keine_woelfe

   Als Markus wieder erwachte, wusste er nicht, wie lange er geschlafen hatte. Im Bunker herrschte eine Finsternis, wie er sie noch nie erlebt hatte. Zuhause malte immer eine Straßenlaterne vor seinem Schlafzimmerfenster Kringel aus Licht auf seine Bettdecke, aber hier war es so dunkel, dass er seine Hand nicht vor den Augen sah. Die Birkenäste, auf denen er lag, piekten ihn in den Rücken und ihm war fürchterlich kalt.
   Müde quälte er sich auf die Knie und schlang die Arme um sich. Er hatte nicht darüber nachgedacht, was er weiter tun wollte. Laika war tot, der Förster hatte sie erschossen und er hatte niemanden mehr sehen wollen, niemals mehr. Deshalb war er weggelaufen. Aber irgendwie war das falsch und vielleicht sollte er doch wieder nach Hause gehen. Seine Mutter machte sich bestimmt Sorgen und suchte nach ihm. Ob sie seinetwegen weinte? Aber sie hatte ihn geschlagen und angelogen. Er stand auf und tapste ein paar Schritte hin und her. Es war stockfinster um ihn, Hunger und Durst quälten ihn und er fror fürchterlich.
   Etwas kratzte an der Wand, er fuhr zusammen, blieb stehen und spitzte erschrocken die Ohren. Tatsächlich, etwas scharrte draußen und es hörte sich an, als ob sich etwas den Weg durch den Schnee in den Bunker graben würde.
   Was konnte das sein? Er hatte zusammen mit Laika Ratten im Bunker aufgescheucht, als sie beide das erste Mal hier gewesen waren. Eklige Viecher mit einem nacktem Schwanz, aber Laika hatte sie vertrieben. Kamen sie jetzt zurück, um ihn zu verjagen und um ihren Bunker wieder in Besitz zu nehmen? Er atmete leise und wartete zitternd, ob sich das Geräusch wiederholte – und richtig, da war ein Kratzen und Schaben, als ob sich etwas Großes den Weg zu ihm graben würde. Das konnten keine Ratten sein. Und es wurde lauter!
   Wenn seine Mutter nach ihm suchte, hatte sie bestimmt wieder den Förster angerufen und es waren seine Hunde, die da draußen kratzten. Aber dann hätte der doch zuerst laut gerufen und er hätte auch das Bellen der Hunde hören müssen. Markus steckte den Knöchel seines Zeigefingers in den Mund und biss darauf. Also war es nicht der alte Mann, aber was konnte es sonst sein?
   So leise, wie er konnte, kroch er bis in die äußerste Ecke des Bunkers, zog die Knie ans Kinn, schlang die Arme darum und versuchte sich so klein zu machen, wie er nur konnte. Wie Hammerschläge dröhnte das Scharren in seinen Ohren, er stellte sich eine riesige Pranke vor und wie sie den Schnee vor dem Bunker wie ein Bagger fortschleuderte und sich Meter um Meter den Weg zu ihm bahnte. Angst packte ihn. Er kniff die Augen zusammen und presste die Hände auf die Ohren
   Plötzlich war Ruhe. Das Scharren hatte aufgehört, er hielt den Atem an, nahm die Hände von seinen Ohren und lauschte, aber es blieb still. Erleichtert atmete er aus – da flog der Schnee, der den Eingang blockiert hatte, nach innen und ein großer Schatten sprang hinterher.
   Er schrie auf und der Schatten ruckte herum, machte einen Schritt tiefer in den Bunker und knurrte. Markus zitterte so sehr, dass seine Zähne aufeinanderschlugen. Das Tier duckte sich, wendete seinen Kopf hin und her, schnüffelte, und schlich dann Schritt für Schritt näher. Vor Markus blieb es stehen, riss es seinen Rachen auf und blies ihm seinen stinkenden Atem ins Gesicht. Er nässte sich ein vor Entsetzen und dann wurde es dunkel um ihn.
   Markus kam wieder zu sich und drängte sich enger an das, was seinen Rücken so schön wärmte. Er hatte geträumt, dass ein riesiges Tier in seinen Bunker gekommen war, um ihn zu fressen. Ohne die Augen zu öffnen, lächelte er. Seine Mutter machte sich sicher große Sorgen um ihn und würde sich bestimmt freuen, wenn er wieder da war. Aber vorher wollte er noch ein wenig schlafen. Er schmiegte sich dichter an das kuschelige Fell hinter ihm.
   Kuscheliges Fell?
   Mit einem Schrei wollte er aufspringen, aber blitzschnell packte etwas seine Schulter, hielt ihn am Boden fest und in seinem Rücken hörte er das gleiche Knurren, das ihm in seinem Traum solche Angst gemacht hatte. Er hätte fast wieder geschrien. Es war kein Traum gewesen! Ein riesiges Tier, vielleicht sogar ein Wolf, hatte sich zu ihm gegraben und lag jetzt hinter ihm.
   Aber warum hatte es ihn nicht angegriffen und getötet? Er begann wieder zu zittern. Wie als Antwort knurrte das Tier erneut, aber es hörte sich anders an als vorhin, nicht bedrohlich, eher beruhigend und fast so, wie er es von seiner Laika kannte.
   Markus überlief es siedendheiß, denn plötzlich begriff er. Dieter hatte ihn angelogen, der Förster hatte Laika gar nicht erschossen! Nur sie hätte ihn hier finden können, denn sie liebte ihn und er hatte sie im Dunkeln nur nicht erkannt. Und sie konnte doch nicht reden, sie hatte nur ihr Knurren und er hatte es nicht verstanden!
   Er begann zu weinen, drehte sich um und presste sein Gesicht fest in das Fell des Tieres, das seine Pfote um ihn gelegt hatte, ganz so wie eine Mutter, die ihr Kind beschützen will.