keine_woelfe

   Er setzte sich so vorsichtig auf den Stuhl, als hätte er Angst, dass der unter seinem Gewicht zusammenbrechen könnte. „Sagen Sie das nochmal …“
   Maria schluchzte:: „Markus ist nicht nach …“
   Er unterbrach sie: „Nein, das meinte ich nicht. Der Hund hat nicht Markus verletzt?“
   „Nein, er hat den Sohn des Nachbarn in den Arm gebissen.“ Sie weinte hemmungslos. „Wenn er Markus auch angegriffen hat? Vielleicht liegt er jetzt irgendwo im Wald …“
   „Nun beruhigen Sie sich mal. Ich werde ihn schon finden, aber Sie müssen mir genau erzählen, was passiert ist!“
   „Markus hat wie immer seinen Ranzen nur ins Zimmer geworfen und ist in den Wald gelaufen. Als ich nach Hause gekommen bin, hat mir der neue Nachbar fast die Wohnungstür eingeschlagen und mich angeschrien, dass der räudige Köter von Markus seinen Sohn beim Spielen im Wald fast umgebracht hat.“
   „War Markus dabei?“
   „Nein, sein Sohn sei mit zwei Freunden unterwegs gewesen, als der Hund sie einfach so angriff und Markus hätten sie nirgendwo gesehen.“ Maria sprach nicht mehr weiter, immer wieder wurde sie von heftigem Schluchzen geschüttelt.
   Er riss sich zusammen und legte in die nächsten Sätze seine ganze Überzeugungskraft. „Laika würde Markus nie etwas tun. Sie liebt ihn und würde ihn bis zum Allerletzten verteidigen. Sie würde sogar für ihn sterben, so sind Hunde. Wahrscheinlich steckt der Junge in irgendeiner Schneehöhle und hat mal wieder total die Zeit vergessen!“
   „Meinen Sie wirklich?“
   Er antwortete ruhig und sicher: „Aber natürlich. Sie kennen ihn doch. Ich werde losgehen, ihn suchen und wieder nach Hause bringen.“ Mit Gewalt zwang er ein Lächeln in seine Stimme. „Es wäre ja nicht das erste Mal, oder?“
   Maria schniefte noch ein paar Mal, aber dann kam ihr „Danke!“
   Er legte den Hörer so vorsichtig, als wäre er ein rohes Ei, zurück auf die Gabel. Was hatte das zu bedeuten? Laika hielt sich von Menschen fern und der einzige, dem sie sich näherte, war Markus. Sie würde nie ohne Grund jemanden anfallen, es sei denn, sie hätte die Tollwut. Doch die gab es in seinem Revier nicht. Oder doch? Ein einziger kranker Fuchs genügte und Laika war niemals geimpft worden.
   Wieder begannen seine Hände zu zittern, denn wenn er die Hündin schon nicht ins Tierheim gebracht hatte, hätte er sich wenigstens darum kümmern müssen. Wenn Laika infiziert war, würde sie jeden Menschen an sich herankommen lassen und dann über ihn herfallen.
   Er sprang auf, rannte zum Flur und riss das Gewehr an sich. Siedendheiß rannen ihm Schauer den Rücken hinab. Markus war da draußen im Wald, alleine. Ein kleiner Junge mit einer großen, tollwütigen Hündin.