keine_woelfe

   Nach einer Weile, in der er, ohne darüber nachzudenken, einer frischen Spur im Schnee gefolgt war, hörte er Stimmen und nun war ihm klar, warum Laika nicht kam. Vor zwei Wochen war in den Wohnblock gegenüber eine neue Familie eingezogen und deren Sohn Dieter war ein Jahr älter als Markus. Dieter und sein Vater wurden jeden Morgen von einem großen schwarzen Auto abgeholt und die Mutter brachte Dieter nachmittags mit ihrem eigenen Auto wieder aus Schwerin zurück.
   Schon das waren zwei Gründe für Markus, Dieter nicht zu mögen. Seine Mutter konnte sich kein Auto leisten und Dieters Eltern hatten gleich zwei davon. Noch schlimmer war, dass sie manchmal zwei Freunde von Dieter mitbrachte, die dann zu dritt im Wald auf Abenteuersuche gingen. Er fand das gemein. Der Wald war das Reich von ihm und seiner Laika. Dieter hatte ihm gesagt, dass er ihn verprügeln würde, wenn er ihn einmal allein im Wald erwischen würde. Aber Markus hatte immer Laika bei sich gewusst und Dieter ausgelacht. Jetzt war Laika nicht da und Dieter kam mit seinen Freunden auf ihn zu. Markus dachte mit klopfendem Herzen daran, was nun passieren würde.
   Dieter freute sich diebisch. Sein Vater hatte ihm immer wieder beigebracht, wie wichtig es wäre, sein Revier abzustecken und das auch jedem zu zeigen. Vom ersten Tag an hatte er diesen Wald hinter den Häusern zu seinem Reich erklärt. Doch jedes Mal, wenn er mit seinen Freunden hier gespielt hatte, war der blöde Schwächling Markus mit seinem Köter aufgetaucht und hatte ihnen den Spaß verdorben. Das würde sich heute ändern! Er blickte sich suchend um, aber der Hund war nirgends zu sehen. Er grinste seinen beiden Freunden zu und beschleunigte seine Schritte, bis er vor Markus stand. „Hau ab hier. Das ist mein Revier, du kleiner Scheißer!“
   Sie waren zu dritt, alle größer als Markus und er dachte beklommen daran, wo Laika sein mochte. Aber sie zeigte sich nicht und so presste er die Lippen zusammen und blieb stocksteif stehen.
   Dieter trat einen Schritt auf Markus zu und stieß ihn mit beiden Händen vor die Brust. „Hau ab hier, habe ich gesagt. Bist du taub?“ Seine beiden Freunde lachten.
   Markus taumelte in den Schnee, rappelte sich aber schnell wieder auf. Er war kein Feigling und schrie Dieter wütend an: „Ich bin schon viel länger hier als du!“
   Einer der Jungen stachelte Dieter an. „Lässt du dir von so einem Dorftrampel widersprechen? Hau der Kröte doch eine rein oder traust du dich nicht?“ Er lachte höhnisch, und Dieter machte noch einen Schritt und schlug Markus mit aller Kraft in die Magengrube.
   Wilder Schmerz durchzuckte Markus und er schnappte nach Luft, aber er hatte jeden Tag im Wald verbracht und seine Muskeln waren vom Spielen mit Laika stark geworden. Der Schlag hatte ihn nicht umgeworfen, sondern nur wütend gemacht. Mit einem Wutschrei sprang er auf Dieter zu, aber einer von Dieters Freunden stellte ihm ein Bein, er stolperte, dann traf ihn ein heftiger Stoß in den Rücken und er stürzte bäuchlings zu Boden. Der andere Junge sprang auf ihn, drückte ihn in den Schnee und riss seinen Kopf an den Haaren nach oben.
   Dieter kniete sich vor das Gesicht von Markus, ballte mit einem gemeinen Grinsen die rechte Hand zur Faust und schwang wie in Zeitlupe den Arm nach hinten.
   Markus fühlte bereits den Schmerz, mit dem die Faust in seinem Gesicht landen würde, da barst das Unterholz zwischen den Bäumen auseinander, Laika flog mit einem bösartigem Knurren durch die Luft und schnappte nach Dieters Arm. Wie eine zuschnappende Stahlfalle schlossen sich ihre Kiefer um seinen Arm, dann riss sie ihn mit einem gewaltigen Ruck von den Füßen. Sie hatte Recht gehabt, die Menschen waren alle böse und wütend grub sie ihre Reißzähne immer tiefer in Dieters Arm.