keine_woelfe

   In der Nacht war viel Schnee gefallen und Markus musste sich anstrengen, um die Haustür zu öffnen. Noch immer rieselten Flocken aus den tief hängenden Wolken und bedeckten den Weg und die Sträucher mit glitzerndem Zuckerguss.
   Er hatte keinen Blick für die Schönheit der Natur. Ohne eine Sekunde zu zögern, stapfte er an der Hauswand entlang durch den Schnee und hielt dabei nach Laika Ausschau. Er musste nicht lange suchen, denn zwei braune Knopfaugen und eine schwarze Hundeschnauze lugten bereits um die Ecke des Wohnblocks. Er blieb stehen, nahm seinen Ranzen vom Rücken, fischte darin nach seinem Schulbrot und wartete auf seine Freundin.
   Seit der Morgendämmerung hatte die alte Schäferhündin auf Markus gewartet. Wie immer witterte sie nach allen Seiten und schlich erst, als sie keine weiteren Menschen in der Nähe roch, tief geduckt zu ihm. Sie musste sich dabei auf ihre Nase verlassen, denn mit ihren Augen sah sie nur verschwommene Umrisse und auch dann nur, wenn sie nahe genug waren. Seit ihrer Flucht aus dem Zwinger, in dem sie jeden Tag geprügelt worden war, lebte sie in den Wäldern hinter den vier Wohnblocks und mied Menschen, wann immer sie einen sah oder roch. Nur für Markus machte sie eine Ausnahme, schließlich war er ja noch kein richtiger Mensch, er schnupperte anders als die Großen, war immer freundlich und spielte mit ihr, wenn sie ihm im Wald begegnete.
   Sie erreichte Markus und reckte noch einmal die Nase in den Wind, aber er trug ihr keine bedrohlichen Gerüche zu und so hob sie den Kopf und leckte mit ihrer nassen Zunge über seine Wange.
   Markus schüttelte sich, stieß ein lautes „Brrr“ aus und fuhr sich lachend mit dem Jackenärmel übers Gesicht. „Guten Morgen Laika. Ich habe dir dein Frühstück mitgebracht.“
   Er flüsterte, denn seine Mutter durfte nicht wissen, dass er Laika jeden Morgen sein Essen gab.
   Sie setzte sich auf die Hinterpfoten, legte den Kopf schräg und ließ die Augen nicht von der rechten Hand des Jungen. Er ging vor ihr in die Knie, hielt ihr sein Butterbrot vor die Nase, und während ihre mächtigen Kiefer mahlten, schlang er seine Arme um sie und vergrub seinen Kopf in ihrem Nackenfell. Dann stand er auf, sagte „Komm!“ und stapfte mit der Schäferhündin an seiner Seite unter den Bäumen entlang zur Bushaltestelle an der Bundesstraße 106.
   Wie jeden Morgen hatte Maria durch die Gardine vor dem Küchenfenster Markus und die neben ihm herhinkende Hündin mit einer Mischung aus Ärger und Freude beobachtet. Ein ausgewachsener, herrenloser Schäferhund war kein Spielzeug für ein kleines Kind. Doch dann dachte sie an die Worte von Markus gestern Abend und zog mit einem Schulterzucken die Gardine wieder vor das Küchenfenster. Die Hündin liebte ihn und er war glücklich mit ihr. Morgen würde sie für ihn wieder zwei Brote mehr schmieren.
   Für Markus verging der Unterrichtstag gar nicht schnell genug. Sehnsüchtig wartete er auf das letzte Klingeln der großen Glocke im Schulflur und kaum hörte er den ersten Ton, spurtete er los, um den nächsten Bus noch zu erreichen. Der Sonnenrand berührte bereits die Wipfel der Fichten im Wald hinter den Häusern von Stern-Buchholz, als ihn der Schulbus endlich an der Haltestelle entließ. Er rannte nach Hause, so schnell ihn seine Füße trugen, warf seinen Schulranzen in den Flur und lief in den Wald.
   Laika erwartete ihn meistens unter den ersten Bäumen hinter dem Wohnblock, die ihr gerade noch Deckung boten, aber heute kam sie auch auf seine Rufe nicht. Er zuckte die Schultern und stapfte alleine los. Sie würde ihn bestimmt bald einholen, schließlich waren sie ja Freunde.