11 Mai 2022

Man stirbt nur dreimal

 

 

Ebenso wenig, wie ich wissen kann,
was Sie beim Lesen dieser Zeilen empfinden,
kann es Ihnen gelingen, nachzufühlen,
was ich empfand, als ich sie schrieb.
Nur eines sicher: Wir fühlen,
daran kann unmöglich ein Zweifel bestehen.
So existiert bei allem, was uns scheinbar trennt,
doch etwas, das uns verbindet.
Sollten wir uns daran nicht aufrichten?


Äpfel und Birnen
Der Einsiedlerkrebs
Die Faust in der Tür
Vertrieben aus dem Paradies
Die Porzellanpuppe
Sie fickt nur Männer
Familien-Bande
Die Akte Oldenburg

Äpfel und Birnen

Dunkelheit ist die Abwesenheit von Licht. Finsternis ist das Fehlen von Liebe, erinnerte er sich. Irgendwo hatte er es einmal gelesen und sofort ad acta gelegt. Man warf Äpfel und Birnen nicht in den gleichen Topf, da kam nur Mus heraus. Man tat das genau so wenig, wie man eine Ehe aufkündigte, um danach wieder eine mit dem bisherigen Liebhaber einzugehen. Wenigstens nicht, wenn man Verstand hatte. Auch dabei kam nur Mist heraus, erst recht, wenn der neue Ehemann der Vorgesetzte des alten war.

„Ich lasse mich von Sven scheiden,“ hatte sie gesagt, als er ihr, ganz Gentleman, die Wagentür aufgehalten hatte, als hätte sie nicht die Stunden in seinem Bett genug Zeit dafür gehabt. „Christian wächst mir über den Kopf. Er braucht einen Vater, der mehr als nur einmal im halben Jahr auf einen Sprung vorbeikommt.“

Wortlos hatte er sich hinter das Lenkrad gesetzt. Sie hatte sich angeschnallt, den Kopf zu ihm gedreht und hinzugefügt: „Und ich brauche einen Mann, der für mich da ist. Ich brauche Dich, Bernard. Für immer und nicht nur, wenn ich zufälligerweise mal wieder eine Weiterbildung hier habe.“

Er war losgefahren und es war seine Ausbildung, die verhinderte, dass er in Panik verfiel. ‚Für immer‘ war eine zu lange Zeit, um für ihn akzeptabel zu sein. Es war sein Beruf, weit vorauszuplanen, doch immer mit der Gewissheit, dass kein Plan die erste Feindberührung überlebte und nur Flexibilität und die schnelle Reaktion auf geänderte Umstände die Erreichung des angestrebten Ziels garantieren konnten. Ihre Ziele lagen so weit auseinander wie die Pole der Erde.
Er analysierte ihre möglichen Bedürfnisse, die als Gründe in Frage kamen für ihre Entscheidung, die ihm plötzlich schien, und die möglichen Folgen, die daraus für ihn und seine Karriere erwachsen konnten. So hatte man es ihm beigebracht: Beurteilung der Lage, Klarmachen der Aufgabe, Entschluss fassen und dann handeln.

„Hast du es ihm schon gesagt?“, fragte er scheinbar leichthin. Äußerlich gelassen, wie sie es von ihm gewohnt war, lenkte er den Wartburg durch Berlin-Marzahn, vermied die Alleen und nutzte auf dem Weg Richtung Ostbahnhof schmale Nebenstraßen. Auch das tat er wie immer. 

„Nein. Nur dir.“

Sie hatte seine Reaktion sehen wollen in einem Moment, in dem er sich auf etwas anderes konzentrierte, war er sich sicher und ebenso darin, dass er sich keine Blöße gegeben hatte. „Dann hat das Versteckspiel ein Ende.“ Er lächelte sie an, berührte ihr Knie, drückte es, dann legte er die Hand wieder auf das Lenkrad. Er nutzte immer beide Hände zum Fahren. Sicherheit war sein Beruf.

Eine Querstraße vor ihrer Wohnung stellte er den Wartburg ab. Auch wie immer, doch statt ihr seinen üblichen Abschiedskuss über die Gangschaltung hinweg zu geben, stieg er aus und öffnete ihr die Beifahrertür.
Sie blickte vom Sitz hoch zu ihm. „Was ist denn mit dir los? Ist dir der Schreck in die Glieder gefahren?“

Leise lachte er. „Kennst du mich so schlecht? Ich hätte mich nie getraut, dir das vorzuschlagen. Komm!“ Er half ihr beim Aussteigen und legte den Arm um sie. „Ich bringe dich nach Hause. Auch in Ostberlin soll es böse Menschen geben.“

Sie lehnte den Kopf an seine Schulter und spazierte neben ihm auf dem mit Katzenbuckeln gepflasterten Bürgersteig entlang. Jedes Mal, wenn einer der Absätze ihrer Stöckelschuhe auf einem der rundköpfigen Steine aufsetzte, gab es ein lautes klack, das die ganze Straße entlang zu hören war. Seine Schritte waren so lautlos, als ginge sie alleine hier. Am nahen Ostbahnhof pfiff eine alte Dampflok und der leichte Wind wehte Rauchgeruch herüber. Er mischte sich mit den Ausdünstungen von Blut aus der Abdeckerei ein paar Straßen weiter und auch die vom Wochenende vollen Mülltonnen am Straßenrand trugen ihren Anteil zum Geruch dieser Sonntagnacht bei. Er hatte einen pelzigen Geschmack im Mund.

Sie borgen um die Ecke. Etwas schepperte, ein schwarzer Schatten, kaum zu erkennen in der Dunkelheit, huschte vorbei und sie klammerte sich fester an ihn. Es war nur ein Reflex. Sie war nicht ängstlich.

„Nur eine Ratte“, beruhigte er sie. „Die Tonnen sind voll. Wenn du dann nicht mehr nur alle zwei Wochen hier bist, suchen wir dir eine vernünftige Wohnung. In einer besseren Gegend.“

„Ein paar heile Straßenlaternen mehr würden mir schon reichen“, stellte sie trocken fest. „Es gibt hier Stellen, an denen kannst du die Hand vor Augen nicht sehen.“

Vor der Bushaltestelle zwei Häuser vor ihrer Wohnung blieb er stehen. „Hier drin zum Beispiel,“ meinte er.

Ihr Lachen schallte die schmale Straße entlang. Es brandete wie eine Woge gegen die lichtlosen Fensterscheiben der Häuser und Karosserien der wenigen Wartburgs und Trabbis am Straßenrand. „Und ob … hier hast du mich das erste Mal geküsst, als du mich abgeholt hast. Und als du mich zurückgebracht hast, wie heute Nacht, haben wir hier … im Stehen … oh mein Gott … was tust du?“ Jetzt kicherte sie wie ein kleines Mädchen.

Er warf ein paar schnelle Blicke um sich. „Komm!“, hauchte er ihr ins Ohr und drängte sie in die Bushaltestelle.

„Wir sind doch gleich bei mir …“ Sie wehrte sich nicht sehr.

„Nein, hier. Es hat etwas so … Verruchtes.“ Seine Stimme war rau.

Billiges, angerostetes Stahlblech an drei Seiten, von denen in dicken Fladen die Farbe abblätterte, Wellblech auf dem Dach und darunter Dunkelheit. Widerstandslos ließ sie sich von ihm in eine Ecke drängen. Er stellte sich hinter sie und presste sie an sich.

„Du Ferkel,“ flüsterte sie. Gurrend zog sie sich Strumpfhose und Schlüpfer in die Kniekehlen, dann den Rock. „Mach schon!“ Ungeduldig drückte sie ihren Po gegen seinen Unterleib.

Er legte ihr den rechten Arm um den Oberkörper und hauchte ihr einen Kuss in ihren zarten Nacken. Der Rest war einfach, eine rein mechanische Tätigkeit, geübt in vielen Trainingsstunden: Mit der linken Hand verschloss er ihr Mund und Nase, sein rechter Arm fesselte ihre Oberarme, presste über ihren Brüsten brutal ihren Brustkorb zusammen und blockierte jede Atembewegung. Dann überließ er sich dem brodelnden Adrenalinstrom in seinem Körper.

Mehrere Sekunden stand sie still, erst dann kam das Begreifen. Mühelos erstickte seine Hand ihre Schreie, und sein Arm jeden Befreiungsversuch. Fast einhundert Kilogramm Mann gegen nicht einmal sechzig zarter Weiblichkeit. Mit einem hässlichen Knacken barst einer ihrer Wangenknochen unter dem Druck seiner Hand, noch etwas knackte, womöglich ein paar Rippen. Ihm schien, es müsste die ganze Straße entlang zu hören sein.

Dann hörte sie auf zu zappeln und hing so schlaff in seinen Armen, wie es nur ein toter menschlicher Körper kann. Doch er hielt sie weiter fest. Er wollte sicher sein.

Als er es war, ließ er sie auf die morschen Holzlatten der Bank sinken. Ein wenig heftiger als normal atmend, betrachtete er ihre zusammengesunkene Gestalt. Er fragte sich, was er an ihr so erregend gefunden hatte, dass er für die Nächte mit ihr seine Karriere riskiert hatte. Sein Begehren war schon verschwunden gewesen, als sie eben ihren Atem unter seinen Händen ausgehaucht und ihr zuckender Körper sich an seinem gerieben hatte. Durch einen einzigen Satz von ihr war es so endgültig verflogen, dass er meinte, nie wieder eine Frau besteigen zu können. Schade nur, dass er sie nicht als abschreckendes Exempel vorzeigen konnte: Das passiert denen, die sich mir in den Weg stellen.

Es war noch etwas zu tun. Mit einer Hand drückte er ihren Oberkörper gegen die Rückwand der Haltestelle, mit der anderen zerriss er ihr die Strumpfhose und den Slip, fetzte ihr auch Bluse und Büstenhalter vom Körper und drapierte beides in der Ecke, in der er sie erwürgt hatte. Schließlich gab er dem Leib einen Schubs, er fiel von der Bank auf den Boden, nicht mehr als ein totes Ding, das immerhin noch Signal aussenden konnte: In Berlin, dem Aushängeschild der Deutschen Demokratischen Republik lauerten Gefahren, die man nicht so einfach auf die leichte Schulter nehmen durfte. Was den Bürgern fehlte, war Sicherheit, mehr Sicherheit. Unbedingt …

Er trat an den Rand der Bushaltestelle, so, dass er noch durch das Dach und die Seitenwände gedeckt war, und prüfte mit schnellen Blicken die Straße und die Fenster. Nirgendwo sah er Licht und Schritte konnte er auch keine hören. Gelassen ging er zu seinem Wagen und fuhr nach Hause. Bei einem Glas teuren Rotweins aus dem Westen vor dem Einschlafen rekapitulierte er sein Handeln. Einen Fehler fand er nicht. Er trank aus und ging schlafen. Die Nacht war nur noch kurz. Um acht Uhr hatte er eine Dienstbesprechung in der Normannenstraße. Genosse Wolf akzeptierte weder Verspätung noch offensichtliche Müdigkeit.

Dunkelheit ist die Abwesenheit von Licht. Finsternis ist das Fehlen von Liebe. Der Mann fand immer noch, dass es der Vergleich von Äpfeln und Birnen war.

 

Der Einsiedlerkrebs

Anfang September 1989, die Ostsee, Hoheitsgebiet der DDR, zwanzig Meter unter der Wasseroberfläche

Er konnte achtundneunzig Meter ohne Luftholen unter Wasser schwimmen, unverletzt einen Sturz aus sechs Metern Höhe überleben und in einer Stunde fünf Liter Bier trinken, ohne auf dem Weg zurück in die Kaserne schmutzige Lieder zu grölen. Eine Nacht genügte ihm, ein Buch mit der Taschenlampe unter der Bettdecke zu lesen, ohne das es der Unteroffizier vom Dienst mitbekam, und der Tag, um zu verstehen, was der Autor in seinem Land hatte nicht in Worte gießen dürfen. Für die Chaostheorie brauchte er etwas länger, doch schließlich hatte er verinnerlicht, dass es keine Zufälle gab, weil in komplexen Systemen zu viele Ursachen wirkten, von denen man nur die wenigsten verstand. Überhaupt waren Menschen und ihr Zusammenleben das komplexeste System, das er sich vorstellen konnte, und dennoch wollten alle möglichst einfache Erklärungen. Wie sollte das funktionieren? Für komplizierte Dinge gab es keine einfachen Erklärungen, sonst wären sie ja nicht kompliziert und so kam es, dass er sich sicher war, dass die meisten überhaupt nicht verstanden, was in der Welt geschah und noch schlimmer: sie verstanden nicht einmal, dass sie es nicht verstanden. Wozu auch? Sie wollten es einfach, überschaubar. Wie Kinder … nur nicht zu viel denken …

Das Gehirn, mit dem ihn seine Eltern in die Welt entlassen hatten, war zu mehr in der Lage, als nur im Dunkeln den Weg zur nächsten Toilette zu finden. Zum Denken, zum Beispiel und auch dazu, Vertrauen in das zu haben, was er dabei herausfand. Als Kind hatte es ihm Spaß gemacht, die anderen mit seinen Ideen zu verblüffen, als Jugendlicher hatte es ihm den Ruf eines Spinners eingetragen, bei dem man gut abschreiben konnte, der ansonsten aber zu nichts zu gebrauchen war. Jetzt, als Erwachsener, konnte er jedem erklären, welche Prozesse bei der Detonation eines Kernsprengkopfs abliefen oder warum das Butterbrot beim Herabfallen immer auf der falschen Seite lande. Doch niemand wollte es von ihm wissen. Die wirklich wichtigen Fragen diskutierte man ohne ihn: Ob die rothaarige Teufelin, die in der Kneipe an der Kaserne aushalf, Strümpfe oder Strumpfhosen über ihren Beinen trug und wie man sie dazu bringen konnte, die endlos langen Dinger in einer dunklen Ecke zu spreizen und wie man am besten eine Pulle Wodka in die Kaserne schmuggeln konnte, ohne von der Wache erschossen zu werden, oder in den Bunker zu wandern.

Zu sagen, dass es ihn nicht störte, wäre eine Lüge gewesen. Es war das kleinere Übel, das, bei dem er sich nicht zum Affen machte wie damals, als die Pubertät über seinen klugen und deswegen um so wehrloseren Kopf hergefallen war und er feststellen musste, dass ihn auch sein Wissen um die Funktion der Hormone nicht vor ihrer Wirkung auf seinen Körper schützen konnte. Das, was zwischen Mann und Frau geschah, hatte nichts mit Wissen zu tun, sondern mit Gefühlen und dem Mut, sich auf sie einzulassen. Das war ihm schon klar, trotzdem blickte er lieber auf den Lauf einer auf ihn gerichteten Kalaschnikow als in die Augen eines Mädchens. Bei der Maschinenpistole wusste er, was in ihr vorging, wenn der Abzug gedrückt wurde.

Man konnte nicht auf allen Gebieten der Beste sein, tröstete er sich und machte die erfahrenen Kränkungen zusammen mit der Enttäuschung über sich selbst zu weiteren Bausteinen seines Zorns. Der brodelte in ihm, seit man ihn in die Welt gestoßen hatte und Erlösung fand er nur in seinen Büchern, bei jedem Tauchgang und wenn er sich ganz tief in die Lösung eines Problems versenkte. Doch wenn er auf dem Weg zum Bahnhof und zur nächsten Bibliothek an der Kneipe nahe der Kaserne vorbeikam und auch noch die langbeinige, rothaarige Teufelin draußen bediente, ging etwas in seinem Körper vor, dem er sich nicht stellen wollte, und er beschleunigte seine Schritte. Vielleicht später einmal, redete er sich ein. Erst musste er seine Ausbildung beenden.

Er blickte auf den fluoreszierenden Zeiger des Kompasses an seinem rechten Handgelenk und berechnete den Kurs neu. Irgendwo in seinem Unterbewusstsein führte der Auftrag Regie. Es würde ihn warnen, wenn etwas nicht stimmte. Wie schützender schwarzer Samt schmiegte sich das Wasser an ihn, oben und unten waren ebenso sinnentleerte Worte wie Schwerkraft, Zeit, Mädchen und sogar der Tod. Hier war er das, was ihn ausmachte und er war es ungetrübt von Ängsten, ungestört und allein. Getrieben von den Bewegungen seiner flossenbewehrten Beine, schoss er durch die flüssige Unendlichkeit. Das Leben war daraus entstiegen und tat es noch immer, jeden Tag aufs Neue in der schützenden Fruchtblase von Millionen Müttern auf der ganzen Welt.

Doch es war ein Ticket ohne Rückfahrkarte. Waren die Flaschen auf seinem Rücken entleert, zerriss die silberne Perlenkette seiner Atemluft über ihm wie eine durchtrennte Nabelschnur, das Elysium schloss seine Pforten und er musste zurück zu den Menschen. So empfand er sich in der Geborgenheit hier unten als nichts weiter als der sehnsuchtsvolle Fremde, der seine Vertreibung aus dem Paradies niemals akzeptieren würde.

***

Das Schnellboot schüttelte sich unter dem Anprall der Ostsee wie ein nervöses Rennpferd vor dem Start. Am hellen Tag hätte seine graue Farbe es so gut wie unsichtbar zwischen den Wellen gemacht. Jetzt, kurz bevor die hinter den bleiernen Wolken unsichtbare Sonne unterging, war es nur wenig mehr als ein Geist. Vor ein paar Minuten war der Wind auf Nord-Nord-West gesprungen und frischte weiter auf. Die Kronen der Wellen schäumten weiße Wut, Gischt klatschte gegen die niedrige Plexiglasscheibe vor der Steuerkanzel, Spritzer flogen darüber hinweg und den beiden Männern dahinter in die Gesichter.

Korvettenkapitän Manfred Elsner hob den Feldstecher und schwenkte ihn auf die Positionslichter des norwegischen Frachters. Kein Mensch bewegte sich an Deck. Seit drei Tagen ankerte er mit einem Ruderschaden knapp sechs Seemeilen vor der Küste und wartete auf Ersatzteile aus Oslo.

Er blickte auf den Chronometer neben dem Steuerrad. „Sieht so aus, als wäre alles gut gegangen“, meinte er.

„Machen Sie sich etwa Sorgen?“ Mit einem Grinsen unter seinem Seehundschnauzer zog der vierschrötige Steuermann den Kopf vor dem nächsten Spritzer ein. „Das ist der Einsiedlerkrebs da unten. Der hat noch keine Prüfung verbockt. Der weiß nicht einmal, wie sich ‚Fehler‘ schreibt. Selbst, wenn Sie ihm vorher keine drei Stunden zum Nachdenken geben.“ Er lachte, ein Spritzer klatschte ihm ins Gesicht und abrupt brach er ab.

„Wäre besser. Ich kann nicht noch einen gebrauchen, der Mist da unten baut.“ Es war ein Pfeifen im dunklen Wald. Elsner sah keinen Grund, den erfahrenen Maat mit dem zu belasten, was ihm durch den Kopf ging. Der Einsiedlerkrebs. Er schnaubte und ärgerte sich, dass dieser Christian Oldenburg mehr Platz in seinem Kopf einnahm, als er ihm zugestehen wollte. Natürlich würde der die Navigationsaufgabe lösen, die Funkboje finden und es auch innerhalb der vorgegebenen Zeit wieder zum Boot schaffen. Der Mann war präzise, initiativreich, scheute sich nicht davor, schwierige Entscheidungen zu treffen, und gab nie auf. Eigenschaften, die Elsner in dieser kristallinen Schärfe nur selten bei einem jungen Auszubildenden begegnet waren. Nie hatte der Einsiedlerkrebs auch nur ansatzweise einen Befehl in Frage gestellt. Für seine Jugend war er viel zu verschlossen und trug weder sein Herz noch seine Gefühle auf der Zunge. Elsner konnte sich nicht erinnern, ihn je herzhaft lachen gehört zu haben. Wenn andere im Ausgang in die nächstbeste Kneipe einfielen, ging er in die Stadtbibliothek oder setzte sich in den Zug und fuhr nach Rostock und suchte das Schifffahrtsmuseum oder die Universitätsbibliothek auf. Manchmal sieht er mich an, als nähme er Maß für einen Sarg, und dabei bin ich nun wirklich nicht der schlimmste Schleifer in der Truppe, dachte Elsner. So benimmt sich kein junger Mann in seinem Alter. Etwas treibt ihn vor sich her und ich glaube nicht, dass ich wissen will, was das ist.

Ein Brecher traf den Bug des Schnellbootes und drückte ihn tief ins Wasser. Er schlug den Kragen der Wetterjacke hoch. „Halten Sie das Boot auf Position. Ich gehe mal nach hinten.“ Abrupt drehte er sich um und kämpfte sich auf dem stampfenden Boot zum Heck.

„Position halten. Jawoll.“ Den Blick, den ihm der Steuermann mit zusammengezogenen Augenbrauen hinterherwarf, sah er nicht mehr.

 

Die Faust in der Tür

Es war nicht so einfach gewesen, wie er gehofft hatte, aber was war schon einfach, dreißig Meter unter der Wasseroberfläche bei fast völliger Finsternis? Den ersten Teil der Aufgabe hatte er erfüllt und noch für fünfundvierzig Minuten Luft in den Flaschen. Er wusste, dass es für ihn mehr als genug war, um das Boot zu erreichen, auch wenn er stärker gegen die Grundströmung anschwimmen musste, als er erwartet hatte.

Wer den Wolf scheut, soll nicht in den Wald gehen. Wie eine gleißende Messerspitze bohrte sich der Satz in seine Gedanken und hätte es sein Mundstück nicht verhindert, hätte er das getan, was Elsner noch nie gesehen hatte: Er hätte aufgelacht, wenn auch bitter. Es war einer der Lieblingssprüche seines Vaters und Christian erinnerte sich an seine letzte Begegnung mit ihm. Der Besucherraum, gleich hinter dem Wachgebäude der Kaserne in Kühlungsborn, hatte bestialisch nach kaltem Zigarettenrauch gestunken, obwohl die Fenster geklappt gewesen waren. Der Mief hatte sich in die Wände gefressen, aus jedem Winkel hervorgedünstet und das Atmen schwer gemacht. Ganze Armeen von Müttern, Vätern, Ehefrauen und Geliebten hatten hier schon gewartet und vor Nervosität eine Kippe nach der anderen gequalmt. Sie hatten gewartet auf den Moment, in dem der Sohn, der Geliebte, der Vater endlich in der Tür stand für eine Stunde Zweisamkeit, ein paar Umarmungen und viel zu wenig Küsse. Er hatte gewusst, dass nichts davon geschehen würde, ja, dass es zwischen ihm und seinem Vater nicht einmal das geben würde, was man ein Gespräch nennen konnte.

Draußen waren Kommandos gebrüllt worden, Stiefel trampelten auf Pflastersteinen, dann war da ein nicht ganz synchrones, aber unverwechselbares metallisches Klicken: Magazine, die in Kalaschnikows eingesetzt wurden und einrasteten. Ein weiteres Kommando, diesmal laut genug, dass er es verstand: Im Gleichschritt – Marsch! Wieder trampelten Stiefel, diesmal im Gleichschritt, das Geräusch wurde leiser und verklang. Die neue Wache zog auf.

Er setzte sich seinem Vater gegenüber auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Tisches und legte die Hände flach auf die Oberschenkel. „Guten Tag“, sagte er. Mehr nicht, aber wenigstens diese Höflichkeit rang er sich ab. Dann richtete er seine Augen auf die weißgekalkte Wand, ein paar Zentimeter über dem Kopf seines Vaters. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte es ab jetzt nur noch Schweigen gegeben. Er hatte von seinem Vater nie erwartet, dass er jeden Kampf gewann. Nur, dass er ihm nicht auswich und schon gar nicht dem mit seinem Sohn.

Es gibt drei Dinge, die Kinder von ihren Eltern erwarten: Dass sie sie ihre eigenen Fehler machen lassen und da sind, um sie aufzufangen, wenn die Fehler Folgen haben. Dass sie sich selbst an das halten, was sie ihren Kindern erzählen und vor allem, dass sie ihre Kinder niemals belügen, nicht einmal zu deren eigenem Schutz.

Sein Vater war der Erste, der das Schweigen brach. „Entspann dich,“ eröffnete er die Unterhaltung. „Oder musst du einen Befehl dazu haben? Wie geht es dir?“

„Brauchst du die Information für den Bericht über dieses Gespräch?“

„Höflich und freundlich wie immer.“ Sein Vater hob die Hände, dann ließ er sie auf den Tisch fallen. Vielleicht hatte er gehofft, dass die Zeit tatsächlich Wunden heilte. „Ich habe etwas mitgebracht.“

„Einen Namen?“ Christian musste sich zwingen, die Zähne auseinanderzubekommen.

„Sei nicht albern.“ Sein Vater holte die zusammengerollte Fotokopie einer Karte aus seiner Aktentasche und breitete sie auf dem Tisch aus. Er ließ sich Zeit dabei. „Die Karte des Piri Reis. War nicht einfach, sie zu besorgen. Es ist eine exakte Kopie des Originals aus dem Topkapi, dem Palast des Sultans in Istanbul. Da liegt es unter Glas. Panzerglas wahrscheinlich. Sie ist ein Mysterium. Genau das, wovon du nicht genug kriegen kannst. Nahrung für deinen Kopf.“ Er lachte, aber es klang nicht echt. „Damit du nicht so viel grübelst.“

Eisern hielt Christian seine Augen auf die Wand gerichtet. Sein Vater rieb die Handflächen gegeneinander, immer und immer wieder. Schließlich – Christian hatte sich keinen Millimeter bewegt – fauchte er: „Hör auf, dich wie ein dickköpfiges Kind zu benehmen!“

„Verletzt und zornig. Natürlich …“, erwiderte Christian. „Menschen werden immer zornig, wenn ihre Hoffnungen zerplatzen wie ein Heliumballon in der Stratosphäre. Ballen die Fäuste, schlagen zu … ich kenne das …“

Die Karte rollte sich mit einem leisen Geräusch wieder zusammen. Noch vor ein paar Jahren wäre jetzt ein Wutausbruch fällig gewesen, doch sein Vater wusste, dass er nur das Gegenteil von dem bewirkt hätte, was er sich erhoffte. Christian wäre wortlos aufgestanden und gegangen. Diesen Teil hatten sie hinter sich gebracht. Es war der Tag gewesen, an dem er erfahren hatte, dass sein Vater sich auf einen Handel mit dem Ministerium für Staatssicherheit eingelassen hatte. Christian las Kant, Nietzsche, Heine, Novalis, Lem und Reiseberichte, vorzugsweise über Arktis und Antarktis. Sein Vater las Marx, Lenin, das Parteiprogramm und die Dienstanweisungen aus Berlin. Es gab nicht genug Erde in der Welt, um den Graben zwischen ihnen zuzuschütten. Als die Affen vor ein paar einhunderttausend Jahren aus den Bäumen geklettert waren, um Menschen zu werden, hatten sie Knüppel in den Händen gehabt und obwohl sie es hätten besser wissen müssen, benutzten sie sie auch heute noch. Sein Vater war ein solcher Knüppel und er musterte ihn, als wollte er ihm bis unter die Haut sehen. Natürlich tat er das, weil da noch etwas war und es ließ seinen Vater knurren wie einen wütenden Wolf: „Du verrennst dich. Rache macht die Vergangenheit nicht ungeschehen. Sie zerstört nur deine Zukunft. Wie oft habe ich dir das schon gesagt?“

„Aber sie rettet vielleicht die anderer.“

„Traumtänzer.“

„Spitzel.“

„Ich bin nicht hergekommen, um mir von dir Frechheiten anzuhören!“

„Warum dann?“

„Weil ich …!“ Zornrot im Gesicht, atmete sein Vater zwei, dreimal unüberhörbar, dann legte er die Hände ruhig vor sich auf die Tischplatte. „Wenn du die Gedanken daran nicht endlich aus deinem Kopf herausbekommst, zerstörst du dein Leben für die Suche nach einem Gespenst. Glaubst du wirklich, deine Mutter hätte das gewollt?“

Bumm. Es war das Totschlagargument von jemandem, der kein anderes mehr hatte. Es war so … primitiv. Kommt von der schlechten Gesellschaft, in der er sich bewegt, konstatierte Christian für sich. Mit Totschlag kennt man sich in seinem Ministerium wohl aus. Aber das dachte er nur, laut zischte er: „Leg ihr nichts in den Mund! Würde sie noch leben, wäre es … Lass es einfach! Lass es, hörst du?“

Mit aller Kraft bezwang er die rote Flut, die gegen den Damm in ihm brandete, Spritzer flogen schon über die Dammkrone und nur ein Idiot hätte sie nicht in seiner Stimme gehört: „Ihr könnt den Amis die Konstruktionsunterlagen für ihr Spaceshuttle stehlen, aber nicht herausfinden, wer in Berlin auf offener Straße eine Frau vergewaltigt und erwürgt hatte? Das ist lächerlich. Genau so lächerlich, wie zu glauben, dass ich mich damit abfinde.“

Betont langsam erhob er sich und seine Wut zu bezwingen, kostete ihn mehr Kraft, als er gebraucht hätte, den Tisch umzuwerfen. Mit schweren Schritten stampfte er zur Tür. Sein Vater hatte der Reihe von Enttäuschungen eine weitere hinzugefügt. Niemand brachte in der DDR die Frau eines Stasioffiziers um, ohne dass man herausfand, wer es gewesen war. So konnte nur eine politische Entscheidung dahinterstecken, vor der sein Vater kuschte, statt den Kampf dagegen aufzunehmen, und Christian blieb nichts, als diese Politik zu hassen, die, die sie machten und die, die sie unterstützten.

„Warte …“ Sein Vater sprang auf. Der Stuhl hinter ihm polterte zu Boden. Einen Augenblick stand er da, die Hände zu Fäusten geballt, Abwehr und Verletztheit im verkrampften Gesicht. Schließlich holte er tief Luft, drehte sich herum, richtete den Stuhl auf und ließ sich wieder darauf fallen. Ganz ruhig fragte er: „Fehlt sie dir wirklich so sehr?“

Die Farbe der Welt schlug um in ein blutrotes Etwas. Es waberte vor Christians Augen hoch wie die Flamme aus einem Benzintank und er schlug zu, ohne jede Kontrolle. Es knallte und ein kindskopfgroßes Loch war im zerkratzten Holz der Tür. Hätte ein Mensch da gestanden, wäre er jetzt wohl tot gewesen.

„Na sowas“, sagte er, und seine Stimme zitterte unter dem Anprall des Adrenalinschubs. Dann zog er, als sei nichts gewesen, einen Holzsplitter aus der Haut über dem Mittelfingerknöchel. Er hielt sich an dem Schmerz fest. Es war nicht so, dass er seinen Vater nicht liebte, eher war das Gegenteil der Fall, er tat es zu sehr. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er ihn auf einen Sockel gehoben und genau so werden wollen wie der. Dann hatte der Sockel Risse bekommen und das Idol hatte sich als gewöhnlicher Mensch mit Fehlern und Schwächen entpuppt. Selbst das hätte er seinem Vater verzeihen können, auch, wenn bereits das ihm schwergefallen wäre, denn wer liebt schon einen gefallenen Helden? Aber je mehr er las, vor allem das, was zwischen den Zeilen stand, je mehr er über die Welt lernte und ihm sich die Realität hinter dem Einwegspiegel aus Zeitungen, Fernsehen und politischen Schulungen auftat, um so mehr hatte er sich von seinem Vater entfremdet. Sein Vater war immer noch derselbe, den er einst vergöttert hatte. Dass er es jetzt nicht mehr tat, lag nicht an seinem Vater, sondern an Christian selbst und daran, dass er viele Dinge jetzt anders sah als noch vor ein paar Jahren. Er wusste es, er fühlte sich sogar schuldig daran und doch änderte es nicht das Geringste. Es war eine eiternde Wunde und er tat nichts anderes, als nach jeder Begegnung ein Pflaster darauf zu kleben. Wie er sie heilen sollte, wusste er nicht und so suppte der Eiter immer wieder durch.

„Es ist leicht, gegen andere zu kämpfen. Sogar gegen die ganze Welt, wenn es sein muss.“ Als wäre nichts geschehen, nahm sein Vater einen Kugelschreiber aus der Innentasche seiner Lederjacke und schrieb etwas auf die Rückseite seines Passierscheins. „Aber der schwerste Kampf ist immer der gegen sich selbst.“ Er schob den Zettel über den Tisch. „Ich muss wieder auf Reisen und … man weiß ja nie … Ruf die Nummer an, wenn du dabei Hilfe brauchst. Yuri ist ein Freund.“

Christian warf einen Blick auf den Zettel. Eine Telefonnummer stand darauf. Sein Vater hatte eine Mine im Niemandsland zwischen ihnen deponiert, auf die Christian treten konnte, ohne dass ihm sein Stolz um die Ohren flog. Er verstand es, aber auch das änderte nichts. Aber er wollte seinem Vater nichts schuldig bleiben und so sagte er: „Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Macht also auch keinen Sinn, ihr nachzutrauern. Ändert aber nichts an dem, was ich dir damals gesagt habe. Die Stasi oder ich. Beides kannst du nicht haben. Du wirst dich entscheiden müssen.“

Ohne seinen Vater auch nur noch einmal anzusehen, war er hinausgegangen. Die Nummer hatte er sich eingeprägt, fast gegen seinen Willen. Erst Wochen später war ihm klargeworden, dass sein Vater mit seinen Worten Mitleid ausgedrückt hatte.
Es war gut, dass er nicht dagewesen war, als Christian das begriffen hatte. Diesmal hätte seine Faust nicht die Tür getroffen …

 

Vertrieben aus dem Paradies

Hinter ihm flammte der Handscheinwerfer eines der anderen beiden Taucher auf und leuchtete den Meeresgrund an. Das Licht holte Christian in die Gegenwart zurück. Er warf einen kurzen Blick auf die Zeiger seines Kompasses, schaltete auch seinen Handscheinwerfer ein und ließ sich nach unten sinken, um die Abdrift über Grund zu schätzen. Es sah so aus, als sei die Strömung stärker geworden und er damit um einiges vom Kurs abgekommen. Er verbrauchte bereits die Luft aus der zweiten Flasche auf seinem Rücken – das hatte er erwartet. Ging ihm die Atemluft aus, konnte er zwar immer noch an der Oberfläche zurückschwimmen, aber das hätte ihn die Erfüllung des Trainingsziels gekostet. Das war keine Option.

Er korrigierte den Kurs um ein paar Grad nach Südost. Den Scheinwerfer ließ er jetzt eingeschaltet. Er hatte sich auf dem Hinweg jeden Stein, jede Felsformation genauestens eingeprägt. Doch in den nächsten Minuten schwamm er über nichts anderes als Sand, nur hier und da unterbrochen von ein paar flachen Felsen, die nicht auf der Karte verzeichnet gewesen waren, und er korrigierte den Kurs noch einmal nach Südost, diesmal deutlich. Wie Pilotfische ihrem Hai folgten ihm die beiden anderen Taucher. Sie verließen sich auf ihn und wussten nicht, dass er weit vom Kurs abgekommen war. Selbst wenn, hätten sie nicht eingreifen dürfen. Es war seine Prüfung, sie nur seine Sicherung.

Das Licht seines Handscheinwerfers schälte eine angerostete Antriebsschraube und einen Teil eines schlanken Metallzylinders aus der Dunkelheit. Das vordere Ende steckte im Schlick und in seinem Nacken meldete sich ein Kribbeln. Selten, aber immer noch häufig genug stießen Taucher in der Ostsee auf Überbleibsel aus dem Weltkrieg und für das, was in einem solchen Fall zu tun war, gab es ein festgelegtes Protokoll. Nur wirkte das, was aussah wie das Heck eines Torpedos, nicht, als hätte es fünfundvierzig Jahre im Wasser gelegen. Ohne jeden Bewuchs oder Muschelbefall ragte es aus dem Schlick. Entweder lag es erst seit kurzem hier oder etwas verhinderte, dass sich Unterwasserleben auf dem angerosteten Metall ansiedelte.

Mehr als ein kurzes Handzeichen, das fünf Minuten bedeutete, brauchten die beiden Männer hinter ihm nicht. Sie hatten Erfahrung bei der Bergung von Blindgängern, er nicht. Er hielt seine Position und sicherte, während die beiden einen großen Bogen schwammen. Sie mussten den Torpedo gegen die Grundströmung anschwimmen, wollten sie nicht riskieren, dass der Druck des strömenden Wassers sie gegen die Waffe trieb.

Extrem vorsichtig, ihre Position mit genau abgemessenen Flossenschlägen haltend, trugen sie den Schlick ab, bis das Vorderteil des Torpedos sichtbar wurde und was da zum Vorschein kam, bestätigte seine Vermutung. Es sah aus wie ein 53-65, wahrscheinlich sogar ein 53-65m, ein Torpedo der sowjetischen Kriegsmarine, gebaut ab dem Jahr neunzehnhundertneunundsechzig. Ganz sicher nichts, was man mal so eben am Grund der Ostsee herumliegen ließ wie eine faule Tomate in Mutters Garten. Er war ein sogenannter Wake-Homing Torpedo, eine neue Torpedoklasse, die ein Schiff nicht direkt ansteuerte, sondern dessen Kielwasser kreuzte und ihren Kurs danach festlegte. Das Abfangen eines solchen Torpedos war zur damaligen Zeit fast unmöglich gewesen. An seinem Heck trug er oberhalb des Rumpfes einen stromlinienförmigen Behälter mit einer rückwärtigen Austrittsöffnung. Das gehörte nicht zur Spezifikation dieses Waffentyps, es sei denn, sie wäre so geheim gewesen, dass man nicht einmal die ‚Freunde‘ darüber informiert hatte.

Er wollte seine Position verlassen und ihn aus nächster Nähe inspizieren, da beging Werner den entscheidenden Fehler. Vielleicht war es die Routine, die auch die größte Gefahr, wenn man ihr immer wieder begegnet, gewöhnlich macht. Vielleicht war es der Gedanke an seine Frau Monika, die in vier Stunden am Kontrolldurchlass in Kühlungsborn darauf warten würde, dass er endlich seinen Erholungsurlaub antreten konnte – eine seiner Schwimmflossen streifte die Waffe. Es war nicht mehr als ein Hauch, eine winzige Veränderung des Wasserdrucks. Der Torpedokopf öffnete sich wie die Blätter einer Blüte bei Sonnenaufgang und stieß eine schmutzige Flüssigkeit aus. Fast augenblicklich hüllte sie Andreas und Werner ein, dann gab sie, von der Grundströmung getrieben, ihre Opfer wieder frei und wirbelte im Licht ihrer Scheinwerfer davon.

Die beiden Männer hielten mit leichten Flossenschlägen ihre Position. Christian bildete mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis, leuchtete ihn sogar nach an, damit sie ihn sehen konnten, und fragte so, ob alles okay war – sie reagierten nicht. Er wiederholte die Frage und bekam immer noch keine Reaktion. Wie Roboter verharrten sie an ihrer Position. Gerade in dem Moment, als er sich entschloss, zu ihnen zu schwimmen, erwachten sie aus ihrer Erstarrung. Ohne, dass sie sich auf irgendeine Art und Weise verständigt hatten, rissen sie gleichzeitig ihre Tauchermesser aus der Scheide an der Wade, ihre Flossen wirbelten mit unglaublicher Geschwindigkeit los wie ein Torpedo, dessen Sensoren ein Ziel erfasst haben und sie nahmen Kurs auf ihn.

***

Elsner stand wieder neben dem Steuermann, als das rote Notsignal in den Himmel schoss. Er riss das Fernglas hoch, aber mehr als die verglimmende Spur am Himmel sah er nicht. Nur eine halbe Seemeile entfernt davon leuchteten die Positionslichter des norwegischen Frachters. An Bord gingen Lampen an und Elsner sah Gestalten umherhuschen und ein Schlauchboot fertig machen.

Er malte mit den Kiefern, als bisse er auf eine Nuss und seine Gedanken rasten. Der Einsiedlerkrebs macht keine Fehler, dachte er immer wieder. Er kann doch nicht … Mit einer entschlossenen Bewegung setzte er das Glas ab. „Los! Volle Kraft und alles, was wir haben.“

Er hatte noch nicht einmal ausgesprochen, da schob der Steuermann schon den Fahrtregler nach vorne. Die mächtige Maschine riss den Bug des Schnellboots aus dem Wasser und ließ es in den nächsten Wellenberg eintauchen. Ein Brecher krachte gegen den Rumpf, dann noch einer und noch einer – das Boot nahm Fahrt auf.

 

Die Porzellanpuppe

Mitte September, irgendwo in der Nähe von Oslo

„Der Fön funktioniert nicht. Ich kann die Perücke nicht aufsetzen, wenn meine Haare noch nass sind. Muss es wirklich immer so eine billige Absteige sein?“ Mit einem Handtuch rubbelte Kerstin Wendt ihre schwarzen Locken trocken. Sie war so nackt wie der schwammige Mann mit dem Wohlstandsbäuchlein und den Schweißtropfen auf der Glatze auf dem zerwühlten Bettlaken. Auf ihrer glatten, weißen Haut sah die Nacktheit aufregend aus. Trotz ihrer neununddreißig Jahre strahlte sie eine mädchenhafte Frische aus. Sie wog nur knappe fünfzig Kilogramm und war so feingliedrig wie eine Meißner Porzellanpuppe, mit einer kessen Stupsnase, himmelblauen Augen mit dem gewissen Etwas darin und rabenschwarzen seidigen Locken.

Ole Mortensen rekelte sich genießerisch. Es machte ihn nicht anziehender. „Na, wer weiß, vielleicht stehen wir ja schon in einem Jahre auf derselben Seite. Wäre mir ein Vergnügen, dir meine bescheidene Hütte zu zeigen. Du kannst dir sicher sein, dass da alles funktionieren wird. Nicht nur der Fön.“ Er lachte anzüglich. „Aber bis dahin …“ Den Rest ließ er in der Schwebe.

Dass ihre Besuche unter strengster Geheimhaltung stattfinden mussten, hatte sie nicht gestört, ihre Lust herauszuschreien, dass es mehrere Zimmer weit durch die dünnen Wände des Hotelzimmers zu hören gewesen war. Kaum hatte er die Zimmertür hinter sich geschlossen, war sie über ihn hergefallen, als hätte es kein Morgen mehr gegeben. Er wusste, dass eine Frau wie sie nicht auf einen bierbäuchigen Bürokraten wie ihn angewiesen war, wenn sie Spaß haben wollte und schon gar nicht musste sie dafür von Ostberlin über Amsterdam nach Oslo fliegen, um ihre Spuren dabei zu verwischen. Ihm war es egal. Es gab viele Möglichkeiten, Geschäfte zu machen. Das Leben war zu kurz, um nicht jeden Spaß mitzunehmen. Sie war dafür wie geschaffen und auch wenn es für sie nur ein Teil des Geschäfts war, so war sie doch so gut, dass er es so lange, wie sie sich auf seinem erregten Körper bewegte, vergessen konnte.

Er rollte sich zur Seite, klappte den winzigen Kühlschrank auf und griff nach einem Fläschchen mit billigem Whisky. „Du auch?“, fragte er und drehte den Verschluss auf.

„Danke, nein. Dafür bin ich nicht hier.“

Es war nicht so, dass sie etwas zum Herunterspülen gebraucht hätte. Er duschte, bevor es zur Sache ging und bei dem, was er unter „scharf“ verstand, musste sie sich das Lachen verkneifen. Seine Phantasie erschöpfte sich daran, dass sie vor seinen Augen möglichst langsam schwarze Netzstrümpfe anzog, die er ihr jedes Mal mitbrachte, und ihn dann bestieg. Wenn sie seine Krabbelhände über seinem Kopf festhielt, damit sie nicht irgendwelchen Blödsinn mit ihren Körperöffnungen anstellten, törnte ihn dass noch mehr an. Schneller wurde er dann fertig und sie konnte sich auf das Geschäft konzentrieren. Am Anfang hatte sie es mit der Salamitaktik probiert, in der Hoffnung, sein Verlangen nach ihr und seinem Orgasmus würde ihn dazu bringen, Dinge auszuplaudern, die er sonst nicht gesagt hätte, aber er hatte sie glatt ausgelacht. Er war einer der gefühlskältesten Menschen, die ihr je begegnet waren, und das war ihr nur recht. Es machte das Zusammensein mit ihm unkompliziert und berechenbar. Dass er niemals einschlief, so lange sie noch bei ihm war, verzieh sie ihm. Sie machte es nicht anders.

„Schade.“ Er trank mit einem einzigen Schluck aus, wischte sich mit einer auf dem Rücken schwarz behaarten Hand über den Mund und ließ sich zurücksinken. „Wo drückt denn Müller noch der Schuh?“ Das Wichtige hatten sie vorhin besprochen, auf dem Rücken liegend, er mit einer brennenden Zigarette in den nikotingelben Fingern. Was jetzt kam, war nur noch warme Luft, ausgestoßen, um das Schweigen zu verjagen. Wenigstens hoffte er, dass sie das so sah. Sicher war er sich da nicht.

Als er den Namen nannte, bildete sich auf ihrer Stirn eine Zornfalte, aber verschwand sofort wieder. „Ihr habt eine Antarktisexpedition ausgeschrieben,“ sagte sie leichthin.

„Nicht wir. Der Ängströmkonzern, aber die Regierung greift ihm bei der Finanzierung ein wenig unter die Arme.“

„Als ob er es brauchte …“ Sie sprach den Satz nicht zu Ende. „Stehen die Teilnehmer fest?“

„Bis auf den Expeditionsarzt. Wir haben noch keinen gefunden, der Lust auf sechzig Grad unter Null für ein paar Monate hat“, log er. Interessiert musterte er ihren kleinen, perfekten Körper, aber vermied jeden Augenkontakt. Ihre Frage machte ihn nachdenklich. Sie würde ihm weder sagen, woher sie diese Information hatte noch, warum man sich in Ostberlin für diese Expedition interessierte. Den Teil konnte er erahnen. Die Ostdeutschen gehörten zu den Russen und die hatten in den letzten zwanzig Jahren ein wahres Expeditionsfeuerwerk in der Antarktis abgebrannt und es immer wissenschaftlich aussehen lassen. Dafür, dass sie sich dabei nicht gerne auf die Finger sehen lassen und wissen wollten, wer da noch forschte, hatte er Verständnis.

„Habt ihr sie schon überprüft?“ Sie streifte Kleid und Schuhe über und klappte mit einem Fußtritt ihr kleines Köfferchen zu.

„Natürlich.“

„Wir hätten gerne die Namen.“

Er grinste anzüglich. „Das kostet extra.“

Auflachend schlüpfte sie in ihren Mantel. „Nicht, dass ich nicht Lust darauf hätte.“ Mit zwei schnellen Schritten war sie am Bett und gab ihm einen Klaps auf seinen Bauch. „Ich habe immer Lust. Aber dann verpasse ich meinen Flieger. Lass dir etwas anderes einfallen und schnell.“

„Hm, alles Wichtige haben wir besprochen. Da gibt es nichts Dringendes mehr. Höchstens … Einer unserer Kapitäne hat neulich berichtet, dass ihr wohl vor Warnemünde ein kleines Problem hattet. Irgendetwas mit Leuchtraketen, einer Rettungsaktion und einem Marineeinsatz, ziemlich dicht bei seinem Schiff.“ Er gähnte, hielt sich die Hand vor den Mund, dann sprach er weiter: „Als er wieder zurück war, hat er sogar darauf bestanden, dass der Schiffsrumpf von Tauchern überprüft wird. Nicht, dass ihm da jemand unter Wasser eine Mine angehängt hätte. Unglaublich, ist ja fast wie im Kalten Krieg. Er hat Verwandte im Königshaus, um sieben Ecken herum und ich musste ein paar feuchte Hände drücken, damit er daraus nicht eine diplomatische Krise macht. Seid doch bitte so nett und haut dem, der das versaut hat, ein paar hinter die Löffel. Solche Spiele in der Nähe eines Schiffes, dessen Land Mitglied in der NATO ist, sind keine so prickelnde Idee. Nach Gorbatschows letzter Rede ist man bei uns ein bisschen nervös.“

„Nicht nur bei euch.“ Sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne. „Ich weiß von der Sache nichts.“

„Dann hat der Kapitän ein Märchen erzählt?“ Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und richtete seinen Blick auf einen Wasserfleck an der Decke. Die Antwort war ihm zu schnell gekommen. „Ich kann natürlich auch eine offizielle Anfrage an euer Außenministerium richten lassen.“

Sie zog die strichdünnen Augenbrauen in die Höhe. „Was wird das? Eine Erpressung? Es war innerhalb unserer Zwölfmeilenzone, also unser Hoheitsgebiet, und da können wir machen, was wir wollen. Wenn einer eurer Schrottpötte gleich nach dem Auslaufen einen Ruderschaden hat, ist das euer Problem.“

„Das heißt, du weißt doch etwas davon, willst es aber nicht sagen. Oder brauchst du erst eine Freigabe dafür?“ Er setzte sich auf im Bett. Er liebte dieses Spiel. „Du zierst dich wie bei deinem ersten Besuch, obwohl wir beide wussten, dass du um mein Bett nicht herum kommst. Ich spiele da mit, weil du mir Spaß machst. Aber an dem Punkt, wo ich den Verteidigungsminister an der Backe habe, hört der Spaß auf. Warum, sagtest du, wolltest du die Teilnehmerliste haben?“

Du kriegst, was du willst, wenn ich bekomme, was ich will, bedeutete sein letzter Satz. Sie hatte es verstanden. Widerwillig antwortete sie: „Es gab einen Unfall. Nach allem, was wir wissen, sind sie auf einen alten Torpedo gestoßen, haben daran herumgefummelt und er ist detoniert. Zwei sind unter Wasser gestorben, der Dritte hat überlebt und liegt jetzt im Militärlazarett. Er ist der Sohn von einem unserer Diplomaten und nur deswegen weiß ich auch davon.“ Sie knöpfte ihren Mantel zu. „Ich muss jetzt los.“

Er stieg aus dem Bett, warf sich einen Bademantel über und öffnete ihr die Tür. „Ich schicke dir die Daten über den üblichen Kanal. Und du schuldest mir dann wohl etwas. Entweder, ich erfahre noch ein bisschen was über diesen ominösen Unfall oder ich muss mir für deinen nächsten Besuch ein paar Extrawünsche einfallen lassen. Vielleicht ja dann schon bei mir.“

„Da weißt du mehr als ich.“ Flüchtig küsste sie ihn im Vorbeigehen auf die Wange.

„Und dabei wollen wir es auch belassen. Sonst hättest du kaum noch Grund, mich zu besuchen. Komm gut nach Berlin.“ Er hielt sie am Ellenbogen fest und erzwang einen Kuss auf den Mund.

Kaum war sie aus der Tür, sprang er unter die Dusche. Dreimal wechselte er von heiß auf kalt und zurück. Er brauchte einen klaren Kopf zum Nachdenken. Dann setzte er sich, klatschnass, wie er war, an das schmale Wandbord und notierte sich die wesentlichen Punkte des Gesprächs. Offenbar hatte für sie die Liste der Expeditionsteilnehmer eine sehr hohe Priorität gehabt, so hoch, dass sie nicht einmal versucht hatte, mit ihm zu handeln. Nun, das konnte auch daran liegen, dass sie wusste, wie wenig sie ihm etwas vormachen konnte. Es war möglich, dass sie das auch von ihm glaubte und dann konnte es durchaus sein, dass sie und Müller ihm die Geschichte abnahmen. Einen Moment überlegte er, ob er nicht zusätzlich noch eine Protestnote über das Außenministerium initiieren sollte, entschied sich aber dagegen. Das würde dann doch zu viel Aufmerksamkeit erregen und sein Spiel war das ganz knapp unter der Wahrnehmungsschwelle und nicht darüber.

Außerdem konnte sie kaum wissen, wie hoch der Wert dessen war, was sie ihm preisgegeben hatte. Sie war, genau wie ihr Herr und Meister in Ostberlin, Oberst Bernard Müller, für Nordeuropa zuständig. Diplomaten gingen sie nichts an, in der DDR ließ man sie vielleicht vom Ministerium für Staatssicherheit überwachen, aber in deren offiziellen Angelegenheiten hatte die Stasi nichts zu sagen. Es sei denn, einer würde zu einem Sicherheitsrisiko werden oder es wäre einer, der auch für die Stasi arbeitete, und das hauptberuflich.

Er tippte auf Letzteres. Einen Moment war er sogar versucht gewesen, sie mit dem Namen Sven Oldenburg aus der Reserve zu locken, in der Hoffnung, dass ihre Reaktion sie verraten würden. Doch dann hätte er preisgegeben, was er vermutete und das war es nicht wert, entschied er. Beweise hatte er ohnehin nicht. Der Mann war ihm als Kulturattaché einfach zu viel unterwegs in Oslo und hatte seine eher seltenen Bewacher schon einige Male abgehängt, was darauf schließen ließ, dass er ein Profi war. Außerdem war es üblich, dass auch Geheimdienstleute in den Botschaften der Länder arbeiteten, und die der DDR wurde fast ebenso gut überwacht wie die der Sowjetunion. Er würde es aber im Hinterkopf behalten und sollte Sven Oldenburg abreisen und für ihn jemand anders auftauchen, war das auch eine Bestätigung. Es war immer gut, die Leute zu kennen, die einem auf die Finger schauen wollten.

Als er am nächsten Morgen die Rechnung an der Rezeption beglich, hatten sich Müdigkeitsfalten in sein Gesicht gegraben. Die restlichen Stunden der Nacht hatte er mit Grübeln verbracht, aber das einzige Ergebnis seiner Überlegungen war, dass er eine Karte der Ostsee vor Warnemünde brauchte, und zwar dringend.

 

Sie fickt nur Männer

Dezenter slow Jazz beschallte die in schummeriges Licht getauchte Tanzfläche. Klein genug, dass ein afrikanischer Elefant beim Versuch, sich auf ihr zu drehen, mit seinem Hintern die Kristallgläser vom Tresen und mit seinen Ohren die Lampen von der Decke gefegt hätte, war sie immerhin groß genug für jede Form von musikbefeuertem Nahkampf. Herzen und Nasen waren hier gebrochen und unter wilden Verrenkungen Kinder auf ihr gezeugt worden. Selbst ein Mord war hier schon geschehen und wer beim Tanzen auf den Boden blickte statt in das Dekolleté seiner Angebeteten, sah auf dem dunklen, von tausenden Absätzen zerschrammten Eichenholz noch dunklere Flecke und konnte sich einbilden, es wäre das getrocknete Blut von damals.

So ist das mit dem Blut, dachte Ole Mortensen. Man kann es wegschrubben, bis kein einziges Molekül mehr vorhanden ist, aber die menschliche Psyche bewahrt die Erinnerung ein Leben lang. Da kann man nichts so einfach wegwischen.
Er hob das schwere Glas mit seinem dritten Single Malt. Im indirekten Licht aus den Paneelen aus lichtdurchlässigem, milchigem Plastik über dem Tresen schimmerte die Flüssigkeit in einem wunderbaren, satten Bernsteingelb. Schon der Anblick weckte die Geschmacksknospen, Speichel sammelte sich in seinem Mund und vermischte sich mit dem Whiskey, als er einen Schluck nahm. Das Aroma von Karamell und Nüssen explodierte auf seinem Gaumen und voller Genuss behielt er die Flüssigkeit einen Moment im Mund. Dann ließ er sie die Kehle hinabrinnen und hielt den Atem an, bis die Hitze einer winzigen Sonne in seinem Magen explodierte. Befriedigt leckte er sich die Lippen. Fünfzehn Jahre hatte der Whiskey dafür reifen müssen und er fand, dass es kein Tag zu viel gewesen war.

Für anderes schon. Für diesen Torpedo in der Ostsee zum Beispiel. Er hätte nie gefunden werden dürfen. Er hätte auch nie gebaut werden dürfen, aber das war nicht zu verhindern gewesen. Anfang der sechziger Jahre hatte man in der Sowjetunion an Psychopharmaka gearbeitet, die ein paar Unzulänglichkeiten des menschlichen Körpers verbessern sollten, war aber nicht sehr weit gekommen. Dann hatte das Militär übernommen, die Forschung vorangetrieben und schließlich ein erstes Feldexperiment in der Ostsee gemacht, die die rote Flotte damals als ihre eigene Spielwiese betrachtet hatte. Das U-Boot war unter mysteriösen Umständen gesunken, hatte aber zuvor noch einen Langstreckentorpedo mit der neuen Waffe abfeuern können. Worauf, wusste niemand, denn als man das U-Boot endlich fand, war darin niemand mehr am Leben, der darüber hätte Auskunft gegen können. Der Torpedo war eine Spezialentwicklung gewesen mit einer Reichweite von dreißig Seemeilen. Trotz intensivster Suche, die unter der Tarnung eines unangekündigten Flottenmanövers stattfand, blieb er verschollen und man hatte gehofft, das salzige Wasser der Ostsee würde das Nervengift darin im Laufe der Jahre auflösen und so die Gefahr einer Entdeckung bannen. Das gesamte Projekt wurde begraben. Das, was man an Bord des gesunkenen U-Bootes gesehen hatte, war so verstörend gewesen, dass man die Forschung an dem Nervengift beendete und alle Unterlagen vernichtete. Den an dem Projekt beteiligten Wissenschaftlern wies man neue Forschungsgebiete zu, die alle eine Gemeinsamkeit besaßen: Sie lagen in Zentralsibirien. Eine speziell geschaffene Abteilung des KGB sorgte dafür, dass es ihnen dort an nichts mangelte, am allerwenigsten an staatlicher Aufmerksamkeit. Nicht alle waren mit dieser Vorgehensweise einverstanden gewesen. Gerade beim Militär war man nicht glücklich damit, eine Waffe, die das Potential hatte, das militärische Gleichgewicht des Schreckens in der Welt zu verändern, freiwillig aus der Hand zu geben.

Er nahm noch einen Schluck, stellte das Glas zurück auf die polierte Tresenplatte aus schwarzem Mahagoni und blickte zum Eingang. Keinen Augenblick zu früh. Hinter den beiden Frauen, die gerade ihre Mäntel abgegeben hatten, tauchte die hochgewachsene Gestalt Johannas auf. Mit einem wortlosen Nicken ließ sie sich ihren lindgrünen Steppmantel abnehmen und warf dabei scheinbar gelangweilt einen Blick in den Saal vier Stufen unter ihr. Ole Mortensen täuschte sie damit nicht. Er wusste, dass sie in diesen wenigen Sekunden alles wahrgenommen hatte, was wichtig war: ein paar einsame Männer an niedrigen Tischen mit billigen Lampen mit grünen Plastikschirmen, das Pärchen, das sich neben ihm verliebt die Hände tätschelte, wo der Weg zur Toilette war und natürlich, wo er saß und ob er alleine war.

Sie wartete, bis das Paar an ihr vorbeiging, das hinter ihr durch die Tür gekommen war, und folgte ihm, als würde sie zu den beiden gehören. Nicht weit von Ole entfernt, ließ sie sich an einem Tisch direkt an der Tanzfläche nieder. Auf der anderen Seite war der Gang für das Personal und die Gäste und die Tische links und rechts davon waren noch nicht besetzt. Ein goldgerahmtes Reserviertschild darauf machte klar, dass sie noch mindestens eine Stunde ohne Gäste bleiben würden.

Sie war zwar schlank, wirkte aber nicht zerbrechlich. Mit hoch angesetzten, zarten Wangenknochen und wie bei Asiaten leicht schräggestellten Augen, besaß sie eine herbe Schönheit, die sich dem nur flüchtigen Betrachter entzog. Nicht nur ihr Gang, auch ihr Gesicht besaß Entschlossenheit und Charakter und aus ihren grünen Augen leuchtete verführerisch kalt mehr Intelligenz, als den meisten Männern hier lieb sein konnte, auch, wenn sie versucht hatte, es zu verstecken. Sie hatte ein paar Pinselstriche zu viel Rouge auf die Wangen aufgetragen, ihre geschwungenen Lippen wären auch ohne Lippenstift blutvoll rot gewesen und ihre Haare, deren Farbe an die Glut eines Holzfeuers erinnerte, hätten besseres verdient gehabt als die billige braune Plastespange, die sie in ihrem zarten Nacken nur nachlässig zusammenhielt. Sie sah aus wie eine Frau, die gerne eine Dame gewesen wäre, es aber nie sein würde, weil sie weder das Geld noch die Klasse dafür besaß. Eine Frau, die genau in dieses Lokal gehörte und an den Tisch, an dem sie sich jetzt niederließ.

Ole Mortensen war nicht entgangen, wie viele Blicke, nicht nur von Männern, ihr gefolgt waren, und ein kaum merkliches Grinsen huschte über sein Gesicht. Es war nicht so, dass er das nicht nachvollziehen konnte. Auch, wenn er sich selbst einredete, dass er nicht auf Sex mit einer Gefriertruhe stand und der Begriff ‚Eiszapfen‘ bei ihm da eine ganz neue Bedeutung bekäme. Hinterher …

Ohne die cremefarbenen, halblangen Lederhandschuhe auszuziehen, holte sie ein silbernes Zigarettenetui aus einer Handtasche in der gleichen Farbe, legte es vor sich auf den Tisch und ihr Gesichtsausdruck dabei riet jedem, ihr noch nicht zu nahe zu kommen. Vielleicht hätte sie eine Ausnahme für Steve McQueen oder Robert Mitchum gemacht, aber auch da war Ole sich nicht so sicher. Er verkniff sich wieder ein Grinsen.

Er war es gewesen, der ihren Lebenslauf entworfen hatte und wie immer in solchen Fällen, hatte er sich dicht an die Wahrheit gehalten und war sehr tiefgründig dabei vorgegangen. Danach war es das Jahr 1944 gewesen, als Ansgar Brolin über sich das Strahlen in den smaragdgrünen Augen von Elfriede Willner gesehen hatte. Ihre eigenen Landsleute hatten dem norwegischen Kommunisten ein paar Kugeln in die Brust gejagt. Sie hatte sie herausoperiert und weil sie schon da in der Nähe zu tun hatte, hatte sie sich auch gleich noch sein Herz genommen. Fünf Jahre später verließ die junge Familie Brolin Norwegen und siedelte sich in der Heimat von Elfriede in Ostberlin an. Ende 1957 gebar sie eine Tochter und nannte sie Johanna. Das Mädchen wuchs zu einem Ebenbild ihrer Mutter heran und wie diese auch, wurde sie Ärztin. Ihr praktisches Jahr absolvierte sie in einem Militärlazarett in Bad Saarow in der Nähe von Ostberlin und arbeitete danach am Bezirkskrankenhaus in Rostock. Hier ereilte sie auch ihre eigene Diagnose: Leukämie. Zwei Monate später, am 11. September 1981 zog sie sich gegen dreiundzwanzig Uhr am Strand von Warnemünde aus. Die Nacht war warm, wolkenverhangen und der Platz, den sie gewählt hatte, konnte von den Grenzsoldaten der DDR, die von ihren Wachtürmen die Einhaltung des Nachtbadeverbotes am Ostseestrand zu kontrollieren hatten, nicht eingesehen werden. Sorgsam faltete sie ihre Sachen zusammen und warf einen letzten Blick auf die Lichter von Warnemünde. Dann schwamm sie, nackt wie sie vierundzwanzig Jahre zuvor geboren worden war, auf die Ostsee hinaus. Bis hierhin war die Geschichte wasserdicht, weil sie sich wirklich so zugetragen hatte. Jeder, der die Fakten zusammentrug, würde nur zu einer Schlussfolgerung kommen können: Sie musste in jener Nacht in der Ostsee ertrunken sein und genau so war es auch. Wurde sie jemals gefasst, und fand man den Namen heraus, unter dem sie in Norwegen lebte, musste man annehmen, ihr sei die Flucht über die Ostsee gelungen, weil sie ein Schiff aufgenommen hatte und man den Blutkrebs hatte heilen können. Sie hätte in einem Verhör sogar den Namen des Schiffes und seines Kapitäns nennen können, das sie damals aus dem Wasser gefischt hatte.

Ihr Blick streifte ihn. Er holte ein peinlich sauberes, weißes Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche hervor und putzte umständlich seine Brille, setzte sie wieder auf, trank seinen Scotch aus und legte einen Geldschein auf das schwarze Mahagoni des Tresens. Mit den Zehenspitzen angelte er vom Barhocker aus nach dem Fußboden, fand Halt und rutschte von seinem Sitz. Ein paar Trippelschritte auf kurzen Beinen, dann ließ er sein goldenes Feuerzeug vor ihr aufflammen. Es war ein hübsches kleines Spielzeug, nicht einmal allzu teuer. Mehr als einen Kleinwagen hätte man dafür nicht kaufen können.

„Danke“, sagte sie mit rauchiger Stimme und alle Sünden klangen darin mit, die hier schon begangen worden waren.

Er ließ sich direkt neben ihr in die Sitzpolster fallen. „Unauffälligkeit ist etwas anderes.“

„Gummistiefel und ein Kartoffelsack wären dir lieber gewesen?“

„Hätte zu deinem Make-up gepasst.“

Sie lächelte mit vollen Lippen, lehnte sich zurück, hob ein wenig das schmale Kinn und bildete ein „O“ mit dem Mund. Rauch kroch hervor und bildete, kaum, dass er ihren Mund verlassen hatte, einen perfekten Ring vor ihrem Gesicht. Sie beobachte ihn einen Moment, dann wedelte sie ihn beiseite.

Er warf einen unauffälligen Blick zu den Nachbartischen. Sie waren noch nicht besetzt. Johanna hatte gut gewählt.

Sie schlug die Beine übereinander und ließ den Saum ihres cremefarbenen Bleistiftrocks über ihr Knie rutschen. Nylon schimmerte auf und auch seine Augen. Sie lachte kühl. „Es zeugt hier nicht unbedingt von Stil, sich zu einer Dame an den Tisch zu setzen und dann in der Weltgeschichte umherzuschauen. Bin ich dir nicht aufregend genug?“ Wieder schoss Rauch aus ihrem Mund hervor.

„Hör auf …“ Er hustete und wedelte mit der Hand den stinkenden Dunst beiseite. „Hör auf mit dem Spielchen. Du fliegst nach Ostdeutschland.“

Wenn sie überrascht war, so ließ sie es sich nicht anmerken. „Wenigstens ist es da nicht so kalt wie in der Antarktis.“

Er ließ einen Mann und eine Frau vorbeigehen, bevor er weitersprach. „Um die Expedition kommst du nicht herum. Jemand muss Hakonsen auf die Finger schauen und unsere Leute warnen. Trotzdem must du vorher noch etwas erledigen. Also hör zu und halte für ein paar Sekunden deine hübschen Beine ruhig.“

„Sie sind dir aufgefallen?“ Sie wechselte die Position, der Rock rutschte noch höher und gab ein paar Zentimeter eines schwarzen Strumpfhalters preis.

Er raunzte: „Ich bin nicht zum Spaß hier.“

„Du bist doch sonst nicht so wählerisch. Ich habe schon als kleines Mädchen von nichts anderem geträumt, als mich mit einem Geheimdienstmann im Bett zu wälzen.“

Ihr Gesichtsausdruck dabei strafte ihre Worte Lügen und was er darin las, machet ihn wütend. „Vergiss nicht, wer du bist!“ Er packte ihr Handgelenk und presste es, dass die Sehnen auf seinem Handrücken hervortraten.

Lasziv lächelnd, aber mit Eis in den Augen, stellte sie einen Pfennigabsatz auf seinen Fuß. Eben noch verführerisch, klang jetzt aus ihrer Stimme das Knacken, mit dem ein Eisberg geboren wird: „Mein Absatz hat zehn Quadratmillimeter. Wenn du wissen willst, was mit deinem Fuß passiert, wenn er ruckartig auf dieser winzigen Fläche mit fünfundsechzig Kilogramm belastet wird, darfst du dich gerne weiter an meinem Arm abarbeiten. Wir wissen beide, dass es das Einzige ist, an dem du dich bei mir abarbeiten kannst.“

„Du warst nie ein kleines Mädchen“, maulte er, ließ ihr Handgelenk los und wischte sich wieder mit dem Taschentuch die Stirn. „So langsam bin ich mir nicht mehr sicher, ob du die richtige Wahl warst.“

„Ich auch nicht“, murmelte sie und lauter: „Du verstehst vom Spielen einer Rolle so viel wie mein Kühlschrank von Quantenphysik.“

Er öffnete seine Aktentasche und reichte ihr ein Flugticket, einen Pass und einen Umschlag mit Geldscheinen. „Nach Hamburg und von dort hinter den Eisernen Vorhang nach Ostberlin. Dein Alter Ego kennt man wahrscheinlich noch im Militärlazarett in Bad Saarow. Was bedeutet, dass ich eine neue Geschichte für dich brauchte. Ist im Umschlag. Damit kommst du bis hinein. Wenn du da bist, musst du schnell entscheiden. Klau einen Dienstausweis oder etwas in der Art.“

„Interessant.“ Ein Schatten flog über ihr Gesicht, so kurz, dass Ole Mortensen ihn fast nicht bemerkte. „Was soll ich da?“

Er blickte sich im Saal um. Die Jazzband kam nach ihrer Pause zurück, der Drummer taktete das nächste Stück an. Er rückte näher an sie heran und sagte in das Aufbranden der Klänge: „Der fehlende Torpedo ist wahrscheinlich aufgetaucht.“ Sofort korrigierte er sich: „Nicht aufgetaucht. Gefunden worden. Von drei Tauchern. Zwei sind tot, einer hat überlebt, was eigentlich nicht sein kann. Aber es ist so.“

„So viel zum Thema: Die Hoffnung stirbt nie.“ Die Art, wie sie hastig zwei, drei Züge nacheinander machte, verriet, dass sie verstanden hatte, was diese Nachricht bedeuten konnte. „Bist du dir sicher? Ich meine – absolut sicher?“

Ole Mortensen schüttelte den Kopf. „Nein. Aber wenn … Zwar haben sie nicht die Mittel, es in seinem Blut zu finden, aber wenn einer ihrer Chemiker die richtigen Fragen stellt …“

Sie griff nach ihrem Zigarettenetui, klappte es aber nicht auf, sondern drehte es nur zwischen den Fingern. Es gab noch eine Geschichte über sie, hinter der Geschichte, so tief vergraben, dass selbst Johanna sich ihrer nur noch als dunklen Schatten erinnerte, so ungreifbar wie der Angstschrei in einem Traum, der es nicht bis über die Lippen schafft. Fast, als hätte es ein Leben für sie gegeben vor jener Nacht auf dem Schiff, nachdem man die Leiche der echten Johanna Brolin an Bord gezogen hatte. Ein Schaudern kroch ihr das Rückgrat empor und und er hing mit dem zusammen, was die beiden Taucher in der Ostsee getötet hatte.

„Sentimentalität steht dir nicht“, schnaubte Ole Mortensen.

„Leben irgendwie auch nicht. Dieses hier.“ Sie gab sich einen sichtbaren Ruck. „Es ist nicht mehr rückgängig zu machen. Was soll ich also da?“

„Ihm eine Blutprobe abnehmen, sie analysieren – du weißt, wonach du suchen musst – und seine Leiden beenden, wenn es sich bestätigt.“

„Mortensen, Mortensen …“ Sie malträtierte den Rest ihrer Zigarette in dem Aschenbecher aus billigem Kristallimitat, obwohl sie schon längst ihre Glut ausgehaucht hatte. „Mord habe ich noch nicht auf meiner Liste.“

Hinter dem seidigen Vorhang ihrer Wimpern schimmerte etwas in dem satten Grün ihrer Augen, das ihm überhaupt nicht gefiel. Hingegen gefiel ihm, wie die Leute hier lebten und er auch. Er verfügte über ein gewisses Maß an Macht, die er noch zu vergrößern gedachte; hatte genügend Geld, um sich keine Sorgen machen zu müssen, und konnte sich seine Träume erfüllen. Der, wieder nach Hause in die Dunkelheit und eisige Kälte der Antarktis zu müssen, gehörte nicht dazu. Es war zwar auch kalt in Norwegen, aber das galt nicht für die Frauen. Er hatte eine Menge Spaß hier, etwas, von dem Johanna nichts verstand. Sie war eine Hardlinerin, nahm jeden Auftrag bitterernst und genau dafür war sie auch geschaffen worden. Ein paar Mal hatte er vorsichtig bei ihr sondiert, ob er sie auf seine Seite ziehen konnte, war aber stets gegen eine Mauer aus stählerner Überzeugung gerannt.

Sie bohrte: „Keine Antwort?“

„Du hast keine Frage gestellt.“ Er hob die Hand und bestellte den nächsten Scotch. „Wirst du den Auftrag ausführen?“

„Eine Frau schenkt Leben, sie nimmt es nicht, und Männer sollten es beschützen. Was ist mit einer Transfusion?“

Er hatte gewusst, dass sie nicht begeistert sein würde. Genaugenommen hätte er sich gewundert, wenn sie widerstandslos zugestimmt hätte. Er hob die Hand, bestellte den nächsten Scotch, dann antwortete er auf ihre Frage. „Lass uns mal die möglichen Szenarios durchspielen. Da drüben sitzt Michail Maximow, einer von der alten Schule und der hat sich seine Sporen noch unter Berija verdient. Probleme löst man, indem man sie beseitigt, bevor sie entstehen, war seine Devise. Damit ist nur zu hoffen, dass die Russen nichts davon mitbekommen haben, denn wenn doch, landet es auf seinem Schreibtisch und er wird nicht in Moskau anrufen und um Anweisung betteln. Nicht Maximow! Der wird handeln. Aber wie, hängt davon ab, ob er zu den Hardlinern von damals gehört oder zu denen, die alles vertuschen wollten. Entweder wird er den Mann noch im Krankenhaus umbringen lassen – das wäre die günstigste Variante – oder er wird versuchen, an sein Blut zu kommen, denn das ist das einzige Ergebnis, das von den damaligen Forschungen noch existiert. Also ihn entweder entführen und dann verschwinden lassen, oder …“ Er winkte ab. „Maximow hat genug Optionen, und keine davon ist besonders appetitlich. Der ostdeutsche Geheimdienst kuscht vor dem KGB und damit hat Maximow so gut wie freie Hand. Wenn es also dumm läuft, geht alles von vorne los und bei den heutigen Möglichkeiten ist damit zu rechnen, dass der KGB ziemlich schnell eine wahrhaft teuflische Waffe daraus macht und wir wie damals alles riskieren müssen, um sie zu zerstören. Alles, was wir haben, ist die Hoffnung, dass es nicht so kommt. Wir gehören aber nicht zu denen, die mit dem Leben würfeln und darauf hoffen, dass sie einen Sechserpasch bekommen. Wir zinken die Würfel, oder? Das haben wir immer getan.“

An dieser Stelle unterbrach er sich. Der Scotch kam. Er schob ihn in die Mitte des Tisches und beugte sich dicht an Johanna heran. Er hätte gerne jemand anderen geschickt, jemanden, bei dem er nicht hätte so viel Druck aufbauen müssen. Nur hatte er keine Wahl. Sie waren nicht mehr so viele wie früher, die Ressourcen waren knapp und die Nächsten von ihnen waren in Moskau mehr als zweitausend Kilometer entfernt. Aber ein Argument hatte er noch und das hatte er sich mit voller Absicht bis zum Schluss aufgehoben. Mitgefühl hatte er bei sich schon lange ausgemerzt und es durch Objektivität und kalte Berechnung ersetzt, aber er wusste sehr wohl, es bei anderen zu benutzen, damit er bekam, was er wollte. Sie besaß ein Herz, das zu allen menschlichen Gefühlen fähig war, auch, wenn sie glaubte, es gepanzert zu haben.

Er gab seiner Stimme einen beschwörenden Klang. „Das sind aber nur die sachlichen Erwägungen. Es geht doch um einen Menschen, oder? In dem Moment, in dem die Ladung des Torpedos hochgegangen ist, war sein Urteil gesprochen. Es ist nur noch die Frage, wann es vollstreckt wird, von wem, vor allem aber: wie! Vielleicht finden sie es ja nicht in ihm. Vielleicht überlebt er das sogar, auch wenn er der Erste wäre, von dem ich je gehört habe, und vielleicht kriegen die Russen nichts mit. Und dann? Hast du an die Konsequenzen für ihn gedacht? Erst scheint alles in Ordnung, für ein paar Wochen ein normales Leben und dann wacht er eines Morgens auf, seine Hände zittern und es hört nicht auf. Wenn er dann nicht die zweite Komponente bekommt … die Schmerzen werden ihn in den Wahnsinn treiben, so etwas hält kein Mensch aus auf Dauer. Und eine Transfusion? Was ist los mit dir und deinem so brillanten, eiskalten Verstand? Sollen ihn in ein paar Monaten oder Jahren aus dem Spiegel die gleichen kalten Augen anschauen, wie du sie hast? Er wird sich dann nicht daran erinnern, dass du ihm das Leben gerettet hast, nein, er wird sich daran erinnern, dass du es warst, die ihm seine Menschlichkeit genommen hat. Du! Und er wird dich hassen dafür, wie noch nie ein Mensch gehasst hat und das, was in seinem Blut zirkuliert, gibt ihm die Möglichkeit, seinem Hass auch Taten folgen zu lassen. Eiskalt, gnadenlos. Er wird nicht einmal mehr wissen, dass es so etwas wie ‚Gnade‘ gibt und nicht einmal du wirst ihm dann entkommen können. Ich will dich nicht wegen so einem dummen Fehler verlieren!“

Ein paar Mal holte er Luft, um sich scheinbar zu beruhigen, dann winkte er ab und ließ sich zurücksinken. „Egal, was du tust … selbst wenn du hier jetzt einfach sitzen bleibst und dich von einem der Kerle hier flachlegen lässt …“ Er machte eine ausholende Handbewegung. „Sie sabbern ja schon nur bei deinem Anblick … wie eklig … Auf ihn wartet nichts mehr, für das es sich zu leben lohnt. Dann fliege lieber rüber und sorge dafür, dass sein Weg durch die Hölle möglichst kurz ist!“

In ihrem Gesicht arbeitete es und es war, als bekäme eine perfekte Marmorskulptur ganz winzige Haarrisse. Er war zufrieden, sowohl mit dem, was er bei ihr erreicht zu haben schien als auch mit dem Eindruck, den das auf die Typen machen musste, die immer wieder Blicke auf sie geworfen hatten. Als sei er verärgert, griff er nach seinem Whiskyglas und stand ruckartig auf. Von oben herab sah er sie böse an, damit alle das mitbekamen, dann er verzog er sich an seinen Platz am Tresen. Er wettete mit sich, dass es keine zehn Minuten dauern würde, und er behielt recht.

Ein paar Tische weiter, halb verdeckt durch ein paar besetzte Tische, saß ein solariumgebräunter Mann mit breiten Schultern, Armani-Anzug, Goldkette und dandyhaftem weißen Cashmereschal. Mehr als einmal war wohl eher unbewusst seine Zunge zwischen seinen Lippen erschienen, während er Ole Mortensen und Johanna beobachtet hatte. Er war einer von denen, die in jedem besseren Lokal anzutreffen waren, und es waren nicht immer nur Männer. Immer teuer angezogen, scheinbar weltgewandt, wohlriechend und doch bis ins Mark verfault. Sie fühlten keinen Schmerz und merkten keinen Einschlag. Wenn sie mit ihrem Gelaber keinen Erfolg hatten, suchten sie nach der nächsten Gelegenheit, so lange, bis jemand ihrer Sucht nach Selbstbestätigung erlag. Dann krallten sie sich, was sie nur bekommen konnten, Geld, Sex, Selbstachtung und zurück ließen sie eine besudelte Seele.

Ole Mortensen hatte noch nicht einmal das zum Tresen mitgenommene Glas halb geleert, da klebte der Armani-Anzug sich ein professionelles Lächeln ins Gesicht und sprang auf. Nach ein paar gezierten Schritten stand er neben Johanna, beugte sich vor, sprach auf sie ein und griff nach der Lehne des freien Stuhls neben ihr.

Als suchte sie nach der Stelle, an der sie das Messer ansetzen konnte, um ihm die Haut abzuziehen, musterte sie seine überaus soignierte Erscheinung, sein gewinnendes Lächeln und die gepflegten, haarlosen Hände mit den manikürten Nägeln. Dann sagte sie, und obwohl sie saß, schien es, als fielen ihre Worte von ganz weit oben auf ihn herab: „Ich will weder, dass Sie jetzt an meinem Tisch Platz nehmen, noch später zwischen meinen Beinen. Und wissen Sie warum?“ Mit diabolisch glitzernden Augen und dem Knacken des berstenden Eisbergs in ihrer Stimme setzte sie hinzu: „Ich ficke nur Männer!“

Sie griff nach den Dokumenten und dem Pass und ließ sie zusammen mit ihrem silbernen Etui in ihre Tasche fallen. Dann erhob sie sich wie eine aufzüngelnde Flamme, warf einen deutlichen Blick in die Runde, vergaß Ole Mortensen nicht dabei und landete schließlich wieder bei ihrem erstarrten Opfer. „Und die suche ich mir selbst aus. Hier werde ich da wohl nicht fündig.“

Hochaufgerichtet, den Kopf stolz erhoben und den Rücken durchgedrückt, ging sie mit schwingenden Hüften und wiegenden Schritten, für die ihr jedes professionelle Mannequin vor Neid die Augen ausgekratzt hätte, zum Ausgang.

 

Familien-Bande

Militärlazarett Bad Saar, Mitte September

Von irgendwoher fiel Licht herein. Nur gerade genug, dass es ein Muster aus grauen Schatten an die Decke warf. Es erinnerte ihn an ein Schachbrett. So weit er es konnte, folgte er mit seinem Blick den Linien zur Quelle der Helligkeit. Er kam nicht weit genug. Er hätte den Kopf drehen müssem und etwas erinnerte ihn daran, dass er das besser nicht tat. Er machte es trotzdem, Schmerz schoss sein Rückgrat empor, explodierte in seinem Kopf und er dachte: Atmen, erst einmal atmen.

Er wusste nicht, wie lange es dunkel gewesen war. Zeit schien ihm nichts, was ihm von Nutzen sein könnte. Seine Augen waren es, immerhin konnte er sie bewegen und so konzentrierte er sich auf das, was sie ihm zeigten. Das Schachbrettmuster an der Decke war nicht real, es war nur ein Schattenspiel. Irgendwo hinter ihm fiel das Licht von einer Laterne draußen ins Zimmer. Bevor es die Decke erreichte, traf es auf etwas, dass das Muster über ihm erzeugte: Gitterstäbe.

Er unterdrückte den Schrecken. Später, ermahnte er sich, später. Lage beurteilen, für Wertungen und Emotionen war immer noch Zeit. Er sah, dass man ihm in beide Armbeugen Ports gelegt hatte, von dem im Rechten führte ein dünner Schlauch zu einem Ständer und einem durchsichtigen Beutel daran, der mit einer Flüssigkeit gefüllt war. Er war nur noch halbvoll. Die andere Hälfte befand sich bereits in seinem Körper. Die andere Hälfte wovon? Nein, korrigierte er sich. Wogegen?

Der Schmerz kam mit der Erinnerung. Er kniff die Augen zusammen und doch war er machtlos gegen den Film, denn er lief in seinem Kopf. Immer, wenn er halbwegs zu sich gekommen war in den letzten Tagen, – oder waren es schon Wochen? – trug die Strömung die leblosen Körper von Andreas und Werner davon, schwarze Neoprenpuppen auf dem Weg ins Vergessen, aufblitzend wie in Stroboskoplicht von den durcheinanderwirbelnden Handscheinwerfern, bis auch diese davontrieben und dabei das Blut anleuchteten. Unmengen von Blut, genau so schwarz wie die Körper, ölige, lautlose Schlieren, die sich wie Krakenarme wanden und immer dünner wurden. Etwas blitzte auf, eine Faust aus Wasser traf ihn, er riss den Kopf herum und der Torpedo hörte einfach auf, zu existieren, als wäre er nie dagewesen. Schmerzen kamen, unglaubliche Schmerzen, aber nicht von außen. Etwas war in seinen Körper eingedrungen und es waren nicht nur die Klingen der Tauchermesser von Andreas und Werner gewesen. Er hatte sie abgeschlachtet wie Seekühe und der ganze Ozean färbte sich schwarz von ihrem Blut …. schwarze, tote Körper …atmen … atmen …

Als er die Augen das nächste Mal aufschlug, wusste er sofort, wo er sich befand. Was er nicht wusste, war, ob Stunden oder Tage seit seinem letzten Aufwachen vergangen waren. Er verzichtete darauf, herauszufinden, inwieweit ihm sein Körper gehorchte, zu gut hatte er noch sein letztes Experiment in Erinnerung. Er schickte ein paar Gedanken durch seinen Kopf, sie kehrten ohne die schwarzen Körper zurück und es schien ihm, als könnte er endlich wieder klar denken.

Er nahm nicht an, dass man ihn in ein ziviles Krankenhaus gebracht hatte. Zum einen war er Militärangehöriger, zum anderen ging er nicht davon aus, dass es in einem zivilen Krankenhaus Zimmer mit Gittern vor den Fenstern gab. Vielleicht in der Psychiatrie, aber danach sah sein Zimmer nicht aus. Ganz ausklammern wollte er es aber auch nicht, schließlich hatte er keine Vorstellung davon, wie ein solches Zimmer beschaffen sein könnte.

Es blieb noch die Möglichkeit, dass er sich auf der Krankenstation eines Gefängnisses befand. Dann war es wahrscheinlich in Schwedt. Das hing davon ab, ob er nur verletzt war oder ob sein Gefühl, das etwas in seinem Körper wütete, dass da nicht hingehörte, den Tatsachen entsprach. Das würde man dann kaum in einem Gefängnis behandeln, wenn man es denn überhaupt wollte. Genau das war die Frage. Wollte man es überhaupt? Etwas sagte ihm, dass er Grund zu der Annahme hatte, dass sein Tod nicht ungelegen käme, und er war selbst daran schuld.

Er war in Panik geraten. Erstaunlicherweise nicht, als Andreas und Werner ihn angegriffen hatten, denn dann wäre er jetzt tot gewesen. Nein, er war in Panik geraten, als man ihn an Bord gehievt hatte und er erzählt hatte, was geschehen war. Genau das hätte er nicht tun dürfen, wurde ihm klar. Andreas und Werner, zwei Männer, die in den letzten drei Jahren mit ihm durch die Ausbildung gegangen waren und die dem, was er als Freunde bezeichnete, noch am nächsten gekommen waren, hätten ihn niemals angegriffen. Etwas hatte sie dazu gezwungen und das konnte nur das gewesen sein, was aus dem Torpedo ausgetreten war. Er kannte so gut wie jede Unterwasserwaffe, ihre Ladung, Reichweite, Sprengkraft und ihre taktischen Einsatzparameter. Ein Torpedo, dessen Gefechtskopf eine Ladung trug, die Menschen zu wütenden Bestien machte, gehörte nicht dazu. Seine Logik zwang ihn, anzunehmen, dass es nur ein Kampfstoff gewesen sein konnte. Ein chemisches Gift, das so aggressiv war, dass es weder das Wasser hatte schnell genug neutralisieren können, noch das die Neoprenanzüge hatten aufhalten können. Überlebt hatte er nur, weil er abseits der Strömung seine beiden Genossen gesichert hatte. Aber er hatte nicht alle ihre Stiche abwehren können und so schien es ihm wahrscheinlich, dass das, was in ihm wütete, durch die Klingen der Tauchermesser eingedrungen war. Schlussfolgerung: In seinem Körper befand sich ein Gift. Schlussfolgerung zwei: Er hatte zwei Männer getötet, ohne beweisen zu können, dass sie es gewesen waren, die ihn zuerst töten wollten. Es sei denn, das Gift und seine Wirkung wären bekannt. War es das?

Er blickte sinnend auf das Schachbrettmuster an der Decke. Er fühlte sich so schwach, dass es der Gitter vor seinem Fenster nicht bedurft hätte, um ihn am Ausbrechen zu hindern. Trotzdem waren sie da. Musste er sich fragen, ob er irgendwann, wenn der Prozess in seinem Körper weit genug fortgeschritten war, auch so reagieren würde wie Andreas und Werner. Deswegen die Gitter? Damit er nicht noch mehr umbrachte?

Atmen … Keine Spekulationen … Metaphysik … Er kämpfte die Panik in seinem Inneren nieder. Atmen … Metaphysik betreiben heißt, mit verbunden Augen in einem dunklen Zimmer eine schwarze Katze zu suchen, die gar nicht darin ist. Wie an einem Rettungsfloß verankerte er seine Gedanken an diesem Satz. Ob die schwarze Katze im Zimmer war, wusste er erst, wenn sie ihn gebissen hatte und noch war es nicht so weit. Bis dahin brauchte er etwas, an dem er sich festhalten konnte, einen festen Punkt für sein Denken, einen unbestreitbaren Fakt, zu dem er zurückkehren konnte, wenn er ins Reich der Spekulation davontrieb. Sonst würde er wahnsinnig werden.

Der 53-65m war in der Sowjetunion entwickelt worden. Sie besaß Kernwaffen, hatte jedoch immer den Besitz von chemischen und biologischen Waffen vehement abgestritten. Wenn es stimmte, hatte er nur sich selbst zu fürchten. Wenn es nicht stimmte und er auf eine verbotene Waffe gestoßen war … Er stöhnte leise. Der KGB war die eiserne Faust des großen Bruders, wie man die Sowjetunion in der DDR nannte, was implizierte, dass sein eigenes Land der kleine Bruder war, und die Familien-Bande wusste ihre Geheimnisse sehr wohl zu schützen.

Er gab auf. Es waren zu viele Fragezeichen. Sein Denken war wie ein Pfeifen im dunklen Wald, um böse Geister zu verjagen. Wieder sah er Andreas und Werner in die Schwärze davontreiben und er wusste, dass er sie bis ans Ende seines Lebens sehen würde. Sollte er je in die Welt zurückkehren, würde sie für ihn nicht mehr dieselbe sein. Kein Vertun.

 

Die Akte Oldenburg

Ostberlin, Normannenstraße, Ministerium für Staatssicherheit, Mitte September

Es war ein großes, helles Zimmer, fast zehn Meter lang und vier breit. Es hätte das Zimmer des Direktors eines Kombinats oder volkseigenen Betriebes sein können. Zwei große Fenster mit Gardinen im gleichen Schneeweiß wie die hohe Decke, gaben den Blick frei auf das Geschehen in der Normannenstraße. Die Wand zwischen ihnen war mit Buchenholz getäfelt, ebenso die an sie grenzende kurze mit der schalldichten Tür darin. In dem Winkel zwischen beiden Wänden grünte ein penibel gepflegter, mannshoher Gummibaum neben einem Sofa aus beigem Plüsch und einem kleinen Tischchen mit einem verchromten Mittelfuß davor. Auf Besucher, die hier Platz nahmen, blickte ein zentimetergenau nach links und rechts ausgerichteter Erich Honecker mit einem seiner jovialen Halblächeln herab. Böse Zungen behaupteten, er hätte mehrere davon in der Schublade und seine Frau Margot würde ihm jeden Morgen nach einem Blick in seinen Terminkalender das Passende ankleben: Für das Volk das nur Angedeutete, fast Verschämte, damit niemand auf die Idee kam, er hätte mehr zu lachen als die Leute, für Gorbatschow das mit den zusammengebissenen Zähnen hinter schmalen Lippen und für seinen alten Kumpel Mielke das erleichterte, weil der die Leute im Griff hatte. Wenigsten glaubten die beiden das.

Von der den Fenstern gegenüberliegenden Wand lächelte niemand, nicht einmal verschämt. Sie war im gleichen warmen Beige wie der Stoff der Couch gestrichen worden und war, bis auf eine Kohlezeichnung in einem schmucklosen, von der Zeit nachgedunkelten Holzrahmen, vollkommen leer. Dass sie Felix Dzierżyński, den Gründer der Tscheka, darstellte, war ein verständlicher Irrtum von jedem, der hier hereinkam, aber Oberst Müller gedachte nicht, ihn darüber aufzuklären. Zwar war auch Lawrenti Beria ein Tschekist gewesen, hatte den NKWD geführt und die Voraussetzungen für die Gründung des KGB geschaffen, aber als Kettenhund Stalins galt er als Personifizierung der innenpolitischen Gewaltexzesse in der Sowjetunion. Sein Bild in diesem Büro aufzuhängen, deutete immerhin einen gewissen Opportunismus an. Unter seiner Knute hatte niemand etwas zu lachen gehabt. Müller war fasziniert davon, auf welche Art Berija es geschafft hatte, sich gnadenlos seinen Weg bis an die Seite Stalins zu erkämpfen. Er fand, dass die DDR mit einem Mann wie ihm an der Spitze niemals an dem Abgrund gelandet wäre, vor dem sie jetzt stand. Wenigsten wäre keiner mehr da gewesen, der hätte schubsen können. Für die hätte es Lager gegeben.

Das Zentrum des Zimmers beherrschte ein Konferenztisch, die Platte ebenfalls aus furnierter Buche, umgeben von fünf Stühlen mit dick gepolsterten rotweinfarbenen Sitzen und Rückenlehnen, auch sie zentimetergenau ausgerichtet.
Es war ein Zimmer, in dem man sich wohlfühlen konnte, selbstverständlich peinlich sauber und mit dem Maßband eingerichtet, aber doch auf eine ganz besondere Art gemütlich, fand der Oberst. Jeden Morgen betrat er es exakt um sieben Uhr fünfzig, ignorierte Honecker, nickte Berija dafür um so freundlicher zu, legte seine rindlederne Aktentasche auf seinen Schreibtisch, öffnete ihre beiden Schnallen und klappte den Deckel auf. Um sieben Uhr fünfundfünfzig brachte Stabsfeldwebel Arndt die Akten, die Oberst Müller am Abend zuvor angefordert hatte, die neuesten Nachrichten und die aktuellen Tageszeitungen aus dem Westen. Exakt um acht Uhr nahm Müller die erste Akte zur Hand und begann mit seinem Tagesgeschäft in der Hauptabteilung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR.

Er war eine mächtige Erscheinung, fast zwei Meter groß, breit in den Schultern und mit Händen, in denen eine Makarow wie eine Spielzeugpistole gewirkt hätte. Sein flaches Gesicht war überraschen fein geschnitten, hatte trotz seiner über fünfzig Jahre kaum Falten und zeigte stets ein freundliches Lächeln, sofern man den Oberst nicht wirklich verärgerte. Seine bedächtigen Bewegungen erweckten Vertrauen, nie hatte ihn jemand brüllen hören, nie geriet er in Panik und das wollte in Zeiten wie diesen etwas heißen, in denen fast jeder Stasioffizier um mehr als nur seine berufliche Zukunft fürchten musste.

Als Stabsfeldwebel Arndt mit den Tagesnachrichten kam, war der Oberst so vertieft in eine Akte, die er sofort nach Betreten des Zimmers aus seinem Safe geholt hatte, dass er nicht einmal auf das ‚Guten Morgen, Genosse Oberst‘ des Stabsfeldwebels antwortete – nahezu ein Sakrileg. Müller achtete gewöhnlich auch gegenüber Unterstellten auf absolut exakte Umgangsformen.

Der Stabsfeldwebel legte die Dokumente auf die linke Seite des breiten Schreibtisches, der den Balken über dem T des Konferenztisches bildete und an dem der Oberst konzentriert den Bericht von Kerstin Wendt studierte.

„Die Akte Christian Oldenburg?“, fragte der Oberst.

„Sollte jeden Moment aus Kühlungsborn eintreffen“, antwortete der Stabsfeldwebel.

„Danke. Einen Kaffee, bitte.“

„Jawohl, Genosse Oberst.“ Lautlos verschwand Arndt. Wenige Minuten später kehrte er mit einem dicken, versiegelten DIN-A4-Umschlag und einem Halbliterpott frischem, türkisch gebrühten Kaffee zurück. Er kannte die Gewohnheiten des Obersts. Das Wasser hatte schon gekocht, als er ihm die Dokumente vorgelegt hatte.

Müller erhob sich aus seinem Sessel, ging mit der Tasse in der Hand zum Fenster und blickte sinnend hinaus. Auf dem Gipfeltreffen des Warschauer Paktes in Bukarest im Juli hatte die Sowjetunion offiziell die Breschnew-Doktrin der begrenzten Souveränität der Mitgliedsstaaten aufgehoben. Die Beziehungen untereinander sollten künftig auf der Grundlage der Gleichheit, Unabhängigkeit und des Rechtes eines jeden Einzelnen, selbstständig seine eigene politische Linie, Strategie und Taktik ohne Einmischung von außen auszuarbeiten entwickelt werden. Die sowjetische Bestandsgarantie für die Mitgliedsstaaten war damit in Frage gestellt.

Für das politische Kauderwelsch gab es eine Kurzfassung und die lautete: Wir sind raus. Seht zu, wie ihr alleine klarkommt. Müller war sich sicher, dass das nicht funktionieren konnte. Die DDR war immer von der Sowjetunion als Speerspitze gegen den Westen benutzt worden. Ja, sie war nur aus diesem Grund überhaupt nur gegründet worden. Selbst die Nationale Volksarmee, ausgerüstet mit sowjetischen Waffen, hatte nur eine Aufgabe: Im Kriegsfall die NATO-Streitkräfte vierundzwanzig Stunden lang aufzuhalten, bis die Divisionen der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland ihre Verteidigungsstellungen beziehen konnten. Auf gut Deutsch: Die NVA war nichts weiter als Kanonenfutter, so lange, bis die großen Jungs in die Sandkiste zum Spielen kamen.

Jetzt verließ der große Bruder nicht nur seinen Platz hinter dem Steuerrad, nein, er sprang gleich ganz über Bord. Dass das nur ein Ende haben konnte, musste jedem klar sein, der noch alle Tassen im Schrank hatte. Allerdings war da noch die Frage, wie sich die sowjetischen Divisionen auf dem Boden der DDR verhalten würden, wenn es wirklich zum Äußersten kam. Müller war überzeugt davon, dass es irgendeinen Handel zwischen der NATO und der Sowjetunion geben würde, vielleicht sogar schon gegeben hatte, damit die sowjetischen Truppen sich ruhig verhielten und als Handelsobjekt kam eigentlich nur die DDR in Frage.

Er warf einen zornigen Blick auf das Bild von Erich Honecker. Die Beziehung zwischen Honecker und dem Generalsekretär der KPdSU Gorbatschow war schon seit Jahren gespannt: Honecker hielt dessen Politik der Perestroika und Kooperation mit dem Westen für falsch und fühlte sich von ihm speziell in der Deutschlandpolitik hintergangen. Er hatte dafür gesorgt, dass offizielle Texte der UdSSR, vor allem solche zum Thema Perestroika, in der DDR nicht mehr veröffentlicht oder in den Handel gebracht werden durften. Das war eine seiner seltenen brauchbaren Ideen gewesen, fand Oberst Müller, im Gegensatz zum Bruch mit Michail Gorbatschow. Nur war diese Idee viel zu spät gekommen. In den Städten der DDR wuchsen Zahl und Größe der Demonstrationen, und auch die Zahl der DDR-Flüchtlinge über die bundesdeutschen Botschaften in Prag und Budapest und über die Grenzen der „sozialistischen Bruderstaaten“ nahm stetig zu, monatlich waren es mehrere Zehntausend. Die ungarische Regierung hatte im August an einer Stelle und gestern überall die Grenze zu Österreich geöffnet. Es war klar, was kommen würde: Die Leute, die seit fast dreißig Jahren hinter der Mauer zum Westen eingesperrt gewesen waren, würden in Scharen über Ungarn auswandern und es gab nur eine Art, wie man das verhindern konnte: Man musste alle Grenzen schließen. Dann wäre es aber an der Zeit, über Panzer auf dem Alexanderplatz nachzudenken. Müller wusste, dass das im Politbüro bereits diskutiert wurde. Aber Honecker war ein Taktierer, ein Krämer, ein Mann der genuschelten großen Worte und dämlicher Sprüche und kein Mann der Tat. Er konnte nur Leute gegeneinander ausspielen. Halsstarrig gewiss, aber Führungsstärke war etwas anderes.

Viel mehr wusste allerdings nicht einmal Oberst Müller. Es ging drunter und drüber im Staat und wer wirklich wissen wollte, was geschah, musste auf Westnachrichten zugreifen. Doch Müller hatte noch andere Informationsquellen. Männer wie Sven Oldenburg. Er war einer der wichtigsten Aktivposten in Müllers Netzwerk. In Oslo war der Major in einer exponierten Position und sein Wissen um die Aktivitäten des Ministeriums für Staatssicherheit in Nordeuropa waren umfassend. Leider war er nicht mit fliegenden Fahnen zur Stasi übergelaufen, sondern es hatte geduldiger Überzeugungsarbeit bedurft und Müller war es nicht verborgen geblieben, dass den Major immer stärkere Zweifel an seiner Aufgabe quälten, die auch noch durch dessen Sohn befeuert wurden. Müller hatte tief in seine Kiste mit schmutzigen Tricks greifen müssen, um Sven Oldenburg bei der Stange zu halten, und jetzt sah es so aus, als hätte das alles nichts genutzt.

Der Sohn hatte einen schweren Ausbildungsunfall gehabt und gestern noch hatte Müller sich die Frage gestellt, ob er überhaupt etwas in dieser Sache unternehmen sollte oder ob er es aussitzen konnte. Gerade jetzt wollte er nicht auf den Major in Oslo verzichten. Jede Information, die der über die Sicht der NATO auf die politische Krise des Ostblocks sammeln konnte, war nicht in D-Mark zu bezahlen. Wenn er den Vater in Oslo informierte, verlor er einen wichtigen Informanten, denn der würde natürlich sofort zurückkehren wollen. Tat er es nicht, musste er damit rechnen, dass er den Mann ganz verlieren würde, wenn der es aus anderen Quellen erfuhr.

Deswegen war Müller vor einigen Tagen in Bad Saarow gewesen, um sich persönlich vom Zustand Christian Oldenburgs ein Bild zu machen. Müller hatte sich zuvor telefonisch von Korvettenkapitän Elsner berichten lassen und sofort waren in seinem Kopf Fragezeichen aufgetaucht. Zu Christian Oldenburgs Eigenschaften gehörte es nicht, in Panik zu verfallen und wild um sich zu stechen. Wäre dem so, hätte man ihn nie für diese Ausbildung zugelassen. Wenn dort im Wasser der Gefechtskopf eines alten Torpedos detoniert wäre, dann hätte es alle drei erwischt, ganz zu schweigen davon, dass eine Detonation in dreißig Meter Wassertiefe auch oberhalb der Wasserlinie von dem Sicherungstrupp im Boot wahrgenommen worden wäre. Oldenburg hätte unter allen Umständen versucht, die anderen nach oben zu bringen. Aber auf sie einstechen? Das war vollkommen ausgeschlossen. Aber er hatte es getan.

Müller hatte mit dem Stabschef der Volksmarine gesprochen und eine Suchaktion angeregt. Das Ergebnis war null. Zwar hatte man weit verstreut Teile gefunden, die zu einem Torpedo gehören konnten, aber festzustellen, wann er detoniert war und mit welchem Gefechtskopf er bestückt gewesen war, war ein Ding der Unmöglichkeit.

Christian Oldenburg selbst war nicht ansprechbar gewesen und das Gespräch mit den Ärzten hatte bei Oberst Müller nur noch mehr Verwirrung hinterlassen. Sie waren der Meinung, dass der gegenwärtige Zustand des Patienten nicht von den Stichverletzungen seiner Genossen herrührte, sondern durch innere Prozesse ausgelöst wurde, eher sogar von psychischen. Doch welche das waren und wo die Ursachen dafür lagen, darauf hatten die Ärzte ihm keine Antwort geben können. Sie vermuteten so etwas wie eine schwere posttraumatische Belastungsstörung und das der Körper darauf reagierte, indem er ganz einfach abbaute.

Dann hatte gestern auch noch Kerstin Wendt Bericht erstattet über ihr Gespräch mit dem Staatssekretär im norwegischen Verteidigungsministerium. Müller verstand zwar nicht, warum man sich da so brennend für diesen Vorfall interessierte, aber dass man es tat, stand für ihn außer Frage.

Er setzte sich und riss die aus schwarzen, roten und goldfarbenen Fäden gedrehte Kordel um das Aktenpaket auf und seine Bewegungen dabei waren weit weniger bedächtig, als es seinem Naturell entsprach. Er hasste es, wenn er zu Reaktionen gezwungen wurde, anstatt selbst zu bestimmen, was wann und wo zu geschehen hatte.

Eines seiner Telefone klingelte. Er nahm ab und sagte: „Müller.“ Weder nannte er seinen Dienstgrad noch die Abteilung. Wer auf diesem Apparat anrief, wusste, mit wem er es zu tun hatte.

Aus dem Hörer klang die knarzige Kälte sibirischer Winternächte: „Михаил Максимов. Как ваше здоровье, товарищ Мюллер?“

Müller versteifte sich. Der Name Maximow war in der Sowjetunion etwa so selten wie in Deutschland Meier, Müller und Schmidt. Allerdings gab es nur einen, der die Nummer von diesem Telefon kannte und der residierte in der Zieseler Straße in Karlshorst zusammen mit einigen einhundert weiteren KGB-Leuten. Ohne dass es ihm bewusst wurde, wechselte er ins Russische. „Danke der Nachfrage. Warum machen Sie sich Sorgen um meine Gesundheit, Genosse Generalmajor?“

„Wenn Sie unangekündigt einen Besuch in einem Militärlazarett machen, tun wir das.“

„Der Sohn eines Freundes hatte einen schweren Unfall.“

„Oh, das tut mir leid. Wir können helfen?“

„Ich wüsste nicht wie. Wir haben gute Ärzte.“

„Vielleicht doch. In drei Tagen hat eine unserer besten Blutspezialistinnen, Natalja Ermakowa, einen Flug nach Berlin gebucht. Eine private Angelegenheit, aber sie wird die Zeit finden, sich den Fall einmal anzuschauen.“
In Müllers Kopf rasten die Gedanken. Erst die Norweger, dann der KGB … was, zum Teufel … Er sagte: „Das wird nicht nötig sein …“

„Ist es,“ fiel ihm der General ins Wort. „Und ich erwarte, dass sie ungehinderten Zugang erhält.“

„Nur, wenn ich weiß, worum es hier eigentlich geht!“

„До свидания.“

Der Oberst war nicht gewohnt, dass man so mit ihm umsprang. Ergrimmt stützte er die Ellenbogen auf den Tisch, legte die Handflächen gegeneinander, das Kinn auf die Daumen und dachte nach. Lange tat er das. Mortensen hatte sich für den Fall interessiert, Maximow schien zu wissen, dass es ein Problem mit dem Blut von Oldenburg gab und der Einzige, der nichts wusste, war ein gewisser Oberst Müller.

Er drückte einen Knopf auf der Sprechanlage. Nur Sekunden später kam Stabsfeldwebel Arndt herein. Müller wies auf die Akte von Christian Oldenburg, die er sich noch nicht einmal angesehen hatte. „Ich brauche eine Kopie davon. Sie muss genau so aussehen wie das Original. Nehmen sie einen möglichst alten Ordner, in den sie die Blätter einheften. Wo ist die Genossin Wendt?“

„So weit ich weiß, hat sie jetzt eine Dienstbesprechung, Genosse Oberst.“

„Sie soll sich anschließend bei mir melden. Sie können wegtreten.“

„Zu Befehl, Genosse Oberst.“

Kaum hatte der Stabsfeldwebel die Tür geschlossen, fiel Müller noch etwas ein. Der General hatte ihm zwar deutlich gesagt, dass sich der KGB um den Fall kümmerte – was bedeutete, dass es tatsächlich einer war – aber er hatte auch kein direktes Einmischungsverbot ausgesprochen. Wahrscheinlich, weil er weiß, dass mich das nicht aufgehalten hätte, dachte Müller. Nicht, nachdem ich von allen Seiten darauf gestoßen werde. In das leere Zimmer hinein sagte er: „So nicht, Genossen …“

Er drückte einen anderen Knopf, und sofort erklang die Stimme von Stabsfeldwebel Arndt aus dem Lautsprecher: „Genosse Oberst?“

„Fordern Sie Kopien der Akten von allen Psychologen, Neurologen und Angehörigen verwandter Berufe aus Bad Saarow an. Schicken Sie einen Wagen, es ist dringend.“

„Jawohl. Die Genossin Wendt ist eingetroffen.“

„Soll reinkommen!“

Bevor Arndt bestätigen konnte, ließ der Oberst die Sprechtaste los. Ein fast nicht zu hörendes Klopfen drang durch die schallgedämpfte Tür, dann wurde sie geöffnet und Kerstin Wendt trat ein. „Guten Morgen, Genosse Oberst.“

Adrett und sehr weiblich sah sie aus in ihrem lindgrünen Kostüm. Faltenlos glatt endete der Rock wenige Zentimeter unterhalb der runden Knie und an der Kostümjacke war jeder der drei silberglänzenden Knöpfe geschlossen. Sie spannte ein wenig über den Brüsten, aber nicht so, dass es über die Gebühr herausfordernd gewirkt hätte. Sie trug das Kostüm, als wäre es eine Uniform, nicht einmal die Stiefel fehlten, allerdings besaßen sie zehn Zentimeter hohe Absätze. Jeder Feldwebel auf einem Kasernenhof hätte die Haltung, die sie einnahm, nachdem sie die Tür geschlossen hatte, nicht anders als vorbildliche Grundstellung bezeichnen können.

Mit ihr brandete Weiblichkeit wie eine Woge in den großen Raum hinein und Müller wäre kein Mann gewesen, wäre ihm das entgangen. Aber auch das kaum sichtbare mokante Lächeln um ihre Lippen entging ihm nicht, mit dem sie ihr eigenes militärisches Auftreten persiflierte. Er arbeitete gerne mit Leuten, die Charakter hatten, nicht bei jedem Wetterleuchten am Horizont in Deckung gingen und es war ihm dabei ziemlich egal, ob sie Eier oder Eierstöcke besaßen. Für ihn zählten nur Ergebnisse und die brachte Kerstin Wendt immer. Wie auch diesmal. Er hatte die Liste der Teilnehmer der Antarktisexpedition gewollt und es sah so aus, als hätte sie es möglich gemacht, dass er sie auch bekam. Nur der Preis, den sie dafür bezahlt hatte, gefiel ihm nicht und damit meinte er nicht, dass sie mit Mortensen geschlafen hatte. Das sah er genau so pragmatisch wie sie selbst.

Genossen, die für den Außendienst ausgebildet wurden, lernten, ihre Körper als Waffen des Sozialismus einzusetzen, und nur Dummköpfe konnten annehmen, damit wären nur Handkanten und Fäuste gemeint. Kerstin Wendt war ihm schon vor vielen Jahren aufgefallen, weil sie es immer wieder schaffte, außergewöhnliche Informationen bei ihren Treffen mit westlichen Industriekapitänen in feinen Berliner Hotels abzuschöpfen. Das waren keine Dummköpfe, die meisten von ihnen hatten Erfahrung mit den besten Prostituierten, die man im Westen für Geld kaufen konnte. Wenn sie trotzdem dem Zauber dieser Frau erlagen, dann deswegen, weil ihr kindlich verführerischer Körper von einem napoleonischen Gehirn gesteuert wurde. Er hatte sie zu sich geholt und es nicht bereut. Doch jetzt hatte sie einen Fehler gemacht.

Einen Blick gönnte er sich noch auf ihre schlanke Gestalt, dann drückte er den Knopf seiner Sprechanlage und befahl dem Stabsfeldwebel draußen: „Keine Störung in der nächsten Stunde! Durch niemand!“

Ihr Lächeln vertiefte sich. Er wies auf die Stühle am Tisch: „Nehmen Sie Platz, Genossin Wendt. Ihren Bericht habe ich gelesen. Sie haben einen Blick für Details. Jetzt möchte ich wissen, was nicht darin steht. Reden Sie über Ihre Eindrücke und Vermutungen.“

Sie stöckelte zu dem Stuhl, der dort stand, wo die beiden Tische aufeinandertrafen und der ihm am nächsten war, nahm Platz, zog den beim Hinsetzen ein wenig höher gerutschten Rock wieder glatt und legte ihre Hände in den Schoss. Einen Moment konzentrierte sie sich, dann begann sie: „Meine Frage nach der Expeditionsliste schien ihn überrascht zu haben. Das konnte ich deutlich spüren, jedoch nicht negativ, sie schien keine große Bedeutung für ihn zu haben. Hingegen wirkte sein Agieren im Fall der von ihm gewünschten Information über den Unfall in der Ostsee verbissen, so, als würde diese Information von eminenter Wichtigkeit für ihn sein.“

„Hatten sie das Gefühl, dass er tatsächlich eine diplomatische Note zu Stande gebracht hätte?“

Sie überlegte einige Sekunden, dann schüttelte sie den Kopf. „Ich denke nicht, Genosse Oberst.“

„Warum nicht?“

„Er erschien mir … hm … persönlich engagiert. Das steht im Gegensatz zu seinen sonstigen Reaktionen. Ihm scheint das alles Spaß zu machen, nicht nur, dass er mit mir schlafen kann, auch das Feilschen um Information. Doch vorgestern war er wirklich verbissen.“

Müller speicherte diesen Eindruck ab. So deutlich war das nicht aus ihrem Bericht herauszulesen gewesen. Das konnte erklären, warum sie den Fehler gemacht hatte. Aber er wollte, dass sie ihn selbst herausfand. „Was ist eine Information?“, fragte er.

„Äh …“. Seine Frage überraschte sie sichtlich, aber schnell fing sie sich. „Eine überprüfbare Tatsache. Sie kann wahr oder falsch sein.“

Er nickte. „Und was ist in unserem Beruf eine nicht notwendige Erklärung oder Begründung einer Information?“

Mit fester Stimme antwortete sie: „Korrekt ausgeführt: der Versuch unsererseits, dem Gegner eine falsche Zusatzinformation unterzuschieben. Falsch ausgeführt: ein Hinweis für den Gegner, dass wir den Wert einer Information verschleiern wollen.“

Ein kurzes Zucken seiner Augenbrauen und sie verbesserte sich: „Verschleiern müssen.“

Ein paar Atemzüge lang ließ er sie in ihren Gedanken schmoren und das sie das tat, sah er daran, wie sie ihr Hände knetete. Dann fragte er: „Aber was werden wir niemals tun? Unter gar keinen Umständen?“

Monoton wie ein Roboter antwortete sie: „Wir werden niemals eine nicht notwendige Erklärung oder Begründung geben, deren Inhalt wahr ist.“

„Warum nicht?“ Seine Stimme war wie das Grollen eines Tigers.

„Weil er damit eine unverlangte Information … oh, verfickte Scheiße!“

Ihr Kopf ruckte hoch und etwas in ihm genoss diesen Moment und auch das, was er in ihrem Gesicht sah. Die Augen waren in einer Mischung aus Ärger und Beschämung aufgerissen, ihr Mund war halb geöffnet und für einen Moment stellte er sich diese schwellenden Lippen vor, wie ihnen die gleichen Worte unter anderen Umständen und in einem anderen Ton entschlüpften. Es rettete sie vor einem seiner seltenen Zornausbrüche, aber die Wut glühte dennoch in seinen Augen. „Er ist der Sohn von einem unserer Diplomaten,“ zitierte er sie knurrend aus ihrem Bericht. „Wenn Mortensen nur halb so gut ist, wie ich denke, haben Sie ihn auf Major Oldenburg aufmerksam gemacht. Wie konnte Ihnen das passieren? Gerade Ihnen?“

Mit einem Ruck setzte sie sich aufrecht hin, machte ihren Rücken gerade und drückte ihn gegen die Sessellehne. Deutlich pressten sich ihre Brüste gegen die Kostümjacke und er traute ihr zu, dass das Absicht war. Sie benutzte gerne ihre Weiblichkeit als Schild. Eben so war er sich sicher, dass der deutlich sichtbare Ärger in ihrem Gesicht nicht dem galt, dass der Fehler geschehen war, sondern dass er ihr geschehen war. Das reichte ihm. Er wusste, dass ihr so etwas kein zweites Mal passieren würde, aber deswegen ließ er sie noch lange nicht damit davonkommen. Er hatte einen weiteren Druckpunkt gegen sie und er wusste, dass er ihn eines Tages benutzen würde.

„Es tut mir leid, Genosse Oberst,“ sagte sie. Aus ihrer Stimme klang ein genau dosiertes Maß an Schuldbewusstsein, aber auch der Willen, den Schaden zu begrenzen. Er akzeptierte es, vorerst, aber nur, wenn sie den Kelch bis zur Neige austrank.

„Analyse!“, forderte er.

Sie räusperte sich. „Er hatte mich bei einer Lüge ertappt. Das wäre nichts Schlimmes gewesen, entsprechend meiner eigenen Einschätzung seiner Person wäre er spielerisch darüber hinweggegangen und hätte mir genau das bewiesen: Dass ich gelogen habe. Hätte ich das zugegeben, hätte ich sein Ego gestärkt, ihn vielleicht so ein wenig leichtsinniger machen können, weil seine Einschätzung meiner Fähigkeiten nach unten korrigiert hätte.“

„Das ist alles?“

„Ja.“ Aus unschuldigen Augen in reinstem Himmelsblau sah sie ihn an.

„Ist es nicht!“ Er gab dem Zorn in ihm Gelegenheit, sich in seiner Stimme zu melden. „Sie haben sich nicht deswegen verteidigt, weil sie mit der Lüge unserer Sache geschadet haben – obwohl Sie das natürlich getan haben – nein, sie haben es deswegen getan, weil Sie in seinen Augen besser dastehen wollten. Es war ihr eigenes Ego, das Sie hat diesen Fehler machen lassen. Sie haben ihr Ego für wichtiger gehalten als unsere Sache. Das war ihr Fehler und ich weiß nicht, ob ich auf Dauer damit leben will! Sie sind nicht so kompetent, wie Sie scheinen, Genossin Wendt! Nicht einmal ansatzweise! Sie haben Ihren eigenen Genossen verraten. Sie haben mich verraten und damit unser Land und das alles wegen Ihrem Ego. So etwas habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Sie sind eine tiefe Enttäuschung für mich. Was soll ich jetzt mit Ihnen tun?“

Er hatte nicht allzu laut gesprochen, doch die Stimme aus seinem mächtigen Brustkorb füllte den großen Raum und begrub die kleine Frau einfach unter den Schallwellen. Er hatte wenig Geduld mit denjenigen, die ihn enttäuschten und sie wäre nicht die Erste gewesen, die dieses gemütlichen Dienstzimmer in Handschellen verließ. Das wusste sie und deshalb sah er jetzt endlich ein echtes Gefühl bei ihr. Sie bemühte sich zwar , ihre Haltung zu wahren, aber ihre Lippen zitterten und ihr Gesicht war weiß geworden. Beides waren Reaktionen ihres Unterbewusstseins auf eine Bedrohung, dass Angst davor hatte, was er als Nächstes mit ihr tun würde. Was immer er auch als Nächstes von ihr verlangen würde, sie würde sich nicht dagegen wehren. Genau deswegen hatte er sich die Mühe gemacht, sie so Stück für Stück auseinanderzunehmen.  Jetzt würde er sie wieder zusammensetzen, und zwar genau so, wie er sie brauchte. Er drückte den Knopf auf seiner Sprechanlage.

„Ja, Genosse Oberst?“

„Sagen Sie alle heutigen Termine von Genossin Wendt ab und bringen Sie zwei große Kaffee, Stabsfeldwebel. Was ist mit der Kopie der Akte?“

„Liegt bei mir auf dem Tisch.“

„Her damit!“

„Jawohl, Genosse Oberst.“

Bis der Kaffee lautlos serviert wurde, ließ er Kerstin Wendt Zeit, zu sich zu kommen und ihre Situation zu analysieren. Er war sich sicher, dass sie zu dem richtigen Ergebnis kommen würde. Kaum war der Stabsfeldwebel aus der Tür, fragte er: „Welche Schwachstellen hat Major Oldenburg, die nicht in seiner Akte stehen, in die Mortensen einhaken kann?“

Noch einmal wurde ihr Gesicht bleich, wenn auch nicht mehr so sehr wie kurz zuvor. Vielleicht begriff sie, dass diese ganze halbe Stunde nur ein Vorspiel für diese Frage gewesen war, denn mit der Antwort musste sie eine Entscheidung treffen zwischen Sven Oldenburg auf der einen und Oberst Bernard Müller und dem Ministerium für Staatssicherheit auf der anderen Seite.

Ruhig und sachlich kam ihre Antwort: „Sein Sohn, erstens. Zweitens: Er erfüllt Aufgaben auch zu einhundert Prozent, wenn er nicht hinter ihnen steht.“

„Keine Schwachstelle,“ raunzte er.

Sie zuckte mit keiner Wimper. „Ich möchte nicht respektlos sein, Genosse Oberst. In den richtigen Händen kann es durchaus eine Schwachstelle sein, wie Sie eben an meinem Beispiel bewiesen haben. Ob er eine Aufgabe mag oder nicht – es ist sein Stolz, der ihn zwingt, sie in jedem Fall so perfekt wie möglich auszuführen und bis zu Ende, wenn er sie einmal übernommen hat. Dieser Stolz lässt auch nicht zu, dass er auf halbem Weg umkehrt, sonst hätten wir ihn schon längst verloren. Er kann sich selbst gegenüber keine Fehler zugeben.“ Jetzt wurde ihr Ton sarkastisch, nur ein wenig, aber genug, dass Müller es nicht überhören konnte. „Stolz, außer dem auf unser Land, ist immer eine persönliche Schwachstelle und bietet dem Gegner Angriffspunkte. Verletzter Stolz, Nichtanerkennung vermeintlicher Leistungen hat in der Vergangenheit des Öfteren zu Landesverrat geführt.“

„Nicht nur das.“ Er stand auf, öffnete die Tür der Schrankwand in seinem Rücken, hinter der sich sein persönlicher Stahlschrank befand und öffnete ihn. Im obersten Fach lagen ein kleines Tonbandgerät und mehrere beschriftete Spulen. Die, die er suchte, war ganz oben. Er legte sie in das Gerät ein und setzte sich wieder in seinen Sessel. Die Überwachung von Bürgern der DDR im Inland gehörte nicht in seinen Aufgabenbereich, aber da Sven Oldenburg sein Unterstellter war und in einem sehr sensiblen Bereich arbeitete, konnte niemand Einwände dagegen erheben, dass er ihn überwachen ließ.

Der Oberst spulte bis zu einer markierten Stelle vor, drückte die Abspieltaste und der Zorn von Christian Oldenburg flutete den Raum: Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Macht also auch keinen Sinn, ihr nachzutrauern. Ändert aber nichts an dem, was ich dir damals gesagt habe. Die Stasi oder ich. Beides kannst du nicht haben. Du wirst dich entscheiden müssen.

Müller stand auf, zog sein Sakko aus und warf es achtlos über die Stuhllehne. Dann reckte er sich, dass seine Gelenke knackten. „Die Aufnahme ist ein halbes Jahr alt. Ihnen sind unsere langfristigen Planungen für den Fall der Auflösung der Republik in den Grundzügen bekannt. Bis jetzt hatte ich neben Ihnen auch Major Oldenburg dabei für unverzichtbar gehalten. Er ist hervorragend ausgebildet, durch den Streit mit seinem Sohn ungebunden und wie Sie bereits sagten: Er erfüllt jede Aufgabe. Die aktuellen Entwicklungen wecken jedoch alte Zweifel in mir und ich frage mich, ob ich diese Entscheidung noch aufrecht erhalten kann. Ich will Ihre Meinung dazu. Sie wissen mehr von ihm, als in jeder Akte steht, ebenso über seinen Sohn. Zu Ihrer Kenntnis: Ich habe eine Informationssperre verhängt, die auch beinhaltet, dass Major Oldenburg nicht über den Unfall seines Sohnes informiert wird. Ich zweifle jedoch nicht daran, dass er trotzdem davon erfahren wird. Aber jeder Tag, den er an seinem Platz in Oslo verbleibt und die Situation analysiert, nutzt unserem Land.“

„Das verstehe ich.“ In ihrem Gesicht war nichts als konzentrierte Aufmerksamkeit. Was sie dachte, zeigte sich nicht darauf. Er war zufrieden, nichts anderes hatte er erwartet. „Wir werden diesen Raum heute nicht eher verlassen, als bis wir eine Strategie haben. Drei Fragen sind zu beantworten: Können wir Major Oldenburg noch langfristig vertrauen und was sind praktikable Optionen, wenn wir es nicht mehr können? Zweitens: Kann das, was Christian Oldenburg in der Ostsee widerfahren ist, unsere Pläne gefährden, indem es zum Beispiel Auswirkungen auf die Beantwortung meiner Frage eins hat? Und drittens …“ Er legte wieder die Fingerspitzen gegeneinander. „Es gibt Gründe, warum ich gar nicht und Sie nur in nicht exponierter Position im Lazarett in Erscheinung treten dürfen. Trotzdem müssen wir Einfluss nehmen und Informationen sammeln und ich werde Ihnen jetzt sagen, wie Sie das organisieren werden. Ich gehe davon aus, dass Sie diesmal keinen Fehler machen werden, auch wenn es um Sven und Christian Oldenburg geht. Ist das korrekt?“

Ruhig, fast freundlich blickte er sie an und tatsächlich errötete sie. „Jawohl, Genosse Oberst. Das ist es.“

 

Wird fortgesetzt …


Verfasst 11. Mai 2022 von rsonnberg in category "Was ist das hier?

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