neandertalerin

   Andrea war kurz nach Malte Hansen im „Friedrichs“ erschienen und hatte sich einen Eckplatz gesucht, nahe genug am Fenster, dass sie alles, was im Sommergarten geschah, beobachten konnte, doch weit genug davon entfernt, um von draußen nicht gesehen zu werden.
   Trotz ihrer nackten Schultern und der kühlen Kunstseide auf ihrem Körper war ihr heiß. Ihre Mutter hatte den Stoff vor sechsundzwanzig Jahren in dem einzigen „Exquisit“ – Laden in Schwerin für viel Geld gekauft und zu Hause nach einem Schnittmusterbogen aus der „Pramo“ daraus dieses Kleid für ihre Tochter genäht.
   Andrea trug es heute zum dritten Mal. Das erste Mal hatte sie es auf ihrer Jugendweihe angehabt, beim zweiten Mal hatte sie damit ihren ersten Freund verführt und der heutige Tag war Anlass genug, es ein drittes Mal anzuziehen. Sie hatte die letzten drei Monate gehungert, hatte die Kalorien gezählt, die sie zu sich genommen hatte und mit ihren Fitnesstrainern hart gearbeitet, um wieder in dieses zinnoberrote Kleid zu passen. All das für diesen Moment und auf die Idee dazu hatte sie ihre Freundin Sieglinde gebracht.
   Malte Hansen hatte dieses Kleid nie zu Gesicht bekommen, etwas hatte sie immer davon abgehalten, es für ihn anzuziehen und erst seit dem Tod ihrer Mutter vor einem Jahr wusste sie auch, warum.
   Siggi rauschte herein und nahm sich nicht einmal die Zeit, sich zu setzen. „Das ist ja wirklich ein Kotzbrocken!“, sagte sie lachend.
   Andrea zuckte zusammen. Ihr war nicht nach Lachen zu Mute.
   Siggi legte ihre Hände auf die Schultern Andreas, beugte ihren Kopf vor und sagte leise: „Auch den letzten Schritt schaffst du noch! Mit dem Foto gestern hast du ihm gezeigt, was für ein Schlappschwanz er ist. Tiefer kann man einen Mann nicht verletzen. Lass mir nur noch fünf Minuten Zeit, damit er sich die Schlinge selbst um den Hals legen und mir sagen kann, dass er mit mir ins Bett will. Dann komm heraus und bring es zu Ende.“
   Sie drückte kräftig die Schultern von Andrea und ging wieder zum Sommergartenausgang. Nach zwei Schritten verhielt sie, drehte sich um und sagte augenzwinkernd: „Übrigens – irgendwie hat das doch Spaß gemacht gestern, auch wenn es gestellt war. Sollten wir vielleicht mal wiederholen, wenn du ihn los bist.“
   Andrea fuhr aus ihren Gedanken auf: „Was?!“
   Siggi prustete los, warf ihr eine theatralische Kusshand zu und rauschte wieder nach draußen.
   Andrea verfiel wieder in ihr Brüten. Es war einfach für sie gewesen, sich in Malte Hansen zu verlieben und dabei die Warnungen ihrer Mutter zu überhören. Die Energie, die er ausstrahlte, hatte sie wie jeden anderen auch, in seinen Bann gezogen und es einfach gemacht, ihm zu folgen. Er steckte alle um sich herum damit an, für ihn gab es nie unlösbare Probleme und er schickte nicht andere ins Feuer, sondern ging immer selbst voran. An seiner Seite konnte einem nichts passieren und sie hatte am Anfang nicht sehen wollen, dass er unter den Füßen derjenigen, die seine Seite verlassen hatten, den Schlund der Hölle aufriss.