keine_woelfe

   Maria machte Frühstück für Markus und kochte sich dabei einen Kaffee, türkisch und stark. Es war ihr dritter in den letzten Stunden und wie auch die beiden zuvor, half er ihr nicht, eine Lösung für ihre Probleme zu finden. Es war kurz nach acht und sie musste eine Entscheidung treffen. Markus hatte die ganze Nacht tief und fest geschlafen, sie hatte mehrmals nach ihm gesehen und außer leichtem Fieber zeigte er keine Zeichen einer ernsthaften Erkältung. Aber sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, was er tun würde, wenn sie am Nachmittag zur Arbeit ging und ihn allein ließ. Sie griff zum Telefon und rief in seiner Schule an.
   „Nils-Holgerson-Grundschule, Frau Sawetzki. Was kann ich für Sie tun?“ meldete sich eine fröhliche Stimme.
   „Maria Müller. Frau Sawetzki, Markus hat ein wenig Fieber und ich würde ihn gern heute zu Hause behalten.“
   „Natürlich. Markus war in der dritten Klasse, nicht war? … Hallo, Frau Müller?“
   Sie zuckte zusammen, sie war mit ihren Gedanken schon bei dem Anruf gewesen, den sie danach noch machen musste. „Ja, natürlich. Danke.“
   „Ist bei ihnen alles in Ordnung?“
   „Ja sicher, ich bin nur ein wenig müde. Auf Wiederhören.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, legte sie auf. Sie zögerte, dann wählte sie erneut und es war die Nummer eines Mobiltelefons, die sie jetzt anrief.
   „Wiesenhoff!“ Die Stimme war kalt und hart.
   Sie holte tief Luft. Nicht nur die Stimme, der ganze Mann machte ihr Angst. „Herr Wiesenhoff, ich kann heute Abend leider nicht kommen. Mein Markus ist krank.“
   Scharf antwortete er: „Wie bitte?!“
   „Es geht wirklich nicht. Wenn …“
   „Was bildest du dir eigentlich ein? Ich gebe dir die Möglichkeit, Kohle am Sozialamt vorbei zu verdienen und dann lässt du mich hängen? Was soll mein Kunde denken, wenn ich ihm schon wieder eine Neue schicke, um seinen Mist sauber zu machen?“
   „Herr Wiesenhoff, ich …“
   „Nichts Herr Wiesenhoff! Entweder du bewegst deinen faulen Hintern heute Abend zum Putzen oder du musst ihn überhaupt nicht mehr bewegen. Ich habe euch arbeitsscheues Pack so satt!“
   Sie wurde blass. Es war nicht der Ton gewesen, der ihr Angst gemacht hatte. Sie kannte ihn längst, der Chef ging mit allen seinen Hilfskräften so um und sie hatte es sich gefallen lassen, denn er zahlte immer bar auf die Hand. Nicht viel, aber jeder Cent zählte für sie. Es war zwei Tage vor Weihnachten und sie hatte noch kein Geschenk für Markus. Das Geld von heute und morgen hätte sie dringend gebraucht, ganz im Gegensatz zu den Kopfschmerzen, die sie seit ein paar Stunden quälten und jetzt richtig schlimm wurden. Sie griff nach dem Tablett und brachte Markus sein Frühstück ins Schlafzimmer.