldstecher und starrte durch das Glas, als suchte er in der Dunkelheit vor dem Boot die Antwort auf die Frage des Steuermanns. Schließlich setzte er es wieder ab und schüttelte den Kopf. „Das ist Oldenburg da unten,“ erwiderte er. „Für den ist Nachtaufklärung bei rauer See wie Sonderurlaub. Der Mann weiß nicht einmal, wie sich ‚Fehler‘ schreibt. Wenn, dann würde ich mir höchstens deswegen Sorgen machen.“
Der nächste Brecher traf den Bug des Schnellbootes, drückte ihn tief ins Wasser. Und Gischt spritzte gegen die Scheiben. Elsner schlug den Kragen der Wetterjacke hoch und hängte sich das Fernglas vor die Brust. „Halten Sie das Boot auf Position. Ich gehe mal nach hinten und werfe einen Blick auf die Ausrüstung.“
„Position halten. Jawoll!“
So viel zum Thema keine Sorgen machen, dachte der Steuermann. Aber er hütete sich, dass laut werden zu lassen. Er war ein erfahrener Mann, der seit acht Jahren in der KSK-18 seinen Dienst versah, drei davon unter dem Korvettenkapitän und er wusste, dass Elsner es überhaupt nicht mochte, wenn jemand auf einem Nerv herumritt, der ihm ohnehin schon weh tat.

 

Mit kraftsparenden Flossenschlägen schwamm Christian voran. In unregelmäßigen Abständen flammten hinter ihm die Handscheinwerfer von Werner und Andreas auf und leuchteten den Meeresgrund an. Seinetwegen hätten sie es nicht tun müssen, das Licht der beiden Kampftaucher brachte ihn nur um das Vergnügen des schwerelosen Dahingleitens in völliger Dunkelheit. Wie schwarzer Samt umgab ihn das Wasser, oben und unten hatten jede Bedeutung verloren wie alles andere auch und genauso liebte er es. Dass der Seegang über ihm heftiger wurde, störte ihn nicht. Hier unten in der Finsternis spürte er nichts davon und wenn es doch so gewesen wäre, hätte es ihm auch nichts ausgemacht. Das hier war seine Welt, dafür war er geboren worden – zumindest schien es ihm manchmal so – und wenn es hier unten für ihn eine Gefahr gab, dann es war es nur die, sich für immer im Rausch der Tiefe zu verlieren.
So bedauerte er es auch fast, als sie die Zielkoordinaten erreichten und er sich wieder auf seine Aufgabe konzentrieren musste. Er gab Werner und Andreas ein Zeichen, zu ihm aufzuschließen, dann schaltete auch er seinen Handscheinwerfer an und nach einigen Minuten schälte das Licht einen rostig braunen Metallzylinder aus der Dunkelheit, halb versunken im Schlick des Meeresgrundes – ihr Zielobjekt.
Christian stoppte und hob die zur Faust geballte Hand. Andreas und Werner schlossen zu ihm auf, dann verharrten sie und starrten gebannt wie er auf den Metallzylinder. Sanft schien er sich hin und her zu wiegen, aber sie wussten, dass dieser Eindruck nichts weiter als eine optische Täuschung war. Die Lichtbrechung, der von der Strömung aufgewirbelte Sand und ab und zu ein aus dem Schlaf gerissener Fisch, dessen Schuppen im Licht der Scheinwerfer aufblitzten, gaukelten Bewegung vor, wo in Wirklichkeit keine war.
Sie wussten auch, dass er so nackt hier hätte nicht liegen dürfen. Nicht, wenn er, wie es in ihrer Einweisung geheißen hatte, seit ein paar Jahrzehnten auf dem Meeresboden lag. Muscheln, Tang und Seegras eroberten in kürzester Zeit jeden Lebensraum hier unten, egal, ob es sich um Holz, Metall oder sogar Plastikmüll handelte. Doch um das, was die Handscheinwerfer der drei Kampfschwimmer aus der Dunkelheit der Ostsee rissen, hatte das Unterwasserleben einen großen Bogen gemacht. Es sah aus wie eine Fünfhundertkilogramm-Fliegerbombe, war aber keine – die Luftleitbleche fehlten, die sie nach dem Abwurf stabilisierten und dafür sorgten, dass sie mit dem Zünder zuerst auf den Boden prallte. Für eine Grundmine besaß sie weder die optimale Form noch die Sensoren, die den Sprengstoff in ihr zur Explosion bringen konnten. Zumindest waren keine zu sehen, was aber nichts bedeuten musste. Magnetzünder konnten auch unter dem vom Meerwasser zerfressenen Gehäuses sitzen und wenn die drei Männer Pech hatten, auch noch funktionieren. Sie tauchten außerhalb der üblichen Schifffahrtslinien des Rostocker Überseehafens, die Ostsee war hier knapp dreißig Meter tief und ein glücklicher Zufall konnte es gewollt haben, dass der Waffe in den letzten vierzig Jahren kein Schiffsrumpf nahe genug gekommen war, um sie zur Detonation zu bringen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sie auf ein Modell gestoßen waren, das noch nirgendwo anders gefunden worden war. Was entweder bedeutete, dass sie hier tatsächlich auf eine noch unbekannte Waffe gestoßen waren, oder dass es diejenigen, die vor ihnen woanders auf ein gleiches Modell gestoßen waren, zusammen mit ihr zerrissen hatte.
Christian überlegte kurz. Sein Auftrag lautete, das geortete Objekt aufzuspüren und für das nachfolgende Munitionsbergungskommando zu identifizieren. Für den zweiten Teil sahen sie nicht genug und es würde ihnen nichts anderes übrigbleiben, als es freizulegen. Korvettenkapitän Elsner hasste halbe Sachen und Entschuldigungen waren nichts, was er akzeptierte. Seine Männer wurden dafür ausgebildet, mit allem fertig zu werden, was der Weltkrieg unter und über Wasser hinterlassen hatte und in einem eventuellen nächsten unter allen Umständen zu überleben, und nicht, vor einem verrosteten Metallzylinder zu kapitulieren.
Christian gab Werner und Andreas ein Handzeichen. Die beiden Taucher näherten sich mit vorsichtigen Flossenbewegungen der Waffe und begannen mit präzisen Bewegungen, sie freizulegen. Peinlich genau achteten sie darauf, sie dabei nicht zu berühren oder durch eine unvorsichtige Bewegung eine Lageveränderung herbeizuführen.

 

 

Der Steuermann gestikulierte mit den Armen und Elsner kämpfte sich auf dem wild hin und her schaukelnden Schnellboot wieder nach vorne.
„Was gibt es?“, fragte er und musste schon fast schreien, weil ihm der immer noch auffrischende Wind die Worte vom Mund riss.
„Wasserschloss ruft,“ brüllte der Steuermann und zwischen Elsners blonden Augenbrauen erschien eine steile Falte. Noch nie hatte sich der Stab der Volksmarine in einen laufenden Einsatz der KSK-18 gemischt.
„Roter Hecht hört“, schrie er ins Mikrophon.
„Roter Hecht! Brechen Sie sofort den Einsatz ab!“, kam sofort die Antwort, und Elsner glaubte, sich verhört zu haben.
„Wiederholen Sie!“
„Abbruch! Abbruch! Abbruch!“
Er blickte auf das Mikrophon in seiner Hand, als stünde da eine Erklärung. Sie besaßen nicht die moderne Ausrüstung der Amerikaner oder Franzosen, die unter Wasser lustige Schwätzchen über verschlüsselte Kanäle bei ihren Gefechtseinsätzen führen konnten und das wusste auch Wasserschloss.
Er drückte die Sprechtaste: „Nicht möglich. Wiederhole: nicht möglich. Kein Funkkontakt.“
Einen Moment war nur Prasseln in der Leitung, dann tönte eine andere Stimme aus dem Lautsprecher: „Wasserschloss Eins hier. Holen Sie Ihre Männer aus dem Wasser! Sofort! Egal wie! Sie dürfen die Waffe nicht erreichen.“
Elsner musste nicht auf den Chronometer an seinem Handgelenk schauen, um zu wissen, dass es dafür zu spät war. Wenn Oldenburg nicht eine Seejungfrau erschienen war und ihn zum ersten Mal überhaupt vom Kurs abgebracht hatte, dann waren er und seine Männer genau jetzt über der Fundstelle. Aber der Chef der Volksmarine war persönlich am Funk gewesen und das allein war Grund genug, Elsner eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen. Was er jetzt noch tun konnte, um den Befehl auszuführen, war nicht mehr als eine Verzweiflungsaktion und egal, wie sie ausging – er wusste, dass er würde für sie geradestehen müssen. Es war ihnen strikt untersagt, die Hoheitsgewässer der DDR zu verlassen, aber das Team von Oldenburg operierte unter Wasser fast eine Seemeile außerhalb der Seegrenzen der DDR. Wenn das Schnellboot jetzt zur Fundstelle fuhr, würde in Kiel ein Kreuzer auslaufen und sich genauer ansehen wollen, wer da auf der freien Ostsee von der Volksmarine der DDR herumschipperte und selbst wenn sie bis dahin schon wieder weg waren, würde es trotzdem jede Menge Ärger auf den diplomatischen Kanälen geben.
Elsner malte mit den Kiefern, als bisse er auf eine Nuss, dann befahl er dem Steuermann: „Zielkoordinaten. Volle Kraft und alles, was wir haben. Beten Sie, dass Oldenburg unsere Schraubengeräusche hört und mitdenkt!“
Der Steuermann gab Vollgas und Elsner hatte gerade noch Zeit, mit beiden Händen nach der Reling zu greifen, dann riss die mächtige Maschine den Bug des Schnellboots aus dem Wasser und ließ es in den nächsten Wellenberg krachen. Der nächste Brecher krachte gegen den Rumpf, dann noch einer und noch einer – die Seehecht nahm Fahrt auf.

 

Alle drei hörten das hochfrequente Kreischen der unter voller Kraft rotierender Schiffspropeller des mit Höchstgeschwindigkeit die Wellen pflügenden Schnellbootes und es war Werner, der den entscheidenden Fehler beging. Vielleicht war es die Routine, die auch die größte Gefahr, wenn man ihr immer wieder begegnet, gewöhnlich macht und ihn unaufmerksam werden ließ. Vielleicht war es seine Freundin Monika, die in vier Stunden am Kontrolldurchlass in Kühlungsborn darauf warten würde, dass er endlich seinen Erholungsurlaub antreten konnte oder es war nichts weiter als Enttäuschung darüber, ergebnislos aus dem Wasser zu müssen – seine linke Schwimmflosse streifte die Waffe, als er sich nach oben drehte. Eigentlich war es nicht einmal eine Berührung, eher nur ein Hauch, eine winzige Veränderung des Wasserdrucks, die auch die empfindlichste Grundmine nicht aus ihrem vierzigjährigen Schlaf gerissen hätte.
Diese hier schon. Öliger, gelber Rauch schoss hervor und wand sich, als besäße er Intelligenz, wie Krakenarme um Werner und Andreas. Innerhalb von Sekunden hüllte er sie ein, Ausläufer zuckten auch auf den dreißig Fuß entfernten Christian zu, erreichten ihn aber nicht mehr. Die Grundströmung hier war stark und sie riss auch den Nebel um Werner und Andreas schnell wieder auseinander. Scheinbar war nichts geschehen, wie Roboter bewegten sie ihre Schwimmflossen und hielten mit gleichmäßigen Schlägen ihre Position im Wasser gegen die Strömung und wirkten nicht, als hätten sie irgendetwas abbekommen.
Christian richtete den Scheinwerfer auf seine rechte Hand, formte mit Zeigefinger und Daumen einen Kreis und fragte, ob alles in Ordnung war. Als er keine Antwort erhielt, wartete er noch ein paar Atemzügen, dann wiederholte er die Frage und diesmal bekam er eine Reaktion: Die beiden Froschmänner krümmten sich zusammen, rissen ihre Kampfmesser aus der Scheide an der Wade, dann wirbelten ihre Beine los. Wie zwei schwarze Torpedos rasten sie, die Messer zum tödlichen Stoß vorgereckt, auf Christian zu.

 

 

 

Kapitel 2

 

„[Ich bin] ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft. …
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.“

Johann Wolfgang von Goethe

 

Mit den Wölfen zu heulen heißt noch lange nicht, dass man nicht trotzdem von ihnen gebissen wird. Manche lernen das nie, ich brauchte für diese Erkenntnis immerhin vierundzwanzig Lebensjahre. Mein Vater war Professor für innere Medizin an der Berliner Charité, meine Mutter eine Augenärztin mit zwei Doktortiteln. Mit dem Elternhaus wäre ich in jedem anderen Land die Nummer eins auf der Liste der Bewerber für einen Psychologie-Studienplatz gewesen. Aber um die Gefährlichkeit dynastischer Intelligenz wusste man im Arbeiter- und Bauernstaat DDR nicht erst seit Pol Pot und so war meine Herkunft gleichbedeutend mit dem letzten möglichen Platz auf der Liste der Anwärter. Doch es gab in jedem System Hintertüren und ich wusste, dass keine Armee der Welt ohne wenigstens ein paar intelligente Leute auskommt, wobei das für mich schon ein Widerspruch in sich war – Armee und Intelligenz.
Ich verpflichtete mich als Berufssoldat, „vergaß“ dabei meinen Cousin jenseits des Eisernen Vorhangs zu erwähnen und bekam mein Studium. Vier Jahre später hatte ich meinen Diplompsychologen, trug die Uniform eines Leutnants der NVA mit der Äskulapschlange auf den Schulterstücken und versah meinen Dienst im Militärlazarett in Bad Saarow in der Nähe von Berlin. Ein Thema für meine Dissertation hatte ich auch nebst dem zukünftigen Doktorvater. Ich war in der Spur und wenn mein Vater ab und zu bei unseren seltenen abendlichen Gesprächen auf seiner Datscha am Müggelsee die Stirn runzelte, spornte mich das nur noch mehr an. Ich wusste, dass Herr Professor Doktor Gneidsen es noch nie gemocht hatte, wenn jemand dabei war, ihn zu überflügeln, und nahm an, dass er auch für seinen Sohn keine Ausnahme machte.
Die Katastrophe begann für mich an einem Montagmorgen um acht Uhr. Alle Katastrophen beginnen an einem Montagmorgen um acht, manchmal brechen sie nur erst später aus. Wie an jedem Wochenanfang nahm Oberstleutnant Witwer sich für seine wöchentliche Dienstbesprechung exakt sechzig Minuten, um den militärischen Schlamperladen, wie er es nannte, auf Vordermann zu bringen und die Ärzte im Offiziersrang „einzunorden“. Was nichts anderes bedeutete, als das er unüberhörbar seinen Unmut darüber zum Ausdruck brachte, dass Bakterien, Krankheiten und Verletzungen sich trotz seines aufopferungsvollen Kampfes immer noch genau so wenig an den Dienstplan hielten wie gewisse Offiziere des medizinischen Personals und dass er mich dabei ansah, dürfte kaum ein Zufall gewesen sein. Ich hatte mit Autorität, die auf nichts anderem als der Anzahl der Sterne auf den Schulterstücken beruhte, schon immer Probleme gehabt und dass ich jetzt selbst welche trug, wenn auch nur in Silber und nicht in Gold wie Witwer, änderte nichts daran. Sie waren für mich nur eine ungeliebte Notwendigkeit, damit ich vorankam im Leben, und kein Glaubensbekenntnis.
„Leutnant Gneidsen!“, sagte Witwer und ich merkte auf. Seine sonore Stimme klang für seine Verhältnisse viel zu freundlich. Aus seinem Gesicht konnte ich nichts ablesen – er sah ruhig und sicher aus, und vielleicht sogar ein wenig gelangweilt: ein großer, grauhaariger Mann in einer perfekt sitzenden Uniform mit Bügelfalten zum Brotschneiden, den eine so unbedeutende Sache wie ein frischgebackener Leutnant und Diplompsychologe von wichtigen Aufgaben abhielt.
„Ja, bitte?“, erwiderte ich, ein junger Arzt aus der Inneren neben mir stöhnte leise auf und ich presste die Lippen aufeinander. Die korrekte Erwiderung hätte lauten müssen: „Hier, Genosse Oberstleutnant.“ Auf diese Anrede hatte Witwer laut der militärischen Hackordnung ein Anrecht und er war niemand, der darauf verzichtete. Er kam hinter seinem Schreibtisch hervor und schenkte mir sein bestes kaltes, professionelles Lächeln – selbst die Leninstatue auf dem Dreesch in Schwerin blickte bei Minus vierzig Grad freundlicher.
„Sie haben also ein Problem mit meiner Autorität, Genosse Gneidsen“, stellte er fest und jetzt klang seine Stimme wie das Knurren eines hungrigen Wolfes. „Wir sind hier eine militärische Einheit. Nur, falls Sie das immer noch nicht begriffen haben und unterliegen damit wie jede andere auch der Gefechtsbereitschaft. Ich bin dafür verantwortlich. Wenn für die Regimenter und Bataillone rund um Berlin Alarm ausgelöst wird, verlegen sie in ihre Wechselkonzentrierungsräume, Verletzte sind dabei vorprogrammiert, bevor auch nur ein Schuss gefallen ist. Menschen, deren Leben davon abhängt, dass wir hier an jedem Tag des Jahres, egal ob Wochenende, Ostern oder Weihnachten, innerhalb von zwei Stunden mit fünfundachtzig Prozent unseres Personalbestandes bereit sind, Leben zu retten. Das, Leutnant Gneidsen, nennt man in der NVA Gefechtsbereitschaft!“
Wort für Wort hatte seine Stimme einen sauberen Steigerungslauf hingelegt. Jetzt kam das Finale furioso mit allem, was seine Lungen hergaben: „Haben Sie auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, als Sie gestern Abend unerlaubt den Standortbereich verlassen und ihre Eltern in Berlin aufgesucht haben? Sie haben mit dem Leben von Menschen gespielt, Leutnant Gneidsen! Menschen, die die gleiche Uniform tragen, auf die auch Sie geschworen haben!“
Mit vor Wut zitternden Lippen durchbohrte er mich mit seinem Blick und seine dunklen Augen schleuderten Blitze auf mich, gegen die ein Ultraviolettlaser wie eine Streichholzflamme wirkte. Gefechtsbereitschaft war der Fetisch der NVA, der Heilige Gral und der weltweite Sieg des Kommunismus in einem. Was nach meiner, hier leider nur unbedeutenden Meinung, völliger Blödsinn war. Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, bei der Bundeswehr, klappte man am Freitag spätestens um siebzehn Uhr die Bürgersteige für das ganze Wochenende hoch. Kein Rad drehte sich da mehr, weil keiner da war, der hätte auch nur die Waffenkammer aufschließen können. Wenn die NVA am Wochenende losschlug, würden die Jungs drüben sich am Montag wundern, was für eine Fahne auf einmal über ihrem Kasernentor wehte. Der schnellste und unblutigste Krieg der Menschheitsgeschichte hätte nur ein Wochenende gedauert. Gefechtsbereitschaft – einfach lachhaft im Zeitalter der Satellitenaufklärung, fand ich. Leider lag diese Erkenntnis jedoch für die eingefleischten Militaristen wie Oberstleutnant Witwer außerhalb ihres kognitiven Horizontes.
Ruhiger sagte der jetzt: „Ich habe mich mit dem Politoffizier beraten. Er ist der Meinung, dass es für eine aktenkundige Bestrafung noch zu früh ist und ich stimme ihm da zu. Schließlich wollen wir Sie nicht verdammen, sondern einen guten Offizier aus Ihnen machen.“
Unauffällig atmete ich aus. Der Korb schien noch einmal an mir vorbeigegangen zu sein und das Witwer mich im Angesicht meiner Kollegen niedergemacht hatte, gereichte mir bei ihnen eher zum Vorteil. Dass ich ganz bestimmt kein guter Offizier, sondern ein guter Arzt werden wollte und dass das eine das andere ausschloß, würde der Kommisskopp vor mir sowieso nie begreifen.
Witwer griff nach einem Zettel auf seinem Schreibtisch und hielt ihn mir hin. „Morgen gegen Abend wird der Patient Oldenburg auf der Zwohundertsieben wahrscheinlich wieder ansprechbar sein. In einer Stunde melden Sie sich wieder hier, es gibt da noch einiges, was Sie über ihn wissen müssen. Am Freitag um fünfzehn Uhr erwarte ich dann einen detaillierten Bericht von Ihnen über den Patienten nebst einem fundierten Therapieansatz. Wegtreten!“

 

Draußen klopfte der junge Arzt mir lächelnd auf die Schulter, der eben noch neben mir gestöhnt hatte. „Nehmen Sie es nicht so tragisch und schlafen Sie eine Nacht darüber, Kollege Gneidsen. Da mussten wir alle durch. Außerdem“, er zwinkerte mir verschwörerisch zu, „kommt ja wohl vor der Therapie erst die Anamnese und die kann sich in ihrem Fachgebiet durchaus ein paar Wochen hinziehen, so viel ich weiß. Aber das kann so ein Komisskopf gar nicht wissen.“
Er streckte mir die Hand hin. „Holger Weinberg. Ich bin Arzt im Praktikum in der Chirurgie.“
Seine Fröhlichkeit steckte an. „Winfried Gneidsen, Seelenklempner.“
Wir grinsten uns verschwörerisch zu, ich drehte mich um und stieß mit einer Frau zusammen.
„Verrrzeihung“, sagte sie und taumelte einen Schritt zurück. Um die Vierzig, war sie eher attraktiv als hübsch, mit einem kühlen, intelligenten Gesicht voller Charakter, Entschlossenheit und einem Hauch untertriebenen Make-ups.
„Ich muss mich entschuldigen.“ Ich bückte mich und hob den blauen Hefter auf, der ihr aus der Hand gefallen war. „Winfried Gneidsen.“
Tief und für meinen Geschmack länger, als man es bei einem Fremden tut, schaute sie mir in die Augen. Dann nahm sie mir zögerlich die Mappe aus der Hand, ging zwei Schritte, verhielt und blickte mich wieder an. Schließlich warf sie den Kopf, dass ihre Haare flogen und schritt den Flur entlang davon. Ich blieb zurück mit der Erinnerung an lange rote Haare mit dem herben Duft eines beginnenden Frühlingsmorgens, grüne Augen voll distanzierter Kühle und mit meiner Verblüffung.
„Ich wünschte, meine Frau würde mich einmal so anblicken. Sie scheinen ja hervorragende Kontakte zu haben.“
Holger Weinberg blickte ihr hinterher und ich schüttelte den Kopf. „Ich habe sie noch nie gesehen. Wahrscheinlich hat sie mich verwechselt.“
„Sie nehmen mich auf den Arm. So schaut man keinen fremden Mann an.“
Offenbar glaubte er mir nicht. Es war mir egal. „Wenigstens Sie scheinen die Dame ja zu kennen. Wer ist sie?“
„Dr. Natalja Ermakowa aus Moskau. Ist gestern Abend in Schönefeld angekommen für eine Konsultation mit meinem Chefarzt morgen Nachmittag.“

 

Exakt eine Stunde später, auf die Minute genau, klopfte ich an die Dienstzimmertür von Oberstleutnant Witwer. Sie war nur angelehnt und auf das „Kommen Sie ruhig rein“, von drinnen drückte ich sie auf. Ein Mann in einem weißen Hemd saß an Witwers Schreibtisch und las ein Dokument. Vor ihm stand eine Tasse, die Untertasse daneben, eine zweite Tasse auf dem Platz gegenüber und in der Mitte des Tisches eine Thermoskanne. Ein graues Sakko hing halb heruntergerutscht von der Stuhllehne hinter ihm und Witwer hätte wahrscheinlich einen Wutanfall bekommen, hätte er das Chaos gesehen.
„Guten Tag.“ Ich trat ein und lehnte die Tür nur so an, wie ich sie vorgefunden hatte.
Ohne den kahlen Kopf von seinen Papieren zu heben, wies er mit der linken Hand auf den Platz am Tisch ihm gegenüber. „Ich bin gleich für Sie da, Genosse Gneidsen. Machen Sie bitte die Tür richtig zu und gießen Sie sich eine Tasse Kaffee ein. Ich bin Bernard Müller.“
Er schien Worte zu mögen, sprach leise, nicht allzu schnell, sehr deutlich und verschluckte keine Endungen. Ein Mann, der offenbar Wert darauf legte, dass man ihn verstand.
Ich goss mir Kaffee ein, lauschte dem leisen Gluckern in diesem Raum, in dem heute Morgen noch die verbalen Fetzen geflogen waren und dachte: Wenn Witwer hereinkommt, wird sich das mit der Stille sehr schnell erledigt haben. Unwillkürlich drehte ich den Kopf in Richtung Tür.
„Er wird nicht kommen. Sie müssen mit mir vorliebnehmen.“
Müller schob die Papiere, in denen er bis eben gearbeitet hatte, zu mir herüber. „Christian Oldenburg. Faszinierende Lektüre. Wenn man vergessen kann, dass es um einen Menschen geht. Ich bin gespannt, was Sie dazu sagen. Er wird ab morgen ihr Patient sein. Aber vorher sollte ich wohl noch etwas klären.“
Zum Beispiel, was er hier machte. Oder mir einfach nur die Hand geben. Die Leute tun so etwas, es schafft Vertrauen und zwischenmenschliche Wärme. Manchmal mehr, als es ein freundliches Gesicht wie seines konnte, auch wenn ihm das Lächeln durchaus stand. Es wirkte nur ein kleines bisschen … professionell? Oder war es ein „ich weiß etwas, was du nicht weißt?“ Doch ich wollte nicht päpstlicher sein als der Papst – ich wusste, dass ich jetzt auch dem Steinbeißer Witwer gegenübersitzen könnte. Nein, bei dem hätte ich gestanden …
„Wie geht es Ihrer Familie?“ Unschuldig schaute Müller mich aus stahlgrauen Augen an.
„Gut, denke ich. Meine Eltern würden es mir kaum sagen, wenn es ihnen schlecht ginge.“
Freundlich wippte er mit dem Kopf auf und nieder. „Natürlich. So sind sie, die Eltern. Kümmern sich immer um ihre Kinder. Ich dachte übrigens eher an ihre entferntere Verwandtschaft.“
„Ich habe keine.“
Er lächelte. „Von der sie wissen … wollen.“
Manchmal dauert es ein wenig, bis bei mir der Groschen fällt. Diesmal begriff ich mit Lichtgeschwindigkeit. Dieser Mann war ein ganz anderes Kaliber als Witwer und ich durfte ihn keine Sekunde unterschätzen. Müller wusste offenbar von dem verleugneten Cousin in Westberlin und damit war mir ziemlich klar, warum er sich so einfach im Zimmer des Lazarettkommandanten einquartieren konnte. Leute wie er konnten sich überall, wo sie wollten, einquartieren und taten es auch.
Er kniff sein linkes Auge ein wenig zusammen und es sah aus, als zielte er über einen Gewehrlauf. „Ja, Sie denken richtig. Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will.“
Ich konnte nichts dagegen tun – ich verzog das Gesicht und er lachte auf. „Bitte entschuldigen Sie. Mein ‚Faust‘ ist ein bisschen eingerostet. Im Gegensatz zu Ihnen habe ich nie studiert.“
„Scheint mir eher ein generelles Verständnisproblem für Goethe zu sein,“ knurrte ich. „Mephisto wollte zwar das Böse und hat doch Gutes bewirkt.“
Er zuckte die Schulter. „Woher wollen Sie wissen, dass wir nicht genau das bewirken? Mich interessiert nicht, mit welchen Tricks Sie sich Ihr Studium erschlichen haben. Mich interessiert nur, dass Sie wissen, wo Sie stehen, und das tun Sie doch jetzt, oder?“
Er nickte dazu und es animierte zum Mitmachen. Darum tat er es wahrscheinlich auch. Leute wie er hatten eine Ausbildung in so etwas, eine, die nicht Bestandteil einer Psychologievorlesung für Normalsterbliche war. Ich nickte auch und wir waren nichts weiter als zwei Männer, die sich freundlich zunickten, als sei alles in bester Ordnung. Nur, dass einer davon ein emporgekommener Bauerntrampel oder Prolet war, der dem man den Knüppel der Macht in die Hand gegeben hatte und der deshalb sagen konnte: Friss Vogel, oder stirb.
Was er dann auch tat, wenn auch ein bisschen freundlicher: „Seien Sie bitte so nett, und werfen Sie einen Blick in die Akte ihres Patienten. Leider kann ich sie Ihnen nicht überlassen und was Sie darin lesen, werden Sie für sich behalten müssen. Sie werden es gleich verstehen.“
Es war keine Patientenakte, eher ein Lebenslauf und es dauerte etwas, bis ich mich in dem Aktenordner zurechtfand. Handschriftliche Einträge wechselten sich nicht immer chronologisch ab mit maschinengeschriebenen Blättern und nichts davon schien von Christian Oldenburg selbst geschrieben, sondern von anderen über ihn. Müller goss sich Kaffee ein, stand auf, während ich die Einträge überflog, und ging im Raum hin und her, aber ich spürte, dass er mich trotzdem keine Sekunde aus den Augen ließ.
Mit jedem Wort, das ich las, fühlte ich mich in einem Sumpf versinken, von dem ich niemals geglaubt hätte, dass er in meinem Land existierte und ich verstand nicht, warum er mir Einblick in diesen Aktenordner gewährte. Erpressung, Lüge, Betrug, Drohungen – so ziemlich alles an schmutzigen Tricks hatte man angewendet, um den Vater meines Patienten gefügig zu machen. Ich legte die Papiere so vorsichtig auf den Tisch, als seien sie Nitroglycerin und vielleicht waren sie das auch. Nur weil ich sie gelesen hatte, fühlte mich genau so schuldig wie diejenigen, die sie angelegt hatten und wenn das die Absicht der Leute hinter Müller gewesen war, hatte er den Plan übererfüllt.
Der nahm wieder Platz, stützte die Ellenbogen auf den Tisch, stieß die Fingerkuppen von linker und rechter Hand gegeneinander und blickte mich mit einem Ausdruck von Mitgefühl an. Wenn es echt war, sollte es besser dem jungen Mann gelten, dessen Akte zwischen uns lag und nicht mir. Wenn Müller es nur vorspielte, war er ein Genie darin.
„Eklig, oder? So wie Sie jetzt habe ich mich auch gefühlt, als ich mit diesem Fall betraut wurde und diese Akte das erste Mal in die Finger bekam“, begann er. „Ich kann wirklich verstehen, was Sie jetzt denken. Man fühlt sich besudelt, nahezu mitschuldig, weil man in einem Land lebt, in dem das notwendig ist, damit Kinder unbeschwert lachen und Menschen wie Sie in Ruhe studieren können. Wie sein Vater hatte auch der Junge unglaubliche Talente und es wurde geradezu fahrlässig damit umgegangen. Statt Überzeugung hat man Erpressung beim Vater angewendet, um ihn und den Sohn in die Hände zu bekommen. Aber der Kalte Krieg ist vorbei und mit solchen Methoden müsste eigentlich Schluss sein. Doch leider kommt es noch schlimmer und an der Stelle kommen Sie ins Spiel.“
Er ballte seine Hände zu Fäusten und legte sie vor sich auf den Tisch. „Vor zwei Wochen sollte ein Trupp Kampfschwimmer eine vermeintliche Fliegerbombe vor Warnemünde untersuchen. Drei Männer, die eine Ausbildung absolviert haben, wie sie nicht einmal die amerikanischen Navy Seals durchstehen, gingen ins Wasser. Erfahrene Männer, die Dinge hinter sich haben, die Sie sich nicht einmal vorstellen können. Und doch tauchte nur einer wieder auf – Oldenburg. Blutend aus mehreren Messerstichen, schaffte er es noch bis ins Boot und brach dann zusammen. Die anderen beiden fand man viel später, beide waren durch genau einen absolut präzisen Stich eines Tauchermessers ins Herz bzw. die Leber getötet worden. Oldenburg fiel ins Koma und konnte nicht verhört werden und außer ein paar unidentifizierbaren Metallteilen, die zu jeder x-beliebigen Seemine passen könnten, wurde am Grund der Ostsee nichts gefunden. Alles sieht nach einer Auseinandersetzung zwischen den drei Kampftauchern aus, bei der Christian Oldenburg seine beiden Genossen getötet hat. Das einzige, was nicht dazu passt, ist sein Gesundheitszustand. Keiner der Stiche in seinem Körper war lebensgefährlich und doch verfällt er von Tag zu Tag mehr. Wenn den Ärzten nicht ein Wunder gelingt, wird er sterben. Deswegen halten sie ihn, nachdem er aus dem Koma erwacht ist, weiter unter Schlafmitteln, um seine Körperfunktionen zu verlangsamen. So habe ich das zumindest verstanden. Ich brauche aber Antworten und deswegen wird er morgen wieder geweckt.“
Seine Knöchel waren rot angelaufen, so fest hatte er sie zusammengepresst, als er sprach und er lockerte seinen Griff auch nicht, als er hinzusetzte: „Wir erfuhren zu spät von der geplanten Operation, sonst hätten wir sie unterbunden.“
„Aber …“
„Was wir damit zu tun haben?“
Mit einem Ruck schob er den Stuhl zurück, ging zum Fenster und blickte hinaus. „1944 startete ein Bomber mit einer besonderen Waffe an Bord. Er sollte Peenemünde auslöschen, um der V-Waffenproduktion Hitlers ein Ende zu bereiten. Noch während er in der Luft war, kam es in dem Labor, in dem sie entwickelt worden war, zu einem Unfall. Dort und im größten Teil der angrenzenden Kleinstadt brachten sich die Bewohner gegenseitig um – mit allem, was sie gerade in die Hände bekamen. Die Regierung kriegte es mit der Angst zu tun, beseitigte alle Spuren, es war Krieg, da fiel es nicht besonders auf. Die Forschung wurde eingestellt und alle Unterlagen beseitigt nebst den Forschern, die daran gearbeitet hatten. Tatsächlich weiß bis heute niemand, was sie damals entwickelt haben. Geblieben ist nur ein Name: X-44. Dachten wir. Bis vor zwei Wochen. Denn der Bomber wurde nicht vor Peenemünde abgeschossen, sondern vor Warnemünde. Das Flugzeug wurde geborgen, die Waffe aber trotz intensivster Suche nie und irgendwann geriet das Ganze in Vergessenheit. Natürlich nicht bei uns, auf jede Operation, bei der es um die Bergung von Kriegsmunition vor der Ostseeküste ging, hatten wir ein Auge. Doch auch um uns machen weder Routine noch die Zeit des Vergessens einen Bogen und je größer die Zeitabstände zwischen den Munitionsfunden in der Ostsee wurden, je mehr schlich sich Nachlässigkeit ein. Die Nachricht über den Fund der Bombe und die Operation der Kampfschwimmerkompanie traf erst in Berlin ein, als die Taucher bereits im Wasser waren. Man hat zwar sofort den Abbruchbefehl an den Stab der Volksmarine gefunkt, aber da war es offenbar bereits zu spät.“
Er drehte sich um, fixierte mich mit halb zugekniffenen Augen und stieß hervor: „Ich muss wissen, was da unten geschehen ist! Von ihm, denn niemand sonst kann es noch sagen. Um jeden Preis, verstehen Sie?“
Ich verstand sehr gut. Leise, aber bestimmt erwiderte ich: „Ich bin weder Folterknecht noch Verhörspezialist. Fischen Sie in Ihrer eigenen Jauchegrube.“
„Sie junger, arroganter Schnösel!“, fauchte Müller. „Was denken Sie von mir? Sie sollen ihn nicht ausquetschen. Sie sollen ihm das Leben retten! Man wird ihn umbringen, wenn er redet! Und das sollen Sie ihm in den Schädel hämmern. Das Labor, in dem diese Waffe hergestellt worden ist, lag in der Sowjetunion! Man hat dort 1944 eine Massenvernichtungswaffe entwickelt und eingesetzt, noch vor den Amerikanern, in einem sozialistischen Land, die ganze Geschichte des Krieges würde neu geschrieben werden … wenn das herauskommt, in der jetzigen politischen Situation … Niemals wird man das zulassen. Wenn er auch nur ein Sterbenswörtchen von sich gibt, treten Kräfte auf den Plan, gegen die nicht einmal wir etwas ausrichten können!“
„Und wenn er den Mund hält, ist er ein zweifacher Mörder! Warum sagen Sie es ihm nicht selbst?“
„Weil ich es nicht darf!“
Wir starrten uns an wie zwei Stiere vor dem Aufeinanderprallen der Schädelplatten. Nach ein paar Sekunden fuhr sich Müller mit der Hand über die Augen und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. „Entschuldigung. Ich habe mich wohl gehen lassen. Es ist aber tatsächlich so – er darf nicht einmal wissen, dass es mich gibt, die Gründe dafür will ich Ihnen nicht sagen, ich habe Sie schon viel zu tief hineingezogen und das tut mir leid für Sie. Wie dem auch sei – verbringen Sie so viel Zeit mit ihm wie möglich. Er muss es begreifen. Achten Sie auch auf das Personal, ob da neue Leute dabei sind. Ich hole nachher seinen Vater aus Berlin ab. Gerade zu ihm darf er nicht reden, das würde in einer Katastrophe enden. Gott sei Dank wird Oldenburg erst morgen Abend wieder aufwachen und bis dahin ist sein Vater wieder weg, dafür sorge ich. Dann müssen Sie bei Ihrem Patienten sein und herausfinden, was da unten genau geschehen ist. Sein Vater und ich werden eine Lösung finden für ihn, damit er wieder ein normales Leben führen kann, aber wir brauchen Zeit dafür und genau die sollen Sie uns verschaffen. Tatsächlich bin ich wahrscheinlich der Einzige, der ihn da herausholen kann, ohne dass man ihm das, was da unten geschehen ist, als Mord anhängt. Ohnehin muss er erst einmal überleben.“
Ich fand, dass er viel zu viel redete. Wie eine Nebelwand, hinter der sich die Wahrheit gut verstecken ließ. Aber das sagte ich ihm nicht, sondern: „Dazu hätten Sie mir die Akte nicht zu lesen geben müssen.“
Müller nickte wieder. Es schien seine liebste Beschäftigung zu sein. „Natürlich nicht. Es ist eine Entscheidungshilfe für Sie. In jedem System macht die Seite, auf die man sich stellt, den Unterschied aus. Sie können mit den Wölfen heulen oder sich vor ihnen verstecken. Wie weit Sie mit Letzterem kommen, dürften Sie mittlerweile begriffen haben. Sie haben studiert und mir damit eine Menge voraus, auch wenn es Ihnen Flausen in den Kopf gesetzt hat. Aber wenn Vater Staat das Geld für Sie nicht umsonst ausgegeben hat, wissen Sie, dass Gut und Böse nur eine Frage des Standpunktes sind. Oder anders gesagt, Gut und Böse sind keine Kategorien zur Bewertung der objektiven Realität. In der ist nur eines wirklich und das mit absoluter Sicherheit: Täter und Opfer. Das gilt für jeden Staat der Welt, jenseits und diesseits des Atlantiks, für jedes System und es wird immer so sein. Ihre Entscheidung, was davon Sie sein wollen. Ich helfe ihnen nur, die richtige zu fällen, weil wir Männer und Frauen wie Sie brauchen.“
Er stand auf, warf sich das Sakko über und raffte die Akte von Christian Oldenburg zusammen. „Meine Arbeit wartet nicht und ob sie es glauben oder nicht – Oldenburg ist nicht einmal das wichtigste Problem auf meinem Schreibtisch.“
Ein wenig gebeugt ging er mit leisen Schritten zur Tür – ein Beamter, selbstlos, nur das Beste für alle wollend und niedergedrückt unter der Last seiner Verantwortung für das Wohlergehen des Staates. Und die Erde ist eine Scheibe.
„Wäre es dann nicht das Beste für Sie, wenn Christian Oldenburg einfach so einschläft, ohne noch einmal die Augen zu öffnen?“
Er blieb stehen. Ich hatte sehr leise gesprochen, er musste Ohren wie ein Luchs haben. Wahrscheinlich von Berufswegen.
„Könnte man annehmen“, sagte er bedächtig. „Wenn es mir egal wäre, ob er tatsächlich auf dieses X-44 gestoßen ist oder es nicht doch noch irgendwo da draußen in der Ostsee lauert und es dann vielleicht noch mehr Tote gibt. Wenn es mir egal wäre, ob Christian Oldenburg nur ein Opfer der Umstände geworden ist oder ob wir mit unserer Ausbildung einen hochfunktionalen, aber psychopathischen Killer aus ihm gemacht haben. Was meinen Sie, Herr Diplom-Psychologe Leutnant Winfried Gneidsen? Ist es mir egal?“
Er schaute auf den dicken Ordner unter seinem Arm, hob den Kopf und blickte mir in die Augen. „Menschen wie Sie sind die Zukunft unseres Landes und ich will nicht hoffen, dass ihre Akte bei uns eines Tages auch so dick ist wie diese hier. Das passiert, wenn man das Falsche denkt und sagt. Verlieren Sie das so wenig aus den Augen wie wir Sie.“

 

Der Lada rumpelte über ein Schlagloch, dem Müller nicht schnell genug hatte ausweichen können und Sven Oldenburg sagte: „Die Straßen werden immer schlimmer.“
Er verzog das Gesicht und es ließ ihn aussehen wie einen Beamten, der gerade seine Kündigung las. Er wusste, dass er immer so wirkte er immer auf den ersten Blick, mit seiner schicken grauen Anzughose, dem dazu passenden Hemd mit Binder, dem Brillengestell aus Draht und den peinlich genau auf links gescheitelten Haarüberbleibseln auf seinem großen Kopf. Nur die abgetragene braune Lederjacke um seine breiten Schultern passte nicht dazu, aber selbst Müller hatte es nicht geschafft, sie ihm auszureden.
Es waren die ersten Worte, die er außer einem „Guten Tag“ am Flughafen Schönefeld, als er in den Wagen gestiegen war, gesagt hatte. Er hatte seine Tarnung in Oslo aufs Spiel gesetzt, nur um so schnell wie möglich zurück nach Berlin zu kommen und damit die Geheimdienstarbeit vieler Monate, wenn nicht sogar von Jahren aufs Spiel gesetzt. Müller war mit keinem Wort darauf eingegangen, als er ihn abgeholt hatte, aber es stand wie dicke Luft zwischen ihnen.
Sven lehnte den Kopf gegen den Holm neben der Seitentür und schloss die Augen. Müller sagte: „Es tut mir wirklich leid, aber wir können nichts tun. Die Ärzte sind sich nicht einmal sicher, dass es überhaupt das Evans-Syndrom ist. Sein Immunsystem ist zusammengebrochen, zerstört statt Krankheitserregern jetzt die eigenen roten Blutplättchen und niemand weiß, warum. Wenn sie den Prozess nicht aufhalten können, werden irgendwann die Organe versagen, weil das Blut nicht mehr genug Sauerstoff zu ihnen transportieren kann.“
„Ursache?“, fragte Sven und zog die Brauen hoch. Die Augen hielt er immer noch geschlossen.
„Wahrscheinlich außergewöhnliche Stressbelastung bei Dunkelheit und unter Wasser. Alle möglichen Tests haben sie durchgeführt, aber in seinem Körper ist nichts, was dafür verantwortlich gemacht werden kann. Er ist mit nichts in Berührung gekommen, was das hätte hervorrufen können. Es hätte wohl jeden treffen können, Ihr Sohn hat einfach nur Pech gehabt. Ich habe schon eine Empfehlung weitergegeben, das Ausbildungsprogramm in Kühlungsborn zu überprüfen.“
„Pech gehabt …“ Sven schlug die Augen auf. „Wie genau …“ Er räusperte sich. „Wie genau ist es passiert?“
Müller blickte konzentriert nach vorne, obwohl die Autobahn so gut wie leer war. „Simulierter Kampfeinsatz, wie er schon viele hinter sich gebracht hat. Nichts Besonderes, knapp fünf Seemeilen vor Kühlungsborn. Sie sollten eine Bombenattrappe finden und aufklären, das Sicherstellungsteam war die ganze Zeit direkt über ihnen. Dann wurde das Wetter ziemlich schlecht, sie haben sie aus dem Wasser holen wollen, aber nur er kam wieder nach oben.“
Er fuhr von der Autobahn ab, links und rechts huschten Bäume vorbei, dann kamen ein paar Häuser. Kinder standen an einer Haltestelle, wahrscheinlich warteten sie darauf, dass der Bus sie von der Schule nach Hause fuhr. Ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen und roten Schleifen daran winkte, vielleicht aus Langeweile, vielleicht auch, weil sie einfach nur freundlich sein wollte und weil sie noch nichts von der Welt der Großen wusste.
Erwachsene müssen den Dingern immer irgendwelche Schilder umhängen, damit sie sie in Gedankenkisten einsortieren können, dachte Sven. Selbst dann, wenn sie nichts darüber wussten. Hauptsache, man fand eine passende Schublade. Die, in die Christian passte, hieß „Evans-Syndrom“ und alle waren zufrieden.
Das Ortsausgangsschild flog vorbei und er sagte: „Sie müssen ihn da herausholen.“
Die Antwort kam sofort. So, als hätte Müller sie parat gehabt. „Da sind die besten Ärzte für ihn.“
Sven seine auch: „Oder die dicksten Mauern? Türen mit Schlössern, Fenster mit Gittern?“
Ein Waldweg kam in Sicht. Müller steuerte den Wagen hinein, stellte den Motor ab und öffnete seine Tür. „Lassen Sie uns ein Stück gehen.“
Sven rührte sich nicht. „Sagen Sie, was Sie sagen müssen und dann fahren Sie mich zu meinem Sohn.“
„Oder?“
Mit einem Ruck drehte Sven seinen Kopf. „Ich schmeiße Sie aus dem Auto und prügel Sie durch.“
Einen Moment trommelte Müller mit der Hand auf das Leder schwarze Leder der Lenkradumhüllung, dann zuckte er die Schultern, startete den Motor und fuhr los. „Ich wollte Sie nicht verletzen. Auch, wenn es mir leid tut – Sie müssen den Tatsachen ins Auge sehen. Ihr Sohn hat seine zwei Genossen umgebracht und wenn er überlebt, wird er sich dafür zu verantworten haben. Doch seine Prognose ist schlecht. Aber eines garantiere ich ihnen: Er wird die beste Pflege bekommen, es wird keine Verhöre geben und niemand wird ihn mit Fragen belästigen, dafür werde ich sorgen.“
Das, was Müller eben gesagt hatte, hätte man mit einem einzigen Wort ausdrücken können: Isolationshaft. Sven umkrampfte mit den Händen das in braunes Packpapier eingeschlagene Paket auf seinem Schoß. Es war Otto Nordenskjölds „Antarctic – zwei Jahre in Schnee und Eis am Südpol.“ Das Buch war Christian auf den Fuß gefallen, als er mit vier Jahren in einem Wutanfall gegen das Bücherregal seiner Großmutter getreten hatte. Sechs Monate lang hatte er es kaum aus der Hand gegeben und sich damit das Lesen beigebracht. Danach hatte er es nicht mehr gebraucht – er hatte es im Kopf gehabt, Seite für Seite, Wort für Wort.
„Sie müssen morgen früh wieder los.“ Etwas wie Mitleid klang aus der Stimme von Müller. „Wenn Sie nicht allerspätestens übermorgen in Oslo sind, war alles umsonst. Christian würde das nicht wollen. Wir tun wirklich alles, was menschenmöglich ist für ihn.“
Sven schloss wieder die Augen. Eine Antwort gab er nicht.

 

Es war nicht Gefühlskälte, die ihn eine halbe Stunde später in der Tür stehenbleiben ließ, sondern seine Ausbildung. Er wusste, dass Christian nicht davonlaufen konnte, dass er es vielleicht nie mehr können würde und in den zwei oder drei Sekunden, die Sven brauchte, um die Situation einzuschätzen, würde kaum etwas geschehen, dass das änderte.
Wenn man von den Gittern vor dem kleinen Fenster absah, besaß das Krankenzimmer die tiefgründige Persönlichkeit einer Backsteinmauer und wie jedes Krankenzimmer, das auf sich hielt, stank es nach einer Mischung aus Desinfektionsmitteln, kaltem Kantinenessen und Urin. Aus der undichten Armatur tropfte Wasser in das zerkratzte Waschbecken aus Emaille; der weiß gestrichene Stahlblechschrank daneben sah aus, als hätte er in einem anderen Leben als Soldatenspind gedient und die zerkratzte Sprelakartoberfläche des Nachtschranks neben dem Stahlrohrbett war so leergefegt wie das Südfrüchteregal im Konsum zu Weihnachten. Keine Vase mit einem Blumenstrauß zur Erinnerung an die Liebste und keine Pralinenschachtel von Angehörigen verdeckte die gelben Altersflecken darauf. Daneben stand ein Stuhl, auf dem weder Sachen lagen, noch Schuhe standen; ja, nicht einmal Krücken waren zu sehen. Christian hatte noch nie aus eigener Kraft das Bett verlassen und niemand schien zu erwarten, dass er es in nächster Zeit tun würde.
Sein Gesicht hatte sich in den zwei Jahren, die Sven ihn nicht mehr gesehen hatte, verändert. Noch immer war es klar gezeichnet, hatte harte Kanten mit einem fast brutal quadratischen Kinn, eine kräftige Nase und eine Stirn, die fast so hoch wirkte, wie sie breit war. Christians Haare waren militärisch kurzgeschnitten, obwohl er erst vierundzwanzig Jahre gelebt hatte, waren sie bereits grau und das mochte den Unterschied machen – als Sven ihn das letzte Mal gesehen hatte, waren sie noch weizenblond gewesen.
Christian hatte die Augen geschlossen und atmete tief und gleichmäßig, aber sehr langsam, und selbst jetzt im Schlaf sah er noch nach Kampf aus, nach Trotz und danach, dass er es mit allem aufnehmen würde, was das Leben ihm entgegenwarf. Nicht einmal die totenblass über den spitz hervorstechenden Wangenknochen spannende Gesichtshaut nahm ihm diese Ausstrahlung und auch nicht die frische Narbe auf seiner linken Wange, die sich gleich einer weiß-roten Schlange in Richtung Mundwinkel wand.
Sven schluckte und nickte der schlanken Frau im offenen weißen Kittel auf einem Stuhl neben dem Bett zu. „Ich bin sein Vater.“
„Doktorr Errmakowa. Nennen sie mich Johanna“, erwiderte sie.
Ein Gespräch schien sie nicht beginnen zu wollen und es war ihm nur recht. Er wollte mit niemandem reden außer mit Christian. Minutenlang stand er neben dessen Bett und sah ihn an, dann legte er das Buch auf den Nachtschrank, zog sich den zweiten Stuhl an die Bettkante und setzte sich. All das tat er fast ohne jeden Laut, so still und unauffällig, wie er auch sonst agierte. Vielleicht sogar noch lautloser, fast so, als fühlte er sich … belauscht? Es war sein Unterbewusstsein, das ihn warnte, und im gleichen Moment wusste er auch, warum – das unscheinbare graue Telefon auf dem Bord über dem Bett. Ein Telefon über dem Bett eines Komapatienten, neben dem Tag und Nacht eine Schwester oder ein Arzt saß? Das konnte Sven sich vielleicht in einem Zimmer für einen hochrangigen Offizier oder General vorstellen, aber ganz sicher nicht in einem Zimmer mit Gitterstäben vor dem Fenster. Was dann wohl bedeutete, dass irgendwo ein Tonband mitlief und er fragte sich, ob Dr. Ermakowa davon wusste. Doch es interessierte ihn nicht wirklich. Er war nur zu sehr Profi, um es zu ignorieren.
Er nahm Christians Hand, ignorierte die Wärme, die ihm dabei ins Gesicht schoss und registrierte aus dem Augenwinkel, dass etwas wie Interesse in den Augen der Ärztin auf aufglomm. Er zuckte entschuldigend die Schultern. „Er hat sich nie anfassen lassen. Wie ein Wahnsinniger hat er dann um sich geschlagen. Er hat viel um sich geschlagen. Wenn er nicht gerade gelesen hat. Würd mich nicht wundern, wenn er die ganze Stadtbibliothek im Kopf hätte. Hat nur nie darüber gesprochen. Hatte immer Flausen im Kopf, der Junge. Zu viel gelesen, irgendwo zwischen Wunsch und Wirklichkeit gelebt; zwischen Schule, Prügeleien und seinen Büchern …
Christians Hand zuckte, als hätte sie ein eigenes Leben und er legte sie vorsichtig wieder auf die Bettkante zurück. „Ich war immer außen vor …  jetzt bin ich hier und er ist weg …. manchmal, da blitzte etwas auf, da war er … voraus, ganz weit … und dann haben sie ihn zu den Kampfschwimmern geholt … Es macht keinen Unterschied mehr.“
Er suchte sich eine aufrechtere Position. Seine Müdigkeit kam mit Macht. Joanna stand auf, tauschte den Beutel am Ständer des Tropfes gegen einen aus, den sie aus ihrer Kitteltasche gezogen hatte, setzte sich wieder hin und schlug die Beine übereinander. „Errrzählen Sie ihm etwas“, sagte sie.
„Wozu? Er hört mich nicht.“
„Wissen oderr glauben Sie das?“
„Ich …“ Das Klappern von Geschirr und von Türen, die auf- und wieder zugeschlagen wurden, hallte dumpf durch die geschlossene Tür und er stockte. Dann wurde es wieder ruhig. Joanna kreuzte die Arme vor der Brust. „Dann errzählen sie mirr von ihm.“
In ihrem Gesicht las er nichts weiter als ruhige Professionalität und er dachte: Wozu? Ich weiß nur, wovon er träumt. Aber ist das nicht genug, die Träume der Kinder zu kennen?
Er räusperte sich. „Eigentlich weiß ich viel zu wenig von ihm. Vor zwei Jahren habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Wir saßen neben dem Eingang zur Kaserne im Besucherraum – weiter durfte  nichtmal ich – und er hatte nichts Besseres zu tun, als mir seine neueste Idee zu erzählen … So ein Idiot. Er hat immer alles gemixt, das, was er gelesen hat in Büchern und was in der Zeitung stand. Unterschiede zwischen Märchen, Science Fiction und wissenschaftlichen Abhandlungen oder Dokumentationen schienen für ihn nicht zu existieren. Er hat alles in seinen Kopf gestopft und dann kamen Geschichten heraus, mit denen er jedem auf den Nerv gegangen ist und von denen keiner wusste, wahrscheinlich nicht mal er selbst, was davon erfunden und was real war.“
Die Erinnerung kochte in ihm hoch und er presste die Lippen zusammen. Der Raum hatte erbärmlich nach kaltem Zigarettenrauch gestunken, doch sie hatten nirgendwo anders hinkönnen. Er war froh gewesen, überhaupt eine Besuchserlaubnis bekommen zu haben. Nicht einmal guten Tag hatte Christian gewünscht, war einfach in seinem typischen Gang hereingekommen, der immer wirkte, als ginge er über die schwankenden Planken eines alten Segelschiffs, hatte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl fallen lassen und nur gefragt: „Hast du sie mitgebracht?“
„Danke der Nachfrage. Es geht mir gut. Und dir?“ Sven schob die Fotokopie der Karte des Piri Reis über den Tisch, die er mitgebracht hatte.
Minutenlang studierte Christian die Karte, hielt sie gegen das Licht, legte sie dann hin und fuhr gedankenverloren mit dem Finger Linien darauf nach.
Sven hätte ihn am liebsten geschüttelt und ihn angeschrien: „Ich bin hier!“, aber er wusste, dass Christian dann aufgestanden und gegangen wäre. Diesen Teil ihrer Unterhaltung hatten sie durch. Es war der Tag gewesen, an dem Christian erfahren hatte, dass sein Vater ein Agent des Ministeriums für Staatssicherheit geworden war. Warum, hatte er nie gefragt.
„Topkapi. Der Palast des Sultans in Istanbul. Da liegt sie unter Glas. Panzerglas, vermute ich.“
Christian legte seine Füße auf den Tisch, natürlich nicht auf die Karte, kippte seinen Stuhl an, kreuzte die Arme vor der Brust und Sven stöhnte lautlos. Er ahnte, dass die ganze Besuchszeit, die man ihnen ließ, nur für eine neue verrückte Idee Christians draufgehen würde.
„1513 gezeichnet von Piri Reis, einem osmanischen General und Seefahrer.“ Als stünde da sein Text, sah Christian zur wasserfleckigen Decke. „Zeigt die Küste der Antarktis, wie sie fünftausendfünfhundert Jahre früher ausgesehen hat. Da war ihr Rand noch grün und wurde erst viel später unter kilometerhohem Eis begraben. Die Karte weist eine sphärische Verzerrung auf, die in etwa der eines Fotos entspricht, das aus mehreren einhundert Kilometern Höhe aufgenommen worden ist. Die NASA hat neunzehnhundertsechzig bestätigt, dass die Karte nicht nur echt, sondern sogar erstaunlich genau ist. Der Witzt dabei ist, dass Piri Reis sechstausend Jahre alt gewesen sein müsste, um ihre Küstenlinie ohne Eis gesehen zu haben. Er wurde aber um 1470 geboren und 1554 in Kairo geköpft. Das ist bewiesen, das sind die Fakten und sie sind unwidersprochen. Heisst: Niemand auf der Erde hätte 1513 diese Karte zeichnen können, die eine Antarktis zeigt, wie sie ein paar tausend Jahre früher ausgesehen hat. Zum Teufel, 1513 wusste nicht mal jemand, dass die Antarktis überhaupt existiert. Deshalb liegt die Karte im Topkapi unter Glas. Weil sie ein Wunder ist. Manche meinen, es sei ein Zufallstreffer und andere glauben, Außerirdische hätten die Erde besucht und von ihnen hätte Piri Reis das Wissen gehabt. Wenn Menschen etwas nicht kapieren, müssen immer Außerirdische oder irgendwelche Götter herhalten. So ein Schwachsinn, die Erklärung ist viel einfacher.“
Sven brummte: „Und du kennst sie.“
Christian senkte seinen Blick von der Decke. „Was? Ach so, ja, natürlich. Sie ist einfach und vor allem logisch. Hochkulturen wie die Mayas, die Phönizier oder die sagenhaften Atlantiden sind in der Geschichte verschwunden, und zwar spurlos. Nicht ausgerottet, nicht dahingesiecht oder langsam ausgestorben. Nein, verschwunden, von einem Tag auf den anderen. Wären sie das nicht, hätten sie sich in dem gleichen Tempo wie der Rest der Menschheit weiterentwickelt, wären sie uns heute himmelhoch überlegen. Immerhin hatten sie ein paar tausend Jahre mehr Zeit. Das ist für uns die Zeit vom Eisenschwert bis zur Atombombe. Zur Zeit von Piri Reis wären sie etwa da gewesen, wo wir so um das Jahr 2500 sein werden. Wenn es uns dann noch gibt, was ich für ziemlich unwahrscheinlich halte. Ein Volk von Millionen Menschen kann sich jedoch nicht so einfach in Luft auflösen, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, es sei denn, es hätte es mit Absicht getan. Selbstvernichtung zum Beispiel, warum auch immer. Vielleicht war ihnen das Meer zu blau und die Sonne zu warm oder so. Doch selbst Kernwaffen hinterlassen nachweisbare Spuren und solche sind nie gefunden worden. Also sind sie nicht untergegangen und ‚verschwunden‘ trifft es dementsprechend auf den Punkt.“
Er richtete seinen Blick wieder auf die Decke. „Von zwei Orten auf der Erde wissen wir weniger als von der Mondoberfläche – der Tiefsee und der Antarktis. Seit vierzig Jahren vermutet man, dass riesige Hohlräume unter dem ewigen Eis existieren. Ein norwegischer Geologieprofessor, Johannes Hakonsen heißt er, glaube ich, hat vor zehn Jahren eine Theorie veröffentlicht, nach der ausgerechnet der höchste Berg da, der Mount Kirkpatrick, über so einem Hohlraum liegen soll. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber auf alle Fälle gibt es nach den neuesten Forschungsergebnissen unter der sowjetischen Antarktisstation ‚Wostok‘ einen riesigen See, mehr als eintausend Kilometer lang und fast neunhundert Meter tief. Man kommt nicht heran, weil er mehr als vier Kilometer unter dem ewigen Eis liegt, aber man vermutet Protoleben darin, dass viel älter ist als die Menschheit. Da wäre genug Platz, ein ganzes Volk zu verstecken. Alles, was sie brauchten zum Leben, fänden sie da unten – Bodenschätze und Wasser. Nahrungsmittel und Luft könnten sie sicher synthetisch herstellen, von Licht ganz zu schweigen. Sie hätten 1513 die Technologie haben können, Fotos aus dem All zu machen und danach könnte Piri Reis die Karte gezeichnet haben.“
Wider Willen war Sven aufmerksam den Ausführungen Christians gefolgt. Es hatte etwas Faszinierendes für ihn, wie sein Sohn erzählte. Jetzt schüttelte Sven energisch den Kopf. „Selbst wenn du recht hättest – was sollte sie daran hindern, mit uns zusammenzuleben, wenn sie wirklich da unten wären?“
Krachend setzten die beiden vorderen Beine von Christians Stuhl auf dem Boden auf. „Wir!“
Er nahm die Beine vom Tisch, beugte sich vor, starrte Sven aus nächster Nähe ins Gesicht und Wut troff aus jedem seiner Worte: „Leute wie du. Unsere Geschichte. Die Menschheit hat eine in die Gene programmierte Selbstvernichtungsgarantie und wird von ein paar tausend machtgeilen Soziopathen gesteuert, die Leute wie dich benutzen, damit das auch funktioniert.“
Es war wie immer in den letzten Jahren – ein direkter Angriff und wie immer, packte auch jetzt wieder Sven der Zorn, weil sein Sohn nicht verstand, warum er ein Aufklärer geworden war.
„Vergiss Dich nicht!“, knurrte er, obwohl er sich fest vorgenommen hatte, sich nicht wieder mit Christian zu streiten. „Du hättest nicht hierher müssen, du hättest ablehnen können. Aber du wolltest dich ja unbedingt zu einem Killer ausbilden lassen, also tu nicht so, als wärst du etwas Besseres!“
Leise zischte Christian: „Wenn du ein Rudel Löwen umbringen willst, musst du wenigstens wissen, wie es kämpft!“ Er lächelte, aber sein Blick war so eisig kalt wie die Antarktis, über die er so gerne las.
Sven warf einen erschrockenen Blick zur Tür, aber Christian winkte ab. „Keine Sorge. Niemand erfährt, was dein Sohn denkt. Ich will ja nicht deine Karriere gefährden. Aber um deine Frage zu beantworten: Was glaubst du denn, was passieren würde, wenn sie kämen, und sagten: ‚Hey, da sind wir und wir haben eine Technologie, die euch weit überlegen ist. Wollt ihr was davon abhaben?‘ So blind kannst nicht mal du sein – natürlich würden die Menschen wollen, aber sie würden es sich mit Panzern und Raketen holen und die Antarktis würde zum Kriegsgebiet, weil jeder mehr als der andere haben will. Wie von dem Gold der Inkas. Nein, sie werden keinen Mucks von sich geben. Da unten hätten sie sogar eine Chance, unseren zweiten und letzten Weltkrieg zu überleben. Aber ich denke, dass sie uns Mörderbande über ihren Köpfen keine Sekunde aus den Augen lassen und uns ständig beobachten. Ja, beobachten werden sie uns, da bin ich mir ganz sicher. Ich würde es jedenfalls so machen …“
Sven feixte: „Wie bist du eigentlich durch die psychologische Eignungsprüfung hier gekommen? Abschreiben ging ja wohl nicht. Oder du bist auf der Sturmbahn mit dem Kopf gegen die Eskaladierwand geknallt und das hat deinem Denkvermögen nicht gut getan. Wirklich nicht.“
„Jede Legende hat einen wahren Kern. Wie die von Atlantis. Sie kann nicht aus dem Nichts entstanden sein, es wird schon einen Grund für sie geben. Mondfischer hat man sie genannt, man sagt, dass sie den Strom der Zeit aufwärts segelten. Sie erinnerten sich an die Zukunft und träumten von der Vergangenheit.“
Abrupt stand Christian auf. „Die Zeit ist um. Danke für deinen Besuch. Vater.“
Mit seinen schweren Schritten ging er zur Tür und öffnete sie. Einen Moment blickte er auf das Holz, dann sagte er: „Und was mein Denkvermögen betrifft – das funktioniert noch ganz gut. Auch wenn ich zurzeit lerne, wie man Menschen am effektivsten umbringt.“
Es knallte mörderisch und plötzlich war ein kindskopfgroßes Loch in der Tür. Fast verächtlich zog Christian einen Splitter aus der Haut über seiner geballten Faust, hob einen Zeigefinger an die Nasenspitze, klopfte sich dagegen und murmelte: „Die Mondfischer. Tatsächlich. Und ich wüsste, wo ich sie suchen würde.“

 

„Welchen Teil …“
Christians Augenlider flatterten und Sven schreckte hoch. Er war so tief in Gedanken gewesen, dass er alles um sich herum vergessen hatte.
„Mach den …“ Christian stöhnte und versuchte, mit der Hand nach der Nadel in seinem Arm zu greifen.
„Warte!“ Sven drückte ihn wieder auf das Bett zurück und warf einen Blick auf die Aufschrift auf dem Infusionsbeutel. Es war nichts weiter als eine Kochsalzlösung. Er überlegte einen Moment, dann setzte er sich wieder hin, ohne die Nadel aus dem Port in Christians Armbeuge zu ziehen.
Dessen Blick klärte sich, er leckte sich mit der Zunge über die Lippen, dann stöhnte er: „Welchen … Teil von ‚halt dich aus meinem Leben raus …‘ hast du damals nicht verstanden?“
„Du verdammter Sturkopf!“
„Muss ich wohl geerbt haben.“
Ein Mundwinkel von Christian zitterte, bog sich ein wenig nach oben – eine Totenmaske, die sich an einem Grinsen versuchte. Dann fielen seine Augenlider wieder herab und der verkrampfte Ausdruck in seinem Gesicht löste sich und machte tiefer Entspannung Platz – er war wieder eingeschlafen.
Sven wischte sich mit den Zeigefingern die Feuchtigkeit aus den Augen. Wieder eingeschlafen? Tatsächlich? Mit Gewalt sperrte er seine hochkochenden Emotionen dahin, wo sie seiner Meinung nach hingehörten und dachte nach. Müller hatte gesagt, dass Christian seit Wochen im Koma lag und alle Körperfunktionen auf ein gerade noch das Leben aufrechterhaltendes Minimum reduziert worden sein. Dann erwacht er aus dem Koma und die diensthabende Ärztin prüft weder die Vitalfunktionen des Patienten noch alarmiert sie die diensthabenden Ärzte und das Personal. Im Gegenteil, sie rückt aus seinem Sichtfeld und benimmt sich, als ginge sie das alles gar nichts an.
„Was wird hier gespielt?“, fragte er und wenn er je Schärfe in seine Worte gelegt hatte, dann war es jetzt.
Dr. Ermakowa erhob sich. Nicht abrupt, nicht so, als hätte er sie aufgeschreckt. Eher wirkte ihre ruhige Bewegung wie ein … Abschluss? Keinen ihre Schritte, mit denen sie um das Bett herumkam, hörte er. Sie bewegte sich noch leiser als er. Kühl erwiderte sie: „Wer mit dem Teufel tanzt, muss auch irgendwann die Musik bezahlen.“
„Wie bitte?“ Er bekam kaum die Kiefer auseinander, so wütend war er.
Sie hielt ihm einen Zettel hin. „Das ist ein Medikament, das es nur im Westen gibt. Es wird Chrristian das Leben retten.“
Er griff nach dem Papier. „Ich habe keine Kontakte nach drüben.“
Sie ging zur Tür. „Wenn Sie meinen. Ich denke aber, dass Sie sehr wohl jemanden kennen, der es besorgen kann, und zwar dauerhaft. Chrristian wird dann zwar ein paar Jahre auf Krücken gehen, aber er wird leben. Danach …“ Sie stockte einen winzigen Moment, dann setzte sie fort: „… dann wird sich alles ändern … für … “
Mit zwei Sprüngen stand Sven zwischen ihr und der Tür. „Ich will keine Prophezeiung, sondern eine Diagnose. Wenn Sie dazu nicht in der Lage sind, holen Sie gefälligst einen richtigen Arzt, bevor ich es selbst mache.“
Für einen Sekundenbruchteil flog ein Lächeln voller Traurigkeit über ihr Gesicht, zu schnell, als dass es für ihn eine Bedeutung gehabt hätte, dann war sie wieder nichts weiter als kühle Professionalität. „Es ist keine Prophezeiung. Sie würden es eine … Erinnerung … nennen. Es wäre mir lieb, wenn sie ihre Erinnerung an heute aus dem Gedächtnis streichen könnten. Ich habe es bereits. Niemand wird von mir erfahren, dass wir uns hier begegnet sind und ich meine wirklich niemand. Nicht einmal Chrristian.“
Hart packte er sie am Oberarm. „Warum nennen Sie meinen Sohn beim Vornamen?“
Christian bewegte sich, murmelte im Schlaf, seine Decke rutschte herunter und Sven wollte an sein Bett eilen. Doch dazu hätte er die Ermakowa loslassen müssen …
„Er oder ich.“ Kühler Spott leuchtete aus ihren Augen. Dass er ihren Oberarm mit aller Kraft presste, schien sie nicht im Geringsten zu stören.
„Ich finde Sie!“, knurrte er, dann stieß er sie von sich und eilte zu seinem Sohn. Doch Christian wurde nicht wieder wach, es war offenbar nur eine unterbewusste Lageveränderung im Schlaf gewesen. Sven wartete auf eine Wiederholung und als sie nicht kam, stützte er den Kopf in beide Hände, schloss die Augen und dachte intensiv nach.
Erst als die Nachtschwester ihm eine Decke umlegte, registrierte er wieder, wo er sich befand. Sie hängte einen neuen Infusionsbeutel in den Ständer und blickte dann mit gerunzelter Stirn auf den geleerten in ihrer Hand.
Er wurde aufmerksam. „Was ist?“
„Nach der Liste sollte ihr Sohn eigentlich ein Schlafmittel bekommen“, erwiderte sie kopfschüttelnd, schaute noch einmal auf ihre Medikationsliste und zeigte sie ihm. „Hier steht es. Aber das hier ist eine Kochsalzlösung. Wer macht denn so einen Blödsinn?“
„Schlimm?“, fragte er und gähnte, innerlich jedoch hellwach.
„I wo.“
Sie setzte sich zu Christian und fühlte ihm den Puls. „Er schläft ja noch fest. Ich kläre das gleich mit dem diensthabenden Arzt.“
„Sagen sie …“, er berührte sie am Arm, „Seit wann bekommt er denn das Schlafmittel? Ich dachte, er läge im Koma.“
„Koma? Sehen sie hier irgendwelche Geräte, die das überwachen? So viel ich weiß, ist er schon sediert eingeliefert worden. Aber da fragen sie nachher lieber den Arzt. Der kann ihnen das genau sagen und auch, warum.“
„Wie lange wird das dauern?“ Er gab seinem Gesicht einen sorgenvollen Ausdruck und schaute zum Bett.
„Es besteht kein Grund zur Besorgnis“, meinte sie. „Der diensthabende Arzt ist irgendwo im Lazarett unterwegs, in spätestens einer halben Stunde wird er hier sein. Bis dahin wird sich der Gesundheitszustand ihres Sohnes nicht verschlechtern.“
Kaum war sie aus dem Zimmer, riss er die Telefonleitung aus der Dose, dann rüttelte er Christian an den Schultern. Der brummte etwas, seine Lider flatterten und Sven verpasste ihm links und rechts eine Ohrfeige. Christian stöhnte, aber jetzt schlug er die Augen auf und es dauerte nur Sekunden, bis sie klar wurden.
„Was, zum …“, stöhnte er.
„Bleib gefälligst wach und konzentrier dich, sonst hau ich dir noch eine rein. Mit der Faust. Wir müssen reden,“ zischte Sven.
Christian verzog das Gesicht, aber sein Blick wurde klarer. „Tob dich ruhig aus. Wolltest du doch immer schon.“
Sven knurrte: „Was ist da unten wirklich passiert? Knapp und präzise bitte! Wir haben keine Zeit für Spielchen.“

 

Als Müller am nächsten Morgen an seine Tür hämmerte, war Sven bereit. Bis gegen halb acht hatte er noch bei Christian gesessen, dann war er zur Post gegangen, hatte Kleingeld eingetauscht, sich in eine Telefonkabine gesetzt und so lange telefoniert, bis man sich in der Zentrale der Charité erbarmt und einen Blutspezialisten ans Telefon geholt hatte. Sven hatte ihm den Fall geschildert und – natürlich ohne jedwede Garantie und auf keinen Fall wollte der Herr Doktor beim Namen genannt werden – die Bestätigung bekommen, dass das Medikament, dessen Namen Sven von der Ermakowa bekommen hatte, die Überlebenschancen Christians erheblich verbessern konnte.
Das Klopfen an der Tür hörte sich nicht nach besonders guter Laune an. Nun, da sind wir dann schon zwei, dachte Sven, machte den Wasserkocher an, stellte die Tüte mit Kaffeepulver daneben und eine Edelstahlkanne, die er am Morgen noch aus der Kantine mitgenommen hatte. Dann ging er zur Tür, lockerte mit ein paar schnellen Bewegungen seine Schultergelenke und öffnete.
„Sie hätten auch mein Diensttelefon benutzen können, statt Ihr Kleingeld zu verplempern.“
Müller wirkte wie aus dem Ei gepellt – korrekter, dunkler Anzug, Binder in Dunkelblau und Erich-Honecker-Hut, allerdings aus grauem Filz und nicht aus Stroh. Dass er nicht alleine, sondern mit einem breitschultrigen Begleiter kam, überraschte Sven nicht, er hatte so etwas erwartet.
Er öffnete die Tür ganz. „Guten Morgen. Ich wollte sie nicht so früh aus den Federn holen. Kommen sie doch herein.“
Müller ging an ihm vorbei, sein Begleiter warf einen prüfenden Blick nach rechts und links über den Flur, dann folgte er. Sven ließ die beiden an sich vorbeigehen, schloss die Tür hinter ihnen und fragte: „Kaffee?“
„Ich bin nicht hier, um Kaffee zu trinken, Genosse Oldenburg.“ Müller knöpfte seinen Mantel auf, setzte sich in den Sessel am Fernseher und blickte Sven scharf an. Sein Begleiter blieb neben Sven in einer Haltung stehen, die jeder, der jemals gedient hatte, als perfekte „Rührt-Euch-Stellung“ erkannt hätte: locker in den Gelenken, aber bereit, in jeder Sekunde zu handeln.
„Guten Ausbilder gehabt, hm?“, sagte Sven launig zu ihm. Dann erwiderte er Müller: „Natürlich nicht. Wahrscheinlich aber auch nicht, um mir zu erklären, warum mein Sohn ständig unter Schlafmittel gehalten worden ist. Oder warum er nicht die bestmögliche medizinische Behandlung bekommt, nicht das beste Medikament und ganz sicher auch nicht, warum Sie wahrscheinlich nicht nur mir erzählen, dass das Ganze nur eine Übung und ein schrecklicher Unfall gewesen ist und auf gar keinen Fall ein Gefechtseinsatz, bei dem eine sowjetische Massenvernichtungswaffe aus dem Weltkrieg still und heimlich beseitigt werden sollte. Tatsächlich frage ich mich, wieso Sie nicht einfach das Schlafmittel für ihn höher haben dosieren lassen und er überhaupt noch lebt. Sie schaffen doch sonst immer alle Probleme aus der Welt, bevor sie ihnen auf die Füße fallen. Ich schätze, Christian war eine echte Enttäuschung für Sie, als er da so einfach wieder aufgetaucht ist, statt sich brav unter Wasser abstechen zu lassen. Wirklich keinen Kaffee? Letzte Chance!“
Er hielt die Kanne auf Augenhöhe und Müller fauchte: „Nein!“
„Schade“, sagte Sven und ohne jedes Ausholen, einfach so aus dem Handgelenk, schlug er Müllers Begleiter die Edelstahlkanne mit aller Gewalt gegen die Schläfe.
Müller sprang auf. „Sind sie wahn…“
„Hinsetzen!“ Sven hob die Kanne über den Kopf. „Oder ich zertrümmere ihnen ihren verdammten Schädel!“ Er schwang den Arm nach hinten und Müller ließ sich in den Sessel zurückfallen.
„Besser ist“, brummte Sven. „Wäre schade um den Hut gewesen.“
Er kniete sich hin, klappte den Unterkiefer des bewusstlosen Mannes nach unten und prüfte, dass der frei atmen konnte. Dann drehte er ihn in eine stabile Seitenlage.
„Was machen Sie da?“ Müllers Stimme klang wieder ganz gelassen. Er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle gebracht.
„Dreckige Feldarbeit, will ihn ja nicht umbringen. Kennen Sie nicht. Passiert höchst selten hinter einem Schreibtisch.“
Sven zog dem Bewusstlosen den Gürtel aus der Hose und fesselte sorgfältig dessen Hände. Dann zog er sich einen Stuhl heran, setzte sich Müller auf Armeslänge gegenüber und schwang die Thermoskanne mit zwei Fingern an ihrem Henkel hin und her. „Schätze, wenn Sie eine Waffe unter ihrem schicken Sakko hätten, wäre sie wahrscheinlich schon auf mich gerichtet. Wenn Sie’s verpennt haben und es jetzt versuchen wollen, reicht das hier. Wollen Sie?“
Müller warf einen Blick auf seinen immer noch bewusstlosen Begleiter auf dem Teppich neben Sven. „Die haben Sie gerade außer Gefecht gesetzt.“ Er hob ein wenig die Arme, dann ließ er sie auf die Oberschenkel fallen.
„Schade eigentlich,“ sagte Sven und er meinte es auch genau so. „Aber Christian lässt ihnen schöne Grüße bestellen und dass er sich schon sehr darauf freut, Sie kennenzulernen. Doch wie Sie schon sagten – wir sind nicht hier, um Kaffee zu trinken, also machen Sie ihrem Beruf Ehre und spitzen Sie die Ohren: Alle meine Instinkte sagen mir, dass die Frau heute Nacht in Christians Zimmer nicht Dr. Ermakowa aus Moskau war, sondern jemand anders. Sie wusste genau, was sie sagte und tat und dass sie sagte, ich solle sie Johanna nennen, war kein Versprechen, sondern eine Nachricht, aus welchem Grund auch immer. Sie hat etwas bezweckt damit. In dem Dunstkreis, in den Sie mich gestoßen haben, Müller, gibt es tatsächlich eine Johanna. Es ist die Frau von Hakonsen und sie leitet ein Forschungsprojekt in einem Großlabor am Rand der Antarktis, in das Ängström in den letzten Jahren Millionen gepumpt hat, genau wie in die geologischen Forschungen ihres Mannes, Johannes Hakonsen. Ein genialer Geologe und eine Ärztin, die auf Humangenetik spezialisiert ist … Mich packt das kalte Grausen, wenn ich darüber nachdenke, an was die da in der Kälte wohl arbeiten werden oder wonach die im ewigen Eis suchen. In drei Wochen beginnt die Antarktisexpedition von Hakonsen, ich bin dabei und ich denke, ich sollte mir das alles mal ein wenig näher anschauen.“
„Sie wollen wieder zurück? Das hatte ich nicht erwartet.“ Müller starrte Sven verblüfft an.
„Ich hatte auch einiges nicht erwartet. Zum Beispiel das, was sie mit meinem Sohn gemacht haben. Aber dazu frage ich sie noch mal in ein paar Jahren, wenn ich zurückkomme. Ich mache diesen Job zu Ende. ‚Ende‘ bedeutet, ich komme mit Ergebnissen zurück und Christian lebt noch, weil sie alles getan haben, was dafür notwendig ist. Die dämliche Mordanklage wird fallengelassen und er kann studieren, was immer er will, weil Sie dafür sorgen, dass er den Studienplatz auch bekommt. Stirbt er, bin ich raus aus der Nummer, sie aber nicht, weil ich sie dann besuchen komme.  War das verständlich? Und falls Sie versuchen wollen dem vorzubeugen, sollten Sie mal über Folgendes nachdenken: An mir hängt fast ihr ganzes Spionagenetz Nordeuropa. Mischa Wolf würde ihnen den Kopf abreißen, wenn sie mich wegen einer persönlichen Rache über die Klinge springen lassen würden.“
Mit vor Wut halbzusammengekniffenen Augen schluckte Müller, aber er beherrschte sich. „Sie wollen nicht wissen, warum ich nur so und nicht anders handeln konnte? Warum die beiden Kampfschwimmer auf ihren Sohn losgegangen sind?“
„Wenn sie Absolution wollen, gehen sie in die Kirche. Ich will, dass mein Sohn lebt, alles andere interessiert mich nicht.“
„Sie müssen es aber wissen.“
„Einen Scheiß muss ich.“ Sven schnaubte. „Allerhöchstens aufs Klo gehen und regelmäßig essen, damit ich Kraft genug habe, ihnen diese verdammte Kanne gegen den Kopf zu knallen. Weil Sie aus meinem Sohn einen Killer gemacht haben.“
Müller knöpfte im Sitzen seinen Mantel zu. „Dann verpassen sie aber die Pointe. Kommen sie, ich fahre sie. Im Wagen können wir uns weiter unterhalten.“
„Nein. Geben Sie mir die Schlüssel. Meine Selbstbeherrschung hat Grenzen und wenn ich eine Stunde im Auto neben ihnen sitzen muss, bin ich mir nicht sicher, ob ich Sie nicht doch erwürge.“
„Wie Sie wollen.“ Müller zuckte die Achseln. „Wir denken aber, dass hier sehr schnell gesellschaftliche Veränderungen greifen werden. Hakonsens Expedition dauert ungefähr ein Jahr. Wird es länger, kann es sein, dass die DDR nicht mehr existiert, wenn Sie zurückkommen. Die Sowjetunion bricht gerade zusammen und das gesamte sozialistische Lager wird folgen. Wenn Sie also wiederkommen und es gibt uns hier nicht mehr, dann gehen Sie nach Algier und merken Sie sich den Namen Arjen Wenger. Sie werden ihn bei der französischen Fremdenlegion in Nordafrika finden. Das ist ihr Kontakt für den Notfall. Er wird wissen, wie er mich erreichen kann.“
„So weit plane ich nicht.“
„Deswegen sind sie auch im Feld und ich hinter dem Schreibtisch. Von da habe ich noch vor zwei Stunden eine Anfrage nach Moskau geschickt und bevor ich zu ihnen gefahren bin, kam die Antwort: Dr. Natalja Ermakowa hat Moskau nie verlassen, aber vor einer Woche ihren Pass als verloren gemeldet. Die sowjetischen Genossen haben Sie nach meiner Nachricht qausi aus dem Bett geholt.“
Müller stand auf. „Eines müssen sie noch wissen, auch wenn es ihnen nebensächlich erscheint. Ihr Sohn und seine Genossen wurden Opfer einer Substanz, die vor dreiundvierzig Jahren, 1944, in der Sowjetunion eine ganze Kleinstadt ausgelöscht hat und das die sowjetischen Genossen die Wissenschaftler, die sie entwickelt haben und auch deren Familien, beseitigt haben. Leiter des ganzen Projekts war ein Dr. Larsson, ein norwegischer Emigrant. Seine Ehefrau ist die einzige, die das Massaker überlebt hat. Wie, ist nicht bekannt, sie war plötzlich spurlos verschwunden.“
Müller griff in die Innentasche seines Mantels und Sven hob die Kanne. „Ganz langsam …“
In Zeitlupe kam die Hand von Müller mit einem Foto wieder zum Vorschein. „Leider ist die Qualität nicht besonders. Tut mir leid. Es ist fast ein halbes Jahrhundert alt.“
Es war eine uralte Schwarz-Weiß-Aufnahme mit vergilbten Rändern, Sven sog scharf die Luft ein, als er die Frau mit den dunklen, lockigen Haaren darauf erkannte und Müller sagte mit schmalen Lippen: „Das ist Johanna Larsson, die verschwundene Ehefrau des Projektleiters von X-44. Die Ähnlichkeit mit der Frau, die sich als Ermakowa ausgegeben hat, ist frappierend. Wenn also die Frau, der sie heute Nacht begegnet sind, tatsächlich ein Nachkomme der Frau Larssons ist und jetzt die Johanna Hakonsen, die in Ängströms Labor in der Antarktis arbeitet – was denken Sie wohl, woran sie wohl, woran? Oder warum sie sich so sehr für ihren Sohn interessiert, besser gesagt, für die Wirkung von X-44 auf einen Menschen, der es überlebt hat? Die Fahndung nach ihr läuft seit zwei Stunden, aber sie ist spurlos verschwunden. Genau wie ihre Mutter oder Großmutter vor über vierzig Jahren.“
Er reichte Sven die Wagenschlüssel. „Wahrscheinlich wollen Sie es nicht wissen, aber in einem tun Sie mir Unrecht.“
„Tatsächlich?“
Müller nickte heftig, so als sei es ihm wichtig. „Wir – auch Sie – haben Christian nur in die richtige Richtung gelenkt, eine Basis dem gegeben, was seit seiner Geburt in ihm ist; was ihn als Kind hat um sich schlagen lassen und Angst vor jeder Berührung haben. Wut, Enttäuschung, Rache, eine darauf gerichtete Ausbildung – all das kann Menschen zu Mördern machen. Aber Killer – die werden als solche geboren und sie bleiben es bis ans Ende ihres Lebens. Wie ihr Sohn. Guten Flug und passen Sie auf sich auf.“

 

 

Kapitel 3

 

Jagd nach Liebe ist Hohe Jagd. Wer ihr dient, wird verwandelt. Unaufhaltsam geht sie durch die Zeiten, als wären diese ein dünner Schleier nur, und sie wird niemals zu Ende sein – denn Jagd nach Liebe ist hohe Jagd …

(Gerda Zschocke: Zeitreisen)

 

 

Schwerin, dreißig Jahre später, Johannes-Hakonsen-Krankenhaus, Dienstzimmer von Dr. Winfried Gneidsen, Chefarzt der Psychiatrie

 

Gott hat die Menschen geschaffen, ihn anzubeten. Obrigkeit, Kirche und Krieg, sie immer daran zu erinnern und die Hölle, auf dass die Seelen jener, die den Kopf nicht beugen wollen, in ihrem Feuer ewige Pein erleiden. So macht man es die Leute glauben, und nichts davon ist wahr. Die Hölle ist nicht heiß, sondern kalt; so sehr, dass eine arme Seele, die sich dahin verirrt, nicht abgefackelt, sondern schockgefrostet wird. Dieses Reich der Verdammnis existierte lange, bevor es auf der Erde jemanden gab, der genug Hirn gehabt hätte, an einen Herrn über ihm zu glauben. Es ist die Antarktis und Robert Falcon Scott schrieb über sie in sein Tagebuch: „Großer Gott! dies ist ein schrecklicher Ort.“
Sechs Monate im Jahr ist es hier so finster wie im Herzen eines Kredithais, Stürme wie nirgendwo sonst rasen über ihren kilometerhohen Eispanzer und die Temperaturen fallen in Bereiche, in denen ein Alkoholthermometer einfach nur zerplatzt. Schützt du dich vor der Kälte, schickt sie einen Blizzard; gehst du vor dem Sturm in Deckung, reißt sie das Eis unter deinen Füßen auf; stehst du auf festem Grund, rollt sie häusergroße Felsen heran und hast du das alles überlebt, spielt der Kompass verrückt und du findest den Weg zurück nicht mehr. Ganz so, als würde ein tückischer Verstand hinter all dem stecken. Vielleicht ist es auch so. Die Antarktis ist nicht so leblos, wie sie scheint.
Sie verzeiht keine Fehler und zu glauben, sie besiegt zu haben, ist einer. Scott war auf dem Rückmarsch vom Südpol, hatte schon das Basislager vor Augen, als sie ein letztes Mal zuschlug und einen Schneesturm schickte. Er erfror, nur ganze achtzehn Kilometer von der Rettung entfernt. Keine Nacht lässt sie mich schlafen, ich höre ihren Ruf wie Odysseus den Gesang der Sirenen. Sie lauert auf eine neue Chance, mich umzubringen, und es ist Zeit, sie ihr zu geben. Von Angesicht zu Angesicht.

Ein Kälteschauer rann mir den Rücken herab und ich schlug das Tagebuch von Thore Wejndahl zu. Er hatte die Expedition von Johannes und Johanna Hakonsen geleitet und war nicht mehr zurückgekehrt wie fast alle anderen auch nicht.
Die Antarktis kannte ich nicht, dafür aber die Menschen. Zivilisatorische Weicheier waren sie geworden; hilflos, wenn sie der Natur ohne Technik gegenüberstanden; kommunikations- und gefühlsunfähig ohne ihre Smartphones mit Rechtschreibprüfung und Smileys und panisch, wenn sie bei einer Überlandfahrt einen Atemzug ohne Pollenfilter machen mussten. Wenn solche Leute auf die Urkräfte der Natur trafen, sahen sie überall Heimtücke und einen Verstand, der sich gegen sie wehrte.
Ich fragte mich, ob es auf den anderen Erden auch so war oder ob sich die Menschen da anders entwickelt hatten. Vor ein paar Jahren hatte Rachmantikow die Existenz paralleler Universen bewiesen, seitdem war das Multiversum keine bloße Theorie mehr und alle Welt war auf der Suche nach dem Tor, der Brücke zwischen den Welten. Denkbar, dass auf einer der unendlich vielen Erden die Antarktis ein blühender Garten Eden war und die Menschen gelernt hatten, im Einklang mit der Natur zu leben, statt sie zu zerstören wie bei uns. Oder Schwerin keine Millionenstadt, sondern nur ein Provinznest. Was dann doch ziemlich schwer vorstellbar war, wenigstens für mich. Irgendwie wollte ich das nicht glauben. Meine Heimatstadt war zwar nicht das Zentrum des Universums, aber sie quoll aus allen Nähten und wohin ich auch schaute, überall wuchsen neue Häuser so schnell empor wie Birkenschösslinge zwischen verlassenen Bahngleisen.
Irgendwo fiel leise eine Tür ins Schloss. Es war kurz vor zwei in der Nacht, wahrscheinlich lösten sich die Schwestern gerade ab und ich sollte wohl besser nach Hause gehen, meine Gedanken machten ohnehin Bocksprünge. Ich stand auf, reckte mich und ging durch das Halbdunkel im Saal zum Automaten. Der Becher fiel in die Halterung und leise zischte das kochende Wasser in der Maschine; der Ausgabearm fuhr heraus, ich nahm ihn, stellte mich ans Fenster und blickte über den nachtdunklen Schweriner See.
Diese Welt da draußen kannte ich. In ihr lebten Menschen, die liebten und hassten; manchmal auch zornig wurden oder dumme Dinge taten; die gesund oder krank waren, arm oder reich, jung oder alt. Dass es noch eine andere gab, in der Menschen kalten Herzens das Blut von Ihresgleichen vergossen, hatte ich lange nicht wahrhaben wollen. Bis ich ihnen begegnet war. Sie sahen sich selbst weder als grausam noch brutal und der Unterschied zwischen dem Fällen eines Baumes und dem Töten eines Widersachers bestand für sie nur in der Höhe der Summe, die sie dafür bezahlen mussten und des richtigen Werkzeugs. Eines Werkzeugs wie Svensson.
Er hatte viele Namen getragen – als Christian Oldenburg war er geboren worden, als Arjen Wenger war er einer der meistgesuchten Männer weltweit gewesen und als Svensson hatte er im Alleingang einen ganzen Konzern im Blut von dessen Vorstandsmitgliedern ersäuft. Dann hatte Johannes Hakonsen Borg auf ihn angesetzt und dem war schließlich gelungen, was die ganze Welt vorher nicht geschafft hatte: das Monster zu töten. Das war die offizielle Version und nichts davon mochte stimmen, außer, dass Svensson tot war. Wahrscheinlich war ich der Einzige, der wusste, was für ein Mensch wirklich hinter all diesen Namen steckte.
Ich hinterließ der Nachtschwester noch ein paar Zeilen und machte mich auf den Weg zu meinem Wagen. Wolken zogen vor den Mond, als ich aus der Tür trat, die bioluminiszenten Leuchtstreifen im Gehweg erhöhten sanft ihre Lichtintensität und die schiefe Sommerlinde, unter der ich niemals meinen Wagen parkte, wies mir mit ihrem Duft den Weg. Jemand hatte vor langer Zeit ein Herz und einen Pfeil, der es durchbohrte, in ihre Borke geschnitzt, im Laufe der Jahre war die Rinde vernarbt, das Herz sah aufgequollen aus und an der Stelle, an der es der Pfeil getroffen hatte, war es in zwei Teile zerbrochen. Das hielt den schiefen Baum nicht davon ab, zu blühen, wie er es schon seit vielen einhundert Jahren immer im Sommer getan hatte und seine Pollen machten aus der lauen Mittsommernacht ein Sinnesfeuerwerk. Wie der sanfte Abschiedskuss einer Geliebten – tief atmete ich ihn ein und wieder fragte ich mich, auf welchen krummen Pfaden meine Gedanken heute Nacht unterwegs waren.
„Sie arbeiten zu lange, Doktor.“
Dunkel, fast rauchig und ein wenig belustigt klang die Stimme, abrupt blieb ich stehen und mit einem satten Geräusch klatschte mein Kaffeebecher auf den Boden. Spritzer landeten auf meinen Füßen und eine schlanke Gestalt trat hinter dem Stamm hervor.
Ich sagte das erste Beste, was mir einfiel: „Womit bewiesen wäre, dass mein Gewissen weiblich ist.“
„Sind Sie sicher?“
Nein, das war ich nicht. Nicht bei ihr. Deutlich und akzentuiert hatte sie geredet, mit gekonntem Heben und Senken der Stimme an den richtigen Stellen und einer Vibration in den Untertönen, die in schlaflosen Nächten dafür sorgt, dass man sich wünscht, sie weiterzuhören, weil es eine Stimme war, die die Seele streichelte.
„Hallo Doktor …“
Die Wolken gaben den Mond wieder frei und in seinem Licht sah ich ihr herzförmiges Gesicht mit den großen, grün schimmernden Augen und den langen roten Haaren darüber. Sie war dunkel gekleidet, und ihre Gestalt schien mir kräftiger, als ich sie in Erinnerung hatte.
Sie lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm, kreuzte die Arme vor der Brust und winkelte ein Knie an. „Ich will, dass Sie eine Botschaft ausrichten, Doktor. Borg kann mich haben, wenn er mich vorher fünf Minuten mit Svensson sprechen lässt. Morgen.“
„Svensson ist tot. Er wurde in der Antarktis erschossen.“
„Und der Mond ist aus grünem Käse. Er liegt gelähmt in einer Privatklinik, gar nicht so weit von hier, so gut bewacht, dass nicht einmal ich ungesehen an ihn herankomme. Querschnittsgelähmt von einer Kugel, die ihm Borg in der Antarktis verpasst hat; nur noch den Kopf und den rechten Arm kann er bewegen und jede Sekunde seiner letzten Atemzüge wird überwacht.“
Das war eine Information, die ich nicht erwartet hatte, genau so wenig wie diese Frau noch einmal wiederzusehen. Sie – oder ihre Vorgängerinnen – war allem entkommen, was Borg versucht hatte und wenn er sie jetzt doch noch in die Hände bekam, würde er vor Freude im Dreieck springen. Er hatte den Löwen Svensson in Ketten gelegt, um dessentwillen seine Gefährtin in die Falle gehen würde und ihr uraltes Wissen preiszugeben oder zu sterben waren die beiden einzigen Wege, die Borg ihnen dann noch lassen würde.
Ich heile Menschen oder helfe ihnen dabei, es selbst zu tun, aber ich richte oder urteile nicht über sie, doch was diese Frau von mir verlangte, war hirnverbrannt. Ich durfte es einfach nicht tun.
Sie deutete mein Schweigen richtig, ließ die Arme fallen und stieß sich mit den Schultern vom Stamm ab. „Lassen Sie uns ein Stück gehen.“
„Nein.“
„Aber Doktor …“
„Nein.“
So schnell, dass ich nicht einmal sah, wie sie die zwei Schritte zu mir machte, packte sie mich bei den Aufschlägen meiner Jacke. „Ich könnte Sie schlagen.“
Mit der Zunge fuhr sie sich über ihre Lippen; eine Bewegung, tief aus einem Unterbewusstsein, das auch sie offenbar besaß und ich wusste, was sie bedeutete. Sie würde Lust dabei empfinden, obwohl sie es nicht wollte und nicht deswegen hier war. Aber trotzdem …
Ich erwiderte: „Wahrscheinlich. Und noch einiges mehr. Ich weiß, wozu Sie fähig sind. Aber werden Sie sich danach besser fühlen? Warum lassen Sie ihn nicht in Ruhe sterben? Sie haben ihn in die Hölle geschickt, ohne ihm zu erzählen, dass es einen Ausgang gibt und Sie da auf ihn warten.“
„Ich habe es ihm gesagt.“
„Am Ende einer Liebesnacht vor dreißig Jahren, in einem Nebensatz ohne jeden Bezug oder Zusammenhang. “
„Er hat immer Hoffnung gehabt. Mag sie noch so vage sein, verdrängt, vergraben – aber dieser Funke ist immer da, schließlich ist er ein Mensch. Individuelle Intelligenz entwickelt sich im ganzen Universum gleich.“
„Wissen oder glauben Sie das? Und jetzt lassen Sie mich endlich los!“
Zögernd gab sie mich frei, glättete mit der Hand meine Jackenaufschläge und wiederholte: „Gehen sie ein Stück mit mir. Dann werden Sie verstehen.“
Sie machte ein paar Schritte. Als ich ihr nicht folgte, fragte sie über die Schulter: „Kommen Sie?“
Einen Moment zögerte ich noch, dann warf ich meine Tasche in den Wagen. Ich würde ohnehin nicht schlafen können nach dieser Begegnung und dann konnte ich ihr auch genau so gut zuhören.
Als ich auf gleicher Höhe war, hakte sie sich bei mir ein. „So bin ich auch mit Svensson spazieren gegangen, als er mich hier besuchen kam.“
„Sie waren noch nie Patientin hier. Ich sehe Sie zum ersten Mal.“
Sie lächelte mit schmalen Lippen, als wüsste sie es besser, aber widersprach nicht. „Vielleicht haben Sie Recht. Ich kann ihn nicht zwingen. Niemand hat das je gekonnt. Alle, die es versucht haben, hat er beerdigt. Wenn …“
Dann brach es aus ihr heraus und jeder ihrer Sätze füllte eine weiße Stelle in einem Puzzle, in dem ich, ohne es gewusst zu haben, ein Stein gewesen war; Zeit floss zurück zu seiner Quelle; aus Zukunft machte sie Erinnerung; die Ströme von Blut, die Svensson vergossen hatte, schienen eine andere Richtung zu nehmen und aus Opfern wurden Täter.
Irgendwann stockte sie mitten im Satz und ihre Hand auf meinem Arm verkrampfte sich, dann ging sie wieder weiter und es war der Moment, in dem ich begriff: An der Entscheidung, die Svensson morgen fällen musste, wenn sie wieder auftauchte, wäre sogar ein Gott zerbrochen und sie wusste es ganz genau. Dreißig Jahre lang hatte sie ihm Unmenschliches abverlangt und setzte jetzt trotzdem auf etwas so Menschliches wie Liebe. Die konnte Svensson gar nicht mehr für sie empfinden, nicht nach so langer Zeit. Niemals hätte sie zugegeben, dass sie Angst hatte und meinen Arm gebraucht hatte, um sich daran festzuhalten, selbst um den Preis, dass ich nun alles wusste. Sie tat mir leid, einfach nur leid.
„Vergessen Sie uns nicht, Doktor.“
Sie sah mich noch einen Moment mit unendlicher Traurigkeit an, dann verschwand sie in der Dunkelheit. Ihre Tritte verklangen auf den alten Steinplatten, einer wahrscheinlich auf den Millimeter genau so lang wie der andere, alle perfekt auf einer schnurgeraden Linie, so perfekt wie sie selbst und ich drehte den kleinen Empfänger, den sie mir dagelassen hatte, in der Hand hin und her. Er würde mich zum Zeugen dessen machen, was morgen geschah und ich war mir nicht sicher, ob ich das wollte.
Ich dachte an den jungen Christian Oldenburg, der alles in seinem Kopf gemixt und keine Grenzen zwischen seiner Fantasie und der Wirklichkeit akzeptiert hatte. Der Junge, für den die Welt ein Ort unendlicher Möglichkeiten und Wunder gewesen war, der nach den Mondfischern gesucht und sie auch gefunden hatte. Wenn noch etwas in Svensson von diesem Kind lebte, würde es ihn morgen die richtige Entscheidung fällen lassen. Kinder können das. Ganz sicher.
Ich nahm mir vor, aus den Puzzlesteinen seines Lebens ein Buch zu schreiben. Nicht alle würde ich zusammenbekommen – Tote konnte auch ich nicht mehr befragen – und so würden eine Menge Fragezeichen am Ende der Geschichte bleiben. Es ist mir nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir niemals die Hoffnung aufgeben. Wir können nicht ohne sie leben und so ist denn auch Johanna menschlich, weil sie die Liebe, den Schmerz und die Hoffnung fühlt wie wir.
Langsam ließ ich den Empfänger aus der Hand gleiten. Er fiel mir vor die Füße und ich zertrat ihn.

 

 

Kapitel 4

 

Oslo in den Siebzigern

 

Mehr als zweihundert Jahre lang war der Name Ängström ein Begriff für Schiffe gewesen, die vor keinem Sturm auf den Weltmeeren die Segel streichen mussten. Bis zum Frühjahr 1947, als Magnus Ängström verhaftet, sein Besitz konfisziert und seine Familie aus Oslo vertrieben wurde. Einen Monat später verurteilte man ihn in einem Schnellverfahren wegen seiner Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern während des Weltkrieges zu lebenslanger Haft. Er überlebte nur drei Monate im Gefängnis.
Sein Sohn Bengt schwor Rache. Mit kaltem Herzen, eisernem Willen und einem Maximum an Skrupellosigkeit holte er sich fünfzehn Jahre später zurück, was der Familie genommen worden war. Doch er hatte seine eigene Vorstellung davon, wie viele Generationen Rache dauern sollte. Für ihn liefen noch viel zu viele frei herum, die er schuld am Tod seines Vaters glaubte und die nach seiner Meinung längst unter die Erde gehört hätten. In diesem Geist erzog er auch seinen eigenen Sohn Ruud. So hatte der zwar eine finanziell sorglose und beschützte Kindheit, glücklich hätte sie jedoch nie genannt und sie wurde richtig finster, als seine Mutter an einer nicht rechtzeitig diagnostizierten Blinddarmentzündung starb.
Am Abend von Ruuds fünfzehnten Geburtstag stieß Bengt Ängström die Edelprostituierte Marit Raikkaanen in das Leben seines Sohnes. Er musste artig neben dem Portal des Haupteingangs stehen und den Gästen mit ein paar freundlichen Worten die Hand reichen. Dass er es nicht wollte, weil er wusste, dass ihre Söhne und Töchter spätestens morgen in der Schule wieder über ihn herziehen würden, interessierte seinen Vater nicht.
Als die Schlange der Gratulanten sich lichtete, klopfte Bengt seinem Sohn auf die Schulter, Ruud wurde rot und sofort verpasste Bengt ihm wieder einen Dämpfer: „Also doch noch ein Mädchen. Wird Zeit, dass du erwachsen wirst. Ich will, dass du Biss bekommst; dass du der Mann wirst, der unsere Firma weiterbringt.“
Er hob seine Hand und aus dem letzten Auto vor der Tür stieg eine Frau in einem langen Abendkleid aus roter Seide. Sie war groß und schlank und ihre nackten Schultern schimmerten im Mondlicht wie Elfenbein. Mit kleinen, aber schnellen Schritten, die ihr langes schwarzes Haar im Nachtwind wehen ließ, nahm sie die Freitreppe.
Oben angekommen, nickte sie Bengt nur zu und reichte Ruud ihre schmale, ringlose Hand. „Guten Abend, junger Mann. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“
Er stotterte: „Gu …, guten Abend.“
Der Blick in ihre strahlenden Augen ließ ihn alles um sich herum vergessen. Dass dahinter ein Dämon lauerte, sah er noch nicht.
Sie lachte und zeigte zwei Reihen perfekter, perlweißer Zähne. „Ein junger Mann stottert nicht, wenn er eine schöne Frau sieht und er wird auch nicht rot, wenn sie ihm die Hand gibt. Er sagt etwas Charmantes, egal was er über sie denkt oder von ihr will. Vor allem aber vergisst er nicht, sich zu bedanken. Kann ich meine Hand wieder zurückbekommen?“
Die Röte in seinem Gesicht vertiefte sich noch mehrer ließ ihre Hand los und Bengt sagte: „Das ist Marit Raikkaanen. Sie wird ab jetzt hier wohnen und sich um dich kümmern. In zwei Tagen fliege ich nach Korea, dort wird die größte Werft der Welt gebaut, mit meinem Geld. Ihr werdet dann alleine mit dem Personal sein.“
Er ließ Ruud ein paar Atemzüge Zeit, auf die falschen Gedanken zu kommen, und fügte dann hinzu: „Neben einigen anderen Talenten hat sie auch eine hervorragende Bildung. In der Schule lernst du nichts weiter als Zahlen, aber nicht, wofür du sie brauchst. Marit wird dir beibringen, wie du sie als Waffe verwendest. Wie du die Faust zeigst, lernst du später von mir; sie zeigt dir die andere Seite – wie du Leute einwickelst, ohne dir selbst dabei in die Karten schauen zu lassen, denn in deinem Gesicht kann man lesen wie in einem offenen Buch. Das wird sie abstellen und einiges anderes, was mir nicht gefällt. Wenn Sie mit dir fertig ist, wirst du ein Mann sein, dem niemand mehr etwas wegnehmen kann.“
Marit lachte Ruud an. „Er sagt immer so nette Sachen über andere Leute. Aber das kennst du ja.“
Sie schob ihren Arm unter seinen. „Wir haben viel zu tun, du und ich und wenig Zeit dafür. Wir fangen sofort damit an. Warum stellst du mir deine Gäste nicht vor?“
Es war keine Frage, es war ein Befehl und weder ihr Gesichtsausdruck noch der Druck auf seinem Arm ließen Ruud auch nur den geringsten Zweifel daran.

 

Sie bezog die Suite im obersten Stock des Herrenhauses der Ängströms und verließ in den folgenden Jahren nur einmal alle drei Wochen alleine für zwei Tage das Grundstück, um ihre Tochter Marianna zu besuchen. Das hatte sie sich von Bengt ausbedungen.
Natürlich verliebte Ruud sich in Marit und dass sie doppelt so alt war wie er, machte sie für ihn nur noch begehrenswerter. Sie war stets gleichmäßig freundlich zu ihm; trug nie etwas anderes als Hosen und hochgeschlossene Blusen und erlaubte nicht, dass er sie anders als mit „Sie“ ansprach. Bis zu dem Abend nach drei Monaten, an dem sie mitten in der Analyse der Fehler, die seinen Großvater ins Gefängnis gebracht hatten, sagte: „Du träumst.“
Mit einer Hand fasste sie nach seinem Kinn, drückte es hoch und zwang ihn, ihr in die Augen zu schauen. „Davon, mit mir zu schlafen?“
Er wurde knallrot und wollte beschämt den Kopf senken, doch sie ließ es nicht zu. „Wenn du anderen deine Träume offenbarst, machst du dich verletzbar und mit dem Eingeständnis dessen, was du willst, gibst du demjenigen, der es hat, Macht über dich. Genug für heute. Wir machen Feierabend.“
Sie ließ sein Kinn los. Er sammelte seine Notizen vom Tisch, warf mit halbgesenktem Kopf noch einen Blick auf sie, dann stand er auf und ging zur Tür. Als er seine Hand nach der Klinke ausstreckte, fragte sie: „Wo willst du hin?“
„Ich dachte …“
„Nein. Du denkst nicht. Du fühlst nur. So weit bist du noch nicht, dass du in einer solchen Situation vernünftig denken kannst oder dich gar nicht erst in eine solche bringst.“
Ein Feuerzeug blitzte in ihrer Hand auf. Sie zündete sich eine Zigarette an, blickte einen Moment auf die Glut an der Spitze, dann fragte sie: „Wie härtet man Stahl, junger Mann?“
Eine Falte erschien auf seiner Stirn. Es dauerte einen Moment, bis er antwortete. „Ich denke, man muss ihn heiß machen und dann wieder schnell abkühlen.“
„Du denkst schon wieder. Schließ die Tür ab und komm her.“
Ganz leise drückte er die Tür zu, drehte den Schlüssel von innen um und blieb dann vor dem Schreibtisch, hinter dem sie saß, stehen. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass er einen Schutzwall brauchte.
„Hierher, direkt vor mich.“ Sie spreizte im Sitzen ihre Beine. „Dazwischen und öffne deine Hose.“
Heftig sog sie an der Zigarette, als er mit zitternden Händen versuchte, die Knöpfe in seinem Hosenschlitz zu finden. Schließlich half sie ihm, weil es ihr zu lange dauerte. Ungeschickt versuchte er, ihr einen Kuss zu geben. Sie drehte den Kopf zur Seite und seine Lippen trafen nur ihre Wange. Wieder senkte er beschämt den Kopf.
„Übertreib nicht“, sagte sie und in ihren Augen war nichts anderes als die gleiche eisblaue Professionalität der letzten Monate. „Oder glaubst du wirklich, dass du der erste Ängström zwischen meinen Beinen bist?“
Er hob den Kopf wieder und schaute in ihr Engelsgesicht. Vielleicht wartete er darauf, dass sie sagte, dass es ein Scherz gewesen sei; oder auf die Berührung ihrer Hand statt an seinem Glied an seiner Wange; auf irgendetwas, dass die Wucht des Schlages milderte. Er wartete vergeblich. Sie stand auf, stieß ihn zu Boden, setzte sich auf ihn und nahm ihn auf dem Teppich vor ihrem Schreibtisch und, nachdem er wieder zu Atem gekommen war, noch einmal in ihrem Bett.
Dann zündete sie sich, noch im Liegen, wieder eine Zigarette an, nahm ein paar Züge, stand auf und ging ins Bad. Als sie nackt zurückkehrte, lag er noch immer in ihrem Bett.
Sie zog die Augenbrauen hoch. „Ich bin es gewohnt, alleine zu schlafen.“
Ruud presste die Zähne aufeinander, raffte seine auf dem Boden verstreuten Sachen zusammen und rannte hinaus. Marit klopfte die Kissen zurecht, schloss die Augen und war kurz darauf eingeschlafen.
Bengt Ängström hatte ihr Absolution für jedes Verbrechen erteilt, dass sie an seinem Sohn begehen würde, wenn sie aus ihm nur den Mann machte, den er brauchte. Selbst wenn es nicht so gewesen wäre – sie hatte Lust auf sein junges Fleisch gehabt und sie wusste, dass Richter und Staatsanwälte nur Zutritt zum Herrenhaus der Ängströms hatten, wenn Bengt sie zum Essen oder zu einer Party einlud. Dann hatten sie allerdings die Gesetzestafeln draußen zu lassen, am besten vor der Tür, gleich neben dem Fußabtreter. Dass hier ein Kind missbraucht worden war, würde keinen von ihnen interessieren, solange es nicht der eigenen Karriere diente und sich mit Bengt Ängström anzulegen, bewirkte in der Regel das genaue Gegenteil. Deshalb hatte es damals auch niemanden interessiert, als er das Gleiche mit ihr getan hatte.

 

Zweieinhalb Jahre härtete Marit so den Stahl in Ruud. Am Morgen seines achtzehnten Geburtstages verbarg er in ihrem Bett seine Gefühle hinter einem professionellen Lächeln und einem noch nicht ganz vollständigen Henri-Quattre-Bart.
Nackt, die langen schwarzen Haare zu einem Dutt aufgesteckt, jeder Zoll eine ungekrönte Königin, schritt sie aus dem Badezimmer, griff nach einem Strumpf und ließ ihn nachdenklich durch die Hände gleiten. „Du siehst zufrieden aus. Kein bisschen Abschiedsschmerz?“
Sie zog das Nylon über das linke Bein, klickte den Halter ein und sein Blick glitt langsam über ihren Körper, blieb an ihrem blaugeschlagenen linken Auge kleben und das Lächeln auf seinem Gesicht wankte dabei keinen Millimeter. Er hatte sie verprügelt, als er sein Glied in ihren Körper gerammt hatte und beides hatte ihm so viel Spaß gemacht, dass er es gleich noch einmal wiederholt hatte.
„Den hast du ausgebrannt. Ich erinnere mich nicht einmal mehr daran, dass ich dich geliebt habe. Aber dein Körper hat mir Spaß gemacht. Genau das wolltest du doch, oder?“
„Dein Vater.“
Sie zog den zweiten Strumpf an, streckte das Bein und prüfte penibel den Sitz des Nylons. „Für jedes Jahr, das ich mit dir ausgehalten habe, habe ich fünfhunderttausend Kronen kassiert. Die meisten meiner Kunden waren weniger spendabel. Dafür hatte ich mit ihnen auch weniger Spaß. Wenigstens bis heute Nacht.“
Er lachte. „Jeder Taler hat immer zwei Seiten. Hast du mir beigebracht. Aber bis dein Schiff in New York anlegt, bist du wieder die strahlende Schönheit und kannst dir den Nächsten zum Ausnehmen suchen.“
Sie streifte Kleid und Mantel über. „Dann ist ja alles gesagt.“
Elastisch sprang er aus dem Bett und öffnete ihr, ganz nackter Gentleman, zuvorkommend die Tür. „Bon voyage, meine nicht mehr Liebe.“
Ohne ihn eines Blicks zu würdigen, schritt sie an ihm vorbei.

 

Ein paar Minuten später sahen Vater und Sohn vom Portal der Eingangshalle zu, wie sie in den Wagen stieg, der sie zu ihrem Schiff bringen sollte. Der Fahrer wartete, bis sie im Auto Platz genommen hatte, dann schloss er die Tür hinter ihr und warf einen kurzen Blick zu den beiden Männern.
Ruud fragte: „Warum fährt sie nicht Albert?“
Bengt erwiderte: „Hat sich heute Morgen krank gemeldet.“
Fast unmerklich nickte er dem Mann zu und erst jetzt stieg der Fahrer ein. Das Auto fuhr an, umkurvte das Rondell mit dem Springbrunnen vor dem Haus und bog in die öffentliche Straße ein. Als es unter dem Blätterdach der Bäume verschwand, fragte Bengt: „Hast du ein Problem damit?“
„Natürlich nicht.“ Ruud setzte eine Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern auf. „Was wird jetzt eigentlich aus ihrer Tochter? Sie müsste bald fünf sein glaube ich und wenn sie nach ihrer schönen Mutter kommt … Das arme Mädchen, so ganz allein in einer bösen Männerwelt … oder war es eine Welt mit bösen Männern?“
Er bedachte seinen Vater mit dem gleichen kalten Lächeln, das er auch Marit gezeigt hatte und spazierte, schrecklich falsch irgendeine Melodie pfeifend, ins Haus zurück und machte sich mit bestem Appetit über das Frühstück her.

 

In den folgenden Jahren gab Bengt alles, was er sich über Wirtschaft, Geld und Macht beigebracht hatte, an Ruud weiter: Dass es für jede Aufgabe das richtige Werkzeug gab; dass Prostitution nur wenig mit Sex zu tun hatte, die teuersten Huren nicht am Straßenrand standen, sondern in Redaktionsstuben von Zeitungen und in Regierungssälen herumlungerten und Männer waren; wie man sie bei den Eiern packte und wie man verhinderte, dass einem das gleiche geschah. Er packte alles vor seinem Sohn aus, jedes schmutzige Geheimnis und jeden miesen Trick. Nur über ein Thema wurde niemals mehr im Hause Ängström gesprochen: Marit Raikkaanen.
Viel Zeit blieb dem alten Ängström dazu nicht mehr. Ein paar Jahre später wollte er sich während einer Party seines Sohnes ein paar Minuten im Park erholen. Niemand hörte den Schuss, der ihn aus nächster Nähe ins Herz traf. Es wurde der erste große Fall von Ryland Mikkelsen und Olaf Wielander, zwei Beamten der Osloer Kriminalpolizei. Schnell wurde der Alleinerbe Ruud Ängström ihr Hauptverdächtiger. Doch der konnte mehr als zwanzig Zeugen aufbieten, die ihn zur Tatzeit betrunken in den Armen einer Wasserstoffblondine gesehen haben wollten und so intensiv die beiden Kriminalisten auch jeden befragten, keiner fiel um oder verwickelte sich in Widersprüche. Die Tatwaffe wurde nie gefunden, andere Spuren gab es nicht, aber viel Druck von oben, den Fall so oder so abzuschließen und so legten Mikkelsen und Wielander den Mord nach einem halben Jahr ungeklärt zu den Akten.
Ruud erbte von seinem Vater nicht nur die Hochseeflotte und die Werften, sondern auch dessen politische Beziehungen und diejenigen, die nach dem Tod des alten Bengt auch seinem übermächtigen Druck entkommen zu sein glaubten, belehrte er schnell eines Besseren. Er war im Big Business angekommen.

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