Kategorie5


     Niemand bemerkte sie, als sie mitten in der Nacht aufbrachen. Die Anstrengung und die Kälte saugten allen das Mark aus den Knochen und wer endlich in seinem Schlafsack lag, der wachte bis zum nächsten Morgen nicht mehr auf. Bis zu dem kleinen Plateau in viertausend Meter Höhe, auf dem Johannes die Bohrlöcher anlegen lassen hatte, brauchten sie sechs Stunden. Es wand sich ziemlich genau fünfhundert Meter unterhalb des Gipfels entlang und bot einen phantastischen Ausblick über diesen Teil des Transantarktischen Gebirges.
     „Schau mal. Wolken.“ Joanna zeigte zum Himmel.
     Johannes blickte kurz nach oben und zuckte die Schulter. „Das passt zusammen. Ich glaube, wir haben nur ungefähr zwanzig Grad minus. Ziemlich ungewöhnlich für hier oben. Wahrscheinlich sind es die ersten echten Wolken seit tausend Jahren hier.“
     Joanna öffnete ihren Parker, ließ ihn von den Schultern gleiten und zog auch einen ihrer vier Pullover aus. „Warum ist es so warm? Ist das nicht seltsam?“
     Johannes zuckte die Schulter. „Keine Ahnung. Ich bin Geologe, nicht Meteorologe. Ist mir nur recht. Die Zünder der Sprengsätze lassen sich ziemlich schlecht mit gefrorenen Fingern einstellen.“
     Er zog den dicken Handschuh von seiner rechten Hand und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Lass uns zum letzten Bohrloch gehen und dann werden wir dem Berg fünfhundert Meter seiner Haut abziehen.“
     Er lachte und war sich sicher, dass er hier finden würde, wonach er sich am meisten sehnte: Reichtum und Macht. So achtete er nicht darauf, dass alle Wolken sich auf den Gipfel des Mount Kirkpatrick zubewegten, als hätte sie jemand gerufen und das es immer mehr wurden. Hakonsen hatte sich noch nie darum gekümmert, was um ihn geschah, es sei denn, er hätte es zu seinem Vorteil nutzen können. Doch wen interessierte, was am Himmel geschah? Der Geologe war hochintelligent und clever, eine Kombination, die nur selten zu finden ist und so war er in seinem Leben nie auf einen Gegner gestoßen, der es mit ihm hätte aufnehmen können. Dass ein Berg, der scheinbar aus nichts weiter als totem Stein bestand, ein solcher sein könnte, kam ihm nicht in den Sinn.
     Zehn Minuten später erreichten sie das zweite Bohrloch. Loses Geröll war hineingefallen und sie arbeiteten konzentriert mit nach unten gebeugten Gesichtern, um den Kanal wieder freizulegen. Dass sie damit überhaupt Erfolg hatten, verdankten sie nur der Tatsache, dass Steine hier nicht festfrieren konnten, weil die Luft am Berg frei von jedem Wassermolekül war. Zumindest war es die letzten eintausend Jahre so gewesen, dieser Teil des Transantarktischen Gebirges war trockener als jede Wüste der Erde.
     Ein Lichtblitz riss sie aus ihrer Konzentration. Joanna schaute nach oben und schrie auf: „Da!“
     Hakonsen folgte mit seinem Blick ihrem ausgestreckten Arm. Kein Lüftchen wehte auf dem Plateau, auf dem sie arbeiteten und es war totenstill. Aber über ihnen öffnete die Hölle ihre Pforten. Aus allen Richtungen rasten Wolken heran, Blitze zuckten zwischen ihnen hin und her, ohne dass auch nur ein Donnerschlag zu hören war und obwohl die Sonne noch über dem Horizont stand, wurde es finster. Minuten, bevor es Mirko und Vadal aus den Seilen gerissen hatte, war das Gleiche passiert, doch da waren es weniger Wolken gewesen, viel weniger. Der katabatische Sturm, der sich da oben zusammenbraute, würde sie vom Mount Kirkpatrick schütteln wie ein Hund seine Flöhe. Sie würden hier sterben und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Hakonsen wurde aschfahl im Gesicht.