keine_woelfe

   „Gibt es hier Wölfe?“ Markus murmelte die Frage mit halbgeschlossenen Augen und Maria, die ihrem Sohn die Geschichte von der weißen Wölfin und ihrem Freund Lobo in Mexiko vorgelesen hatte, dachte über die Frage nach. Sie war versucht, ihm zu erzählen, dass es bis vor einigen Jahren hier in Stern Buchholz tatsächlich welche gegeben hatte. Diese Wölfe hatten Uniformen und Stiefel getragen und jeden Tag auf dem großen Übungsgelände hinter den Häusern den Krieg geprobt. Aber Markus hätte das noch nicht verstanden.
   1990 war die Wende gekommen, die Wölfe hatten ihre Uniform ausgezogen, waren nach Westen ins gelobte Land gewandert und hatten die Schafe sich selbst überlassen. Doch eine fette Herde weckt Begehrlichkeiten und so waren neue Raubtiere auf der Bildfläche erschienen. Sie hatten sich nicht sehr von den vorherigen Herren unterschieden – nur das sie statt Stiefeln elegante Schuhe, und statt der Uniformen teure Anzüge getragen hatten. Ihre Macht hatten sie nicht mit Kalaschnikow und Parteibuch, sondern mit Geld und Rücksichtslosigkeit ausgeübt. Für Maria hatte das keinen Unterschied gemacht, denn für sie war das Ergebnis das Gleiche geblieben.
   Sie seufzte. „Nein Markus. Es gibt keine Wölfe in Schwerin. In Brandenburg, das ist zweihundert Kilometer weg von hier, leben einige. Aber die kommen nicht bis hierher.“
   Wie bei allen Kindern wurde auch bei Markus die Beantwortung einer Frage zur Geburtsstunde von zwei neuen. „Aber Mama, du hast mir doch erzählt, das vor kurzem da Wolfskinder überfahren wurden. Was, wenn die Mutter jetzt da wegläuft und hierher kommt?“
   Sie schüttelte die kurzgeschnittenen Haare. „Wölfe haben ihr Revier und da laufen sie nicht so einfach weg“.
   Markus überlegte und nickte dann. Das kannte er von Laika. Die lief auch nie weg. „Mama, wenn Bianca so eine kluge Wölfin war, warum hat sie dann nicht einfach den Strick durchgebissen und sich befreit?“
   Maria ärgerte sich. „Wenn du doch in der Schule auch so viel fragen würdest!“, hätte sie ihrem Sohn am liebsten an den Kopf geworfen. Aber dann hätte er wieder mit ihr darüber diskutiert, dass Tiere viel interessanter waren als Mathematik und Schreiben. Entsprechend schlecht waren auch seine Schulzeugnisse.
   Wenn es nur das gewesen wäre. Es verging keine Woche, in der Markus nicht irgendein Tier mit nach Hause brachte, das er im Wald gefunden hatte. Auch heute hatte er wieder einen Spatz mit einem gebrochenen Flügel angeschleppt. Sie hatte Markus vor die Wahl gestellt. Entweder er brachte das Vieh nach draußen oder sie würde es tun. Die Diskussion mit ihm war kurz gewesen und hatte mit einem toten Vogel, einer zuknallenden Stubentür und einem weinenden Kind geendet. Sie hatte sich nicht mehr anders zu helfen gewusst. Markus wurde immer trotziger, wenn es um seine Tiere ging und die Diskussionen mit dem Neunjährigen gingen über ihre Kräfte.
   „Mama!“
   Sie schreckte aus ihren Gedanken auf. „Sie liebte Lobo über alles, und als er in seiner Falle erschossen wurde, wollte auch sie nicht mehr leben.“
   „Das macht die Liebe?“ Markus zog die Bettdecke bis über das Kinn, als würde nach dieser Antwort seiner Mutter die Dezemberkälte im ungeheizten Schlafzimmer darunter kriechen. „Mama, dann will ich nie, nie, nie lieben und immer bei dir bleiben.“
   Ein Lächeln glättete die Müdigkeitsfalten in Marias Gesicht und sie strich Markus über das blonde Haar. Sie wusste, dass die Liebe einen festen Platz in seinem Herzen hatte und wenn es nur die zu den Tieren im nahen Wald und zu seiner Mutter war. Sie zog ihm die Decke zurecht, stand vorsichtig auf, ging zur Schlafzimmertür und schloss sie leise hinter sich.