keine_woelfe

   Lothar Seidel sank auf den klapprigen Stuhl vor seinem Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hände. Wann war er das letzte Mal so rund gemacht worden? Es musste Ewigkeiten her sein, noch in seiner Armeezeit und eigentlich hatte er gedacht, dass es so etwas heute nicht mehr gab. In seinem Kopf drehte sich alles. Was sollte er jetzt tun? Welcher Hund hatte wen angefallen? War es tatsächlich Laika gewesen? War Markus etwas passiert?
   Wie damals enthielt auch dieser Anschiss ein Höchstmaß an Drohung, aber nur ein Minimum an verwertbarer Information und er erinnerte sich, dass genau das der Zweck eines solchen Gebrülls war.
   Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen und griff mit zitternden Händen nach Tabak und Pfeife. Seit fast dreißig Jahren wachte er über den Wald zwischen Stern Buchholz, Boldela und Hasenhäge und hatte in dieser Zeit gelernt, die Bäume und Tiere darin mehr zu lieben als die Menschen.
   Die neuen Herren hatten ihm beigebracht, dass er nicht mehr über Wald und Flur, sondern über eine ökonomische Größe, die in Hektar und D-Mark gemessen wurde, wachte. Sie diente als billiges Bauland für Unternehmen oder wurde ein profitabler, umzäunter Privatwald – und alles, was darin und darauf war, hatte zu funktionieren, keinen Ärger zu machen und Geld zu erbringen. War es früher die Höhe der Position im Parteiapparat, die in seinem Revier diktierte, war es heute die Dicke des Geldbeutels. Mehr als einmal hatte er erleben müssen, dass ein Gesetz oder eine Bestimmung einer „ökonomischen Notwendigkeit“ im Weg gestanden hatte und dann verlor immer das Gesetz. Und damit der Wald, die Tiere und die Menschen, die hier lebten.
   Er war verbittert geworden, hatte sich immer mehr von den Menschen zurückgezogen und seine Zeit lieber im Wald verbracht. Dann hatte er eines Tages auf einem seiner Kontrollgänge in der Nähe von Stern Buchholz gesehen, wie der kleinen Markus zwischen den Kiefern mit Laika gespielt hatte, und auch wenn er ihnen nicht nahegekommen war, so hatte er die beiden doch aufmerksam beobachtet. Er mochte den Jungen, der nicht wie die anderen Kinder war und lieber im Wald als mit Computern spielte. Auch hätte er nicht erwartet, dass sich die alte Schäferhündin, die er hätte schon längst erschießen müssen, noch einmal einem Menschen anschließen würde. Der Leidensweg der Hündin war lang gewesen. Eingesperrt, geschlagen, verkrüppelt – und er hatte nichts dagegen tun können. Ihr Besitzer hatte sie einfach zurückgelassen, als er fortgezogen war. Bevor Lothar Seidel sie ins Tierheim, und damit wieder hinter Gitter bringen konnte, war Laika geflohen und er hatte gehofft, sie irgendwann friedlich eingeschlafen im Wald zu finden, damit er sie nicht erschießen musste. Bis dahin wollte er sie noch die Freiheit genießen lassen, von der sie ihr ganzes Leben durch die rostigen Eisenstäbe eines Hundezwingers getrennt gewesen war. Doch dann hatte sie sich dem kleinen Jungen angeschlossen und er hatte es nicht übers Herz gebracht, sie zu töten. Mehr noch, er hatte für die Hündin sogar Futter ausgelegt, damit sie in der kalten Jahreszeit nicht verhungerte.
   Und jetzt hatte sie Markus angefallen. Wütend schlug er mit der Faust auf die Tischplatte. Seine Gutmütigkeit war schuld, dass der Hund das Kind schwer verletzt hatte. Er stand auf, ging zum Waffenschrank und nahm das großkalibrige Gewehr heraus. Er hatte einen Hund zu töten, der zur Bestie geworden war.
   Missmutig schlurfte er zur Tür und zog die noch immer nasse Kombi über, da klingelte erneut sein Telefon. Ein Anschiss am Tag war genug, fand er, und er hatte keine Lust, sich noch einen abzuholen. Doch dann siegte sein Pflichtgefühl, er ging zurück in die Stube und nahm den Hörer ab.
   Am anderen Ende der Leitung sprudelte eine aufgeregte Frauenstimme: „Hier ist Maria Müller. Herr Seidel, Markus ist mal wieder nicht nach Hause gekommen und die Hündin hat den Sohn vom Nachbarn gebissen. Ich mache mir solche Sorgen!“