neandertalerin

   Er hatte die Firma, für die sie als Buchhalterin gearbeitet hatte, mühsam aus dem Abgrund gezerrt und mit vollem Einsatz um neue Maschinen und Aufträge gekämpft. Dabei waren sie sich näher gekommen und die gutaussehende, aber schüchterne Buchhalterin aus dem Osten hatte den Avancen des Mannes, der ihre Firma gerettet hatte, nicht viel entgegenzusetzen gehabt.
   Sie hatte es auch nicht wirklich gewollt, denn Malte Hansen besaß einen verbeulten Charme, den er geschickt einzusetzen wusste und in der Anfangszeit hatte er sie damit oft genug zum Lachen gebracht. Sie hatte das reiche Leben, das er ihr so plötzlich geöffnet hatte, aus vollen Zügen genossen und sich nicht dafür interessiert, womit er sonst noch sein Geld verdient hatte, solange sie es hatte ausgeben können. Auch das er sie manchmal vor anderen „seine Quotenfrau aus dem Osten“ genannt hatte, hatte sie nicht gestört, denn er hatte es immer mit einem Lächeln in seinem derben Gesicht gesagt.
   Bis zu dem Tag vor einem halben Jahr, an dem sie die Papiere ihrer verstorbenen Mutter in die Hand bekommen hatte, aus denen hervorgegangen war, dass Malte Hansen sein Geld vor allem mit dem Ausnehmen der kleinen Leute verdiente. Er besaß Drückerkolonnen und veranstaltete Werbeverkaufsreisen, auf die auch ihre Eltern hereingefallen waren und deshalb eine ganze Akte über seine Methoden angelegt hatten. Doch sie waren typische Ossis gewesen, hatten sich geschämt dafür und ihrer Tochter deshalb nichts erzählt davon.
   Wie vor den Kopf geschlagen war sie nach Hamburg zurückgefahren, voller Wut auf sich selbst, weil sie sich nie ernsthaft dafür interessiert hatte, wo überall ihr Mann seine Finger im Spiel hatte. Sie war nach Hause gekommen und hatte ihn zur Rede gestellt.
   Am Schlimmsten war für sie die Erkenntnis gewesen, dass er nicht einmal verstanden hatte, worüber sie sich so empört hatte. Und als sie dann das erste Mal, seit sie mit ihm verheiratet gewesen war, „Nein“ zu ihm gesagt hatte, da hatte er ihr sein wahres Gesicht gezeigt. Vielleicht hatte er mit dem Instinkt eines Stichlings, der sein Revier verteidigt, herausgehört, dass dieses „Nein“ ein Endgültiges gewesen war, oder ihr schwarzes Kleid hatte ihn erregt oder er hatte einfach nur einen schlechten Tag gehabt – er hatte sie verprügelt, versucht, sie zu vergewaltigen und weil das nicht geklappt hatte, sie dann wieder verprügelt.
   Andrea fröstelte, legte sich ihre Stola um die Schultern und griff nach ihrem Handy. Fast sofort meldete sich Siggi und Andrea sagte einfach: „Ich habe fürchterliche Angst.“
   „Natürlich hast du Angst. Das hätte ich auch. Es ist etwas anderes, im Geheimen alle Brücken hinter sich abzubrechen, als ihm dann ein letztes Mal gegenüberzutreten. Ich verstehe dich. Aber vertrau mir, ich pass schon auf, dass dir nichts passiert. Und jetzt mach!“