keine_woelfe

   Erschöpft von der Suche nach Markus war Lothar Seidel gegen Mitternacht nach Hause gekommen. Es hatte keinen Sinn, bei Nacht weiter zu suchen. Der Sturm hatte jede Spur getilgt und jede Fährte, der die Hunde hätten nachspüren können, verweht. Er wollte ein paar Stunden schlafen und die Suche am Morgen fortzusetzen. Doch zuviel ging ihm im Kopf herum, der Schlaf wollte nicht kommen und er dachte immerzu an Markus und Laika.
   Er hatte sich von den Menschen, die seinen Wald zerstörten, zurückgezogen, aber die beiden hatten einen Weg in sein verbittertes Herz gefunden. Er dachte an den Blick, der ihn gestern aus den braunen Augen Laikas getroffen hatte in dem Moment, als das Netz auf sie herabgefallen war. Sie hätte ausweichen können, dafür war sie immer noch schnell genug gewesen, auch mit ihrem kranken Hinterlauf. Aber sie hatte sich nicht gewehrt und ihn angeschaut, als hätte sie gewusst, dass ihre Zeit um war.
   Er schlief ein und in seinem Traum jagte ein Rudel Wölfe durch den Wald, mit diesem gleichmäßigen, alles verschlingenden Trab, der sie bis zu hundert Kilometer am Tag zurücklegen lässt. Markus kämpfte sich weinend durch den Schnee, fiel hin, und als er sich wieder aufrichtete, öffnete sich vor seinem Gesicht ein Wolfsrachen …
   Mit einem Stöhnen richtete er sich auf. Der Traum hatte ihn geweckt. Er schalt sich einen Narren. Es gab keine Wölfe in Schwerin und würde es auch nie geben. Wenn sie auf Wanderschaft gingen, zog es sie nach Osten über die polnische Grenze und nicht nach Westen. Er schüttelte den Kopf, rieb sich die Schlafreste aus den Augen und warf einen Blick auf die Wanduhr. Sie zeigte kurz vor fünf und mühsam quälte er sich wieder in seine nassen Sachen.
   Das Thermometer an der Außenwand zeigte minus acht Grad und er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Kinder waren widerstandsfähiger, als die meisten Erwachsenen glaubten und Markus, der viel draußen war, sowieso. Aber es gab eine Grenze für das, was sein kleiner Körper leisten konnte. Wenn Markus schlau gewesen war, hatte er in einem der alten Bunker Unterschlupf gesucht, dort wurde es nicht so kalt wie unter freiem Himmel. Aber auch da biss der Frost irgendwann zu. Wenn er den Jungen noch finden wollte, bevor er erfror, musste er sich beeilen.
   Er rief den Einsatzstab der Polizei an, um ihnen zu sagen, dass er jetzt seine Suche fortsetzte, stimmte mit ihnen das Suchgebiet ab, pfiff seine Hunde zu sich und machte sich auf den Weg in den Wald.