keine_woelfe

Es gibt keine Wölfe in Schwerin
   
Der Schrei zerfetzte die Nacht über dem Brandenburger Land. Nager klammerten sich in ihren Höhlen voller Angst an ihre Gefährten, Rehe fuhren aus dem Schlaf und selbst den Wölfen sträubten sich die Nackenhaare. Sie wussten, wer diese in einen einzigen Laut gepackte Mischung aus Hass, Wut und schierer Verzweiflung ausgestoßen hatte. Samira hatte zu ihnen gehört, bevor sie das Rudel verlassen und mit dem Einzelgänger Dahak eine neue Familie gegründet hatte.
   Das Rudel hob die Schnauzen zum Mond und heulte seine Antwort hinaus in die Nacht. Es sandte der alten Wölfin sein Mitleid, sagte ihr, dass es die Trauer mit ihr teilte.
   Viele Kilometer entfernt ringelte sich eine Straße aus einem Wald und hier kauerte Samira auf dem Asphalt. Bis vor ein paar Stunden war sie noch eine stolze Mutter mit zwei fröhlich bellenden Welpen und einem starken Gefährten an ihrer Seite gewesen. Die Schnauze mit der langen Narbe zwischen den Augen nach oben gereckt, heulte sie ihren Schmerz ins Dunkel und wie zähe Tropfen rannen die Laute aus ihrer Kehle, ohne Rhythmus und ohne jeden Sinn. Wäre sie ein Mensch gewesen, so wäre das Leid in einem salzigen Sturzbach aus ihr herausgeströmt. Aber sie war kein Mensch, sie war ein Wolf und Wölfe weinen nicht.
   Zwei Dolche aus weißgelbem Licht stachen nach ihren Augen, Samira flüchtete in die Deckung der Bäume und fletschte in ohnmächtiger Wut die Zähne. Kaum war der Wagen vorbei, trottete sie wieder zu ihrem Platz auf der Straße. Wie oft sie das in den vergangenen Stunden getan hatte, wusste sie nicht. Etwas in ihr befahl ihr, hier auszuharren und so setzte sie sich auf die Hinterpfoten wieder neben den feuchten Fleck auf dem Asphalt und blickte auf das Land vor ihr, ohne es wirklich zu sehen. Nur dieser Fleck war von ihren Kindern und ihrem Gefährten geblieben, das süße Weh spitzer Zähnchen an ihren vollen Zitzen war Vergangenheit, genauso wie das Wohlbefinden, mit dem sie sich um die beiden Fellknäuel gerollt und sie vor der beißenden Nachtkälte geschützt hatte. Was hätte sie darum geben, es noch einmal erleben zu dürfen, aber ihr Instinkt sagte ihr, dass sie niemals wieder Kinder aufziehen würde.
   Der Himmel graute im Osten und Samira schrie ein letztes Mal den Schmerz um ihre Kinder und ihren Hass auf die Menschen, die ihr das angetan hatten, in die Dämmerung hinaus. Auf die Antwort des Rudels, das sie um Dahaks willen verlassen hatte, hörte sie nicht mehr. Sie wendete sich nach Westen und der Wolfstrott, in den sie für ihre letzte Wanderung fiel, brachte sie fort von diesem Ort, an dem sie glücklich gewesen war.