keine_woelfe

   Während er aß, lief sie zum Kiosk, um Brot und Margarine einzukaufen. Sie kam gerade noch rechtzeitig zurück. Markus zog im Flur seine Winterstiefel an. „Wo willst du denn hin?“, fuhr sie ihn an.
   „Mama, ich muss nach Laika sehen!“
   „Nichts da. Ich habe gesagt, du bleibst im Bett, da gehörst du hin und basta!“
   „Mama, aber wenn Laika etwas passiert ist gestern?“
   Ihm standen Tränen in den Augen, aber wenn hier jemand ein Recht auf Weinen hatte, dann war sie es. Erst der Rauswurf bei der Arbeit und jetzt musste sie sich auch noch mit dem Bengel herumärgern. Für wen tat sie das eigentlich alles? „Nein! Du bleibst hier, habe ich gesagt!“
   Markus stampfte mit dem Fuß auf. „Mama …“
   Zorn kochte in ihr hoch, und ehe sie sich beherrschen konnte, traf ihre Hand Markus im Gesicht. Sie hatte nicht hart zugeschlagen, und es konnte ihm auch nicht wehgetan haben, doch sein Gesicht wurde zu Stein. Er rannte ins Schlafzimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
   Entsetzen packte sie. Noch nie hatte sie ihn geschlagen. Sie wankte in die Wohnstube und ließ sich auf die Couch fallen. Alles in ihr war wie Eis, sie sah nur noch Wände um sich, die immer näher rückten und sie begann zu weinen.
   Stunden später riss das Klingeln des Telefons sie aus ihrer Lethargie. Lothar Seidel wollte wissen, wie es Markus ging. Sie erzählte dem Förster, dass sie Markus wegen seinem Fieber heute nicht in die Schule geschickt hatte. Noch immer waren die Tränen in ihrer Stimme und vielleicht darum stellte Lothar Seidel die gleiche Frage, die ihr auch die Schulsekretärin gestellt hatte. „Frau Müller? Ist sonst bei Ihnen alles in Ordnung?“
   War es der Ton, in dem er die Frage gestellt hatte oder einfach nur der Wunsch, sich alles von der Seele reden zu können – auf einmal sprudelte sie alles heraus, was ihr auf dem Herzen lag. Es dunkelte bereits wieder, als sie sich von ihm, irgendwie erleichtert, verabschiedete. Dann ging sie zu Markus ins Schlafzimmer.
   Er war wach. „Mama, es tut mir leid. Ich war böse.“
   „Ist schon gut Markus. Ich verstehe dich.“ Mit gebeugtem Rücken setzte sie sich auf die Bettkante. Zu klein ist er für sein Alter, dachte sie und schaute in sein schmales Gesicht.
   Seine blauen Augen trafen ihre – und dann streckte er die Arme nach ihr aus. „Mama, ich hab‘ dich lieb!“, flüsterte er.
   Wieder war Maria den Tränen nah, und bevor sie fließen konnten, sprach sie weiter: „Markus, wegen Laika brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Sie war bestimmt genauso müde wie du und hat sicher den ganzen Tag in einer warmen Schneehöhle geschlafen.“
   „Bist du sicher?“
   Sie nickte und hoffte, dass er nicht weiter fragte.
   „Kann ich morgen wieder mit ihr spielen?“
   „Wenn du wieder gesund bist. Und damit du das wirst, musst du jetzt brav deine Medizin nehmen und schlafen.“ Noch nie hatte sie ihren Sohn belogen, aber es gab immer ein erstes Mal. Sie hatte Markus auch noch nie zuvor geschlagen.