keine_woelfe

   Drei Stunden später wartete er neben der Tür des Rettungswagens gemeinsam mit Maria auf die Diagnose des Notarztes. Kurz, nachdem die Sonne aufgegangen war, hatten seine Hunde angeschlagen und waren losgehetzt. Nur wenig später hatte er Markus im alten Stabsbunker gefunden, tief und fest schlafend, mit einem Lächeln im Gesicht. Markus war auch nicht aufgewacht, als er ihn aufgehoben und zu seinem Lada getragen hatte. Erst das Martinshorn des Rettungswagens, den er über Funk gerufen hatte und der ihnen auf der B106 bei Hasenhäge entgegen gekommen war, hatte den Jungen aus seinem Erschöpfungsschlaf gerissen.
   Ein Arzt stieg aus dem Sankra, schloss leise die Tür hinter sich und trat zu ihnen. „Frau Müller, ihrem Sohn geht es körperlich so weit gut. Er hat eine leichte Unterkühlung und ein paar heftige Abschürfungen an den Händen und im Gesicht. Nichts Bedrohliches, worum wir uns ernsthaft Sorgen machen müssten. In ein paar Tagen kann er wieder auf dem Damm sein.“ Er schüttelte den Kopf, als könne er es nicht fassen.
   Maria schaute den Arzt an. Er war noch jung, höchstens dreißig und sah sehr männlich aus. Doch in seinen Augen las sie eine abwesende Müdigkeit, ihrer eigenen nicht unähnlich, als hätte er zu viel gearbeitet und beschäftigte sich in Gedanken mit einem schweren Problem. Vielleicht hat er die ganze Nacht Dienst gehabt und ist genauso erschöpft wie ich, dachte sie und räusperte sich. „Das ist alles?“
   Der Arzt nickte. „Wie ich schon sagte – zumindest körperlich geht es Ihrem Sohn viel besser, als wir erwarten durften.“
   Sie besaß ein Ohr für Untertöne. „Warum betonen Sie so seinen Körper? Ist etwas mit seinem Kopf?“
   „Um Gotteswillen nein! So habe ich das nicht gemeint. Er hat keine Kopfverletzungen. Ich sollte mich wohl klarer ausdrücken. Es waren minus acht Grad heute Nacht, Ihr Sohn ist den ganzen Tag durch den Schnee gelaufen, es war Sturm und seine Sachen waren nass. In diesem Zustand hätte er die Nacht im Freien niemals überleben können. Zumindest müsste er viel stärker unterkühlt und auch dehydriert sein. Nichts davon kann ich feststellen. Es ist wie ein Wunder, dass er noch lebt.“
   „Dann ist doch alles gut, oder?“
   „Frau Müller, wir wissen, dass die Geschichte mit dem Hund, die Ihr Sohn erzählt hat, nicht stimmen kann, denn Herr Seidel hat gesagt, dass er ihn erschossen hat.“ Er blickte kurz den alten Förster an. „Markus hat schlimme Tage hinter sich, die durchaus ein psychisches Trauma auslösen können. Was er uns erzählt hat, könnten Halluzinationen sein, wie sie nach großen körperlichen Anstrengungen auftreten können. Doch Ihr Sohn hat nicht einmal Fieber und es geht ihm viel besser, als es ihm nach Lage der Umstände gehen sollte.“ Der Arzt machte eine Pause und holte Luft, als müsste er Kraft für den nächsten Satz sammeln. „Ich halte es für das Beste, wenn wir ihn mit ins Krankenhaus nehmen und dort genauer untersuchen, um herauszufinden, was wirklich passiert ist.“
   „Was wollen Sie genauer untersuchen?“
   Der Arzt zuckte mit den Schultern. „Ich denke, Ihr Sohn wäre für ein paar Tage in Schwerin in der Kinderpsychiatrie am besten auf …“
   Weiter kam er nicht, wie eine Furie fauchte Maria ihn an: „Sie bringen meinen Sohn nicht in die Klapper! Wissen Sie, was es heißt, in so einem Hundertseelennest zu leben, wo jeder jeden kennt? Wollen Sie, dass alle Kinder mit Fingern auf ihn zeigen und ihm hinterher rufen: ‚Der war in der Klapsmühle‘?“
   Lothar Seidel legte ihr die Hand auf den Arm und sie verstummte mitten im Satz. Erstaunt sah sie ihn an. Er beachtete sie jedoch nicht, sondern blickte dem Arzt in die Augen. „Sie stehen doch unter ärztlicher Schweigepflicht, oder?“
   Der Arzt nickte und Lothar Seidel fuhr fort: „Es kann durchaus sein, dass Markus die Wahrheit gesagt hat. Ich habe Laika nur eingefangen und in einen Zwinger gesperrt, der oben offen ist. Erschießen konnte ich sie nicht. Ich habe nichts anderes mehr als meinen Wald und man hat mir gedroht, mich zu entlassen und ihn mir wegzunehmen, wenn ich die Hündin nicht töte. Deshalb habe ich die Forstbehörde angelogen. Es kann durchaus sein, dass die Hündin aus dem Zwinger entkommen ist. Ich habe schon viel erlebt mit Tieren und Sie können mir glauben – Hunde sind zu Unglaublichem in der Lage, wenn es um die geht, die sie lieben. „
   Der Arzt schüttelte verwirrt den Kopf. Eigentlich ging ihn das alles nichts an. Er hatte getan, was er tun musste und alles andere war nicht seine Entscheidung. Er konnte nur die Tür öffnen, aber wenn Frau Müller nicht hindurchgehen wollte, war das ihre Sache. „Es ist Ihr Sohn und damit ihre Entscheidung. Also sollen wir ihn nach Hause fahren?“
   Maria nickte nur und stieg ohne weitere Worte zu Markus in den Krankenwagen. Der Arzt öffnete den Mund, als wollte er noch etwas sagen, aber dann schien er einzusehen, dass es keinen Sinn hatte, und folgte Maria.
   Lothar Seidel schaute nachdenklich und ein wenig sorgenvoll den Autos hinterher. Er hatte Laika gestern Abend Futter hingestellt, sie hatte in ihrer Hütte gelegen, sich nicht gerührt und seitdem hatte er nicht mehr nach ihr gesehen. Der Zwinger war zwar oben offen, aber die Gitterstäbe waren über zwei Meter hoch. Sie hätte niemals da hinausklettern können. Und Springen schon gar nicht mit ihrem kranken Hinterlauf. Oder doch? Hatte er nicht selbst soeben gesagt, dass Hunde wunderbare Wesen sind, die Unglaubliches für den Menschen vollbringen können, den sie lieben?
   Verwirrt schüttelte er den Kopf. Nein, es war unmöglich! Aber wer war dann heute Nacht bei Markus gewesen, wenn nicht Laika? Er hatte sich am Bunker nicht nach Spuren umgesehen, zu froh war er gewesen, Markus noch am Leben gefunden zu haben. Ein Verdacht keimte in ihm, so abwegig, dass er sich einen Narren schalt. Und wenn doch? Gottes Wege sind unergründlich und wunderbar.
   Er blickte auf seine Uhr, sie zeigte kurz nach elf Uhr vormittags und eigentlich hätte er heute, am vierundzwanzigsten Dezember, einiges zu tun gehabt. Doch keine Macht der Welt hätte ihn jetzt noch davon abhalten können, alle Spuren im Bunker genauestens zu untersuchen. Wenn er richtig lag mit seiner Vermutung, waren sie alle hier Zeuge eines Wunders geworden.