keine_woelfe

   Am nächsten Morgen, es war der dreiundzwanzigste Dezember, bummelte Markus zum Bus. Laika war nicht an der Tür gewesen und ihre liebevolle Begrüßung fehlte ihm. Ein großes, schwarzes Auto fuhr an ihm vorbei, Dieter streckte seinen Kopf aus dem Fenster, zeigte Markus seinen dick verbundenen Arm und brüllte mit einem schadenfrohen Grinsen: „Das Vieh hat geblutet wie ein Schwein und bestimmt noch eine halbe Stunde gejault, als der Förster es abgeknallt hat!“
   Der Bus fuhr ab und Markus stand immer noch an der Straße. Etwas brannte in seinen Augen, aber er weinte nicht. Achtlos ließ er den Ranzen von seiner Schulter gleiten, rannte in den Wald und lief und lief und lief.
   Er stolperte über Wurzeln, verhaspelte sich im Gestrüpp und fiel immer wieder in den Schnee, doch nichts davon spürte er. Nichts hatte er im Kopf außer dem Bild seiner Laika, wie die Kugel des bösen alten Mannes sie getroffen hatte und wie sie sich wimmernd im Schnee gewälzt hatte, bis er blutrot gewesen war. Und er sah das Gesicht seiner Mutter, die ihn geschlagen und angelogen hatte.
   Obwohl ihn die Kräfte verließen, lief er weiter und mit dem Instinkt eines wilden Tieres stolperte er einem Ort entgegen, den nur er kannte. Dort, wo das Ausbildungsgelände im Osten an den Sprengplatz und im Süden an den Wald nach Hasenhäge grenzte, verbargen sich alte Bunker. Hier würde ihn niemand finden.
   Der Wind mauserte sich zum Sturm und peitschte ihm nassen Schnee ins Gesicht, aber auch davon ließ sich er nicht aufhalten. Er hatte es nicht mehr weit und verbissen kämpfte er sich voran, bis er fast in den ersten Unterstand fiel.
   Nichts schien sich verändert zu haben seit seinem letzten Besuch. Die Birkenäste, die er im Sommer hereingeschleppt hatte, lagen unberührt auf dem Boden und der Sand daneben hatte noch den Abdruck von Laikas Körper bewahrt.
   Bei den Gedanken an sie und daran, wie der Förster sie erschossen hatte, flossen die Tränen, die er zuvor nicht hatte weinen können. Mit einer wilden Kopfbewegung schüttelte er sie fort, ließ sich auf das Lager fallen, rollte sich zu einer Kugel zusammen und schloss die Augen.
   Draußen erreichte der Sturm Orkanstärke. An einer Stelle riss er den Schnee fort, nur, um ihn woanders wieder zu großen Hügeln aufzutürmen. Weiß bedeckte den Boden wie ein riesiges Leichentuch und den Eingang des Bunkers, in dem Markus Zuflucht gesucht hatte, versperrte eine riesige Schneewehe. Nichts verriet mehr, dass sich hier ein kleiner Junge vor den Menschen versteckte.