keine_woelfe

   Für Markus verging die Zeit wie im Flug. Er tobte mit Laika durch den Wald, warf mit Schneebhällen, denen sie immer geschickt auszuweichen wusste, nach ihr und entfernte sich dabei immer weiter von der Wohnsiedlung. Es kümmerte ihn nicht, schließlich war er nicht zum ersten Mal so weit weg und mit seiner Laika konnte ihm sowieso nichts passieren. Er kraxelte zu seinem Lieblingsaussichtsplatz hinauf, einem kleinen Hügel am südlichen Ende einer großen Fläche, auf der früher – so hatte seine Mutter es ihm erzählt – Männer in Uniformen Schießen geübt hatten. Laika stupste ihn mit der Nase in die Kniekehle, er ließ sich in den Pulverschnee sinken und schaute gemeinsam mit ihr in die Zauberwelt unter ihm. Der Mond leuchtete hell, der Wind ließ lustige Schneekobolde über die Ebene tanzen und das alles nur für ihn und seine Freundin.
   Laika legte sich neben Markus, zog die Beine unter ihren Körper und hechelte ihren Atem als weißen Dampf in die Nachtluft. Auch sie war müde.
   Nach einigen Minuten erstarb der Wind und die Schneegeister sanken in sich zusammen. Laika hörte auf, zu hecheln und kuschelte ihren Kopf in den Schoß von Markus.
   „Gefällt es dir auch so hier?“, fragte er flüsternd seine Freundin. Er wollte nicht laut sprechen, es war so schön friedlich hier.
   Sie hob den Kopf, warf einen Blick in die Runde und schnaufte durch die Nase, als wollte sie sagen: „Ja.“
   Er schlang die Arme um sie, vergrub den Kopf in ihrem dichten Nackenfell und wäre am liebsten so eingeschlafen. Doch die Gedanken an sein Zuhause ließen ihm keine Ruhe. Wahrscheinlich sollte er lieber zurückgehen, sonst würde seine Mutter wirklich böse werden. Aber es war doch so schön friedlich hier …
   Irgendwo knackte ein Ast. Laika spannte die Muskeln, reckte die Nase in den gerade wieder aufgekommenen Wind und nahm Witterung auf. Markus löste sich von ihr und schaute zum Wald, aber da war nichts. „Das war bestimmt ein Reh“, flüsterte er, doch das beruhigte sie nicht. Sie schüttelte seine Arme ab und richtete sich auf.
   Da bewegte sich etwas zwischen den Bäumen, Laika stieß ein tiefes Knurren aus, warf noch einen Blick auf Markus, dann sprang sie mit einem Satz den Hügel hinunter und hetzte davon.
   Mit dem Gewehr im Arm trat Lothar Seidel unter den Bäumen hervor, blickte Laika hinterher, drehte sich dann um und stieg den Hügel zu Markus hinauf. Markus fröstelte und das kam nicht nur von der Kälte. Er hatte Angst, obwohl er den Förster an seinem langen weißen Bart erkannt hatte. Der war ihm schon immer unheimlich gewesen und er mochte ihn nicht. Jedes Mal, wenn er ihn im Wald gesehen hatte, hatte er einen anderen Weg eingeschlagen, um ihm nicht begegnen zu müssen.
   Lothar Seidel blieb vor Markus stehen und brummte: „Guten Abend, Markus. Deine Mutter macht sich Sorgen um dich!“ Seine Stimme hatte nicht laut geklungen, aber sie grollte wie das Knurren eines großen Hundes. Markus gab keine Antwort und zitterte am ganzen Körper.
   Lothar Seidel zuckte die Schultern, sagte nur: „Komm!“, und drehte sich um. Ohne sich umzusehen, stampfte er den Hügel hinunter. Er hatte auf den ersten Blick erkannt, dass Markus am Ende seiner Kräfte und durchgeschwitzt war. Er würde sich garantiert eine Erkältung eingefangen haben. Doch Lothar Seidel war wütend und so baute er Markus keine Brücke. Der musste lernen, dass er nicht einfach davonlaufen konnte, schließlich gab es Pflichten und diese gingen auch an einem Kind nicht vorbei. Seine Mutter hatte es auch ohne seine ständigen Ausflüge weiß Gott schwer genug.