keine_woelfe

   Den ganzen Tag hatte Lothar Seidel seinen Wald nach Fallen abgesucht und war froh, endlich ins Warme zu kommen. Kaninchenfleisch war teuer in der Vorweihnachtszeit und es gab immer noch Leute, die auf diese Weise Geld sparen, oder noch schlimmer, Geld verdienen wollten.
   Er klopfte den matschigen Schnee von den Filzstiefeln ab, die noch aus NVA-Beständen stammten, und hängte die nasse Wattekombi an eines der Rehgehörne, die ihm die Garderobenhaken im Flur ersetzten. Er musste seine zwei Meter klein machen, um durch die Wohnstubentür zu kommen, ohne sich den Kopf zu stoßen. Dreiundsechzig Lebensjahre hatten ihm zwar einen langen weißen Bart beschert, aber seinen breiten Rücken nicht beugen können.
   Er suchte nach Streichhölzern, um Feuer im Kaminofen zu entzünden, da klingelte das Telefon. Mit zwei Schritten war er an seinem zerkratzten Schreibtisch und brummte „Seidel“ in den Hörer.
   „Walter, Oberforstrat“, bellte am anderen Ende der Leitung eine wütende Stimme. Er sah erstaunt auf das verblichene Zifferblatt der alten Wanduhr – es war abends und nach acht. Er wollte gerade etwas sagen, da fuhr der Oberforstrat schon fort: „Ich bin soeben von sehr hoher Stelle angerufen und darüber informiert worden, dass in Ihrem Revier ein freilaufender Hund ein Kind angefallen hat. Stimmt das?“
   Lothar Seidel zog die Stirn kraus. Ihm schwante nichts Gutes. „Ich denke, da muss ein Irrtum vorliegen. Hier …“
   Der Oberforstrat fiel ihm ins Wort. „Es liegt ganz sicher kein Irrtum vor, wenn die Eltern einen Krankenwagen nach Stern Buchholz rufen, das Kind angibt, mit zwei Freunden im Wald gespielt zu haben und dabei von einem Hund, den es hier noch nie gesehen hat, gebissen worden zu sein. Übrigens hat auch der Notarzt die tiefe Bisswunde als von einem großen Hund stammend identifiziert!“
   Lothar Seidel schwieg. Was hätte er auch sagen sollen? Er war nicht für jeden Hundebesitzer in der Gegend verantwortlich, der auf sein Tier nicht aufpassen konnte. Das wusste der Leiter der Forstbehörde am anderen Ende der Leitung auch. Warum machte er also so ein Brimborium darum?
   Der Oberforstrat unterbrach die Gedanken Lothar Seidels: „Außerdem sind mir Informationen zugegangen, dass es sich dabei um einen herrenlosen Hund handelt, der seit einiger Zeit in Ihrem Revier herumstreunt, ohne dass Sie etwas dagegen unternommen haben. Haben Sie dafür eine Erklärung?“
   In Lothar Seidels Hals machte sich ein dicker Kloß breit. Das konnte nur Laika gewesen sein und wenn sie tatsächlich …
   Die Stimme im Telefonhörer wurde gefährlich leise. „Nach meinen Unterlagen und bei Ihrer Vergangenheit als linientreuer Förster unter dem alten Regime hätten wir Sie nach der Wende gar nicht übernehmen dürfen. Wir haben da wohl einen Fehler gemacht. Möglicherweise ist Ihnen nicht klar, dass ein freilaufender, bissiger Hund ganz schlechte Publicity für unsere schönen, friedlichen Wälder ist. Schlechte Publicity verscheucht Investoren und Käufer. Das bedeutet, kein Geld für die Stadt und damit auch nicht für Ihren Arbeitsplatz.“
   Er brüllte: „Morgen um acht will ich von Ihnen hören, dass das Problem erledigt ist, und zwar endgültig! Schaffen Sie Ordnung in ihrem Revier, sonst beseitige ich selbst den Müll – und Sie gleich mit!“