Kategorie5


     Ein machtvolles Orgeln hob an, ließ den Berg erbeben und riss Gesteinsbrocken von dem Platz los, an dem sie Jahrtausende gelegen hatten. Gehetzt schaute Johanna sich um. Nirgendwo fand sie einen Spalt, der groß genug für sie beide war und auf dem Plateau selbst gab es keine Deckung.
     Sie schrie ihren Bruder an: „Seile, Haken!“
     Hakonsen rührte sich nicht.
     Mit aller Kraft schlug sie ihm ihre kleine Faust ins Gesicht und schrie wieder: „Seile und Haken, du Idiot!“, bückte sich, riss die Sprengladung aus dem Loch und verkeilte darin stattdessen, so gut es ging, die Felsenhaken, die er ihr, durch ihren Fausthieb aus seiner Erstarrung gerissen, zusammenklaubte und ihr mit zitternden Händen reichte. Schnell, aber voll konzentriert seilte sie sich und ihn an. Ganz anders als Hakonsen, der alleine nicht einen Knoten zusammenbekam.
     Da fegte die erste Windbö heran, traf sie wie eine Wand aus Beton und riss sie von den Füßen. Nur noch an den Seilen hängend, streckte Joanna den Arm nach dem letzten Karabinerhaken aus, erwischte ihn und klinkte ihn ein. Sie machte sich klein, um dem Sturm so wenig wie möglich Angriffsfläche zu bieten und schrie ihrem Bruder durch das Orgeln und Heulen zu: „Wenn nicht mehr kommt, schaffen wir das. Halt dich an mir fest!“
     Doch es kam mehr. Nicht einmal zweihundert Kilometer pro Stunde schnell, war die Erste nicht mehr als ein Bote gewesen und sie war direkt von oben gekommen. Die Zweite nahm einen anderen Weg. Sie jagte durch die Schlünde im Berg; die Felsspalten nahmen ihr den Raum, pressten sie zusammen und so setzte sie ihre gigantische Kraft in Geschwindigkeit um. Sie überholte ihren eigenen Schall und die Geschwister hörten sie nicht einmal mehr kommen. Wie eine Dampframme traf sie ihre Körper, erstickte mit einem wütenden Aufbrüllen ihre Schreie, zerfetzte ihre Seile, und schleuderte sie in den Abgrund.
     Noch lange nicht satt, raste sie die Hänge des Berges hinab; machte das Lager dem Erdboden gleich und tötete jeden, egal, wo er sich auch verkrochen hatte, und als letzten Thore Wejndahl. Nach ihr schickte der Berg den Schnee, den Ersten seit vielen einhundert Jahren hier, und er beseitigte jede Spur der Eindringlinge.
     Zwei Tagen später war auch das vorbei. Eine mehr als drei Meter hohe, weiße Decke hatte jede Spur der Menschen getilgt und war der Weg vom Ross-Shelf zum Mount Kirkpatrick bis dahin nur gefährlich und schwierig, so war er jetzt tödlich. Wenn ihn überhaupt noch jemand fand.