keine_woelfe

   Am nächsten Morgen saß Lothar Seidel an seinem zerkratzten Schreibtisch und schaute auf das Telefon. Das tat er schon eine ganze Weile. Er hatte noch ein Gespräch zu führen, es würde kurz werden und nicht erfreulich – zumindest nicht für den Oberforstrat, den er jetzt anrufen wollte. Er zögerte den Moment noch hinaus und dachte an gestern.
   Er hatte den Heiligabend mit Markus, Maria und Laika verbracht und es war ein wunderschöner Abend gewesen. Irgendwann hatte Markus sich auf seine Knie gesetzt und ihm die Arme um den Hals gelegt. Lothar Seidel lächelte, als er daran dachte, wie nah er da an Tränen gewesen war. Aber die hatte er ein paar Stunden vorher vergossen. Es war vor dem Bunker gewesen, in dem Markus Zuflucht vor dem Sturm gefunden hatte. Er hatte sich alle Spuren darum herum und auch innen angesehen und immer wieder in stillem Unglauben den Kopf geschüttelt. Schließlich hatte zum Himmel geblickt, dann voller Demut den Kopf gesenkt und stumm geweint.
   Danach war er nach Hause gefahren, hatte Laika, die das Futter seit zwei Tagen nicht angerührt hatte, aus dem Zwinger geholt und war zu Markus und Maria gefahren. Er machte sich keine Sorgen mehr um seinen Arbeitsplatz, denn wenn ihn nicht alles täuschte, würde der Herr Oberforstrat in den nächsten Wochen und Monaten jeden Mann und jede Frau brauchen, die er bekommen konnte. Und einiges würde sich hier ändern. Zum Guten. Mit einer entschlossenen Bewegung griff er zum Telefon und wählte.
   Es dauerte einen Moment, bis sich Herr Walter meldete. „Es sollte schon wichtig sein, wenn Sie mich am ersten Weihnachtstag anrufen!“ Keine Anrede, keine Höflichkeit, Herr Walther schien schlecht gelaunt zu sein.
   Lothar Seidel lächelte still in sich hinein und gab seiner Stimme einen dienstbeflissenen Ton. „Es tut mir wirklich leid, Herr Oberforstrat, Sie heute stören zu müssen, aber ich dachte mir, wo Ihnen doch die Sicherheit der Wälder so wichtig ist …“
   Weiter kam er nicht, am anderen Ende der Leitung bellte der Oberforstrat: „Ist schon wieder etwas passiert?!“
   „Nein, oder doch, ich weiß nicht genau …“ Lothar Seidel verkniff sich nur mit Mühe ein Lachen.
   Der Oberforstrat brüllte: „Reden Sie, was ist los bei Ihnen?“
   „Ich dachte, Sie würden wissen wollen, dass die Wälder hier wahrscheinlich gesperrt werden müssen, und informieren Sie doch bitte die Kollegen in Brandenburg, dass die vermisste Wölfin, deren Welpen überfahren wurden, hier in meinem Revier aufgetaucht ist, ja?“
   „Aber, aber …“ Ganz vorsichtig legte Lothar Seidel den Hörer auf die Gabel, mitten in das Gestammel hinein. Er blickte auf seine Handfläche und fühlte, wie flauschig das silbrig-grauen Haarbüschels war, das darin lag. Markus hatte es wahrscheinlich dem Tier ausgerissen, dass ihm in der Nacht mit seiner Wärme das Leben gerettet hatte. Es war von einer Länge und Weichheit, wie sie kein von Menschen gezüchteter Schäferhund mehr hatte. Nur ein Wesen auf dieser Welt hatte solches Bauchfell: eine Wölfin, die Junge großzog oder sie an Kindesstatt beschützte.

   Nachbemerkung: Als ich diese Geschichte schrieb, lebten die Wölfe in Deutschland zweihundert Kilometer entfernt von Schwerin, im Land Brandenburg. Vor einigen Monaten ging eine Meldung durch die Presse – Wölfe waren in Lübteen gesichtet worden. Dieser Ort liegt dreißig Kilometer entfernt von Schwerin – westlich…