neandertalerin

   Sie schob ihren Stuhl ein wenig zurück und sagte spöttisch: „Sie kennen sich mit Gefühlen und Vertrauen aus? Da hat mir aber jemand etwas anderes erzählt. Da kommt sie gerade.“
   Sie wies zur Treppe, die zum Restaurant führte, er blickte hinüber und war damit nicht der Einzige. Fast alle Gäste im Sommergarten schauten auf zu der langbeinigen Schönheit, die eben durch die Tür, zehn Stufen über ihnen, ins Freie trat. Sie trug ein schulterfreies Sommerkleid ohne jede Verzierung oder Knöpfe, das wie Seide in der Nachmittagssonne glänzte und so faltenlos um ihre Traumfigur saß, als wäre es ihr auf den Leib geschneidert worden. Sie hatte ihre blonden Haare bis auf zwei geringelte Strähnen, die links und rechts ihres Gesichts herabfielen und ihr etwas Schulmädchenhaftes gaben, zu einem Dutt hochgesteckt und ihr Gesicht hinter einer Sonnenbrille mit großen Gläsern verborgen.
   Seine Tischnachbarin sagte: „Wir haben uns schon im Buddelkasten zusammen schmutzig gemacht. Da haben Sie wahrscheinlich schon ihre erste Million verdient. Hier bei uns halten die Freundschaften aus solchen Kästen länger, als die Goldbarren von Leuten wie Ihnen in den Blechkisten in einer Bank.“
   Malte Hansen war so fasziniert von dem Anblick der Frau in Rot, dass er die Worte neben sich nur am Rand wahrnahm. Er musste heftig schlucken, denn sogar die Nippel an den Titten der Frau sah er unter dem knallroten Stoff. Das Kleid war einfach perfekt für sie und der Designer musste ein Vermögen dafür verlangt haben. Ihre Hände lagen leicht rechts und links auf dem Geländer der Treppe, die in den Sommergarten hinabführte, nicht so, als müsste sie sich festhalten, sondern eher wie eine Diva, die gerade ihren großen Auftritt beginnt und auf ihr Publikum hinabschaut.
   Die Art, wie sie entspannt da oben stand und auf die Leute im Sommergarten herabsah, verriet Malte Hansen mehr als alles andere, was für eine Klasse diese Frau hatte und machte ihn sprachlos vor Verlangen. Gegen diesen Vamp war das Schnuckelchen an seinem Tisch ein Bauerntrampel, wie auch jede andere hier im Sommergarten. Eigentlich jede andere Frau, die er kannte. Bis auf Andrea natürlich, zumindest noch damals, als er sie kennengelernt hatte.
   Die Frau im roten Kleid drehte ihren Kopf in seine Richtung, nahm mit einer grazilen Handbewegung die Sonnenbrille ab und im gleichen Moment, in dem das Begreifen bei ihm einschlug, sagte die Dame neben ihm: „Und jetzt genießen Sie den Auftritt ihrer Ehefrau. Es wird der Letzte sein, den Sie je von ihr zu sehen bekommen werden.“