keine_woelfe

   So schritt er stumm vor Markus her und schaute sich nur ab und zu um, ob der ihm auch folgte. Dass er mit seinen großen Stiefeln den tiefen Schnee weiter zur Seite schob, als er musste, sodass Markus es leichter hatte, ihm zu folgen, bemerkte er nicht. Dabei konzentrierte er sich mehr auf den Weg vor ihm als auf Markus, denn er musste den Spuren nachgehen, die das Kind und der Hund hinterlassen hatten.
   Er dachte dabei an das Telefongespräch mit Maria. Zwar hatte er Markus gefunden und zum Glück unverletzt, aber deswegen war ihm noch lange nicht klar, was wirklich passiert war. Markus zu fragen, würde wenig Sinn machen. Der Junge mochte ihn nicht und wahrscheinlich würde er gar nicht oder nur ausweichend antworten, wenn er ihn nach der Geschichte mit Laika und Dieter fragte und so verzichtete Lothar Seidel darauf.
   Ein Geräusch hinter ihm riss ihn aus seinen Gedanken und er drehte sich um. Markus war in den Schnee gesunken. Mit zwei Schritten war er bei ihm und setzte ihn mit dem Rücken gegen einen Baum. Er überzeugte sich, dass Markus nur müde war und ihm nichts weiter fehlte, dann brummte er „Warte hier!“
   Er schaltete seine Taschenlampe ein und folgte den Spuren von Markus und Laika im Schnee. Nach wenigen Minuten fand er den Platz, an dem Markus und Laika mit Dieter und seinen Spießgesellen gekämpft hatten. Aufmerksam sah er sich jeden Eindruck im Schnee an und neben der Stelle, an der Markus niedergestoßen worden war, kniete er sich sogar hin.
   Als er sich wieder aufrichtete, stand die gleiche Nachdenklichkeit in seinem Gesicht wie nach dem Telefongespräch mit Maria. Dieter hatte gelogen, er war Markus sehr wohl begegnet, und wie es aussah, hatte Laika eingegriffen, Markus verteidigt und dabei Dieter gebissen. Das war gar nicht gut.
   Mit schnellen Schritten eilte er zurück und fand Markus schlafend am Baumstamm zusammengesunken. Er zog ihn aus dem Schnee und trug ihn auf seinen Armen nach Hause.
   Es war fast elf Uhr in der Nacht, als er in seinen alten Lada Niwa stieg und mit dem Zündschlüssel den Motor aus dem Tiefschlaf weckte. Auf dem Weg zurück zum Forsthaus in Hasenhäge gingen ihm viele Gedanken durch den Kopf. Markus hatte seiner in Tränen aufgelösten Mutter alles erzählt und es deckte sich im Wesentlichen mit dem, was Lothar Seidel aus den Spuren im Schnee gelesen hatte. Er hatte auch noch gehört, wie Markus im Schlaf nach Laika gerufen hatte, und voller Frust schlug er auf das Lenkrad.
   Laika hatte einen Menschen angefallen und niemand würde bei einer alten herumstreunenden Hündin wie ihr genauer nach dem „Warum“ fragen. Dieters Lüge würde nie ans Tageslicht kommen.
   Er, Lothar Seidel, würde Laika jagen und erschießen müssen. Daran hing seine Arbeit und sie war sein Leben. Er hatte nichts anderes mehr. Markus würde ein paar Tage heulen, aber irgendwann würde er es vergessen haben. Die Welt, in der Markus leben musste, war eine Erwachsenenwelt, in der Kinder jeden Tag weinten. Wen störten da ein paar Tränen mehr oder weniger. Wen störte da, dass wieder ein Traum in dieser Welt starb. Oder das ein Junge, dessen Mutter nur Aushilfsputze war, ungerecht behandelt wurde? Gehört wurde immer nur die Stimme, die zählt.